
Neuseeland 5
Wir
wollen vom Tongariro National Park aus nach Wanganui an der Westküste fahren.
Der normale Weg ist der State Highway 4, der westlich am Nationalpark vorbeiführt.
Es
gibt
aber eine wenig befahrene, landschaftlich weitaus attraktivere Alternativroute.
In Raetiki biegen wir ab nach Westen Richtung Pipiriki auf eine schmale, kurvige
Strasse, die ab der Hälfte des Weges auch ihre Asphaltdecke vermissen lässt,
aber akzeptabel zu befahren ist. Weiter geht es auf der River Road entlang des
Wanganui River Richtung Küste. Der breite, langsam fliessende Wanganui River
hat sich im Laufe der Jahrzehntausende tief in das Land
hineingeschnitten und die enge Strasse folgt meist oben an der steil abfallenden
Flanke der so entstandenen Schlucht seinem Verlauf. Traumhafte Ausblicke bieten
sich von hier oben auf den im Sonnenlicht glitzernden Fluss, der im Sommer eines
der beliebtesten Kanu-Reviere der Nordinsel ist. Kurz
vor Wanganui treffen SH 4 und River Road wieder zusammen, wir biegen ab auf die
SH 3, die uns entlang der Küste nach Nordwesten zu unserem nächsten Ziel,
Mount Taranaki (alias Mt. Egmont), bringt. Aus dem Zentrum einer sechzig
Kilometer durchmessenden, halbkreisförmigen Landvorwölbung an der Westküste,
ragt dieser Vulkan 2518 Meter hoch heraus und dominiert die Umgebung. Nur eine
ganz kurze Erklärung zu den ganzen Vulkanen, Erdbeben und heissen Quellen, von
denen ich (gezwungenermassen) immer berichte: Neuseeland liegt genau auf der
Linie, an der die „Indisch-Australische Platte“ versucht, sich über die
„Pazifische Platte“ zu schieben. Das gibt zuweil ordentliche Reibereien, führt
zu vermehrten Naturkatastrophen und der Tatsache, dass sich dieses Land in
absehbarer Zeit (so zwischen 50.000 und 1.000.000 Jahren) noch einige Male
grundlegend verändern wird. Gäbe es einen Wettbewerb um den Titel „schönster
Berg
Neuseelands“,
würde Mount Taranaki ihn, dank seiner fast perfekten Kegelform, die ihn dem
Fujiama in Japan zum Verwechseln ähnlich macht, zweifellos gewinnen. Sagen
zumindest die, die ihn wirklich schon einmal gesehen haben, und das können
eigentlich nicht viele sein. Auf Grund seiner exponierten Lage, ist ein
Grossteil des Berges, natürlich der interessante obere, fast immer von Wolken
umhüllt. Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stell dir vor, du bist eine
propere, ambitionierte Regenwolke über der Tasmanischen See mit Kurs auf die
Westküste der Nordinsel Neuseelands. Als respektabler Vertreter deiner Zunft
hast du eine ordentliche Menge Wasser gespeichert und bist voller Vorfreude,
dieses in Form von Regen über irgendeiner gottverlassenen Schaffarm im
Landesinneren ablassen zu können. Du erreichst die Küste, starrst wie gebannt
auf den vor dir erscheinenden wunderschönen Berg und beschliesst, ein klein
wenig hinüberzudriften, um dieses Prachtstück besser betrachten zu können.
Schon ist es passiert. Mount Taranaki hat dich in seiner Gewalt, zieht dich
unwiderstehlich zu sich heran, bis du schliesslich an seiner Westflanke klebst,
umgeben von vielen Leidensgenossen, die auch schon hier herumhängen. Ihr werdet
die Flanke hinaufgedrückt, erreicht kältere Regionen, deine Kontinenz und die
deiner unglücklichen Kameraden lässt nach. Schliesslich könnt ihr euer Wasser
nicht mehr halten und regnet oder schneit den grössten Teil eurer Ladung über
dem Berg ab, dann lässt er eure kläglichen Überreste weiterziehen. Es ist
meteorologische Wegelagerei. Ergebnis: Die durchschnittliche
Jahresniederschlagsmenge am Mount Taranaki beträgt 7000(!) mm. Die im Schnitt
nur dreissig Kilometer entfernten, halbkreisförmig um den Berg herum verteilten
Küstenorte bekommen nur etwa 1500 mm ab. Gerüchten zu Folge (und es gibt
Fotographien, die das bestätigen) präsentiert sich der Prachtbursche ab und an
einmal in seiner ganzen, gewaltigen Grösse. Mt. Taranaki ist Mittelpunkt des 20
Kilometer durchmessenden Egmont National Park, in den von der Ostseite her drei
Strassen hinein und auf etwa 1000 Meter Höhe führen. Es gibt ein kleines, zu
vernachlässigendes Skigebiet (die letzten 2,5 Kilometer muss man mit Sack und
Pack zu Fuss laufen) und am Ende der nördlichen der drei Zufahrten ein grosses,
wie immer gut informiertes Visitor Centre des DOC, dass aktuelle
Wettervorhersagen für die nächsten Tage (heute: bewölkt/Regen, morgen: bewölkt/Regen,
übermorgen...) und Kartenmaterial für die vielen Walking-Tracks von dreissig
Minuten bis fünf Tagen Länge bereithält. Ein markierter Weg führt gar hinauf
auf den Gipfel, ist im Sommer ohne Schnee von jedem trainierten Bergwanderer in
schweisstreibenden 6-8 Stunden zu bezwingen, im Winter allerdings alles andere
als ungefährlich. Gute alpine Erfahrung und eine komplette Kletterausrüstung
sind gefragt. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass Mt. Taranaki bis heute
sechzig
Menschenleben gefordert hat. Nicht verpassen sollte man die kleine
Ausstellung im Visitor Centre, die sich mit vulkanischen Aktivitäten befasst.
Unter der Überschrift „What goes up, must come down“ gibt es dort ein
Modell des Vulkanes in einer Plexiglasröhre zu finden. Auf Knopfdruck wird eine
Simulation gestartet, die zeigt, was passiert, wenn so ein Vulkan Steine und
Asche in den Himmel spuckt. Das muss man gesehen haben, um es zu glauben. Was
ich damit meine ist, dass dieses Visitor Centre in seinen modernen Architektur
ganz klar zu erkennen gibt, dass es wahrscheinlich in den Neunzigern gebaut
worden ist, diese Simulation aber, die an plumper Einfachheit alles unterbietet,
was ich mir bis heute an grottenschlechter Demonstration vorzustellen wagte, den
Eindruck macht, aus einer Zeit lange, lange vor meiner Geburt zu stammen. Die
von diesem „Meisterwerk der Feinmechanik“ produzierten Geräusche tun ihr übriges
hinzu, unsere Heiterkeit noch zu verstärken. Wie schon erwähnt, gibt es ein
kleines Skigebiet am Mt. Taranaki, am einfachsten
zu erreichen über die Stadt Stratford, östlich des Berges. In einer Höhe von
1300 Metern muss man sein Fahrzeug stehen lassen und zu Fuss weiter, etwa 2,5
Kilometer, bis man den Abfahrtshang (nur eine Liftstrecke) erreicht, der hauptsächlich
von ein paar Handvoll Snowboardern genutzt wird. Komplettes Ski-Gerödel bis
hierhin zu schleppen, macht offensichtlich keine rechte Freude. Aber allein der
Weg ist, auch für die nicht Ski- oder Snowboardbegeisterten, interessant genug,
denn man quert dabei den gefährlichen Flaschenhals des „Manganui Monster“,
einer bis auf 2000 Meter Höhe hinaufreichenden Schlucht an der Bergflanke mit
grossen Schneefeldern. Hier gehen zuweilen gewaltige Lawinen ab, und dann wird
es in der Engstelle, die man auf dem Weg zum Skihang durchqueren muss, gelinde
gesagt turbulent. Bei einer der grossen Lawinen der vergangenen Jahre soll der
Schnee hier danach zehn Meter hoch aufgetürmt gewesen sein. Gruselige
Vorstellung, darunter zu liegen. So weisen auf beiden Seiten der engen Schlucht
Warnschilder darauf hin, die Engstelle flinken
Fusses
zu durchqueren und keinesfalls ausgerechnet hier eine Brotzeitpause einzulegen.
Die Küste entlang der halbkreisförmigen Landvorwölbung, in deren
Mittelpunkt Mt. Taranaki liegt, ist ein beliebter Surf-Spot, zumindest im
Sommer, bei anständigen Wassertemperaturen. Es wird einem Angst und Bange, wenn
man beobachtet, mit welcher Macht sich die gewaltigen Wellenberge auf den Strand
zudonnern. Surfbegeisterte werden definitiv hochgradig entzückt sein. Ein
sicherer Tip ist die kleine Bucht bei Opunake, südwestlich Mt. Taranaki. Genau
nördlich des Berges befindet sich die grösste Ansiedlung der Umgebung, New
Plymouth, eigentlich ein schmuckes Städtchen (allein das neueröffnete
Visitor-Centre, eingebettet in ein kleines Museum, lohnt den Besuch) mit
grandiosem Blick auf Mt. Taranaki (wenn er sich denn gnädigerweise einmal
blicken lässt), aber weniger grandiosen Industrieanlagen im Küstenbereich. Wir
statten der hiesigen IVECO Service-Station KMC einen Besuch ab, denn Maggie
bettelt um turnusmässige Servicearbeiten, die wir schon ein paar tausend
Kilometer überschritten haben. Schande über uns, wir haben die bisher wohl
zuverlässigste Frau in unserem Leben schmählich vernachlässigt. Zwanzig Liter
Spezialöl für Schaltgetriebe, Verteilergetriebe und die beiden
Achsdifferentiale sind einfach und
vergleichsweise preiswert zu bekommen, beim Luftfilter wird es problematisch.
Ausgefallenes Modell, nicht am Lager, aber mittels einiger Telefonate wird ein
passender aus Wellington per Kurier über Nacht hier hinbeordert. Passt natürlich
nicht. Wieder viele Telefonate. Schliesslich steht fest, dass es in ganz
Neuseeland keinen Luftfilter gibt, der Maggie genehm sein würde. Unverzagt wird
weitergeforscht und siehe da, in Australien wird man fündig. Man verspricht
uns, ihn innerhalb von vier Tagen nach Wellington zu schaffen, dort sollen wir
ihn dann bei der dortigen IVECO Service-Station abholen. Nichts ist unmöglich.
Wir verlassen Mt. Taranaki, ohne ihn einmal komplett gesehen zu haben (ausser
auf Fotos und, ungelogen, er sieht echt Klasse aus). In Stratford beginnt der
State Highway 43, führt über 150 Kilometer nach Westen Richtung Lake Taupo
durch abgelegene Berg- und Waldgebiete. Auf der ganzen Strecke gibt es übrigens
keine Tankstelle, ein Blick auf die Tanknadel sei somit empfohlen. Der SH 43 trägt
den werbewirksamen Namen „Lost World Highway“, der ein ganz klein wenig übertrieben
ist. Sicher, es geht abwechselnd vorbei an stinkeinsamen Schaffarmen, deren
Wirtschaftsgebäude den Eindruck machen, als seien sie seit mehreren Dekaden
ungenutzt (die in grosser Zahl anwesenden gepflegten Schafe sprechen jedoch
gegen diese Vermutung), durch undurchdringliche subtropische Regenwälder und
enge Schluchten,
entlang
reissender Bäche. Von der Welt verlassen kommt man sich aber nicht vor, zumal
einem im Schnitt alle zehn Minuten ein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Dennoch,
es ist sicher lohnenswert, den „Lost World Highway“ zu befahren. Von einigen
Bergsätteln aus bietet sich die ungehinderte Sicht auf die majestätischen
Vulkane des Tongariro National Park, und wenn man gewillt ist, sich auf
Schotterpisten vom Highway zu entfernen und dann noch einige Kilometer zu Fuss
zu laufen, wird man beispielsweise belohnt mit dem Ausblick auf die
Mt. Damper Falls, die von einer hufeisenförmigen Klippe achtzig Meter in
die Tiefe stürzen. Erst 1900 hat der erste europäische Siedler diese Wasserfälle
zu Gesicht bekommen. Ist halt doch eine recht abgelegene Gegend. Der „Lost
World Highway“ endet in Taumarunui und führt als SH 41 weiter nach Westen über
die Berge des Pareora Forest nach Turangi am Südufer des Lake Taupo. Auf halber
Strecke erreichen wir auf einem Bergsattel einen Viewpoint, der einen prächtigen
Ausblick auf die drei uns schon bekannten Vulkane des Tongariro National Park,
etwa 40 Kilometer südlich von uns, bietet. Eine innere Stimme bringt
mich dazu, meinen Blick nach Westen zu wenden. Und was sehe ich da, 140
Kilometer entfernt von meinem jetzigen auf über 1000 Meter gelegenen Standort,
der mir so erst ermöglicht, derartig weit entfernte Objekte trotz der Erdkrümmung
erkennen zu können? Mount Taranaki, in seiner ganzen herrlichen Pracht, ohne
ein einziges Wölkchen um seine wie von Künstlerhand geformte ebenmässige,
kegelförmige Spitze. Schnee und Eis auf seinem Gipfel glitzern im einfallenden
Sonnenlicht, selbst auf diese gewaltige Entfernung. Verflucht sei dieser Berg!
So ein hundsgemeiner Mistkerl! Der weiss ganz genau, dass wir aus dieser
Entfernung keine verwertbaren Fotos schiessen können. Der herüberwehende
Westwind rauscht wie hämisches Lachen in unseren Ohren. Kommt ruhig zurück,
lautet seine Botschaft, aber seid euch darüber im klaren, sobald ihr ankommt,
sind auch die Wolken wieder da. Nur nicht ärgern lassen, es gibt noch andere hübsche
Berge in Neuseeland. Doch, zugegeben, er ist schon beeindruckend schön, selbst
aus 140 Kilometern
Entfernung.
Von Turangi aus werden wir den Tongariro National Park ein zweites Mal
umfahren, dieses Mal auf der östlichen Route, über den SH 1. Wir haben Glück,
er ist nicht gesperrt. Das passiert im Winter recht häufig, wenn der Highway,
immerhin eine der beiden Nord-Süd Hauptverbindungen auf der Nordinsel, vereist
oder zugeschneit ist. Kein Wunder, denn er verläuft über grosse Strecken auf
einer Hochebene oberhalb von 1000 Meter Höhe. Der Bewuchs rechts und links des
Highway erinnert uns an das australische Outback. Niedrige Büsche, Steppengras.
Das saftige neuseeländische Grün wird hier abgelöst von kargem, trockenen
Braun. Der Teilabschnitt des SH 1 zwischen Turangi und Waiouru heisst nicht
umsonst
„Desert Road“. Auf einem Parkplatz südlich Waiouru spricht uns David
an, KFZ Ersatzteil-Vertreter aus Palmerston North, weitere 40 Kilometer südlich
von uns. In einem halben Jahr will er mit seiner Frau auf eine mehr als zweijährige
Weltreise gehen. Fahrzeug: Toyota Hilux mit Dachzelt. Geplante Reiseziele:
Australien, Europa, Nord- und Südamerika. Gewaltiges Vorhaben. Da wir am
folgenden Mittag in Palmerston North sind, besuchen wir David zuhause,
begutachten den Toyota und tauschen Erfahrungen aus. David kennt Europa wie aus
der Westentasche, ist er doch emigrierter Engländer und hat vor seiner
Auswanderung nach Neuseeland Reisebusse durch alle Länder des europäischen
Kontinentes
chauffiert. In seiner Eigenschaft als KFZ Ersatzteil-Vertreter hält er es natürlich
für seine Pflicht zu versuchen, uns den benötigten Luftfilter schneller und
billiger zu besorgen, als die Kollegen des IVECO-Servicedienstes. Doch nach
einigen Telefonaten muss er zugeben, dass Maggie ein echt schwerer Fall ist. Er
könnte einen passenden Filter aus den USA einfliegen oder hier in Neuseeland
auf Mass anfertigen lassen. Beide Optionen erscheinen uns etwas übertrieben.
Davids Vertreterseele hat nun fürs erste schwere Schlagseite. Früh am nächsten
Morgen haben wir einen Foto- und Interviewtermin mit dem „TRUCKING“ Magazin,
Neuseelands führender LKW und 4wd Hochglanz-Zeitschrift. Chefredakteur Scott
Wilson, auf Besuch aus der Redaktion in Auckland, hatte uns angesprochen, als
wir vor dem Visitor Center parkten. Ein Foto und ein paar Sätze über unsere
Reise seien sicher interessant für die Leser. Kein Problem, wir posieren vor
Maggie für ein Foto und geben ein paar unserer Geschichten zum Besten (es
schmeichelt uns natürlich ungemein, dass wir für die NZ-Truckerszene von
Interesse sind). Den Rest des Vormittags verbringen wir mit dem turnusmässigen,
zweiwöchentlichen Wäsche-Waschtag. Unsere zuverlässige Behelfswaschmaschine
(Blaue 30-Liter Plastiktonne mit luftdicht schliessendem Deckel, Wäsche rein,
Pulver rein, Wasser rein, Tonne zu, rauf auf den Dachgepäckträger, zwei
Stunden durch die Gegend fahren, Tonne auf, Wäsche sauber) kommt in Neuseeland
nicht zum Einsatz. Es ist einfach zu kühl und unbeständig, als dass wir die
nassen Sachen auf der Leine trocknen könnten. Zum Glück gibt es fast überall
Münz-Waschsalons und nach zwei Stunden ist alles sauber und trocken. Im
Zusammenlegen sind wir inzwischen Weltmeister (nicht, weil wir ordentlich,
sondern schnell sind). Von Palmerston North fahren wir entlang
der
Küste weiter nach Südwesten, ab Waihanae etwa 35 Kilometer auf der wohl
kurvenreichsten Strecke Neuseelands südostwärts (keine 100 Meter ohne
Richtungswechsel, die Strasse selten breiter als drei Meter), lernen
entgegenkommenden Fahrzeugen das Fürchten und erreichen schliesslich Upper Hutt
/ Lower Hutt, die beiden Wohnstädte Wellingtons, nördlich der neuseeländischen
Hauptstadt im Hutt Valley (daher der Name) am Hutt River (hätte ich drauf
gewettet) gelegen. In Lower Hutt in der Hutt Road (wo sonst) besuchen wir den
LKW-Teilehändler, zu dem Maggies neuer Luftfilter aus Australien geschickt
werden sollte. Stolz präsentiert uns ein Mitarbeiter das Prachtstück.
Wunderschöner Filter. Zeitlos elegant. Falsche Grösse. Wir werden uns mit dem
Gedanken anfreunden müssen, einen passenden Filter per Post aus Deutschland
schicken zu lassen. Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer bis Wellington,
205.00 Einwohner, gelegen an der südwestlichen Spitze der Nordinsel,
Regierungssitz und Abfahrtshafen der Fährschiffe Richtung Südinsel. Die Stadt
empfängt uns mit tiefhängenden, dunklen Wolken und Regenschauern. Als wir das
erste Mal aussteigen, bekommen wir am
eigenen Leib zu spüren, warum Wellington den Beinamen „Windy City“ trägt.
Es bläst uns fast aus den Socken. Und das ist hier immer so. Nicht so heftig,
aber stetig. Da wir ein paar Tage in der Stadt verweilen wollen, suchen wir
zuerst einen möglichst zentrumsnahen und kostenlosen Standplatz. Den gibt es am
Viewpoint auf dem 196 Meter hohen Mt. Victoria, Luftlinie 1500 Meter bis zum
City Center. Vorraussetzung: Man sollte nicht anfällig für Seekrankheit sein.
Ist der Wind auf Meereshöhe schon kräftig, schaukeln die Böen hier auf dem
Berg das ungeschützte Fahrzeug heftig hin und her. Dafür ist die Aussicht auf
Stadt, Hafen, Airport und Bucht sensationell (besonders bei Nacht). „Te
Papa“ (maori für „weites Land“), das Nationalmuseum Neuseelands, 1998
nach fünfjähriger Bauzeit und
Baukosten
in Höhe von 317 Millionen NZ$ eröffnet, gelegen am Ufer des Lambton Harbour,
ist sicher eine der grössten Attraktionen der Stadt und Stolz der Nation. Auf
sechs Leveln und einem grossen Freiluftareal bietet es eine Einführung in
dieses erstaunliche Land und seine vielfältige Natur, einen ausgedehnten
Einblick in die Maori-Kultur und die Geschichte der europäischen Besiedlung.
Eine interaktive Ausstellung namens „awesome forces“ erklärt die Urkräfte,
die das Land gebildet haben und auch heute immer noch ummodellieren. Im „Earthquake
House“ spüren und sehen wir die simulierten Auswirkungen eines Erdbebens, die
wir in der Realität nicht zwingend miterlaben möchten. Abgerundet wird das ständige
Programm durch wechselnde Ausstellungen der Bereiche Malerei, Fotografie und
Design. In vier speziell für Kinder entwickelten Discovery Centres gibt es
Ausstellungsstücke zum Anfassen und ausprobieren. Erwachsenen ist der Zutritt
hierzu natürlich nicht verboten, und so überrascht es uns gar nicht, wie viele
(hauptsächlich) Väter wir hier ohne ihre Kinder antreffen. Te Papa zieht uns für
viele Stunden in seinen Bann, nicht ohne Grund hat das bemerkenswerte Museum
allein im Jahr seiner Eröffnung über zwei Millionen Besucher angelockt. Zu
unserer freudigen Überraschung kostet der Eintritt keinen Cent, aber so sollte
es in einem Nationalmuseum auch sein. Wir klappern die Büros der Fährschifflinien
ab, um die Preise für unsere
Verschiffung auf die Südinsel auszuloten. Dies über ein Reisebüro zu machen würde
zwar einige Wege sparen, doch darf man nicht vergessen, dass diese Agenturen
keine caritativen Einrichtungen sind und auch ihren Teil verdienen wollen.
Eigeninitiative spart hier bares Geld. Die beiden bekanntesten Linien sind „The
Lynx“, die einen schnellen Katamaranservice anbieten, dementsprechend teuer
und somit von vornherein aus dem rennen sind sowie „Interislander“, deren
Tarife undurchschaubar und abhängig von Saisonzonen, Wochentagen und
Abfahrtsuhrzeiten sind. Man wäre bereit, uns und Maggie für 430 NZ$ an einem
Werktag auf der 5:30 Frühtour mitzunehmen. Zu anderen Uhrzeiten steigt der
Preis auf bis zu 700 NZ$. Das muss billiger gehen. Wir hatten den Tip bekommen,
es bei der „Strait Shipping Line“ zu versuchen, die eigentlich auf den
Transport von Güter-LKW und Vieh spezialisiert sind. Auch sie würden uns natürlich
gerne verschiffen, deklariert als Reisebus, berechnet wird nach Meter Länge,
Preis 680 NZ$. Nicht gerade das Schnäppchen, das wir erhofft hatten. Den
Zuschlag bekommt letztendlich „Bluebridge“, eine junge, erst seit neun
Monaten operierende Fährlinie, die auch der „Strait Shipping“-Gruppe angehört.
Keine verwirrenden Tarife, Tickets haben einen festen Preis, egal ob Sommer oder
Winter, Mittwoch oder Sonntag, Tag oder Nacht. Der
Mitarbeiter
am Schalter leidet nach eigener Aussage an einem hundsgemeinen Kater,
hervorgerufen durch eine bereuenswerte Mega-Sauftour in der vorigen Nacht. Somit
ist er ein willfähriges Opfer für unser Ansinnen, Maggies Länge inoffiziell
auf acht Meter zu reduzieren, um sie so in der Gruppe der „grossen Motorhomes“
unterzubringen. Für längere Fahrzeuge gilt eigentlich ein inakzeptabler
Meterpreis. Der Widerstand des Hangover-geschädigten Bluebridge-Mitarbeiters
ist schwach und wir gelangen ohne grosse Diskussionen in den Genuss eines
Tickets für 330 NZ$. Das Herumfahren hat sich also gelohnt. Südlich von
Wellington am Sinclair Head soll es eine Robbenkolonie geben. Die pelzigen
Gesellen seien dort, so sagt man uns, zwischen Mai und September anzutreffen.
Unsere Chancen, sie zu sehen, sind also mehr als gut. Wir verlassen das
Stadtzentrum durch den Mt. Victoria Tunnel Richtung Airport und folgen ab der
Lyall Bay der Küstenstrasse, vorbei an der Island Bay bis zum Tor eines
Steinbruches am südlichen Ende der Owhiro Bay. Von hier aus geht es zu Fuss
weiter, etwa sechs Kilometer entlang der rauen, zerklüfteten Küste. Mächtige
Klippen, die auf den Namen Red Rocks hören, erheben sich rechts von uns.
Schliesslich erreichen wir unser Ziel Sinclair Head und richtig, zwischen und
auf den Felsen am Ufer frönt eine Herde von etwa achtzig Robben ihrer
Lieblingsbeschäftigung: Faulenzen. Bei der Annäherung an diese Tiere gilt es,
zwei Dinge zu beachten: 1. Langsam gehen, keine
hektischen Bewegungen machen, 2. Auf gar keinen Fall zwischen eine Robbe und den
Ozean geraten. Genau dort will sie nämlich hin, wenn ihr Fluchtinstinkt sie
dazu auffordert. Und dann sollte man nicht im Weg sein. Im Grunde genommen sind
Robben friedlich, lassen sich aber auch nicht gerne in die Enge treiben. Ein 160
Kilogramm schwerer Bulle, der, wenn du nur ein paar Meter vor ihm stehst, urplötzlich
losbrüllt, die Kiefer auseinander klappt, daumenlange Hauer zeigt und seinen
massigen Körper behänder als erwartet in deine Richtung bewegt, ist allemal
beeindruckend. Lange Narben an den Körpern der Bullen zeugen davon, dass die
spitzen Hauer bei Rivalenkämpfen oder der Verteidigung gegen Angreifer eine
nicht zu unterschätzende Waffe sein können. Nähert man sich einer Robbe aber
langsam und gebückt, kann es durchaus gelingen, bis auf einen Meter
heranzukommen, ohne sie misstrauisch zu machen. Dann ist es
wunderschön,
einfach nur zu beobachten, wie sie sich schläfrig von einer Seite auf die
andere rollen, an den Felsen schubbern oder sich fröhlich grunzend mit ihren
grossen Brustflossen den Bauch kraulen. Noch vor zwei Jahren hätten wir es
nicht für möglich gehalten, heute auf der anderen Seite des Planeten mitten in
einer Herde freilebender Robben zu sitzen. Dies ist wieder eines der wunderbaren
Erlebnisse, die uns beweisen, wie wichtig und richtig der Entschluss war, auf
diese Reise zu gehen.