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Wir
relaxen zwei Tage am Strand von Side, besuchen abends das örtliche
Internet-Cafe und stellen fest, dass endlich alle von unseren Freunden und
Bekannten an uns abgeschickten E-Mails unter unserer neuen Adresse
worldtrucking@hotmail.com
eingelaufen sind. Eine riesige Menge! Wir schicken fürs erste eine
Sammelantwort raus, werden aber auf jeden Fall auch noch alle persönlich
beantworten. Dann tauchen wir ein ins Side-Nightlife! Schöne Open-Air-Disco,
guter DJ, satter Sound, schlechter türkischer Wodka, die Stimmung ist riesig.
Am frühen Morgen schwanken wir durch die antiken Ruinenfelder Richtung Maggie.
Als wir am folgenden Mittag unseren Rausch ausgeschlafen haben, tauchen unsere
Freunde Erkan und Kamber aus Elmali auf, völlig fertig und durchgeschwitzt. Sie
haben, nachdem sie aus dem Bus gestiegen sind, erst den Strand auf der anderen
Seite von Side nach uns durchgekämmt, und das in der gleissenden Mittagssonne!
Während sich
die
beiden im Schatten unseres Vorzeltes erholen, bekommen wir noch einmal Besuch
von den beiden freundlichen Jandarma Beamten. Einer der beiden hat vor seiner
Dienstzeit Geologie studiert und spricht erstklassig Englisch. Er hat nur noch
neun Tage bei der Jandarma abzuleisten, ist dementsprechend gut gelaunt und erzählt
uns einige witzige Stories aus seiner Dienstzeit. Wir
dürfen sogar ein Foto von Ihnen machen, was eigentlich streng verboten ist; ihm
hat ein Foto mit anderen Touristen schon einmal zwei Wochen Bau eingebracht,
aber solange der leitende Offizier der Station nichts davon mitbekommt, scheint
es in Ordnung zu sein. Wir
brechen am 27.Juni mit Erkan und Kamber auf ins 450km entfernte Mersin. In zwei
Tagen bewältigen wir die auf weiten
Teilen recht enge und kurvenreiche
Strecke bis in die Provinzhauptstadt, deren Grossraum mit zahlreichen
angegliederten Satellitenstädten (ganze Wälder von 15-stöckigen Wohnsilos)
bedingt durch die Landflucht der vergangenen zehn Jahre inzwischen 2 Millionen
Einwohner zählt. 80km vor Mersin machen wir einen kurzen Stop und besichtigen
die ein Kilometer vom Strand entfernt im Meer liegende, byzantinische Festung
Kizkalesi, die man schwimmend oder mit einem Boot erreichen kann.
Erkans
Familie wohnt am Rand des Zentrums von Mersin. Wir werden von seinen Eltern und
Bruder Serkan herzlich empfangen und auch von Erkans Tante, Onkel und deren 5-jährigem
Sohn, die kurz darauf zu Besuch kommen, sofort ins Herz geschlossen. Fürs
Abendessen werden auf dem Flachdach des zweistöckigen Mietshauses Teppiche und
Matratzen
ausgebreitet,
eine unglaubliche Anzahl von mit den unterschiedlichsten Speisen und Früchten
(lecker zubereitet von Erkans Mutter und Tante) gefüllten Teller und Schalen
hinaufgetragen; Sogar der Fernseher wird aus dem Wohnzimmer aufs Dach gebracht.
Hier sitzen wir alle bis in die späte Nacht zusammen, esse, trinken Raki und
Wein, spielen türkische Brettspiele und fühlen uns pudelwohl.
Am
nächsten Tag (Samstag, 30.Juni, Finale der Fussball-Weltmeisterschaft
Brasilien-Deutschland, schauen wir uns aber nicht im Fernsehen an, da ich weiss,
dass Deutschland verlieren wird, Brasilien spielt einfach den um Klassen
besseren Fussball und überhaupt hat Deutschland in diesem Endspiel eigentlich
gar nichts zu suchen, da gibt’s ne Menge besserer Mannschaften!) wird ein
Picknick vorbereitet. Prall gefüllte Tüten mit
Tomaten, Peperoni, Zwiebeln, Brot, Melonen, Pfirsichen und frischen Hühnchen
werden in Maggie eingeladen. Dann steigen Erkan, Serkan, dessen bester Freund,
Mutter, Onkel, Tante und deren kleiner Sohn ein und ab geht’s nach Norden in
die Berge. Zwischenstop in Gözne, 30km später: Dreissig Dosen Efes-Bier und
ein weitere Cousin Erkans werden zugeladen. Die Strasse wird steinig und
holperig. Nach einer halben Stunde Fahrt der nächste Stop in Kisecik, Wohnort
von Erkans Grosseltern. Wir trinken im Haus der beiden türkischen Mokka und
finden auch für sie noch einen Platz in Maggies grossem Bauch, der Grossvater
als Familienoberhaupt bekommt natürlich den Beifahrersitz als Ehrenplatz! Wer
mitgezählt hat weiss, dass unsere Reisegesellschaft inzwischen auf 12 Personen
angewachsen ist. Kein Problem für Maggie! Brav fährt sie auf der unbefestigte
Strasse steile Berge rauf und wieder runter, bis wir nach einer weiteren halben
Stunde unser Ziel, einen wild rauschenden Gebirgsfluss, erreicht haben.
Feuerholz wird gesammelt und während die Frauen das Essen zubereiten, versuchen wir Männer mit Angelschnur und Haken einen fetten Fisch aus dem schäumenden Wasser zu ziehen (klingt vielleicht chauvinistisch, aber die Arbeitsteilung in der Familie ist hier nun mal streng traditionell geregelt). Natürlich fangen wir keinen Fisch, aber das Essen ist auch so reichhaltig genug und ausgezeichnet! Danach sitzen wir noch bei einigen Dosen Bier auf den Felsen am Flussufer zusammen und machen uns, als es dunkel zu werden beginnt, auf den Heimweg.
In
Kisecik angekommen gehen Erkans Oma, Mutter und Tante ins Haus der Grosseltern,
die Männer ins
gegenüberliegende Cafehaus /Cafehaus ist in der Türkei Männersache, basta!).
Dort sitzen wir auf der Terrasse mit den Honoratioren des Dorfes und dem Jungen
Imam (Vorbeter) der hiesigen Moschee bei ein paar Gläsern Tee zusammen.
Der
Imam ist hocherfreut, als ich ihm unsere deutsche Übersetzung des Koran zeige
(haben wir in einem deutschen Buchladen in Istanbul gekauft, hochinteressant zu
lesen). Nach kurzem Gespräch komme ich mit ihm überein, dass unsere beiden
Glaubensrichtungen gar nicht so unterschiedlich sind, wie man zuerst denken mag.
Einige der anwesenden älteren Dorfbewohner sind derart gerührt über unser
Interesse an ihrer Religion, dass sie sich überschwänglich bei uns bedanken.
Wenn religionsübergreifende Verständigung auf dieser Welt doch immer so
einfach wäre!
Wir
verabschieden uns von Erkans Grosseltern, die uns versichern, dass wir sie
jederzeit wieder besuchen können, besuchen in Gözne noch einen weiteren Onkel
Erkans und dessen Familie (es ist zwar schon weit nach 22 Uhr, aber das
scheint hier kein Problem zu sein) und erreichen Mersin kurz nach Mitternacht.
Den folgenden Tag nutzen wir, um uns neue, stärkere Stossdämpfer an der
Vorderachse einsetzen zu lassen, da der linke seit einigen Tagen Öl verliert
und stärkere Dämpfer bei den Strassenverhältnissen in den weiteren Ländern
auf unserer Reise sowieso keine schlechte Idee sind ( Ausserdem kostet uns der
Spass auch nur 40 Euro).
Am
Nachmittag verabschieden wir uns von Erkan und seiner Familie um weiter nach
Osten zu fahren. Alle sind traurig darüber, dass wir sie schon verlassen wollen
und auch uns fällt der Abschied schwer. In Sichtweite der syrischen Grenze
kommen wir jetzt in die klimatisch extremste Region der Türkei (von Juni bis
August liegen die Tagestemperaturen über 40 Grad, die Luftfeuchtigkeit bei mehr
als 85%), überqueren den Euphrat und
befinden uns somit im Zweistromland der Antike zwischen Euphrat und Tigris. Wir
erreichen den Attatürk-Stausee mit seinem gewaltigen, fast 200m hohen, 1990
fertiggestellten Damm, Teil des ehrgeizigen GAP-Projektes, das mehrere Stauseen
umfasst und der Energiegewinnung sowie
der
Bewässerung von Millionen von Hektar Ackerland in der Osttürkei dient.
Am
Nordrand des Stausees erhebt sich der 2200m hohe Nemrud Dagi, auf dessen künstlich
um
80m
erhöhtem Gipfel Königsgräber aus der Zeit um 50v.Chr. zu besichtigen sind.)
Die Zufahrt ist steil und in schlechtem Zustand (15km bergauf mit teilweise mehr
als 20% Steigung, für Maggie nur im zweiten Gang der Geländeuntersetzung zu
meistern), aber der Weg lohnt sich. Die
im Laufe der Zeit
heruntergefallenen Köpfe der imposanten Steinfiguren und die phantastische
Aussicht machen die Mühe mehr als wett (außerdem ist es hier oben 10 Grad kühler,
allein das lohnt schon den Weg).
Den
Attatürk-Stausee
überqueren
wir auf einer kleinen, gebrechlich aussehenden Fähre. Angekommen am anderen
Ufer treffen wir auf vier
andere Traveller. Patricia und Stefan aus der Schweiz mit einem Toyota
Landcruiser, Christa und Heinz aus Deutschland mit ihrem über 40 Jahre alten
Hanomag AL 28, aus Indien auf dem Weg zurück nach Deutschland, haben sich
unterwegs mehrfach getroffen und stehen hier seit
zwei Tagen in der Nähe des Fähranlegers.Natürlich
haben wir uns viel zu erzählen,, sie über ihre langen Aufenthalte in Indien,
Pakistan und Iran, wir über unsere Erlebnisse in Griechenland und der Türkei.
Überflüssig gewordene Reiseführer, Karten und jede Menge guter Tipps werden
ausgetauscht bevor wir am Mittag des folgenden Tages weiter nach Osten fahren
und am 5.Juli Tatvan am 1650m hoch gelegenen Van-See erreichen, der eine Grösse
von mehr als 3000qkm hat. Von hier aus fährt eine grosse Eisenbahnfähre nach
Van, gelegen auf der anderen Seite des Sees.
Wenn hinter den Waggons noch etwas Platz ist, ist der
Kapitän gerne bereit, noch das ein oder andere Fahrzeug mitzunehmen. Wir haben
Glück, können Maggie auf der Fähre verladen und so für wenig Geld (7 Euro)
die 150km Bergstrecke, die um den See herumführt, abkürzen.
An
Bord befindet sich eine grosse Anzahl iranischer Zugreisender, die grösstenteils
aus dem Urlaub auf dem Weg zurück in ihr Heimatland sind. Auf der 4 1/2 – stündigen
Fahrt kommt es zu vielen Gesprächen zwischen uns und den Reisenden, die gerne
bereit sind, uns einiges über ihre Heimat zu berichten. Am meisten freuen wir
uns darüber, Michael Razeggi kennenzulernen. Geboren in Teheran wohnt er seit
mehr als 20 Jahren in Los Angeles, arbeitet dort als Computer-Consultant und hat
sich mehrere Monate freigenommen, um Teheran zu besuchen, dort Ruhe zu finden
und sich vom Stress der amerikanischen Grosstadt zu erholen. Michael macht uns
Routenvorschläge für unsere Reise durch den Iran, gibt uns seine E-mail
Adresse und Telefonnummer und bittet uns, ihn anzurufen, sobald wir Teheran
erreichen.
Bis dahin will er einen guten Standplatz für Maggie ausfindig machen, auf dem
wir einige Tage campieren können, so dass er uns in Ruhe durch die iranische
Hauptstadt führen kann. Ein Angebot, dass wir nicht abschlagen können.
Von
Van aus sind es nur noch 200km bis zum für uns relevanten iranischen Grenzübergang.
Wir wollen uns zwei Tage Zeit für diese Strecke nehmen, da wir noch einen
Abstecher zum Ararat, mit 5173m höchstem Berg der Türkei, planen. Wir
erreichen ihn am Nachmittag des folgenden Tages, mächtig ragt er vor uns empor,
der schnee- und gletscherbedeckte Gipfel wolkenverhangen. Die Legenden um Noahs
Arche, die nach dem Abklingen der biblischen Sintflut auf dem Ararat
gestrandet sein soll, ranken sich auch heute noch. Gegen Ende des zweiten
Weltkrieges wollen zwei russische und vier amerikanische Piloten unabhängig
voneinander während des Überfluges den Bug eines hölzernen Schiffes aus dem
Gipfelgletscher herausragen gesehen haben. Eine französische Expedition brachte
Ende der 60er Jahre bearbeitete Holzplanken, deren Alter auf 6000 Jahre datiert
wurde, aus der Gipfelregion des mit. Allein der Gedanke an diese Mythen lässt
den Ararat noch imposanter erscheinen! Nachdem
wir den Ararat halb umrundet und 20km hinter Igdir in einer mit Aprikosenbaumgesäumten
Landschaft einen ruhigen Stellplatz an einer verlassenen Jandarmastation
gefunden haben, besucht uns nur fünf Minuten später ein junger Kuhhirte mit
seinen acht Kühen, später gesellen sich noch drei seiner Freunde hinzu. Später
taucht noch ein Wagen auf, aus dem drei Männer um die 50 Jahre aussteigen und
ein Picknick beginnen. Nachdem wir unsere Inspektionen beendet haben (Achsöle
kontrolliert, Motoröl o.k. Reifen ohne weitere tiefe Risse) werden wir zum
essen eingeladen. Wie es sich herausstellt, sind es ein Türke und zwei
Aserbeidschaner (Waffenschieber, Schmuggler?), die uns mit zwei Flaschen Wodka
überraschen (Jeder, der uns kennt, kennt auch unsere Zugehörigkeit zu diesem
russischen Nationalgetränk).
Es
wird ein opulentes Mahl, dass wir mit unseren Alkoholvorräten abrunden und es
kommt zu einem gestenreichen Gespräch (wir deutsch, sie türkisch) über die
gegenwärtige Grenzsituation. Später verlassen uns die beleibten Herren (keiner
unter 100kg) mit vielen obskuren Ratschlägen für unsere folgende Fahrt. Wir übernachten
hier, in Sichtweite der Grenze zu Armenien, ein letztes Mal auf türkischem
Boden und machen uns am Morgen auf den Weg zum iranischen Grenzübergang bei
Bazargan.