Neuseeland 6

Wellington krankt daran, dass es mehr oder weniger zwischen seinem Hafen und den küstennah ansteigenden Bergen eingezwängt ist. Ein grosser Teil derjenigen, die einen Job in der Stadt haben, wohnt in den Satellitenstädten in den nahegelegenen Tälern, wie Upper- und Lower-Hutt. Wellington ist also keine flache und Fahrradfahrer-freundliche Stadt. Vom Stadtzentrum aus fährt seit 1902 die „cable car“-Bahn über eine Strecke von 650 Metern in den auf 110 Meter Höhe gelegenen Stadtteil Kelburn. Das Prinzip: Zwei mit einem in der Bergstation umgelenkten Stahlkabel verbundene auf Schienen laufende Waggons; Hält der eine in der Talstation, ist der andere in der Bergstation, die beiden Waggons treffen sich während der Fahrt auf halber Strecke. 99 Prozent aller Touristen sitzen während ihres Wellington-Besuches mindestens einmal im „cable car“. Also fahren auch wir hinauf (die Aussicht auf den Hafen ist an diesem wolkenlosen Tag sensationell), gehen durch den grossen botanischen Garten wieder bergab und gelangen an dessen Nordende in das Regierungsviertel der Stadt, Sitz der staatlichen Macht Neuseelands. Das New Zealand Parliament tagte zum ersten Mal 1854 in Auckland, der Regierungssitz wurde jedoch schon 1865 in das zentraler gelegene Wellington verlegt. Ein Grossfeuer zerstörte 1907 hier das ursprüngliche Parliament-House, so dass die Abgeordneten heute im 1918 am selben Ort fertiggestellten neuen Gebäude tagen. In den Jahren 1992-95 wurde Parliament-House noch einmal einer grossen baulichen Veränderung unterworfen. Da es sich nur 400 Meter entfernt von einer aktiven tektonischen Verwerfung befindet und die Gefahr besteht, dass es von einem möglichen Erdbeben zerstört wird, wurde es nach Plänen des einheimischen Ingenieurs Dr. Robinson erdbebensicher gemacht (das richtungsweisende Verfahren wird heute in aller Welt angewandt). Ganz grob erklärt: Aus dem alten, zusätzlich verstärkten Betonfundament wurde mittig eine Scheibe herausgeschnitten und durch speziell konstruierte Gummiisolatoren ersetzt. Das nachträglich durch Stahlbeton strukturell verstärkte Parliament-House steht seitdem auf 417 dieser Dämpfer, die zumindest in Computersimulationen bewiesen haben, dass das Gebäude ein Beben der Stärke 7,5 auf der Richterskala unbeschädigt überstehen würde. So ein Beben ist in dieser Region statistisch alle 250 Jahre zu erwarten (just am gestrigen Tag gab es übrigens im südlichen Teil der Südinsel ein schweres Beben der Stärke 7,1. Da die Gegend recht unbewohnt ist, war glücklicherweise nur mässiger Sachschaden zu beklagen). Bei den vielen kleinen Beben, die es hier fast regelmässig gibt, hat das System schon überzeugende Ergebnisse gezeigt. Die Erde bebte und wackelte, Parliament-House, flexibel entkoppelt vom Boden, auf Grund der Massenträgheit nicht. Wie gesagt, das ist nur eine ganz grobe Erklärung. Die dreijährige Umbauzeit beweist, dass die Technologie schon noch etwas komplexer ist. Ein Erdbeben kann die Abgeordneten also nicht aus ihren Sitzen werfen. Der Wähler schon. Und zwar alle drei Jahre. Bis 1951 hatte Neuseeland als Commenwealth-Mitglied nach britischem Vorbild ein Ober- und ein Unterhaus. Heute besteht das Parlament nur noch aus einer Kammer, gewählt wird seit 1996 nach dem neu eingeführten „MMP“ (Mixed Member Proportional representation) –Wahlrecht, das in etwa dem deutschen System entspricht. Die Räumlichkeiten des Parliament-House strahlen bekannte britische Würde aus, die Sitzungen des Parlamentes werden geleitet vom „Speaker“, dem überparteilich agierenden Parlamentsvorsitzenden, der am Kopfende des Sitzungssaales auf einem mit Schaffell bezogenen Sessel thront und auch heute noch eine schwarze Robe und eine dieser entstellenden weissen Perücken trägt. Nicht selber tragen muss er den „Mace“, seinen schweren historischen Amtsstab aus vergoldetem Silber. Das übernimmt der Serjeant-at-arms, der ihn in der Mitte des Saales in einer Halterung drapiert, wenn der Speaker seinen Platz eingenommen hat. Erst dann kann die Sitzung beginnen. Englisch-konservatives Brauchtum. Ausser dem Speaker gibt es im Moment noch einen Abgeordneten im Parlament, der nicht (wie alle anderen) auf grünem Leder, sondern (aus Gesundheitsgründen) auf kuscheligen zusammengenähten Possumfellen sitzt: Man mag es kaum glauben, aber es ist der Fraktionsführer der grünen Partei. Der Sitzungssaal des ehemaligen Oberhauses wird übrigens immer noch alle drei Jahre offiziell genutzt, jeweils zu den konstituierenden Sitzungen des neugewählten Parlamentes. Die werden nämlich geleitet vom derzeit regierenden britischen Monarchen (im Moment also QE II), und der darf nach altem Recht den Sitzungssaal des Unterhauses nicht betreten. Wie schon gesagt: Das Empire und seine konservativen Bräuche. Direkt neben dem klassisch schönen Parliament-House steht seit 1980 der wohl grösste architektonische Fauxpas des Landes, das Gebäude, welches die Exekutive der Regierung (also Premierminister und Kabinett) beherbergt. Aufgrund seiner Form (die den Verdacht suggeriert, dem Bauträger sei bei der Fertigstellung der oberen Etagen das Geld ausgegangen) wurde es von den Kiwis spöttisch „The Beehive“ (Bienenkorb) getauft. Am Abend vor unserer Verschiffung auf die Südinsel treffen wir am Ufer der Lyall-Bay auf Alex und Sven sowie Eva und Achim, surfbegeisterte deutsche Backpacker mit einjährigen Holliday-Working-Visa, die sich von verschiedenen fruit picking-, packing- und pruning- (Weinstockbeschneidung) Einsätzen kennen, mit in Neuseeland gekauften alten Vans unterwegs sind und auch am nächsten Tag mit der Fähre übersetzen wollen. Unsere zusammengeworfenen Biervorräte, eine eiligst besorgte Flasche Smirnoff-Wodka und mildwürziges NZ-Gras werden neben den auszutauschenden Reisegeschichten Hauptbestandteile des Abends, führen zu allgemeiner geistigen Verwirrung, verursachen am nächsten Morgen rotgeränderte Augen und bilden somit einen höchst würdigen Abschluss der Nordinsel-Erkundung. Mittwoch, 27. August. Die Bluebridge-Fähre, auf der wir Plätze für uns und Maggie gebucht haben, wird gegen 13 Uhr abfahren. Eine halbe Stunde vorher beginnt die Verladung, äusserts gemächlich und ohne Stress. Die Fähren aller Linien sind zu dieser Jahreszeit alles andere als ausgebucht (wovon man in der Sommersaison ausgehen und mehrere Tage im Voraus buchen sollte), in der Lounge des Schiffes, das immerhin 140 Meter lang und 15.000 BR-Tonnen schwer ist, verteilen sich nicht einmal zwei Dutzend Passagiere, deren Fahrzeuge wie verloren auf dem riesigen Ladedeck stehen. Es weht ein kräftiger Wind, der Himmel ist wolkenverhangen und wir freuen uns schon auf eine stürmische Überfahrt mit ordentlichem Seegang. Die Cook Strait zwischen den beiden Inseln gilt als eine der gefährlichsten Wasserstrassen der Welt (enorme Strömungen, gewaltiger Tidenunterschied zwischen Tasmanischer See und Südpazifik) und ist dafür bekannt, Fährpassagiere dazu anzuregen, sich die letzte eingenommene Mahlzeit noch einmal gründlich durch den Kopf gehen zu lassen. Neutrale weisse Tüten, deren Verwendungszweck keiner Erklärung bedarf, sind zu Hunderten alle paar Meter bereitgestellt. Aber obwohl der Wind mit mehr als 40 Knoten bläst ist die See auch ausserhalb Wellingtons schützender Hafenbucht enttäuschend glatt und die Überfahrt verläuft eher unspektakulär. Unser Zielhafen Picton liegt nicht direkt an der Küste, sondern tief versteckt in den verzweigten Wasserwegen der Marlborough Sounds, die den nordöstlichen Abschluss der Südinsel bilden. James Cook, Entdecker der Meeresstrasse zwischen Nord- und Südinsel (im Jahre 1770) war von dieser Region derartig angetan, dass er auf seinen drei Reisen auf die Südhalbkugel gleich fünfmal hier vor Anker ging. Eineinhalb Stunden geht die Fahrt zwischen den hügeligen, dichtbewaldeten Inseln mit ihren unzähligen kleinen Buchten hindurch auf der fast spiegelglatten Wasseroberfläche. Trotz Wolken und leichtem Nieselregen ein Anblick erhabener Schönheit. Kennt ihr das Gefühl, etwas derartig Wundervolles zu erleben, dass man heftig schlucken muss, um Tränen der Überwältigung zurückzuhalten? Die gleitende Fahrt durch die Marlborough Sounds ist einer dieser seltenen magischen Momente, an die man sich sein Leben lang zurückerinnern wird. In der kleinen Bucht von Picton meistert die Fähre das Kunststück einer 180°-Drehung auf der Stelle und schiebt sich langsam rückwärts in den Liegeplatz. Immer, wenn eine der Fähren eintrifft, wird das ansonsten idyllische Städtchen Picton für einen kurzen Zeitraum aus seiner Lethargie herausgerissen, die Fahrzeuge rollen von Bord und verlassen den Ort in der Regel ohne noch einmal anzuhalten Richtung Nelson oder Blenheim. Wenn die eilig für den Rückweg beladene Fähre dann die Leinen losgemacht und die Bucht verlassen hat, versinkt Picton bis zur nächsten Ankunft wieder im Dornröschenschlaf. Auch wir fahren sofort über Havelock in die westlich gelegene Tasman Bay und erreichen Nelson, mit etwas mehr als 50.000 Einwohnern die zweitgrösste Stadt der Südinsel, die um 40 Prozent grösser und noch geringer besiedelt ist als die in weiten Gebieten auch schon sehr einsame Nordinsel. Nelson lebt vom Obst- und Weinanbau und kann sich rühmen, die Stadt mit den meisten Sonnenstunden in Neuseeland zu sein. Am nächsten Tag treffen wir auf dem Parkplatz am Visitor Centre Alex und Sven, die sechs Stunden nach uns mit einer Fähre der Interislander-Line übergesetzt sind. Wir beschliessen, gemeinsam zu Harwoods Hole zu fahren, einer versteckten Sehenswürdigkeit am Rande des Abel Tasman National Park, der die Tasman Bay von der weiter westlich gelegenen Golden Bay trennt. Zuerst geht es über die SH 60 entlang der weiten, bergumschlossenen Bucht bis hinauf auf den Höhenzug, der den Abschluss zur Golden Bay bildet, dann noch elf Kilometer auf einem steinigen, holprigen Feldweg, der unter den Niederschlägen dieses Jahres arg gelitten hat, nach Norden bis auf einen abgelegenen Picknickplatz de DOC, Startpunkt des Walks zum nur zu Fuss zu erreichenden Harwood Hole. Früh am nächsten Morgen machen wir uns auf den Weg und erreichen unser fünf Kilometer entferntes Ziel eine knappe Stunde später. Was ist denn nun Harwoods Hole, werdet ihr euch fragen. Ein Loch. Schlicht und ergreifend. Aber ein schönes. Mit 60 Metern Durchmesser und 176 Meter Tiefe eines der tiefsten natürlichen Löcher des Planeten. Ein verbreiteter Reiseführer vermerkt, Harwoods Hole sei 400 Meter tief. Stimmt nicht. Ab dem Viewpoint (so nennt der DOC interessanterweise die Ansammlung schlüpfriger, zerklüfteter Felsen über die wir auf allen vieren krauchen um an den Rand des Loches zu gelangen, der übrigens nicht gesichert ist, also VORSICHT !!) sind es exakt 176 Meter bis zum tief, tief unter uns liegenden Grund. Es steigen von hier aus zwar halbkreisförmig senkrechte Felsen noch einige hundert Meter nach oben, bilden aber eben nur ein halbes Loch, und das gilt nicht. Aus irgendwelchen Gründen wirken Löcher faszinierend auf Menschen, insbesondere auf mich, erinnere ich mich doch noch gut daran, wie ich als kleiner Junge im gepflegten Schrebergarten meiner Eltern zu deren Entsetzen äusserste Befriedigung dabei empfand, mich unbemerkt mit meinem Kinderspaten mehr als einen Meter tief in das frisch umgegrabene Gemüsebeet hineinzuarbeiten und dabei unfruchtbaren tiefligenden Lehm mit gutem Mutterboden zu vermischen. Ein herber Tiefschlag für die Ernteaussichten, aber mein erstes eigenes Loch, und gleich so tief. So stehen wir also nun zu viert da und starren ehrfürchtig erschauernd hinab in die Tiefe. Der DOC bittet dringlichst, nichts in Harwoods Hole hinein zu werfen, da von der Sohle aus ein steil abwärts geneigter Höhlengang bis zur Öffnung in einer Bergflanke führt. Regen- und Quellwasser verlässt das Loch durch den Gang und sprudelt durch die Öffnung tief hinab ins Tal. Wasser finden die Talbewohner okay, Coladosen und unappetitliche Überreste unvorsichtiger Touristen nicht. Zurück vom Picknick-Platz bei Harwoods Hole auf der SH 60 sind es nur noch knappe dreissig Kilometer nach Nordwesten bis an die Golden Bay. Takaka ist die grösste Stadt des Gebietes um die Bucht, und das mit gerade mal 1230 Einwohnern. Da die Golden Bay immerhin 40 Kilometer durchmisst, ahnt man schon, wie schön ruhig und beschaulich es hier in der Gegend ist. Dafür spricht auch die Tatsache, dass es aus der Bucht heraus keine Möglichkeit gibt, auf einer Art von Strasse nach Süden ins Landesinnere vorzustossen. Dort liegen im Kahurangi National Park die Tasman Mountains, und die können mit ihren bis zu 1800 Meter hohen Gipfeln bestenfalls erwandert werden. Das Wort „Stadt“ ist für Takaka sicher die falsche Beschreibung, nennen wir es lieber „hippe kleine Community“, voll von Galerien, Kunsthandwerksstätten, Organic Cafes und alten Bob Dylan Fans. Der Geist von Woodstock schwebt über dem Örtchen. Einige Kilometer westlich zweigt bei Waitapu eine Nebenstrasse ab, die zu den PuPu-Springs führt, der grössten Frischwasserquelle Neuseelands. Ungeheuerliche 14.000 Liter pro Sekunde werden hier in einem kleinen Teich aus dem Boden gepumpt, mit einer ständig exakten Temperatur von 11,7°C. Angeblich soll es sich um das klarste Quellwasser der Welt handeln, wie auch immer man das gemessen haben will. Tatsache ist allerdings, dass ich nicht wüsste, irgendwo schon einmal klareres Wasser gesehen zu haben. Gäbe es nicht die durch den Druck der Quelle entstehenden Wellen, wäre für das menschliche Auge wahrscheinlich überhaupt kein Wasser zu sehen. Das unser Hauptsinnesorgan durch das dichte Medium Wasser unglaublich getäuscht werden kann, zeigt sich dadurch, dass man die Tiefe des Teiches von einer kleinen Aussichtsplattform aus auf bestenfalls zwei bis drei Meter schätzt. Jedes Sandkorn am Grund ist glasklar und scharf zu sehen. Die tatsächliche Tiefe ist sieben Meter. Erstaunlich. Wir folgen der SH 60 weiter bis zu ihrem Ende und gelangen so zum Farewell Spit, einer Dünenlandschaft, die die Golden Bay sichelförmig abschliesst und den nördlichsten Punkt der Südinsel markiert. An der Ostseite dieser Landzunge schaut man über die glatt und ruhig daliegende Bucht, während an der zerklüfteten Westseite die gewaltigen Brecher der Tasman Sea auf den Strand und an die steilen Klippen rollen. Ab und an faulenzen hier ein paar Robben herum und fast wäre ich über eine gestolpert, die zusammengerollt unterhalb einer überhängenden Klippe liegt. „Bist du blind?“ fragt Marcus, und recht hat er. Auf den ersten Blick hatte ich sie für einen Stein gehalten. Furchtbar einsam und traurig schaut sie uns aus ihren grossen Kulleraugen an, alleingelassen von ihren Artgenossen und der ganzen Welt. Vielleicht ist sie aber auch nur müde und möchte, dass wir uns trollen. Weiss man bei Robben nie so recht. Zurück geht es nach Takaka. In der Nähe des Ortes ist ein kleines Naturreservat mit Rest-Area. Guter Platz zum Übernachten. Als ich nach Einbruch der Dunkelheit hinausgehe, um noch ein bisschen um die Bäume zu ziehen, entdecke ich einen Zettel an Maggies Tür. Es ist ein Brief von Ranger Mason, Area-Manager des DOC. Camping sei hier verboten und wir mögen uns unverzüglich woanders hin verfügen. Zugegeben, wir haben das Schild gesehen: no camping, no overnight parking. Aber nicht zum ersten Mal. Die Hälfte unserer Nächte in Neuseeland haben wir an Stellen verbracht, an denen es solch einen Hinweis gab. Nie hat es jemanden gestört, nie hat uns jemand verjagt. Einheimische, die wir darauf ansprachen, meinten, die Hinweisschilder sollen in der Hauptsaison unterbinden, dass Dutzende von Campern diese Plätze okkupieren und zumüllen. Dafür gäbe es schliesslich ausgewiesene Campgrounds. Jetzt ist zwar keine Saison und wir stehen hier ziemlich allein, doch Ranger Masons Worte sind natürlich Gesetz. Was uns verwundert ist allerdings, dass er nicht angeklopft und sein Anliegen vorgetragen, sondern wie ein feiges Wiesel still und heimlich einen Zettel an die Tür geklebt hat. Sollte er vielleicht unsere tiefschwarz auf Maggies Seite lackierten Silhouetten gesehen haben? Wer hat Angst vorm schwarzen Mann? Ranger „Hasenfuss“ Mason? Wir packen selbstredend zusammen und starten den Motor, da 1. der Ranger natürlich Recht hat, 2. wir nicht wollen, dass er die Kavallerie ruft und 3. so ein Ranger „on the Spot“ ein Bussgeld aussprechen kann (in Ranger Masons Fall wahrscheinlich aus sicherer Entfernung). Das mit dem Weiterfahren erweist sich jedoch als Problem. Wir haben auf einer matschigen Rasenfläche geparkt und sind eingesackt. Der Versuch loszufahren bringt uns nicht nach vorne, sondern nur noch weitere dreissig Zentimeter tiefer in die Erde. Auch das Zuschalten von Längs- und Querdifferentialsperren zeigen keinen Erfolg, das Profil hat sich mit Lehm zugesetzt, die Reifen rotieren wie auf Schmierseife. Kaum zu fassen, wir müssen vor den eingegrabenen Hinterrädern Erde wegschaufeln und unsere Sandbleche zum Einsatz bringen. Selbst dies gelingt nur mit Mühe, da die zugelehmten Reifen sogar auf den Blechen durchdrehen. Als wir endlich freigekommen sind, sieht der Rasen aus wie nach einer Off-Road Rallye. Schnell weg, bevor Ranger Mason das sieht! Zurück in Nelson treffen wir wieder auf Sven und Alex, deren Fahrzeug momentan etwas kränkelt. Übrigens ein Mitsubishi L 300 Minivan, das wohl beliebteste Backpacker-Reisemobil Neuseelands. Gebraucht und fahrbereit günstig ab 1500 NZ$ zu erstehen und, wenn es die üblichen monatelangen Rundreisen überstanden hat (was in Backpackerkreisen was heissen will, da ständige Wartungsarbeiten wie beispielsweise Öl- oder Filterwechsel scheinbar ein Tabuthema sind), für fast genauso viel Geld wieder an den nächsten Backpacker zu verscherbeln (es soll Fahrzeuge mit einer zweistelligen Anzahl von Besitzern unterschiedlichster Nationalitäten geben). An so einem L 300 gibt es eigentlich nichts auszusetzen, bietet er doch Platz für zwei ausgestreckt schlafende Personen, zwei Surfboards, Gepäck, Lebensmittel für mehrere Tage und einen akzeptablen Biervorrat. All das verteilt sich in der Regel explosionsartig auf dem Parkplatz, wenn man die seitliche Schiebetür öffnet. Da die meisten Backpacker zur Gruppe der KFZ-Mechanik-Ahnungslosen zählen und ihre Fahrzeuge blauäugig auf der „Backpacker bescheissen sich nicht untereinander“-Basis kaufen („die Karre läuft wie ´ne Eins, der macht noch mindestens 20.000 Kilometer, nie hatte ich einen zuverlässigeren Wagen“), beginnt meist schon nach kürzester Zeit eine Unmenge von Geld im schwarzen Loch der Reparaturkosten zu verschwinden. Der L 300 von Sven und Alex hat seit kurzer Zeit die Bereitschaft aufgekündigt, dem Befehl des Bremspedals Folge zu leisten, was zu heiklen Situationen und vermehrten Schweissausbrüchen führte. Ist aber keine wilde Sache, die Bremsbacken der Trommelbremsen vorne (Scheibenbremsen gehören beim L 300 nicht zum Lieferumfang) sind runter bis aufs Metall, den Beiden kann also geholfen werden. Marcus ist in seinem Element. Öl, Fett, Metall. Auf einer Picknick-Area am Ufer des idyllischen Maitai River wechselt er unter den ehrfürchtigen Blicken von Sven und Alex die Bremsbacken in Rekordzeit unter Einsatz der Präzisionswerkzeuge Hammer und Meissel. Ein Kinderspiel und Anlass zur Verkostung heimischen Bieres und australischen Wodkas. Nelson eilt seit einigen Jahren der Ruf voraus, den Titel „Kunst-Hauptstadt Neuseelands“ erringen zu wollen, und wir können nur bestätigen, dass die Stadt alles daran setzt, dieses Ziel kurzfristig zu erreichen. Alljährlich lockt im September für zwei Wochen das Nelson Arts Festival Tausende von nationalen und internationalen Besuchern in die Stadt. Vierzehn Tage lang das volle Programm: Live-Konzerte, Strassentheater, Lesungen, Comedy-Performances, Gross-Skulpturenbau im Anzac-Park mit abschliessender Versteigerung der Objekte und und und ... . Eingeleitet wird das Programm mit der Masked Parade und dem anschliessenden Nelson Carnivale. Es ist eine Art Rosenmontagsumzug ohne Themenwagen (was ein Glück), Blaskapellen (Humba, Humba ...) und der Prinz kütt auch nicht (Gott sei’s gedankt). Ein endloser Strom von abenteuerlich maskierten Gruppen unterschiedlichster Herkunft und Grösse (von der vierköpfigen Familie aus Motueka bis zur 400 Personen zählenden kompletten Schule aus Richmond) wälzt sich fröhlich und lindwurmgleich durch die von scheinbar allen 50.000 Einwohnern Nelsons und reichlich zugereisten Besuchern gesäumten Trafalgar Street. Bunt, schrill und laut. Kernstück des Nelson Arts Festival sind die inzwischen weit über die Landesgrenzen hinaus bekannt gewordenen World of wearable Arts (WOW) – Awards, eine unglaublich erfolgreiche Art-meets-Fashion-Show, die erstmalig 1987 in kleiner Runde in einem Zirkuszelt abgehalten wurde. Konzept dieser von Suzie Moncrieff ins Leben gerufenen Fashion-Show ist es nicht, einfach nur Mode zu entwerfen, sondern ein Kunstwerk zu kreieren, das wie ein Kleidungsstück getragen und im Laufe der Awards-Night von Modells auf dem Laufsteg präsentiert werden kann. Die Show wurde ein Selbstläufer, heute reisen „Art-Fashion“-Designer aus aller Welt an, um sich mit ihren aus neben aller Arten von Textilien teilweise erstaunlichen Materialien gefertigten Objekten (von Papier über Holz, Metall, Stein bis hin zu Lebensmitteln) in verschiedenen, teils jährlich wechselnden Kategorien dem Wettbewerb zu stellen. Inzwischen fester Bestandteil ist der Bizarre Bra Award , und was hier alles als BH durchgeht, ist schon erstaunlich (und eben bizarr, wie der Bra aus zwei echten Schweineköpfen). Das Zirkuszelt hat schon lange als Austragungsstätte der WOW-Awards ausgedient, die Show hat gigantische Dimensionen angenommen, die TV-Sender berichten, Karten sind über Monate im voraus ausverkauft und im vergangenen Jahr steckte gar die amtierende Premierministerin Helen Clark (genau, eine Frau) in einem der Kunst-Kostüm-Werk-Kleid oder wie auch immer (der Gedanke, dass Kanzler Gerhard Schroeder ... grotesk. Hier ist man halt etwas lockerer). Einerseits schade, dass aus dieser Off-Beat Fashion-Show inzwischen ein derartig gewaltiger Hype geworden ist, andererseits beschert er Nelson Scharen von Besuchern aus aller Welt und deren mitgeführte Barschaften. Dem Umstand, dass es mehr oder weniger unmöglich ist, an eine der begehrten Eintrittskarten (90 NZ$) für die WOW-Awards-Night zu gelangen, wurde begrüssenswerterweise mit dem Bau der WOW-Gallery Rechnung getragen.  In diesem Komplex werden ausgesuchte Stücke der vergangenen Awards  ausgestellt und sind, eindrucksvoll und durch modernste audio-visuelle Technik unterstützt, ein Fest fürs Auge. Frecherweise verbietet die Museumsleitung jegliches fotografieren der Exponate und weist auf ständige Videoüberwachung der Besucher hin. Wo sind wir hier, im Louvre? Abgesehen davon ohne wenn und aber sehenswert !! Ausserdem steckt im (nicht geringen) Eintrittssalär von 15 NZ$  der Eintrittspreis in die ebenfalls im WOW-Complex befindliche Collectable-Cars Ausstellung obligatorisch mit drin. Warum man diese beiden derartig themenfremden Ausstellungen in einem Gebäude vereint und zwingend miteinander verbunden hat ist uns auch nach Stunden intensivstem Überlegen und Abschätzen unter Einbeziehung bisher erfahrener NZ-Logik unerklärlich und mysteriös geblieben. Wie auch immer, der Anblick der chromblitzenden, liebevoll restaurierten PKW aus über 100 Jahren Automobilbaukunst, vom Ford Model T über buslange Cadillac mit Walfisch-Heckflossen, diverse Penis-Verlängerungen von Ferrari bis zu raren und ausgefallenen Modellen der Hersteller Auburn und Cord, lässt gestandene Kerle zu sabbernden, stammelnden Babys degenerieren („will Mustang, will V8, wrrroooom ... „). Das lässt zumindest entfernt vermuten, die Ausstellungsbetreiber seien der Überlegung gefolgt, Partnerinnen von Männern, die alles was mit Mode zu tun hat, für Mädchen-Kram halten (solche Neandertal-Modelle gibt es auch heute noch zu Hauf, Asche auf unsere Zunft), hätten somit eine Möglichkeit, ihren Typen das Mitkommen zu erleichtern.