Neuseeland 5

Wir wollen vom Tongariro National Park aus nach Wanganui an der Westküste fahren. Der normale Weg ist der State Highway 4, der westlich am Nationalpark vorbeiführt. Es gibt aber eine wenig befahrene, landschaftlich weitaus attraktivere Alternativroute. In Raetiki biegen wir ab nach Westen Richtung Pipiriki auf eine schmale, kurvige Strasse, die ab der Hälfte des Weges auch ihre Asphaltdecke vermissen lässt, aber akzeptabel zu befahren ist. Weiter geht es auf der River Road entlang des Wanganui River Richtung Küste. Der breite, langsam fliessende Wanganui River hat sich im Laufe der Jahrzehntausende tief in das Land hineingeschnitten und die enge Strasse folgt meist oben an der steil abfallenden Flanke der so entstandenen Schlucht seinem Verlauf. Traumhafte Ausblicke bieten sich von hier oben auf den im Sonnenlicht glitzernden Fluss, der im Sommer eines der beliebtesten Kanu-Reviere der Nordinsel ist. Kurz vor Wanganui treffen SH 4 und River Road wieder zusammen, wir biegen ab auf die SH 3, die uns entlang der Küste nach Nordwesten zu unserem nächsten Ziel, Mount Taranaki (alias Mt. Egmont), bringt. Aus dem Zentrum einer sechzig Kilometer durchmessenden, halbkreisförmigen Landvorwölbung an der Westküste, ragt dieser Vulkan 2518 Meter hoch heraus und dominiert die Umgebung. Nur eine ganz kurze Erklärung zu den ganzen Vulkanen, Erdbeben und heissen Quellen, von denen ich (gezwungenermassen) immer berichte: Neuseeland liegt genau auf der Linie, an der die „Indisch-Australische Platte“ versucht, sich über die „Pazifische Platte“ zu schieben. Das gibt zuweil ordentliche Reibereien, führt zu vermehrten Naturkatastrophen und der Tatsache, dass sich dieses Land in absehbarer Zeit (so zwischen 50.000 und 1.000.000 Jahren) noch einige Male grundlegend verändern wird. Gäbe es einen Wettbewerb um den Titel „schönster Berg Neuseelands“, würde Mount Taranaki ihn, dank seiner fast perfekten Kegelform, die ihn dem Fujiama in Japan zum Verwechseln ähnlich macht, zweifellos gewinnen. Sagen zumindest die, die ihn wirklich schon einmal gesehen haben, und das können eigentlich nicht viele sein. Auf Grund seiner exponierten Lage, ist ein Grossteil des Berges, natürlich der interessante obere, fast immer von Wolken umhüllt. Machen wir ein kleines Gedankenexperiment: Stell dir vor, du bist eine propere, ambitionierte Regenwolke über der Tasmanischen See mit Kurs auf die Westküste der Nordinsel Neuseelands. Als respektabler Vertreter deiner Zunft hast du eine ordentliche Menge Wasser gespeichert und bist voller Vorfreude, dieses in Form von Regen über irgendeiner gottverlassenen Schaffarm im Landesinneren ablassen zu können. Du erreichst die Küste, starrst wie gebannt auf den vor dir erscheinenden wunderschönen Berg und beschliesst, ein klein wenig hinüberzudriften, um dieses Prachtstück besser betrachten zu können. Schon ist es passiert. Mount Taranaki hat dich in seiner Gewalt, zieht dich unwiderstehlich zu sich heran, bis du schliesslich an seiner Westflanke klebst, umgeben von vielen Leidensgenossen, die auch schon hier herumhängen. Ihr werdet die Flanke hinaufgedrückt, erreicht kältere Regionen, deine Kontinenz und die deiner unglücklichen Kameraden lässt nach. Schliesslich könnt ihr euer Wasser nicht mehr halten und regnet oder schneit den grössten Teil eurer Ladung über dem Berg ab, dann lässt er eure kläglichen Überreste weiterziehen. Es ist meteorologische Wegelagerei. Ergebnis: Die durchschnittliche Jahresniederschlagsmenge am Mount Taranaki beträgt 7000(!) mm. Die im Schnitt nur dreissig Kilometer entfernten, halbkreisförmig um den Berg herum verteilten Küstenorte bekommen nur etwa 1500 mm ab. Gerüchten zu Folge (und es gibt Fotographien, die das bestätigen) präsentiert sich der Prachtbursche ab und an einmal in seiner ganzen, gewaltigen Grösse. Mt. Taranaki ist Mittelpunkt des 20 Kilometer durchmessenden Egmont National Park, in den von der Ostseite her drei Strassen hinein und auf etwa 1000 Meter Höhe führen. Es gibt ein kleines, zu vernachlässigendes Skigebiet (die letzten 2,5 Kilometer muss man mit Sack und Pack zu Fuss laufen) und am Ende der nördlichen der drei Zufahrten ein grosses, wie immer gut informiertes Visitor Centre des DOC, dass aktuelle Wettervorhersagen für die nächsten Tage (heute: bewölkt/Regen, morgen: bewölkt/Regen, übermorgen...) und Kartenmaterial für die vielen Walking-Tracks von dreissig Minuten bis fünf Tagen Länge bereithält. Ein markierter Weg führt gar hinauf auf den Gipfel, ist im Sommer ohne Schnee von jedem trainierten Bergwanderer in schweisstreibenden 6-8 Stunden zu bezwingen, im Winter allerdings alles andere als ungefährlich. Gute alpine Erfahrung und eine komplette Kletterausrüstung sind gefragt. Ich will nicht unerwähnt lassen, dass Mt. Taranaki bis heute sechzig Menschenleben gefordert hat. Nicht verpassen sollte man die kleine Ausstellung im Visitor Centre, die sich mit vulkanischen Aktivitäten befasst. Unter der Überschrift „What goes up, must come down“ gibt es dort ein Modell des Vulkanes in einer Plexiglasröhre zu finden. Auf Knopfdruck wird eine Simulation gestartet, die zeigt, was passiert, wenn so ein Vulkan Steine und Asche in den Himmel spuckt. Das muss man gesehen haben, um es zu glauben. Was ich damit meine ist, dass dieses Visitor Centre in seinen modernen Architektur ganz klar zu erkennen gibt, dass es wahrscheinlich in den Neunzigern gebaut worden ist, diese Simulation aber, die an plumper Einfachheit alles unterbietet, was ich mir bis heute an grottenschlechter Demonstration vorzustellen wagte, den Eindruck macht, aus einer Zeit lange, lange vor meiner Geburt zu stammen. Die von diesem „Meisterwerk der Feinmechanik“ produzierten Geräusche tun ihr übriges hinzu, unsere Heiterkeit noch zu verstärken. Wie schon erwähnt, gibt es ein kleines Skigebiet am Mt. Taranaki, am einfachsten zu erreichen über die Stadt Stratford, östlich des Berges. In einer Höhe von 1300 Metern muss man sein Fahrzeug stehen lassen und zu Fuss weiter, etwa 2,5 Kilometer, bis man den Abfahrtshang (nur eine Liftstrecke) erreicht, der hauptsächlich von ein paar Handvoll Snowboardern genutzt wird. Komplettes Ski-Gerödel bis hierhin zu schleppen, macht offensichtlich keine rechte Freude. Aber allein der Weg ist, auch für die nicht Ski- oder Snowboardbegeisterten, interessant genug, denn man quert dabei den gefährlichen Flaschenhals des „Manganui Monster“, einer bis auf 2000 Meter Höhe hinaufreichenden Schlucht an der Bergflanke mit grossen Schneefeldern. Hier gehen zuweilen gewaltige Lawinen ab, und dann wird es in der Engstelle, die man auf dem Weg zum Skihang durchqueren muss, gelinde gesagt turbulent. Bei einer der grossen Lawinen der vergangenen Jahre soll der Schnee hier danach zehn Meter hoch aufgetürmt gewesen sein. Gruselige Vorstellung, darunter zu liegen. So weisen auf beiden Seiten der engen Schlucht Warnschilder darauf hin, die Engstelle flinken Fusses zu durchqueren und keinesfalls ausgerechnet hier eine Brotzeitpause einzulegen. Die Küste entlang der halbkreisförmigen Landvorwölbung, in deren Mittelpunkt Mt. Taranaki liegt, ist ein beliebter Surf-Spot, zumindest im Sommer, bei anständigen Wassertemperaturen. Es wird einem Angst und Bange, wenn man beobachtet, mit welcher Macht sich die gewaltigen Wellenberge auf den Strand zudonnern. Surfbegeisterte werden definitiv hochgradig entzückt sein. Ein sicherer Tip ist die kleine Bucht bei Opunake, südwestlich Mt. Taranaki. Genau nördlich des Berges befindet sich die grösste Ansiedlung der Umgebung, New Plymouth, eigentlich ein schmuckes Städtchen (allein das neueröffnete Visitor-Centre, eingebettet in ein kleines Museum, lohnt den Besuch) mit grandiosem Blick auf Mt. Taranaki (wenn er sich denn gnädigerweise einmal blicken lässt), aber weniger grandiosen Industrieanlagen im Küstenbereich. Wir statten der hiesigen IVECO Service-Station KMC einen Besuch ab, denn Maggie bettelt um turnusmässige Servicearbeiten, die wir schon ein paar tausend Kilometer überschritten haben. Schande über uns, wir haben die bisher wohl zuverlässigste Frau in unserem Leben schmählich vernachlässigt. Zwanzig Liter Spezialöl für Schaltgetriebe, Verteilergetriebe und die beiden Achsdifferentiale sind einfach und vergleichsweise preiswert zu bekommen, beim Luftfilter wird es problematisch. Ausgefallenes Modell, nicht am Lager, aber mittels einiger Telefonate wird ein passender aus Wellington per Kurier über Nacht hier hinbeordert. Passt natürlich nicht. Wieder viele Telefonate. Schliesslich steht fest, dass es in ganz Neuseeland keinen Luftfilter gibt, der Maggie genehm sein würde. Unverzagt wird weitergeforscht und siehe da, in Australien wird man fündig. Man verspricht uns, ihn innerhalb von vier Tagen nach Wellington zu schaffen, dort sollen wir ihn dann bei der dortigen IVECO Service-Station abholen. Nichts ist unmöglich. Wir verlassen Mt. Taranaki, ohne ihn einmal komplett gesehen zu haben (ausser auf Fotos und, ungelogen, er sieht echt Klasse aus). In Stratford beginnt der State Highway 43, führt über 150 Kilometer nach Westen Richtung Lake Taupo durch abgelegene Berg- und Waldgebiete. Auf der ganzen Strecke gibt es übrigens keine Tankstelle, ein Blick auf die Tanknadel sei somit empfohlen. Der SH 43 trägt den werbewirksamen Namen „Lost World Highway“, der ein ganz klein wenig übertrieben ist. Sicher, es geht abwechselnd vorbei an stinkeinsamen Schaffarmen, deren Wirtschaftsgebäude den Eindruck machen, als seien sie seit mehreren Dekaden ungenutzt (die in grosser Zahl anwesenden gepflegten Schafe sprechen jedoch gegen diese Vermutung), durch undurchdringliche subtropische Regenwälder und enge Schluchten, entlang reissender Bäche. Von der Welt verlassen kommt man sich aber nicht vor, zumal einem im Schnitt alle zehn Minuten ein anderes Fahrzeug entgegenkommt. Dennoch, es ist sicher lohnenswert, den „Lost World Highway“ zu befahren. Von einigen Bergsätteln aus bietet sich die ungehinderte Sicht auf die majestätischen Vulkane des Tongariro National Park, und wenn man gewillt ist, sich auf Schotterpisten vom Highway zu entfernen und dann noch einige Kilometer zu Fuss zu laufen, wird man beispielsweise belohnt mit dem Ausblick auf die  Mt. Damper Falls, die von einer hufeisenförmigen Klippe achtzig Meter in die Tiefe stürzen. Erst 1900 hat der erste europäische Siedler diese Wasserfälle zu Gesicht bekommen. Ist halt doch eine recht abgelegene Gegend. Der „Lost World Highway“ endet in Taumarunui und führt als SH 41 weiter nach Westen über die Berge des Pareora Forest nach Turangi am Südufer des Lake Taupo. Auf halber Strecke erreichen wir auf einem Bergsattel einen Viewpoint, der einen prächtigen Ausblick auf die drei uns schon bekannten Vulkane des Tongariro National Park, etwa 40 Kilometer südlich von uns, bietet. Eine innere Stimme bringt mich dazu, meinen Blick nach Westen zu wenden. Und was sehe ich da, 140 Kilometer entfernt von meinem jetzigen auf über 1000 Meter gelegenen Standort, der mir so erst ermöglicht, derartig weit entfernte Objekte trotz der Erdkrümmung erkennen zu können? Mount Taranaki, in seiner ganzen herrlichen Pracht, ohne ein einziges Wölkchen um seine wie von Künstlerhand geformte ebenmässige, kegelförmige Spitze. Schnee und Eis auf seinem Gipfel glitzern im einfallenden Sonnenlicht, selbst auf diese gewaltige Entfernung. Verflucht sei dieser Berg! So ein hundsgemeiner Mistkerl! Der weiss ganz genau, dass wir aus dieser Entfernung keine verwertbaren Fotos schiessen können. Der herüberwehende Westwind rauscht wie hämisches Lachen in unseren Ohren. Kommt ruhig zurück, lautet seine Botschaft, aber seid euch darüber im klaren, sobald ihr ankommt, sind auch die Wolken wieder da. Nur nicht ärgern lassen, es gibt noch andere hübsche Berge in Neuseeland. Doch, zugegeben, er ist schon beeindruckend schön, selbst aus 140 Kilometern Entfernung. Von Turangi aus werden wir den Tongariro National Park ein zweites Mal umfahren, dieses Mal auf der östlichen Route, über den SH 1. Wir haben Glück, er ist nicht gesperrt. Das passiert im Winter recht häufig, wenn der Highway, immerhin eine der beiden Nord-Süd Hauptverbindungen auf der Nordinsel, vereist oder zugeschneit ist. Kein Wunder, denn er verläuft über grosse Strecken auf einer Hochebene oberhalb von 1000 Meter Höhe. Der Bewuchs rechts und links des Highway erinnert uns an das australische Outback. Niedrige Büsche, Steppengras. Das saftige neuseeländische Grün wird hier abgelöst von kargem, trockenen Braun. Der Teilabschnitt des SH 1 zwischen Turangi und Waiouru heisst nicht umsonst „Desert Road“. Auf einem Parkplatz südlich Waiouru spricht uns David an, KFZ Ersatzteil-Vertreter aus Palmerston North, weitere 40 Kilometer südlich von uns. In einem halben Jahr will er mit seiner Frau auf eine mehr als zweijährige Weltreise gehen. Fahrzeug: Toyota Hilux mit Dachzelt. Geplante Reiseziele: Australien, Europa, Nord- und Südamerika. Gewaltiges Vorhaben. Da wir am folgenden Mittag in Palmerston North sind, besuchen wir David zuhause, begutachten den Toyota und tauschen Erfahrungen aus. David kennt Europa wie aus der Westentasche, ist er doch emigrierter Engländer und hat vor seiner Auswanderung nach Neuseeland Reisebusse durch alle Länder des europäischen Kontinentes chauffiert. In seiner Eigenschaft als KFZ Ersatzteil-Vertreter hält er es natürlich für seine Pflicht zu versuchen, uns den benötigten Luftfilter schneller und billiger zu besorgen, als die Kollegen des IVECO-Servicedienstes. Doch nach einigen Telefonaten muss er zugeben, dass Maggie ein echt schwerer Fall ist. Er könnte einen passenden Filter aus den USA einfliegen oder hier in Neuseeland auf Mass anfertigen lassen. Beide Optionen erscheinen uns etwas übertrieben. Davids Vertreterseele hat nun fürs erste schwere Schlagseite. Früh am nächsten Morgen haben wir einen Foto- und Interviewtermin mit dem „TRUCKING“ Magazin, Neuseelands führender LKW und 4wd Hochglanz-Zeitschrift. Chefredakteur Scott Wilson, auf Besuch aus der Redaktion in Auckland, hatte uns angesprochen, als wir vor dem Visitor Center parkten. Ein Foto und ein paar Sätze über unsere Reise seien sicher interessant für die Leser. Kein Problem, wir posieren vor Maggie für ein Foto und geben ein paar unserer Geschichten zum Besten (es schmeichelt uns natürlich ungemein, dass wir für die NZ-Truckerszene von Interesse sind). Den Rest des Vormittags verbringen wir mit dem turnusmässigen, zweiwöchentlichen Wäsche-Waschtag. Unsere zuverlässige Behelfswaschmaschine (Blaue 30-Liter Plastiktonne mit luftdicht schliessendem Deckel, Wäsche rein, Pulver rein, Wasser rein, Tonne zu, rauf auf den Dachgepäckträger, zwei Stunden durch die Gegend fahren, Tonne auf, Wäsche sauber) kommt in Neuseeland nicht zum Einsatz. Es ist einfach zu kühl und unbeständig, als dass wir die nassen Sachen auf der Leine trocknen könnten. Zum Glück gibt es fast überall Münz-Waschsalons und nach zwei Stunden ist alles sauber und trocken. Im Zusammenlegen sind wir inzwischen Weltmeister (nicht, weil wir ordentlich, sondern schnell sind). Von Palmerston North fahren wir entlang der Küste weiter nach Südwesten, ab Waihanae etwa 35 Kilometer auf der wohl kurvenreichsten Strecke Neuseelands südostwärts (keine 100 Meter ohne Richtungswechsel, die Strasse selten breiter als drei Meter), lernen entgegenkommenden Fahrzeugen das Fürchten und erreichen schliesslich Upper Hutt / Lower Hutt, die beiden Wohnstädte Wellingtons, nördlich der neuseeländischen Hauptstadt im Hutt Valley (daher der Name) am Hutt River (hätte ich drauf gewettet) gelegen. In Lower Hutt in der Hutt Road (wo sonst) besuchen wir den LKW-Teilehändler, zu dem Maggies neuer Luftfilter aus Australien geschickt werden sollte. Stolz präsentiert uns ein Mitarbeiter das Prachtstück. Wunderschöner Filter. Zeitlos elegant. Falsche Grösse. Wir werden uns mit dem Gedanken anfreunden müssen, einen passenden Filter per Post aus Deutschland schicken zu lassen. Jetzt sind es nur noch ein paar Kilometer bis Wellington, 205.00 Einwohner, gelegen an der südwestlichen Spitze der Nordinsel, Regierungssitz und Abfahrtshafen der Fährschiffe Richtung Südinsel. Die Stadt empfängt uns mit tiefhängenden, dunklen Wolken und Regenschauern. Als wir das erste Mal aussteigen, bekommen wir am eigenen Leib zu spüren, warum Wellington den Beinamen „Windy City“ trägt. Es bläst uns fast aus den Socken. Und das ist hier immer so. Nicht so heftig, aber stetig. Da wir ein paar Tage in der Stadt verweilen wollen, suchen wir zuerst einen möglichst zentrumsnahen und kostenlosen Standplatz. Den gibt es am Viewpoint auf dem 196 Meter hohen Mt. Victoria, Luftlinie 1500 Meter bis zum City Center. Vorraussetzung: Man sollte nicht anfällig für Seekrankheit sein. Ist der Wind auf Meereshöhe schon kräftig, schaukeln die Böen hier auf dem Berg das ungeschützte Fahrzeug heftig hin und her. Dafür ist die Aussicht auf Stadt, Hafen, Airport und Bucht sensationell (besonders bei Nacht). „Te Papa“ (maori für „weites Land“), das Nationalmuseum Neuseelands, 1998 nach fünfjähriger Bauzeit und Baukosten in Höhe von 317 Millionen NZ$ eröffnet, gelegen am Ufer des Lambton Harbour, ist sicher eine der grössten Attraktionen der Stadt und Stolz der Nation. Auf sechs Leveln und einem grossen Freiluftareal bietet es eine Einführung in dieses erstaunliche Land und seine vielfältige Natur, einen ausgedehnten Einblick in die Maori-Kultur und die Geschichte der europäischen Besiedlung. Eine interaktive Ausstellung namens „awesome forces“ erklärt die Urkräfte, die das Land gebildet haben und auch heute immer noch ummodellieren. Im „Earthquake House“ spüren und sehen wir die simulierten Auswirkungen eines Erdbebens, die wir in der Realität nicht zwingend miterlaben möchten. Abgerundet wird das ständige Programm durch wechselnde Ausstellungen der Bereiche Malerei, Fotografie und Design. In vier speziell für Kinder entwickelten Discovery Centres gibt es Ausstellungsstücke zum Anfassen und ausprobieren. Erwachsenen ist der Zutritt hierzu natürlich nicht verboten, und so überrascht es uns gar nicht, wie viele (hauptsächlich) Väter wir hier ohne ihre Kinder antreffen. Te Papa zieht uns für viele Stunden in seinen Bann, nicht ohne Grund hat das bemerkenswerte Museum allein im Jahr seiner Eröffnung über zwei Millionen Besucher angelockt. Zu unserer freudigen Überraschung kostet der Eintritt keinen Cent, aber so sollte es in einem Nationalmuseum auch sein. Wir klappern die Büros der Fährschifflinien ab, um die Preise für unsere Verschiffung auf die Südinsel auszuloten. Dies über ein Reisebüro zu machen würde zwar einige Wege sparen, doch darf man nicht vergessen, dass diese Agenturen keine caritativen Einrichtungen sind und auch ihren Teil verdienen wollen. Eigeninitiative spart hier bares Geld. Die beiden bekanntesten Linien sind „The Lynx“, die einen schnellen Katamaranservice anbieten, dementsprechend teuer und somit von vornherein aus dem rennen sind sowie „Interislander“, deren Tarife undurchschaubar und abhängig von Saisonzonen, Wochentagen und Abfahrtsuhrzeiten sind. Man wäre bereit, uns und Maggie für 430 NZ$ an einem Werktag auf der 5:30 Frühtour mitzunehmen. Zu anderen Uhrzeiten steigt der Preis auf bis zu 700 NZ$. Das muss billiger gehen. Wir hatten den Tip bekommen, es bei der „Strait Shipping Line“ zu versuchen, die eigentlich auf den Transport von Güter-LKW und Vieh spezialisiert sind. Auch sie würden uns natürlich gerne verschiffen, deklariert als Reisebus, berechnet wird nach Meter Länge, Preis 680 NZ$. Nicht gerade das Schnäppchen, das wir erhofft hatten. Den Zuschlag bekommt letztendlich „Bluebridge“, eine junge, erst seit neun Monaten operierende Fährlinie, die auch der „Strait Shipping“-Gruppe angehört. Keine verwirrenden Tarife, Tickets haben einen festen Preis, egal ob Sommer oder Winter, Mittwoch oder Sonntag, Tag oder Nacht. Der Mitarbeiter am Schalter leidet nach eigener Aussage an einem hundsgemeinen Kater, hervorgerufen durch eine bereuenswerte Mega-Sauftour in der vorigen Nacht. Somit ist er ein willfähriges Opfer für unser Ansinnen, Maggies Länge inoffiziell auf acht Meter zu reduzieren, um sie so in der Gruppe der „grossen Motorhomes“ unterzubringen. Für längere Fahrzeuge gilt eigentlich ein inakzeptabler Meterpreis. Der Widerstand des Hangover-geschädigten Bluebridge-Mitarbeiters ist schwach und wir gelangen ohne grosse Diskussionen in den Genuss eines Tickets für 330 NZ$. Das Herumfahren hat sich also gelohnt. Südlich von Wellington am Sinclair Head soll es eine Robbenkolonie geben. Die pelzigen Gesellen seien dort, so sagt man uns, zwischen Mai und September anzutreffen. Unsere Chancen, sie zu sehen, sind also mehr als gut. Wir verlassen das Stadtzentrum durch den Mt. Victoria Tunnel Richtung Airport und folgen ab der Lyall Bay der Küstenstrasse, vorbei an der Island Bay bis zum Tor eines Steinbruches am südlichen Ende der Owhiro Bay. Von hier aus geht es zu Fuss weiter, etwa sechs Kilometer entlang der rauen, zerklüfteten Küste. Mächtige Klippen, die auf den Namen Red Rocks hören, erheben sich rechts von uns. Schliesslich erreichen wir unser Ziel Sinclair Head und richtig, zwischen und auf den Felsen am Ufer frönt eine Herde von etwa achtzig Robben ihrer Lieblingsbeschäftigung: Faulenzen. Bei der Annäherung an diese Tiere gilt es, zwei Dinge zu beachten: 1. Langsam gehen, keine hektischen Bewegungen machen, 2. Auf gar keinen Fall zwischen eine Robbe und den Ozean geraten. Genau dort will sie nämlich hin, wenn ihr Fluchtinstinkt sie dazu auffordert. Und dann sollte man nicht im Weg sein. Im Grunde genommen sind Robben friedlich, lassen sich aber auch nicht gerne in die Enge treiben. Ein 160 Kilogramm schwerer Bulle, der, wenn du nur ein paar Meter vor ihm stehst, urplötzlich losbrüllt, die Kiefer auseinander klappt, daumenlange Hauer zeigt und seinen massigen Körper behänder als erwartet in deine Richtung bewegt, ist allemal beeindruckend. Lange Narben an den Körpern der Bullen zeugen davon, dass die spitzen Hauer bei Rivalenkämpfen oder der Verteidigung gegen Angreifer eine nicht zu unterschätzende Waffe sein können. Nähert man sich einer Robbe aber langsam und gebückt, kann es durchaus gelingen, bis auf einen Meter heranzukommen, ohne sie misstrauisch zu machen. Dann ist es wunderschön, einfach nur zu beobachten, wie sie sich schläfrig von einer Seite auf die andere rollen, an den Felsen schubbern oder sich fröhlich grunzend mit ihren grossen Brustflossen den Bauch kraulen. Noch vor zwei Jahren hätten wir es nicht für möglich gehalten, heute auf der anderen Seite des Planeten mitten in einer Herde freilebender Robben zu sitzen. Dies ist wieder eines der wunderbaren Erlebnisse, die uns beweisen, wie wichtig und richtig der Entschluss war, auf diese Reise zu gehen.