Neuseeland 7

Wie bereits erwähnt, rühmt sich Neuseeland damit, kein Tier zu beheimaten, dass dem Menschen gefährlich werden könnte, abgesehen einmal von einigen eher unfreundlichen Haien in Küstennähe und einer seltenen giftigen Spinnenart, die in diesem Zusammenhang schamlos verschwiegen werden. Doch da gibt es noch einen Vertreter aus dem grossen Reich der Insekten, der sich nicht so benimmt, wie es die Kiwis den Touristen gerne weiszumachen versuchen. Der Name des Predators: Sandflie. Kleiner als ein handelsüblicher Moskito, aber fähig, noch viel gemeiner zu attackieren. So klein, dass das menschliche Auge sie geflissentlich übersieht und das Opfer erst dann reagieren kann, wenn es bereits zu spät ist, soll heissen, wenn eine der Sandflies sich auf einem ungeschützten Körperteil niedergelassen und mir seinem spitzen Stechwerkzeug die Haut penetriert hat. Man spürt einen nadelstichartigen Schmerz und bemerkt einen etwa einen Millimeter grossen schwarzen Punkt auf Arm, Bein oder sonst wo. Sandflie (aka  gottverdammtes kleines Scheissvieh / damn fuckin´bastard) hat zugeschlagen. Genau das tut man dann auch: zuschlagen. Sandflies sind tumb und träge, leicht zu erwischen, aber eben zu spät. Die folgenden etwa zwölf Stunden passiert nun erst mal gar nichts, doch spätestens in der nächsten Nacht beginnt die Stelle zu jucken. Teuflisch. Unerträglich. Kratzen verschlimmert die Situation immens. Dann schwillt die Region um die Stichstelle von Mensch zu Mensch unterschiedlich stark an. Ist man an einem Tag gar von mehreren Sandflies heimgesucht worden (nicht unüblich, ihre Anzahl ist Legion), kann es passieren, dass der erste morgendliche Blick in den Spiegel die Reinkarnation des Elefantenmenschen zeigt. Ein paar Tage dauert es dann schon, bis sich die Lage an der entsprechenden Körperstelle normalisiert hat, und da man fast täglich attackiert wird, ist das Ganze ein nie endendes Martyrium. Es werden diverse Abwehrkampfstoffe in Spray-, Lotion- oder Salbenform feilgeboten, die über mehrere Stunden verlässlich für Abhilfe sorgen. Solange man jeden für die miesen kleinen Racker zugänglichen Körperpartien damit behandelt. Was eigentlich nie so ganz klappt. Die Tatsache, dass hauptsächlich Touristen Opfer der Sandflies werden, führen Einheimische darauf zurück, dass man nach etwa sechs bis acht Jahren Aufenthalt im Land eine gewisse natürliche Immunität entwickelt. Beruhigend. Also gebt acht, they are out there. Nach langen Überlegungen haben wir uns dazu entschlossen, uns für einen etwas längeren Zeitraum häuslich in Nelson niederzulassen. Grund dafür sind die aufs Brenzlichste zusammengeschrumpften Barreserven. Es ist Zeit, durch eigener Hände Arbeit für Abhilfe zu sorgen. Da derzeit in Neuseeland allgemein und in Nelson im speziellen ein gewaltiger Bauboom herrscht und ansässige Building-Companies nicht in der Lage sind, genügend Arbeitskräfte zu rekrutieren, um eingehende Aufträge zu erfüllen, sollte es für uns kein Problem sein, einen Job zu bekommen. Die Lage auf dem Bausektor ist derartig prekär, dass viele Kunden bis zu zwölf Monate darauf warten müssen, bis mit den Arbeiten begonnen wird. Die Zeitungen sind angefüllt mit Stellenangeboten, Firmen inserieren täglich, aber erfolglos, da es offenbar keine unbeschäftigten Handwerker gibt. Nun kann in Neuseeland natürlich nicht jeder im Land befindliche Tourist so einfach anfangen zu arbeiten. Dazu bedarf es eines Work-permits, dass man in einem der Immigration Offices beantragen kann. Illegal Arbeit aufzunehmen bedeutet, sofort des Landes verwiesen zu werden, sofern man sich dabei erwischen lässt. Dazu gibt´s dann noch einen Vermerk im Reisepass, dass man sich der Sieben-Meilen-Zone Neuseelands für die nächsten fünf Jahre gefälligst fernzuhalten hat. Der Antrag auf ein Work-Permit ist umfangreich, die Bearbeitungszeit kann sechs bis acht Wochen dauern, eine Erteilung ist abhängig von den nachzuweisenden Fähigkeiten des Antragstellers und einem aktuellen Job-Angebot. Da sich die in Nelson gefragten Handwerksberufe aber auf Grund des nicht zu stillenden Bedarfes auf der sogenannten Shortage-list befinden, sind wir berechtigter Hoffnung auf eine kürzere Wartezeit, sofern wir alle erforderlichen Dokumente eingereicht haben. Die sind nun per Post auf dem Weg von Deutschland um den halben Globus, es heisst also erst einmal warten. Wir begeben uns auf die Suche nach einem Campground, der uns und Maggie längerfristig beherbergen kann und werden fündig im einige Kilometer südlich von Nelson gelegenen malerischen Brook Valley. Eingerahmt von bewaldeten Bergen befindet sich dort der Brook Valley Holiday Park mit einem munter fliessendem Bachlauf, einer Gemeinschaftsküche und einigen Dusch- und Toilettenhäuschen, die zwar nicht in 1A- (oder 1B, 2A, 2B) Zustand sind, aber wer braucht das schon, letztendlich bietet der Campground eine einnehmende Atmosphäre. Betreiber Harold macht auf den ersten Blick den Eindruck „nach längerem Aufenthalt frisch aus einer staatlichen Vollzugsanstalt entlassen“. Das täuscht. Harold ist ein Pfundstyp, seine Frau Dionne nicht minder. Was überdies für den Brook Valley Holiday Park spricht, sind seine günstigen Preise. Wir können für uns und Maggie eine wöchentliche Standgebühr von 87 NZ$ aushandeln, inklusive Strom und Wasser. Spottenbillig. Wir befinden uns nun also in der angenehmen Gesellschaft einer Anzahl von permanenten Campern mit den wildesten, selbstgebauten House-truck Kreationen, buntbemalt, teilweise mit Erkern, Dachgärten und Schornsteinen. Dazu gibt es ein ständiges Kommen und Gehen von Backpackern, die mit ihren Minivans für einige Tage im Brook Valley Halt machen. Etwa fünf Kilometer sind es von hier bis nach Nelson und an die Tasman Bay, eine Strecke, die man mit dem Fahrzeug in zehn Minuten, zu Fuss in einer knappen Stunde zurücklegt. Kommt man nachts angeschlagen aus einem der bunten, pulsierenden Pubs und Dance-Clubs der Stadt, kommt der Rückweg zum Campground dem in Schlangenlinien Dahinwankenden kürzer als gewöhnlich, dem aussenstehenden Beobachter jedoch deutlich länger vor (vgl.  Einstein, Albert: Die allgemeine Relativitätstheorie). Apropos „Nachtleben in Nelson“ : Das und ein nicht geringer Anteil der Einsätze der hiesigen Polizei spielen sich hauptsächlich in der Bridge Street ab. Der Teil der Strasse, der sich östlich der zentralen Trafalgar Street erstreckt, ist eine Aneinanderreihung von Lokalitäten, die besonders an den Wochenenden von einer grossen und nicht minder durstigen Menschenmasse heimgesucht werden, die sich aus Nelsonians, Einheimischen der Umgebung und Backpackern zusammensetzt. Ganz oben in der Beliebtheit der Partymeute rangiert the Grumpy Mole, einer Mischung aus Pub und Dance Club, der regelmässig mit innovativen Themenabenden wie „the November Bikini Competition“ lockt. Der DJ, der in einer Doppelfunktion Witzigerweise auch noch das Amt der Garderobiere bekleidet, hält den Mob mit angestaubten Mitgrölhits von den Weather Girls bis hin zum (ja, ich weiss, Geschmäcker sind verschieden) peinlichen deutschen Musik-Export DJ Ötzi bei Laune. Die stabilen Holztische neben dem Dancefloor scheinen nach ungeschriebenem Gesetz dem darauf tanzen vorbehalten zu sein, wir haben es nicht erlebt, dass zu irgendeinem Zeitpunkt mal nicht ein paar Leute darauf herumzappelten. An der langen Theke, hinter der fröhliches Personal nach besten Kräften versucht, den gewaltigen Durst der Gäste zu stillen, werde ich von einem Typ, der mich mit grossen Augen anstarrt, gefragt: „Oh my god! Are you John Farnham?“ Ich muss ihn enttäuschen und mich für einen Moment erschüttert am Tresen festhalten, weil es a) für mich eine zweifelhafte Ehre ist, mit Australiens Rock-Ikone John “the Voice” Farnham verwechselt zu werden, da ich b) immer dachte, mich trotz meines methusalemischen Alters ganz gut gehalten zu haben, c) John Farnham aber definitiv vor mir das Licht der Welt erblickt hat und sich darüber hinaus d) das harte Rockstarleben unübersehbar in seinem Gesicht manifestiert hat. Ein herber Schlag. Schon mehr nach unserem Geschmack ist das Molly´s ein paar Meter weiter. Der Eingang ist versperrt mit einer Kette, grimmig dreinschauende Bouncer selektieren das Einlass fordernde Publikum nach unergründlichen Kriterien, einem Prozess, dem wir uns nicht unterziehen müssen, da wir uns im Schlepptau einer angetrunkenen Blondine befinden, die uns im nebenan gelegenen Taylor´s aufgegabelt hat und den Bouncern nicht unbekannt zu sein scheint. Live-Musik von der kleinen Bühne im vorderen Bereich des auf Anhieb sympathischen Ladens, Dance Hall im grösseren hinteren Teil. Das Musikprogramm ist erfreulicherweise weit entfernt von dem des Grumpy Mole, gitarrenlastig, hart und schnell, rangiert zwischen Evanescene, Elemeno P und Nickelback, Riffs explodieren in befriedigender Lautstärke aus dem Soundsystem, die Nebelmaschinen und Stroboskope des Molly´s beweisen Durchhaltequalität. Ständig zu Fuss in die City und zurück zu laufen, ist allerdings kein haltbarer Zustand. Maggie für diese kurzen Wege zu missbrauchen jedoch auch nicht, zumal sie inzwischen mittels Auffahrkeilen nivelliert und mit der Camp Ground Stromversorgung verkabelt ist, was bedeutet, dass jeder kurzer Trip längerer Vorarbeiten bedürfte. Ausserdem müsste ständig wieder alles rüttelsicher in den Schränken verstaut werden. Viel zuviel Gewiggel. Soll heissen, für die wahrscheinlich längere Zeit, die wir in Nelson, respektive auf dem Brook Valley Camp Ground verbringen werden, muss ein alternativer fahrbarer Untersatz her. Zugegeben, wir hätten da noch unsere Mountainbikes, aber in Neuseeland herrscht auf öffentlichen Strassen für Fahrradfahrer Helmpflicht und wir können uns nicht damit anfreunden, etwas auf dem Kopf zu tragen, das uns aussehen lässt wie seinerzeit Calimero, das Cartoon-Küken. Langer Rede, kurzer Sinn, ein PKW muss her. Und billig soll er natürlich sein. Kein Problem, im Buy Sell & Swap Magazin, dem hiesigen privaten Kleinanzeiger, werden reichlich Fahrzeuge unter 1000 NZ$ angeboten. Wir treffen uns mit dem Besitzer eines Mitsubishi Sigma, der sich als halbprofessioneller Hinterhofverkäufer von Billig-Pkw in mehr oder weniger akzeptablen Zustand entpuppt. 650 NZ$ soll das japanische Zwergenmobil kosten, das nicht den Eindruck macht, als würde einer von uns beiden ohne artistische Einlagen hinter das Lenkrad gelangen können. Zudem erweckt der Innenraum den Anschein, als sei der Wagen gelegentlich zum Transport von Schafen benutzt worden. Riechen tut er auch so. Das alles, sowie die Beteuerung des Verkäufers, es handele sich bei dem rottigen derangierten Mitsubishi um ein zuverlässiges Fahrzeug für alle Lebenslagen, nehmen wir jedoch nur mit eingeschränkter Aufmerksamkeit wahr. Das Objekt unseres abgelenkten Interesses steht fünfzehn Meter entfernt. Weinrot. Klassische Limousinenform. Baujahr 1975. 2,8 l Sechszylinder, Einspritzer. EIN MERCEDES! Und nur 1150 NZ$ soll er kosten! Eine knappe halbe Sekunde verweilen unsere Überlegungen beim Punkt Wirtschaftlichkeit, dann obsiegt die Unvernunft. Nach kurzen, aber zähen Verhandlungen wechselt das rote Prachtstück für 950 NZ$ den Besitzer (mal ehrlich, wer will einen Mitsubishi fahren, wenn er einen Mercedes haben kann?). Die Formalitäten beim Autokauf in Neuseeland sind denkbar einfach. Jeder angemeldete PKW besitzt eine fahrzeugbezogene Registration, die beim Verkauf weitergegeben wird und alle sechs Monate gegen eine (nach Fahrzeugtyp unterschiedliche) Gebühr erneuert werden muss, die sich aus einer Art Strassenbenutzungssteuer und den Kosten für die obligatorische Versicherung zusammensetzt, welche im Fall des Falles die gegnerischen Personenschäden abdeckt. Eine third party insurance (Haftpflichtversicherung) für Sachschäden kann, muss man allerdings nicht abschliessen. Wichtig ist dann noch, dass das Fahrzeug eine gültige WOF Plakette besitzt. Alle sechs Monate muss jedes Fahrzeug einer WOF (warrent of fitness = Strassentauglichkeit) Prüfung unterzogen werden, also einer Art TÜV Inspektion, nur nicht so gründlich und auch nicht so teuer. Unsere weinrote Neuerwerbung besitzt beides, eine gültige registration und eine frische WOF Plakette, also können wir gleich nach der Geldübergabe vom Hof rollen. Die Änderung der Fahrzeuginhaberdaten erfolgt per einfachem Formular bei irgendeinem Postamt für moderate 10 NZ$. Nun sind wir also stolze Besitzer einer deutschen Nobelkarosse, natürlich ziemlich alt und die Klimaanlage funktioniert auch nicht mehr, aber das trübt unsere Freude über 185 muntere Pferdchen unter der Motorhaube nicht. Der Tatsache, dass sich unser kleiner Freund 23 Liter Superbenzin auf 100 Kilometer einverleibt, werden wir in den folgenden Tagen durch Austausch einiger streng vernachlässigter Teile wie Zündkerzen, Luftfilter, Thermostat und Verteilerkappe in der Form Herr, dass sich der Verbrauch auf etwa 17 Liter einpendelt. Kein Vorzeigewert, aber schliesslich ist der Wagen 28 Jahre alt und der Sprit hier auch nur halb so teuer wie in Deutschland. Auf dem Campground erhalten wir Besuch von  einigen alten Freunden, darunter unsere Lieblingsschweizer Flavia und Marcel, deren in Auckland generalüberholte Triumph Tiger endlich wieder so schnurrt, wie es sich für eine Raubkatze gehört, und dass trotz der für ein Motorrad gigantischen Laufleistung von mehr als 130.000 Kilometern, mehr als die Hälfte davon zurückgelegt auf ihrer schon drei Jahre andauernden kreuz und quer um die Welt Tour. Freuen tun wir uns auch über das Wiedersehen mit Till, dem deutschen Steinmetz, den wir in einer stark alkoholisierten Nacht in Alice Springs, Australien, kennen gelernt und später in Darwin wiedergetroffen hatten. Die letzten Züge der erbitterten Internet-Schachparty, die ich seitdem mit ihm laufen habe, trudelten per E-Mail von den verschiedensten Inseln Indonesiens ein, im Moment chauffiert er seine reizende, auf Besuch weilende Mutter in einem gewaltigen Miet-Wohnmobil durch Neuseeland, dann soll es weitergehen nach Thailand. Der Mann hat echt Hummeln im Hintern. Einen längeren Besuch gibt es von Timo, dem Continental-Reifenmulti Mitarbeiter, der in einer einjährigen Auszeit erst Südamerika unsicher gemacht hat und im Moment die grossen, mehrtägigen Treks Neuseelands abmarschiert. Natürlich gibt es eine Menge zu erzählen, es ist schliesslich schon eine ganze Weile her, seit wir uns in Auckland getroffen hatten. An einem denkwürdigen Abend, von dem mir besonders die grosszügig eingeschenkten Portionen Wodka in Erinnerung geblieben sind, gibt Timo dann noch einige kurzweilige Schwänke aus seinem bisherigen Leben zum Besten, die wir, insbesondere jene, die korpulente dunkelhäutige Damen und eine nicht unbekannte Strasse Hannovers zum Thema hat, jedoch aus Loyalitätsgründen mit dem Mantel des Schweigens bedecken wollen. Schade, das wir Timo so schnell nicht wiedersehen werden, da ihn seine weitere Reise erst nach Australien und dann wieder zurück nach Deutschland führen wird. Aber irgendwann und irgendwo werden sich unsere Wege sicher noch ein Mal kreuzen. Aufgespürt werden wir auch von Mitarbeitern der Tagespresse. Tracey, Reporterin der Nelson Mail und ein Fotograph besuchen uns auf dem Campground. Wir posieren auf, vor und neben Maggie, Lohn der Mühe ist ein langer Artikel mit Farbfoto, der dadurch glänzt, dass Tracey einige unserer Aussagen scheinbar etwas missgedeutet hat. Auf ihre Frage, wo es uns auf unserer bisherigen Reise besonders gut gefallen hat, ist sicher auch der Name Teheran gefallen. Lesen müssen wir nun, dass wir uns gerne in der iranischen Hauptstadt niederlassen würden. Glücklicherweise befinden wir uns momentan nicht in den USA, sonst wären wir sicher umgehend nach dort herrschender „Billy the Kid“ Bush Doktrin von einem S.W.A.T. Team aufgemischt worden.