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Gegen 15 Uhr können wir uns dann auch auf den Weg nach
Loralai machen, verfahren uns kurze Zeit später, merken jedoch rechtzeitig,
dass wir uns auf dem Weg nach Kandahar, Afghanistan befinden und uns der Grenze
nähern. Also, wieder zurück und den richtigen Abzweig suchen. Unterwegs tanken wir bei Schwarzhändlern, die geschmuggelten Diesel aus dem
Iran 30% billiger verkaufen als die pakistanischen Tankstellen. Die Strasse ist natürlich in schlechtem Zustand, was zur
Folge hat, dass uns nach 150km die nächste Felge reisst und wir wieder einen
Platten haben! Wir werden immer besser, in 15
Minuten ist das Rad gewechselt. Mit
verringerter Geschwindigkeit setzen wir unsere Fahrt fort.
Die Dunkelheit überrascht uns 80km vor
Loralai, als wir
gerade das Toba-Kaka Gebirge durchqueren. Man hatte uns davor
gewarnt, in der Dunkelheit zu fahren (vor allem so nah an der afghanischen
Grenze). Und dann noch 80km durch unbewohntes Gebirge, mögliches Versteck geflüchteter
Taliban! Wir beobachten merkwürdige Taschenlampensignale von den Hügeln neben
der Strasse, andere Fahrzeuge sehen wir um diese Uhrzeit auf der Strecke so gut
wie gar nicht (auch Pakistani ist es nicht geheuer, nachts durch dieses Gebiet
zu fahren), kommen zu unserem Glück jedoch unbehelligt um Mitternacht in
Loralai an und übernachten auf dem verschlossenen Parkplatz der Tourist-Lodge
(wie es scheint, sind wir die einzigen Gäste).
5km weiter finden wir am nächsten Morgen eine
Reifenreparaturwerkstatt. Da es hier niemanden gibt, der in der Lage wäre, den
Riss in der Felge zu schweissen, müssen wir unser eigenes Werkzeug auspacken. Die ca. 35 Pakistani, die sich inzwischen um uns versammelt haben,
machen natürlich grosse Augen, als Marcus sein kompaktes, elektronisch
geregeltes Schweissgerät auspackt, es
an unseren Diesel-Stromerzeuger
anschliesst, diesen startet und professionell eine saubere Naht auf die Felge
legt. Nach etwas mehr als einer stunde ist die Sache gegessen und wir können
weiterfahren. Es geht 150km ostwärts über eine schmale und
holprige „Hauptstrasse“ (Durchschnittsgeschwindigkeit 30km/h) bis nach
Jhalwani Kili, um dort nordwärts Richtung Musa Khel Bazar, unserem Tagesziel,
abzubiegen. Wir finden keine Abzweigung! Nach Aussage eines Busfahrers gibt es
diese Strasse (auch wenn unsere Karte sie als Hauptstrasse ausweist) nicht, noch
nicht, vielleicht in 5 oder 10
Jahren.
Aber, wenn wir 25km zurückfahren,
soll eine andere Verbindung nach Musa Khel Bazar existieren, 60km lang, zwei
Drittel gut befahrbar, der Rest eher „rauh“. 40km gut befahrbar stimmt (für
pakistanische Verhältnisse), dann kommen 10km „richtig rauhe“ Strasse,
danach gibt es gar keine Strasse mehr. Wir fahren über eine flache, sandige
Hochebene und folgen im Prinzip irgendwelchen
Reifenspuren, durch Gräben und über
kleine Sanddämme. Es wird dunkel, am Horizont sehen wir
einige Lichter, hoffentlich ist es die Stadt, nach der wir suchen (die laut
Karte zwischen 15.000 und 25.000 Einwohner haben soll). Nach einer weiteren
Stunde Fahrt durch die Nacht über Stock und Stein erreichen wir die Ortsgrenze,
finden zwischen unbeleuchteten flachen Lehmbauten eine kleine, beleuchtete
Tierarztpraxis und befragen den anwesenden Veterinär Dr. Nazarin.
Wir sind wirklich in Musa Khel Bazar gelandet, es ist jedoch
eine recht kleine Stadt
mit nicht mehr als 1500 Einwohnern.
Dr. Nazarin bringt uns zuerst durch dunkle Gassen zum Haus des Magiatrals
(staatliches Oberhaupt des Bezirks), welcher erklärt, der weitere Weg nach Dera
Ismael Khan sei aus Sicherheitsgründen im Moment gesperrt, da er zu gefährlich
sei. In den letzten Wochen soll es zu einigen „Vorfällen“ gekommen sein.
Unsere einzige Chance, diesen Ort zu erreichen (und wir müssen dahin, weil wir
von dort aus Richtung Islamabad fahren wollen) sei, zurück nach Jhalwani Kili
zu fahren (über Strassen, die keine sind, wage ich zu bemerken, aber voller
gekränktem Stolz sagt man mir, ein noch so schlechter Weg sei besser als gar
keiner), um von dort aus einen anderen Weg nach Dera Ismael Khan zu nehmen.
Danach führt uns Dr. Nazarin zur Polizeistation, in der wir
sicheren Unterschlupf für die Nacht finden sollen. Im Innenhof sortieren einige
Polizisten Fussfesseln. Der Polizeichef will von uns Reisepässe und Visa sehen,
das Ganze gleicht einem Verhör. Name, Name des Vaters, Beruf, Grund des
Aufenthaltes in Pakistan, woher, wohin, warum jetzt hier, vor allem so spät in
der Nacht? Nachdem ein Hilfspolizist alle Daten aus unseren
Reisepässen abgeschrieben hat (inklusive aller Eintragungen unserer Iran-Visa),
werden wir entlassen. Dr. Nazarin führt uns durch die schmalen Gassen der Stadt
zu einem kleinen, erleuchteten, zu zwei Seiten offenem Lagerraum, in dem uns
kalte Cola, Lady-Fingers (pakistanisches Bohnengemüse) und Fladenbrot serviert
wird. Während wir essen, wächst die Zahl der uns beobachtenden Personen ständig.
Der Veterinär erklärt uns, dass wir die ersten Ausländer seien, die die
Bewohner je zu Gesicht bekommen haben. Alle Umstehenden lachen über unsere
Versuche, Die Lady-Fingers ohne Besteck, nur mit Hilfe des Fladenbrotes, in uns
hineinzuschaufeln. Marcus und ich kommen überein, dass man die ganze Situation
wohlmeinend als „strange“ bezeichnen kann! Nach dem Essen dürfen wir Maggie
im Hof der baufällig aussehenden Polizeistation parken, genehmigen uns zwei,
drei Wodka (doppelte, haben wir jetzt echt nötig) und können uns danach
endlich zur Ruhe begeben. Die Nacht ist schwül, ekelig schwül. Wir sind jetzt
im nördlichen Teil Pakistans und bis Ende September ist die Zeit des Monsuns,
was bedeutet, dass es ab und zu einen kräftigen Regenschauer gibt und die Luft
danach feucht und diesig durch das am heissen Boden verdampfende Wasser ist.
Am nächsten Morgen wollen wir uns
zeitig auf den Weg nach Kingri machen. Keine Chance! Dr. Nazarin wartet schon
auf dem Boden hockend vor dem Wagen. Zuerst geht’s gemeinsam zum Polizeichef,
der unsere genaue Abfahrtszeit dienstbeflissen in ein grosses, schweres Buch
einträgt. Zu unserer Sicherheit wird er uns zwei mit automatischen Waffen
ausgerüstete Polizisten mitgeben, die uns die 80km bis Kingri begleiten und
dann per Anhalter wieder zurückkehren sollen. Bevor es dann endlich losgeht,
werden wir erst noch auf den Bazar geführt, um in einer Lehmhütte auf
Strohmatten sitzend ein paar Tassen Tee zum Frühstück serviert zu bekommen.
Nein, gekochten Reis möchten wir nicht zum Frühstück, der Tee reicht! Es
fehlt noch ein Besuch im Büro des Magistrals, der
sich von uns verabschieden möchte.
Auch er ist (so erfahren wir bei einer weiteren Schale Tee) um uns besorgt. Aus einer verschlossenen Schreibtischschublade holt er ein Telefon
hervor, dass von einem Bediensteten an ein durch ein Fenster führendes Kabel
angeschlossen wird. Der Magistral lässt sich mit seinem Kollegen in Kingri
verbinden und sorgt dafür, dass uns von Kingri bis zur Provinzgrenze bei Rakni
zwei weitere Polizisten begleiten. Obwohl wir über diesen Begleitschutz nicht
gerade erfreut sind (so unsicher fühlen wir uns eigentlich gar nicht) bedanken
wir uns herzlich beim Magistral. Dieser winkt jedoch ab, meint, er sei Muslim
und seine oberste Pflicht sei, Fremden so gut es geht zu helfen. Er umarmt uns
zum Abschied, die beiden Polizisten steigen zu uns ein und endlich kann es
losgehen, die ersten 20km natürlich ohne Strasse über Sandpisten, Geröllhaufen
und durch trockene Bachbetten.
Die beiden Polizisten sind prächtig gelaunt, singen fast die
ganze fahrt über pakistanische Volkslieder zur mitgebrachten Maultrommel,
bieten mir merkwürdig schmeckende Beeren an (von denen ich Trottel, weil ich
sie ungewaschen esse, ein paar tage lang Durchfall bekomme) und wollen gerne
vorführen, dass sie in der Lage sind, mir mit ihren Sturmgewehren eine
hochgehaltene Streichholzschachtel aus der Hand zu schiessen. Ich lehne dankend
ab!
In Kingri warten wir bei einer Schale Tee im Aufenthaltsraum
der Polizeistation eine knappe Stunde auf die beiden Beamten, die uns nach Rakni
begleiten sollen und nutzen die Zeit für ein paar Erinnerungsfotos mit den
Polizisten, die mit uns nach Kingri gekommen sind. Leider (oder zum Glück) ist nur ein Beamter verfügbar, der uns bis Rakni (50km
weiter) begleiten kann. Dort angekommen müssen wir natürlich gleich beim örtlichen
Polizeichef vorstellig werden, der uns zur Überquerung des
Sulaiman-Gebirgszuges auch wieder Geleitschutz mitgeben möchte. Nun reicht es!
Wir verabschieden uns höflich, aber bestimmt und fahren unter den verdutzten
Augen der Polizei von Rakni davon. Die Überquerung des
Sulaiman-Gebirges ist haarsträubend!
Die Serpentinenstrecke auf die Passhöhe
ist noch in Ordnung, aber durch die steilen Schluchten hinunter ins fruchtbare
Tal de Indus wird es echt eng. Jedes Passiermanöver mit einem entgegenkommenden
LKW wird angesichts des schmalen
Weges und den endlos tiefen Abgründen zum
Drahtseilakt. Nach eineinhalb Stunden sind wir heil unten
angekommen und erreichen 80km weiter unser heutiges Ziel, die Stadt Dera Ghazi
Khan erst nach Einbruch der Dunkelheit. Sieben mal müssen wir anhalten, um nach
dem Weg zum Shalimar-Hotel zu fragen. Die Entfernungs- und Richtungsangaben
variieren stark. Schliesslich fährt ein freundlicher Radfahrer bis zum Hotel
vor uns her, im Zick-Zack durch die uns entgegenkommende Flut von unbeleuchteten
Motor-Rikschas und LKWs. Hinter dem Shalimar-Hotel gibt es einen Abstellplatz,
auf dem wir die Nacht verbringen können, kostenlos!
Das Klima im Indus-Tal ist in dieser Jahreszeit gnadenlos! Es
ist 22 Uhr, das Thermometer zeigt noch 44°C, die Luftfeuchtigkeit ist derartig
hoch, dass einem, auch wenn man bewegungslos rumsteht, sitzt oder liegt, der
Schweiss in Sturzbächen über den Körper läuft. Im Restaurant des Hotels
geniessen wir die erste vernünftige Mahlzeit seit 3 Tagen und werden zu unserer
Überraschung von zwei jungen berlinern angesprochen, die mit dem Fahrrad nach
Indien unterwegs sind und im Hotel ein Zimmer genommen haben. Kristian wird nur
bis Indien fahren, Sebastian und Tobi (der schon völligst erschöpft im Bett
liegt) wollen bis nach Australien. Hut ab! Wir stellen fest, dass die Welt klein
ist, denn auch die Drei sind auf ihrer bisherigen Fahrt, genau wie wir, auf den
Fahrrad-Traveller Holger, das Schweizer Pärchen Renate und Andreas, sowie Heinz
und Christa mit ihrem alten Hanomag getroffen. Nachdem wir uns satt gegessen haben, legen wir uns hin, aber
das mit dem Schlafen klappt nicht so richtig, es kühlt nicht unter 40°C ab und
eigentlich schwitzt man mehr vor sich hin und in das Bettzeug anstatt erholsam
zu schlafen. Am morgen fahren wir völligst gerädert nach Norden entlang des
Indus, Richtung Islamabad, dass wir in zwei Etappen zu erreichen gedenken. 10km hinter der Stadtgrenze platzt uns die vierte Felge. Das bedeutet
schweisstreibende Arbeit für Marcus, ich kann ihn beim Radwechsel nur mit
halber Kraft unterstützen, da ich mir am vorhergehenden Tag den Rücken
verrenkt habe und mich kaum bewegen kann. 2km weiter finden wir eine
Reifenwerkstatt, die den durch die geplatzte Felge aufgeschlitzten Schlauch
flickt. Die Felge muss Marcus selber schweissen, da die Werkstatt nicht über
ein Schweissgerät verfügt. Wir pressen den riss mit Hilfe von Holzbalken,
hydraulischem Wagenheber und dem Gewicht von Maggie wieder zusammen, so dass
Marcus eine saubere Naht legen kann. Völligst durchgeschwitzt, keinen trockenen
Faden mehr am Körper, setzen wir nach eineinhalb Stunden unsere Fahrt fort.
Nach weiteren 10km ein ohrenbetäubender Knall! Die schon einmal
geschweisste
Felge vorne links hat es zum zweitenmal zerrissen, und zwar derartig heftig,
dass der Schlauch sofort geplatzt ist. Mit Mühe gelingt es
Marcus, die schlingernde Maggie auf dem Schotterstreifen neben der Strasse zum
Halten zu bringen. Zwei Radwechsel innerhalb eines Vormittages bei 45°C im
Schatten und subtropischer Luft! Ausser, dass die Felge gerissen ist, hat sie
sich auch völligst verformt und ist wahrscheinlich nicht wieder in Stand zu
setzen. Ohne nutzbares Reserverad fahren wir langsam bis in die 150km entfernt
liegende Stadt Dera Ismail Khan und beten dabei zu Allah, dass nicht noch ein
rad
aufgibt. Wir sind ratlos, können uns nicht erklären,
warum die Felgen nach einer Fahrtstrecke von insgesamt über 13.000km plötzlich
alle aufgeben. Das Reparieren durch Schweissen ist offensichtlich auch keine Lösung,
was bedeutet, dass wir versuchen müssen, uns andere Felgen, die auf eine grössere
Belastung ausgelegt sind zu beschaffen. Da es hier in Pakistan vielleicht unmöglich
sein wird, unsere Felgengrösse zu bekommen (war schon in Deutschland ein
zeitraubendes Problem bei der Umstellung auf Einzelbereifung), spielen wir mit
dem Gedanken, uns aus Deutschland einen Satz Felgen mittels Luftfracht nach
Islamabad schicken zu lassen.