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Am 20.August geht es zurück nach Süden, wir wollen an Islamabad vorbei Richtung Lahore, uns dort zwei Tage aufhalten und dann zur Grenze nach Indien fahren. Unser Visum läuft erst in sieben Tagen aus, also kein Grund zur Eile.
Die erste Nacht verbringen wir nach 200km vor dem „Khyber Lodge Hotel“, der angesagten Adresse für Traveller in weitem Umkreis. Auch Manager M. Azlam Hunzai klagt über den extrem zurückgegangenen Tourismus, in den vergangenen Jahren hatte er als Tour-Guide gearbeitet, Reisende durch die Northern Areas geführt und Bergsteiger- bzw. Trekkinggruppen in die Basislager des K2 und Nanga Parbat gebracht. Für dieses Jahr musste der naturverbundene junge Mann mangels Aufträgen den Job als Hotelmanager annehmen, hofft aber, dass es nächstes Jahr wieder bergauf geht, zumal die pakistanische Tourismus-Behörde angekündigt hat, die Northern Areas besser zu promoten.
Marcus macht bei einem Check-up von Maggie die bestürzende Entdeckung, dass sich bei einer der neuen Felgen Risse in den Schweissnähten zeigen. Zeit für einen Anruf bei Mr. Butt! Der ist bestürzt, kann es gar nicht fassen, hat er uns doch eine „Lifetime Guarantee“ zugesagt. War aber ein kurzes Leben, wage ich zu bemerken, worüber er im Moment aber nicht lachen kann. Wir vereinbaren, dass wir uns in zwei Tagen wieder bei ihm melden, sobald wir Islamabad erreicht haben (wird also nix mit direkt nach Lahore fahren, ist aber kein Beinbruch, da wir zeitlich noch genügend Spielraum haben).
In den vergangenen Tagen scheint es wieder viele Erdrutsche und Steinschläge entlang des Karakorum-Highways gegeben zu haben, überall auf der Strecke sieht man Geröll und Felsstücke, teilweise so gross wie ein PKW. An einer Stelle, die es besonders schlimm erwischt hat, bemühen sich gerade zwei Planierraupen, Erdmassen und Felsen von der Strasse zu schieben. Der durchfliessende Verkehr muss sich über einen steilen Hügel aus Erde und losem Geröll quälen, was einigen (nach pakistanischer Sitte immer überladenen) LKW nicht gelingt. Für unsere allradgetriebene Maggie kein Thema, doch kaum haben wir die Stelle passiert, geht hinter uns unter lautem Gerumpel die nächste Geröllawine ab, eine dichte Staubwolke hinterlassend. Nur durch ein Wunder wird niemand in Mitleidenschaft gezogen.Gegen Mittag des nächsten Tages bemerken wir, dass wir von einem Polizei-Pickup verfolgt werden. Man hat scheinbar mal wieder Sorgen um unsere Sicherheit! Im Laufe des Nachmittags wechseln sich mehrere Fahrzeuge drei Leuten Besatzung ab, jeweils an der Grenze des nächsten Distrikts übernimmt das nächste Fahrzeug, um uns durch seinen Zuständigkeitsbereich zu eskortieren. Gefragt, ob uns das recht ist, hat natürlich niemand. Das Spiel geht so weiter, bis wir in Abbotabad, unserem Tagesziel, bei einem Guesthouse vorfahren, um nach einer sicheren Parkmöglichkeit zu fragen. Geht leider nicht, da ihr Parkplatz nicht beaufsichtigt wird. Also bitte ich die uns folgenden Polizisten, uns nicht weiter so „unauffällig“ zu folgen, sondern gefälligst voranzufahren und den Weg zu einem Hotel mit sicherem Parkplatz zu zeigen. So landen wir für diese Nacht beim „Alpine-Hotel“ (zum Thema Hotelparkplatz sei noch bemerkt, dass es in fast allen Fällen möglich ist, als Reisender mit eigenem Wohnmobil auf Hotel- und Guesthouseparkplätzen zu übernachten, ohne ein Zimmer nehmen zu müssen. Einige Hotels berechnen dafür eine Gebühr von 100 Rupies, also knapp 2 €, andere lehnen eine Bezahlung entrüstet ab, schliesslich sei man ein Gast des Landes. Auch die Benutzung von Dusche und Toilette wird in der Regel problemlos arrangiert).
Um 13 Uhr am 22.8. sind wir wieder auf dem Foreigners-Campground in Islamabad, kontaktieren Mr. Butt, der zwei Stunden später bei uns erscheint (freudiges Wiedersehen), im Schlepptau den Besitzer der Werkstatt, welche die Felgen gefertigt hat. Das auslösende Problem für die Risse in den Schweissnähten ist wahrscheinlich, dass der Felgenkranz nur einseitig mit dem Felgenbett verschweisst ist. Wir beschliessen, gemeinsam in die Werkstatt des Felgenbauers aus Rawalpindi zu fahren, dort will man alle Felgen beidseitig mit Schweissnähten versehen (was natürlich bedeutet, dass zuerst alle Reifen von den Felgen genommen werden müssen, also eine Mordsarbeit, aber wir haben ja unsere „Lifetime Guarantee“!).  Also geht’s in der Rush-Hour über Schleichwege in das chaotische Werkstattviertel der pakistanischen 2,5 Millionen-Stadt, zum Glück in einen abgeschlossenen Hinterhof (also entspanntes arbeiten ohne Hunderte von Zuschauern). Die Arbeit wird zügig und (für hiesige Verhältnisse) professionell erledigt. Mechaniker ziehen die Reifen von den Felgen, danach werden Felgenkranz und –bett beidseitig durch Schweissnähte miteinander verbunden und sogar auf dabei entstandene Unwuchten überprüft. In der Zwischenzeit versorgt man uns mit Tee, Cola, Chicken Masallah und Salat. Gegen 23 Uhr ist alles wieder montiert und Maggie fahrbereit, wir können zurück nach Islamabad und erreichen den Campground um Mitternacht.
Am Morgen versuchen wir fast drei Stunden verzweifelt, aus einem Net-Cafe die aktuellen Berichte und Bilder an unseren Webmaster Burki nach Deutschland zu mailen (die Übertragungsrate ist derart gering, dass wir die gesendeten Bits fast mitzählen können, zum Schluss weigert sich msn-hotmail sogar ganz, attachments zu senden, so dass wir einige unserer Bilder nicht loswerden) und machen uns um 1 Uhr auf den Weg nach Lahore, das wir in zwei Tagesetappen erreichen wollen. Wir beschliessen, den M2-Linkway zu benutzen, die 400 km lange Verbindung zwischen Islamabad und Lahore, derzeit einzige Autobahn Pakistans. Fertiggestellt wurde die sechsspurig ausgebaute Strecke, die technisch deutschen Standard hat, 1997 nach einer Bauzeit von nur vier Jahren! Ein zu damaliger Zeit stark kritisiertes Projekt, da es eine für pakistanische Verhältnisse gigantische Geldsumme verschlang, die zum wirtschaftlichen Aufbau des Landes sicher gewinnbringender hätte eingesetzt werden können. Aber da es sich um ein Pilotprojekt handelte, das in den nächsten Jahren zu einem verzweigten Autobahnnetz ausgebaut werden soll, scheute die Regierung die hohen Kosten nicht.
Die Akzeptanz des M2-Linkways ist nicht besonders hoch, da es sich um eine gebührenpflichtige Autobahn handelt und wenn es Irgendetwas gibt, von dem der Durchschnitts-Pakistani besonders wenig hat, dann ist es Geld. So haben wir den Motorway (abgesehen von einigen Bussen und neuen PKW) fast für uns alleine. Nach ca. 100 km kommen wir aus der Hochebene hinunter ins innerpakistanische Tiefland und mit sinkender Höhe steigen natürlich gleichzeitig Temperatur und Luftfeuchtigkeit wieder auf Werte an, die man freundlich als unangenehm beschreiben kann (und wir hatten uns in den vergangenen zehn Tagen so gut an die angenehmen Temperaturen um die 37°C gewöhnt). Am Abend halten wir auf einem Rastplatz mit Tankstelle und noch nicht geöffnetem Restaurant in der Nähe von Khunga Dogan, um hier in Ruhe die Nacht zu verbringen. Es wird nichts mit der Ruhe, da sich auf diesem Rastplatz auch die Einsatzzentrale der Motorway-Police für den 90 km langen „Abschnitt 6“ befindet. Man erspäht uns natürlich sofort, wir werden zum Tee eingeladen, in die Einsatzzentrale geführt (technisch hoher Standard, alle 1000m befindet sich eine solarenergiegespeiste Notrufsäule, im Notfall sind nach spätestens 15 Minuten Einsatzkräfte vor Ort), lernen die Diensthabenden Beamten kennen und werden dem leitenden Superintendent vorgestellt, mit dem wir ein langes Gespräch über Land, Leute und die Arbeit der Motorway-Police führen. Beamter bei dieser Einheit zu sein, ist ein begehrter Posten. Die Arbeitszeiten sind durch 3-Schicht Betrieb angenehm kurz, die Bezahlung gut, die technische Ausrüstung und der Fahrzeugpark auf neuestem Stand, ausserdem geniesst man bei der Bevölkerung hohes Ansehen. Der Superintendent und einige seiner Beamten werden im September für ein paar Wochen zu Gast bei der Autobahnpolizei in Kiel sein, um dort bei ihren deutschen Kollegen Erfahrungen von „Profis“ zu sammeln. Im Raum nebenan, nur durch eine Scheibe von uns getrennt, sind zwei Pakistani eingesperrt, die man wegen Diebstahls in einem Reisebus verhaftet hat und die nun auf ihren Abtransport in den nächsten Ort warten. Während die ungeteilte Aufmerksamkeit aller Beamten uns und unserem Gespräch mit ihrem Superintendent gilt, gelingt den Beiden die Flucht aus einem nicht gesicherten Fenster. Grosse Aufregung! Draussen ist es inzwischen stockduster und das Gelände um den Rastplatz ist mit hohem Gebüsch bewachsen, was den Flüchtigen natürlich gewisse Vorteile bringt. Wir positionieren Maggie am Rand des Rastplatzes und beleuchten mit unsere Batterie aus Nebel-, Haupt-, hochangebrachten Fernscheinwerfern und dem Suchscheinwerfer den Bereich, in den die Beamten ausschwärmen. Schüsse fallen, verfehlen aber offensichtlich ihr Ziel! Die Suche bleibt erfolglos, auch die über Megaphon verstärkte Aufforderung, sich zu stellen, veranlasst die Flüchtenden nicht zur Aufgabe. Schon früh am Morgen werden wir durch ein Klopfen an der Tür geweckt. Zwei der Beamten laden uns zum  Frühstück in das Restaurant auf der anderen Motorway-Seite ein (das überqueren der Autobahn zu  Fuss ist aufgrund des geringen Verkehrsaufkommens kein besonderes Wagnis). Es herrscht Krisenstimmung, da die beiden flüchtigen Diebe nicht wieder eingefangen werden konnten, ist jegliche Freizeit für den Moment gestrichen, eine Menge unangenehmer Berichte müssen geschrieben werden und der Chef der Motorway-Polizei fordert eine plausible Erklärung für den peinlichen Zwischenfall. Nachdem wir noch einige Adressen ausgetauscht haben, fahren wir gegen 10 Uhr weiter Richtung Lahore. Nach knapp 15 km werden wir von einem Einsatzwagen mit Blaulicht und Sirene gestoppt. Der leitende Superintendent, den wir am Morgen aufgrund der misslichen Situation nicht zu Gesicht bekommen haben, will es sich nicht nehmen lassen, uns persönlich zu verabschieden und uns eine gute Ausreise nach Indien zu wünschen. Am Lahore-Interchange verlassen wir den M2-Linkway, quälen uns einige Kilometer durch den dichten Verkehr der 6 Millionen-Stadt und erreichen den pakistanisch-indischen Grenzübergang bei Wagah um 13 Uhr. Bevor wir zum Custom-Office fahren, besuchen wir den unter Travellern weltweit bekannten „Latif old Book Shop“, eine kleine Hütte von 3qm, in der man gebrauchte Reiseführer (grosse Auswahl von Lonely Planet Reiseführern) und Karten aus ganz Asien kaufen bzw. gegen eigene, nicht mehr gebrauchte Reiseführer tauschen kann. Wir erstehen Reiseführer von Laos und Myanmar sowie einige deutschsprachige Romane. Die Ausreise erweist sich als problemlos, nur ein Beamter des Custom-Office versucht uns ein Bakschisch abzuverlangen, um die Prozedur zu beschleunigen. Dummerweise ist er bei uns an den Falschen geraten, keinen müden Rupie gibt’s und sein Vorgesetzter wickelt unsere Ausreise innerhalb von 15 Minuten ab. Am 24.08. um 14.10 Uhr verlassen wir die Islamic Republic Pakistan.

 

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