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Die Nacht verbringen wir in einem
kargen, schmutzigen, aber mit Air-Condition ausgestatteten Zimmer des
Star-Hotels in Dera Ismail Khan. Nach den Anstrengungen des Tages kommt eine
weitere Nacht in der feuchten, mörderischen Hitze nicht in Frage. Die
schlechtriechende, aber gut gekühlte Luft wird uns den Kopf freimachen für
weitere Pläne.
Am Morgen erwachen wir gut ausgeschlafen, ich jedoch auch
fast völlig bewegungsunfähig. Die kalte,
klimatisierte Luft ist meinem Rücken offenbar nicht bekommen. Wir fahren Richtung Islamabad und hoffen, dass es heute keine
Komplikationen gibt. Weit gefehlt! Wir haben Dera Ismail Khan gerade mal 10km
hinter uns gelassen, als Marcus beim Zurücksetzen einen Motorradfahrer umfährt.
Zum Glück nur Sachschaden. Schutzblech, Lenker und Sturzbügel sind verbogen.
Schnell sammelt sich eine aufgebrachte Menge von Pakistani um uns, der Fahrer
des Motorrades will 5000 Rupies Schadebersatz von uns. Aber wir haben ja zum Glück
unsere pakistanische Kfz-Versicherung! Also sagen wir: „No! We will call the police, our insurance will pay for it!“
und versuchen ein Telefon zu finden. Das ist dem Fahrer aber irgendwie
nicht recht. Mit Hilfe der Umstehenden biegt er die Teile wieder halbwegs
zurecht und erklärt uns, dass alles okay sei und wir keinen
Schaden zu bezahlen
brauchen. Aha, er möchte aus irgendwelchen Gründen keine Polizei am Unfallort
haben! Uns nur recht, wir fahren weiter. 50km weiter lassen
wir uns mal wieder an einer der vielen am Wegesrand liegenden Reifenwerkstätten
(pakistanische Art: Lehmhütte, Kompressor, Reifeneisen, Ventilator, ein paar
Leute, Flickzeug) einen neuen Schlauch in das gestern gewechselte Rad ziehen.
Die Schweissarbeiten an der Felge muss Marcus wieder selber übernehmen.
Weiter geht die Fahrt nach Norden, parallel zum mächtigen,
schmutzig braunen Indus, den wir auf der Höhe von Mianwali überqueren.
Eine Stunde später sind wir nach Überquerung eines Bergrückens auf
dem Potwar-Plateau . Noch 100km bis Talagang, unserem geplanten Ziel für heute,
morgen wollen wir dann die restlichen 150km bis Islamabad hinter uns bringen.
40km vor Talagang schlägt das Schicksal wieder zu: Felgenbruch hinten links (geschweisste
Naht wieder aufgeplatzt), Reifen platt, Radwechsel! Marcus ist am Ende seiner Kräfte.
Da ich mich nicht bücken und schon gar nichts Schweres heben kann, muss er die
Arbeit fast allein bewältigen. 5km weiter die nächste Reifenwerkstatt (davon
gibt’s hier in Pakistan zum Glück
reichlich).
Felge pressen
(der erste Versuch mit Holzbalken und Hydraulikheber unter dem Türsturz der
Werkstatt endet fast in einem Fiasko, also muss
wieder unter Maggies
Hinterachsdifferential gepresst werden), schweissen, flexen ...
Marcus arbeitet mit den Monteuren, ich liege leidend vor der neben der
Werkstatt befindlichen Garküche. Da es dunkel wird,
beschliessen wir, diese nacht vor der Werkstatt zu verbringen und essen uns vor
der Garküche an Schmorhühnchen, Hackfleischtopf, Dahl und Fladenbrot erst
einmal richtig satt, trinken jeweils fünf Flaschen Cola, die der Körper in der
Hitze aber sofort wieder verdampft. Es ist jetzt der dritte Tag in Folge, an dem
wir nur am späten Abend etwas zu essen bekommen, aber obwohl diese
Felgengeschichte ziemlich nervt und uns noch keine vernünftige Lösung
eingefallen i
st, ist unsere Stimmung noch lange nicht am Boden!
Am Morgen des 10.8. machen wir uns auf die (hoffentlich
pannenfreie) letzte Etappe Richtung Islamabad. Die ersten 70km ist die Strecke
zwar holprig, aber zweispurig und durchgehend asphaltiert. Das wiederum
verleitet einige Fahrer zu überhöhten Geschwindigkeiten und waghalsigen Überholmanövern.
Vollbesetzte Busse tun sich hierbei besonders hervor, überholen auch in nicht
einsehbaren Kurven und zwingen so manches entgegenkommende Fahrzeug zu einem
Ausflug auf den geschotterten Randstreifen. Zwei umgestürzte Tankzüge, die
jeweils sage und schreibe 60.000 Liter Sprit geladen haben (also ein
Gesamtgewicht von weit über 70 Tonnen haben müssen) zeugen von der Gefährlichkeit
der Strecke!
Die restlichen 100km bis zur pakistanischen Hauptstadt rollen
wir auf dem breit angelegten Motorway M2 und erreichen Islamabad um 14 Uhr. Die
neue, moderne Stadt (Baubeginn vor 37 Jahren, endgültige Fertigstellung im
geplanten Umfang in ca.50 Jahren) mit ihren 800.000 Einwohnern wurde direkt an
den Nordrand der alten 2,5 Mio.-Stadt Rawalpindi herangebaut, ist schachbrettförmig
angelegt und zur besseren Verkehrsführung in quadratische Sektoren von 3qkm
aufgeteilt. Jeder Sektor ist nochmals unterteilt in vier
Teilquadrate, jedes davon besitzt einen eigenen Markez (Markt/ Einkaufszentrum),
eine Schule und eine Moschee. Es ist unglaublich einfach, sich zu orientieren.
Wenn man weiss, dass das gewünschte Ziel in F7/2 liegt, wird man über die
umfangreiche Beschilderung problemlos dorthin geführt. Wir stellen uns auf den
Foreigners Camp Ground, einen baumbestandenen, grünen Campingplatz am Rande des
Zentrums (H6/2), der ausländischen Besuchern vorbehalten ist und rund um die
Uhr bewacht wird. Die sanitären Einrichtungen sind zwar schmutzig und in
desolatem Zustand (würde ein frisch angereister Westeuropäer sagen, wir sehen
das schon nicht mehr so eng), jedoch können wir von hier aus alle Ziele in
Islamabad kurzfristig
erreichen.
Da der Tourismus in Pakistan
im Moment nicht gerade floriert, ist außer uns nur noch eine Flüchtlingsfamilie
aus Angola auf dem Platz, die auf ihre Anerkennung wartet, um dann in ein
westliches Land emigrieren zu können.br>
Wir lassen uns mit dem Taxi zum Tourist-Information-Center
bringen, schildern unsere Felgenprobleme und bekommen erstaunlicherweise
umgehend Hilfe. Innerhalb von zehn Minuten ist ein Reifen- und Felgenhändler in
Rawalpindi aufgetrieben (zwar mehr als 20km entfernt, aber da in Islamabad keine
LKW fahren dürfen, gibt es hier natürlich auch keine LKW-Teilehändler), der
versuchen will, uns stärkere, passende Felgen zu besorgen. Wir müssen ihm nur
als Vergleichsstück unser Ersatzrad bringen. Gesagt, getan, wir mieten uns
einen kleinen Suzuki Pickup mit Fahrer, holen Maggies Ersatzrad und fahren nach
Rawalpindi, ich im kleinen Fahrerhaus zusammen mit dem Fahrer, der an beiden Händen
2(!) Daumen hat (gutes oder schlechtes Omen?), Marcus sitzt auf der Ladefläche,
bewacht das Ersatzrad und versucht sich festzuhalten, so gut es geht. In
Schumacher-Manier fährt unser Fahrer durch den chaotischen Verkehr der p
akistanischen Grosstadt zu unserem Ziel, dem Shop von Mr. Butt, gelegen an
einer langen, engen Strasse, die nur aus Reifengeschäften zu bestehen scheint. Mr. Butt und seine Kollegen sehen sich die Felge an und meinen, etwas
passendes besorgen zu können, wir müssen ihnen nur etwas Zeit lassen. Den
ungefähren Preis für fünf Felgen beziffert er mit 1000 US$. Halsabschneider!
Wir erklären, dass wir höchstens 750 US$ bezahlen werden, doch Mr. Butt meint,
da es keine handelsüblichen Felgen seien, wäre das Ganze halt etwas teurer.
Auch meine Beteuerungen, dass wir arme Touristen seien und ich zu Hause 10
hungrige Mäuler zu stopfen habe, mag ihn nicht beeindrucken. Okay, wir lassen
Maggies Ersatzrad da, er soll versuchen, was passendes aufzutreiben, danach
sehen wir weiter.
Während wir Maggies
rechtes Vorderrad entfernen um zu sehen, ob die Felge passt, setzt ein
Monsunschauer ein und durchnässt uns bis auf die Knochen. Die Felge passt, aber
wir sind der Meinung, dass wir, da sie die gleiche Materialstärke wie unsere
alten Felgen hat, wahrscheinlich wieder die gleichen Probleme bekommen werden.
Aber immerhin hat Mr. Butt sich Mühe gegeben, er verspricht, sich am nächsten
Tag nach einer besseren Lösung umzusehen. Wir sollen dann am Nachmittag bei ihm
vorbeischauen.
Es giesst die halbe Nacht wie aus Kübeln. Unsere Wäsche,
die schon fast trocken draussen auf der Leine Hing, wird ein zweites Mal
gewaschen. Der Boden fliesst uns förmlich unter den Füssen
weg. Einen Monsunschauer darf man sich nicht wie Regen bei uns vorstellen, es
ist eher eine Sintflut! Dafür kühlt er aber auch merklich die Luft ab, was wir
natürlich sehr begrüssen und endlich mal wieder eine Nacht verbringen können,
ohne morgens auf einem schweissdurchtränkten Kopfkissen aufzuwachen.
Es ist Montag der 12.8. . Wir nutzen den Vormittag, um in der
American Express Bank Traveller-Schecks in US$ zu tauschen. Mit Scheinen dieser
harten Währung wollen wir dann vor
der Nase von Mr. Butt herumwedeln, um den Preis für die neuen Felgen möglichst
weit zu drücken. Wir stellen fest, dass wir seit dem Ankauf der Euro-Traveller
Schecks vor vier Monaten immerhin einen 9-prozentigen Kursgewinn gegenüber dem
US$ gemacht haben. Hätte ich dem Euro nicht zugetraut!
Da Islamabad mit seinem Alter von
37 Jahren eine sehr junge Metropole ist, unterscheidet es sich natürlich
grundlegend von den übrigen Grosstädten Pakistans. Es ist durchsetzt von unzähligen
Parks und Grünanlagen, die überbreiten Hauptstrassen sind alle als Alleen
angelegt. Plan war, dass auf jeden Einwohner ein Baum kommt. Da die Bewohner
selber auch noch fleissig Bäume in ihren Gärten gepflanzt haben, sind es
inzwischen vier pro Kopf. Der Verkehr ist vergleichsweise moderat, es herrscht
eine angenehme Ruhe und Gelassenheit.
Am Nachmittag lassen wir uns von einem Taxi durch das
hektische Getümmel des angrenzenden Rawalpindi zum Geschäft von Mr. Butt
bringen. Er hat gute Nachrichten, kann uns passende Sprengring-Felgen von
pakistanischen Militärfahrzeugen besorgen, die so stabil aussehen, als wären
sie für die Ewigkeit gemacht, und will die Umrüstung am nächsten Tag direkt
bei uns auf dem Camp Ground vornehmen. Nach langem Feilschen
einigen wir uns auf einen Preis von 750 US$.