Neuseeland 4

Zeit, der Rotorua Region Lebewohl zu sagen, unsere Nasen brauchen Erholung. Auf der SH 38 führt uns der Weg nach Südosten. Kurz hinter Murupara (letzter Supermarkt zum auffüllen des Kühlschrankes bis zur Ostküste) wechselt der Strassenbelag auf ein Lehm-Schotter Gemisch (bei Nässe äusserst rutschig) und dann geht´s hinein ins Bergland des Urewera National Park. Kurvig bergauf, kurvig bergab, ein ums andere Mal. Die Natur geizt nicht mit Reizen: Tiefe Schluchten, steile Felsen, paradiesische Wälder, reissende Wildbäche, tosende Wasserfälle. Nach etwa 100 Kilometer schaukelnder Achterbahnfahrt (keine Bange, bei vorsichtiger Fahrweise mit jedem Fahrzeug zu bewältigen, lose Gegenstände sollten sicherheitshalber befestigt werden) wird uns plötzlich der Blick freigegeben auf den tief unter uns liegenden, in die steilen bewaldeten Hänge der Huiarau Range eingebetteten Lake Waikaremoana. Wir quartieren uns ein neben dem einsamen DOC / Visitor-Office an der Nordspitze. Der DOC bietet eine ganze Reihe Tracks in der Umgebung des Sees an und unterstützt mit Kartenmaterial und Hütten entlang des viertägigen Lake-Tracks, der den See an seiner Westseite auf 46 Kilometer Streckenlänge halb umrundet und zu den populärsten Mehrtage-Tracks Neuseelands zählt. Auf gar keinen Fall sollte man sein Fahrzeug auf einem der abgelegenen Parkplätze an den Startpunkten der Tracks stehen lassen. Die Tracks des DOC sind nämlich nicht nur für Aktiv-Touristen eine feine Sache, sondern auch für Mitglieder der Langfinger-Gilde. Wenn auf einem Parkplatz ein PKW hält und die Insassen mit geschulterten Rucksäcken die Szene über einen mit „Waiopao Circuit Track / 6 hrs.“ gekennzeichneten Pfad verlassen, wissen versteckte Halunken genau, dass sie mindestens vier Stunden Zeit haben, dass Fahrzeug von überflüssigen Wertgegenständen zu befreien. Soll heissen: Fahrzeuge auf belebten Parkplätzen oder direkt bei den DOC-Offices abstellen. Oft gibt es (wie auch hier) Shuttle-Dienste, die dich per Kleinbus oder Boot zum Startpunkt des Tracks bringen und/oder am Ende wieder abholen. Wir entscheiden uns für den „Ruapani Circuit“, einen 20 Kilometer langen Track (angesetzte Zeit 6 Stunden), der von seinem Start-/Endpunkt nahe dem DOC / Visitor-Centre in einem weiten Bogen entlang einiger kleiner Seen bergauf bergab durch natürlichen Rainforest bis zum verschwiegenen Lake Waikareiti und von dort geradlinig wieder zurückführt. Der Schwierigkeitsgrad ist, abgesehen von der Streckenlänge, nicht übermässig hoch, der Pfad jedoch auf einigen Teilstücken aufgeweicht und matschig, da nur wenig Sonnenlicht den Weg durch die Kronen der dick bemoosten Bäume und den dichten urweltlichen Farn bis hinunter auf den Boden findet. Keinen der kleinen Seen entlang des Tracks kann man mit dem Fahrzeug erreichen. Wir befinden uns weitab aller Strassen, umgeben von ursprünglicher Natur und keine Menschenseele begegnet uns auf dem Track. Das Glück hat man in der Saison mit Sicherheit nicht. Das die Wälder des Urewera National Park völlig sich selbst überlassen sind und gegen äussere Eingriffe geschützt werden, beweist die Tatsache, dass Bäume hier noch wie seit Urzeiten auf natürliche Weise sterben, sie fallen irgendwann um. Und so liegen überall links, rechts oder quer über den Pfad mächtige umgestürzte Riesen und verfallen im Lauf der Jahrzehnte. Ist hier alles nicht so aufgeräumt wie im Teutoburger Wald. Genau das macht es so eindrucksvoll. Samstag, 8. August. Wir sind wieder an der Ostküste, um genau zu sein, in Napier, Hafenstadt mit 55.000 Einwohnern, gelegen im Scheitelpunkt der Hawke Bay. Schon zu Beginn des zwanzigsten Jahrhunderts war napier eine der wohlhabendsten Städte des Landes, sind doch die Hawke Bay und ihr Hinterland mit ihrem milden Klima eines der sonnenverwöhntesten Gebiete Neuseelands. Obst aller Art wuchs wie Unkraut und bereits 1904 begannen die ersten profitablen Konservenfabriken mit der Produktion. Napier wuchs und wollte weiterwachsen, fand aber, eingezwängt zwischen Wasser und Felsen, keinen Platz mehr. 3. Februar 1931, der Tag der verheerende Katastrophe. Ein Erdbeben der Stärke 7,8 erschüttert ab 10.47 Uhr die Hawke Bay eineinhalb Stunden lang, zerstört fast die ganze Stadt Napier und fordert allein hier 162 Menschenleben. Die ausbrechenden schweren Brände und mehr als 600 Nachbeben in den anschliessenden Wochen erledigen den Rest (auch heute sind Erdbeben im Raum Napier nicht unüblich, gerade zwei Tage vor unserer Ankunft liess ein Beben der Stärke 5,5 dir Stadt kurzfristig erzittern). So schockierend dieses Ereignis auch war, bescherte es der Stadt jedoch, so kann man es zumindest aus heutiger Sicht sagen, zwei nicht zu unterschätzende Pluspunkte. Zum einen hob sich grossräumig der Meeresboden um fast zwei Meter und verschaffte Napier 4000 Hektar neues Bauland. Zum anderen verhalf die fast umfassende Zerstörung dazu, eine komplett neue und moderne Stadt aus dem Boden zu stampfen, was auch, obwohl das Jahr 1931 der Tiefpunkt der weltweiten Depression war, Dank des grossen Reichtumes der Bürger Napiers in dem unvorstellbar kurzen Zeitraum von nur zwei Jahren gelang.(BILD 4.5) Dass die Architekten der dreissiger Jahre fast alle auf der damals angesagten Art Deco Welle schwammen, ist Grund dafür, dass Napier heute einer der grossen Touristenmagneten des Landes ist. Es gibt auf der Welt nur noch eine weitere Stadt, die derartig umfassend vom Art Deco Stil geprägt wurde, und das ist Miami/Florida (und Experten sind sich einig, dass Miami in diesem Wettbewerb nur auf Platz zwei landet). Art Deco überall. Art Deco, wohin man schaut. Definitiv sehenswert! Die kleine „Art Deco Walk“ – Broschüre (für 2,50 NZ$ im Visitor Centre erhältlich) benennt alleine neunzig besonders beeindruckende Bauten, die man auf einem eineinhalb-stündigen Spaziergang durch das Zentrum abgehen kann. Kleiner Tip: Mehr Zeit lassen. Auch durch die übrigen Strassen und Seitengassen gehen, überall findet man verborgene Kleinode. Den mit Abstand besten Ausblick über die Hawke Bay, Napier, seine Schwesterstadt Hastings (ereilte 1931 ähnliches Schicksal wie Napier, ist ebenso wie Phönix aus der Asche auferstanden und behauptet heute wahrscheinlich Platz drei hinter Miami in der Art Deco Weltmeisterschaft) und die fast surreal wirkenden grünen „rollenden Hügel“ des Hinterlandes hat man vom 400 Meter hohen Te Mata Peak, zwanzig Kilometer südlich von Napier bei Havelock North. Viele grosszügige Villen gibt es entlang der gewundenen Auffahrt zu bestaunen. Reiche Leute Gegend. Der Te Mata Peak ist, hauptsächlich am Wochenende, das Mecca der Paraglider und Drachenflieger, da ein unglaublich starker Aufwind am Osthang des Berges die Piloten und ihr fragiles Fluggerät mehrere Stunden in der Luft halten (fliegerisches Können vorrausgesetzt). In waghalsigen Manövern steuern die Profis ihre Gleitschirme dicht an den steilen Felsen entlang, um einen ordentlichen Schub nach oben zu bekommen. Wer es selber probieren möchte, kommt hier auch zum Zuge: Für 100 – 120 NZ$ kann man grüne Wiesen und weidende Schafe (die sich übrigens erst im Moment der Landung aus dem Staub machen, da sie alles, was über ihren Köpfen passiert in ihrer, tut mir leid, grenzenlosen Einfältigkeit als nicht existent einstufen) aus vierhundert Meter Höhe betrachten. Von Napier geht es auf unserem derzeitigen Zick-Zack-Kurs wieder zurück ins Herz der Nordinsel. Nach etwa 160 Kilometern unspektakulärer Fahrt über die NH 5 erreichen wir die Stadt Taupo am gleichnamigen See. Ausser der Tatsache, dass Lake Taupo mit 606 Quadratkilometern der grösste Binnensee des Landes ist, gibt es noch zwei weitere ihn betreffende Besonderheiten, die es zu erwähnen gilt. Der See wird heute von vielen als „Welt-Forellenhauptstadt“ proklamiert. Tatsache ist, dass es hier bis vor knapp einhundert Jahren überhaupt keine Forellen gab. Dann jedoch brachte ein pfiffiger Angelsportler eine Handvoll Eier aus dem Russian River in Kalifornien mit und siehe da, die geschlüpften Forellen und weitere Nachkommen gediehen prächtig im Lake Taupo. Sensationell prächtig. Der See ist heute bevölkert von wahren Forellen-Monstern, die weit über zwanzig Pfund schwer werden können. Ein Angler-Paradies, das Petri-Jünger aus aller Welt anlockt, speziell Ende April, zur alljährlichen Internationalen Forellen-Angelmeisterschaft. Auf den Speisekarten der Restaurants um den See herum sucht man den Speisefisch jedoch vergebens. Simpler Grund: Es ist verboten, Forellen zu verkaufen. Die maitre de cuisine der Restaurants sind jedoch gerne bereit, eine vom Gast gefangene und mitgebrachte Forelle zuzubereiten. Gegen einen üppigen Obolus, versteht sich. Lake Taupo ist noch gar nicht so alt. In etwa 25.000 Jahre Jahre und seine Geburt wurde mit einem Riesenknall eingeleitet, einer Naturkatastrophe biblischen Ausmasses (ich kann nichts dafür, dass ich schon wieder von einer Naturkatastrophe berichten muss, so was scheint im tektonisch hyperaktiven Neuseeland fast schon an der Tagesordnung zu sein). Also, vor etwa 25.000 Jahren gab es einen gewaltigen Vulkanausbruch in der Gegend, in der sich heute Lake Taupo befindet, einer von der Sorte, die man mit Fug und Recht als „Big Bang“ bezeichnen darf. Diese gigantische Eruption spuckte 800.000.000 (in Worten: Achthundertmillionen) Kubikmeter Materie kilometerweit in den Himmel, die sich als Ascheregen wie ein dicker Teppich über das Land legte und die Nordinsel komplett verwüstete. Selbst achthundert Kilometer entfernt liegende Inseln wurden unter einer zehn Zentimeter dicken Ascheschicht begraben. Teile der gewaltigen Senke, die bei dieser Eruption entstand, werden heute vom Lake Taupo gefüllt. Eine ähnliche Katastrophe in abgeschwächter Form ereignete sich an selbiger Stelle im Jahre 181 AD (ja ja, ich weiss, schon wieder ein Vulkanausbruch). Obwohl bei dieser Eruption „nur“ 50.000.000 Kubikmeter Asche ausgestossen wurden (zum Vergleich: Beim Ausbruch des Mount St. Helens/USA Anfang der Achtziger wurden 1.000.000 Kubikmeter Materie in den Himmel geblasen), gehört auch dieser Ausbruch in die Kategorie „Big Bang“, denn selbst im fernen China und sogar im römischen Reich berichtete man kurz darauf, dass sich der Himmel verdunkelte und freute sich eine ganze Zeit lang über spektakuläre Sonnenaufgänge. Auch zum Zeitpunkt dieses zweiten gewaltigen Knalles gab es zum Glück noch kein menschliches Wesen, geschweige denn irgendein anderes Säugetier im heutigen Neuseeland. Eine riesige Bandbreite von Aktivitäten (mal abgesehen vom Forellenfischen), wird am Lake Taupo angeboten: Reiten, Segeln, Wasserski, Kajak fahren auf den zu- und abführenden Flüssen mit ihren tückischen Stromschnellen, Ballonfahren, Helikopter- und Gleitschirmflüge, Fallschirmspringen (natürlich abhängig von den Sichtverhältnissen, denn wenn man für 345 NZ$ mit zusätzlichem Sauerstoff aus 5000 Metern Höhe abspringt, will man natürlich den See unter sich sehen und nicht in eine flauschige Wolke fallen), der obligatorische Bungee-Sprung (Räuberische 100 NZ$ für einen 45 Meter Sprung!) und und und ... . Dazu gibt es nördlich von Taupo noch einige Thermal-Areas, eine davon hört auf den spektakulären Namen „Craters of the moon“, untersteht dem DOC und kostet somit erfreulicherweise keinen Eintritt. Ein einstündiger Circuit-Walk auf holzbeplankten Wegen führt hindurch zwischen den eindrucksvoll dampfenden, zischenden und brodelnden Löchern, die mit etwas Phantasie wirklich an „Mondkrater“ erinnern. Dass die Thermal-Areas Neuseelands (und davon gibt es reichlich) nicht nur für Touristen hübsch anzuschauen sind, sondern auch sinnvoll genutzt werden, beweist das Wairakei Geothermal Power Project, sechs Kilometer nördlich Taupo an der NH 5. Hier werden schon seit Anfang der sechziger Jahre die gewaltigen Energien, die unter der Erde in Form von unter starkem Druck stehenden Wasserdampf lauern, dazu genutzt, elektrischen Strom zu erzeugen. Und zwar eine Menge. 150 Megawatt Leistung stellen die Generatoren des Kraftwerkes im Schnitt zur Verfügung und decken damit 5% des Bedarfes des ganzen Landes. Wenn man, wie wir,  zu geizig ist, gutes Geld in einen Helikopterflug zu investieren, um die Lake Taupo Region von oben zu betrachten, bietet sich als alternativer Aussichtspunkt der Gipfel des 1088 Meter hohen Mount Tauhara, fünf Kilometer westlich von Taupo. Aber, zu früh gefreut, es gibt keine Strasse auf den Gipfel, man kommt nur auf Schusters Rappen hoch. Der Track startet am Ende der Mountain Road, die von der NH 5 abzweigt. Das erste Drittel des Tracks ist im wahrsten Sinne des Wortes beschissen, denn man überquert am Hang liegende Viehweiden. Die anwesenden Rinder sind zwar friedlich, erfreuen sich jedoch einer ungemein produktiven Peristaltik, was den fröhlichen Wandersmann dazu zwingt, seinen Blick an den Boden zu heften und einen engen Slalomkurs zu laufen. Die restlichen zwei Drittel des Aufstieges sind, um es kurz und bündig zu sagen, heftig. Der Pfad ist beständig steil und das Unterholz des Waldes versucht massiv, ihn zurückzuerobern. Es sei jedem anheim gestellt, eine gut gewetzte Machete und ein handliches Beil mitzuführen, um Hindernisse aus dem Weg zu räumen. Der Track sollte mit zusammengebissenen Zähnen nach 1 bis 1 ½ Stunden geschafft sein (etwa 650 Höhenmeter), und wenn man es dann fertig bringt, ausser asthmatisch zu japsen auch noch einen Blick in die Runde zu werfen, wird man von einer königlichen Aussicht überwältigt. Jenseits des Sees kann man die schneebedeckten Gipfel der drei Vulkane des Tongariro National Parks erkennen. Die abenteuerliche Beschaffenheit des Tracks bringt es übrigens mit sich, dass der Weg bergab nicht signifikant schneller zu bewältigen ist als bergauf. Für die, die mit Zelt oder Mobile-Home unterwegs ist und sich einige Tage in Taupo aufhalten will ohne Geld für einen kommerziellen Campground auszugeben, bietet sich eine gute Gelegenheit nördlich der Stadt an der Huka Falls Road: „Reids Farm“, ein grosses privates Stück Land, direkt und wunderschön am Fluss gelegen, auf dem jeder kostenlos für bis zu 28 Tage campen darf. Es gibt zwar nur ein paar baufällige Plumpsklos, aber es ist ja allgemein bekannt, was man mit dem geschenkten Gaul nicht tun soll. Wir umfahren den Lake Taupo und gelangen in den sich südlich anschliessenden Tongariro National Park. Mit seiner Fläche von 790 Quadratkilometern umfasst er drei wie in einer Linie aufgereihte, jetzt im Winter schneebedeckte, aktive Vulkane. Der Südliche, Mount Ruapehu, ist mit 2797 Metern der höchste und gleichzeitig das beste Skirevier der Nordinsel. Der mittlere, Mount Ngauruhohe, ist der schönste der Gruppe. Von Westen aus gesehen bilden seine gleichmässig ansteigenden Hänge einen perfekten Vulkankegel wie aus dem Erdkundebuch. Über einen Sattel ist er verbunden mit dem dritten im Bunde, Mount Tongariro, der dem Nationalpark seinen Namen gibt. Alle drei sind ernstzunehmende Gefahrenquellen. Der letzte Ausbruch von Mount Tongariro datiert auf 1926, Mount Ngauruhoe spuckte jeweils 1974 und 75 eine zwölf Kilometer hohe Staubwolke aus und Mount Ruapehu verzeichnete seinen letzten spektakulären Ausbruch im September 1995, grummelte 1996 drei Monate vernehmlich vor sich hin und versaute so in gleich zwei aufeinanderfolgenden Jahren die Skisaison. Die Geschäftsleute der Skigebiete nahmen es gelassen, holten ihre Liegestühle heraus, tranken Wein und beobachteten interessiert die Aktivitäten „ihres“ Berges. Heute sind die drei Vulkane umzingelt von elektronischem Gerät, das rechtzeitig vor Ausbrüchen warnen soll, um im Notfall alle skifahrenden Touristen rechtzeitig evakuieren zu können. Wissenschaftler sagten übrigens jüngst voraus, dass der Kratersee des Mount Ruapehu, dessen Abfluss durch die Eruptionen von 1995 mit einem natürlichen Damm verstopft wurde und seitdem mehr und mehr anschwillt, irgendwann zwischen heute und 2005 diese Damm durchbrechen und als gewaltige Schlammlawine den Osthang hinab zu Tal und dabei über den State Highway 1 und die Eisenbahnlinie Auckland Wellington rauschen wird. Der SH 1 ist fortan nicht mehr Bestandteil unserer Reiseroute. Wir haben uns vorgenommen, den „Tongariro Crossing Track“ zu gehen. Die mit zusätzlicher Gipfelbesteigung des Mount Tongariro 23 Kilometer lange Strecke führt von Westen her über den Sattel zwischen Mt. Ngauruhohe und Mt. Tongariro. Man kann den Track im Sommer ohne Schnee und ohne Erklimmung des Gipfels innerhalb eines Tages gehen. Jetzt, im Winter, übernachtet man nach 2/3 Wegstrecke in der Ketetahi-Hütte am Nordhang. Die Mitarbeiter des zuständigen DOC Offices in Turangi sagen für den 13. August, also in zwei Tagen, akzeptables Wetter voraus: 40 Km/h Wind auf dem Sattel, wenige Wolken, Frostgrenze bei 1500 Meter. Da Teile des Tracks vereist sind, seien Steigeisen und Eisaxt dringlichst empfohlen. Gut, wir wissen, dass die DOC Leute (aus gutem Grund) immer sehr vorsichtig sind und es gern sehen, wenn Besucher mit kompletter Ausrüstung auf den Weg  gehen, ob sie nun gebraucht wird oder nicht. Schon zu oft mussten Rettungsmannschaften leichtsinnige Touristen, die den gleichen Ausrüstungsumfang wie bei einem Strandspaziergang mit sich führten, aus heiklen Situationen befreien. Das gut informierte Visitor Centre in Whakapapa Village (klitzekleines Dorf mit zwei Hotels, einem Campground und Ferienhütten sieben Kilometer unterhalb des Whakapapa Ski-Gebietes am Nordwest-Hang des Mt. Ruapehu) besteht allerdings auch darauf, dass Eissteighilfen mitzuführen seien. Ob wir denn auch „alpine Erfahrungen“ haben? Nicht so richtig, aber irgendwo muss man sie ja sammeln. Den 12. August verbringen wir auf zwei kürzeren Tracks, die in Whakapapa Village starten. Der eine führt zu den Taranaki Falls (ein 2-Stunden Loop), die sich zwar als nicht gerade gigantische Wasserfälle entpuppen, aber trotzdem recht nett anzuschauen sind. Der zweite (Ridge Track / 1 Stunde) endet auf einem nahegelegenen Hügelkamm, bietet aber auch keinen besseren Ausblick auf das tiefergelegene Umland, als der Blick von den Hütten des Skigebietes, in das wir Maggie hinauftreiben. Höhenluft tut ihr gut. Man darf sich dieses Ski-Gebiet nun nicht wie eines in den Alpen vorstellen. Sicher, es gibt eine Menge Lifte und Abfahrten der unterschiedlichsten Schwierigkeitsgrade, aber alles verläuft etwas gemächlicher, es fehlt (zum Glück) das Remmidemmi des europäischen Skizirkus. Leider merkt Marcus, das ihm sein Knie Probleme macht, er wird den Tongariro Crossing mit seinen steilen, vereisten Passagen nicht mitgehen können. So schade das auch ist, hat es zumindest den Vorteil, dass er mich am Startpunkt absetzen und am folgenden Tag am Ende wieder abholen kann, was sonst ein teurer Shuttle-Dienst übernehmen müsste (mangels Nachfrage fährt im Moment nur ein Unternehmen auf telefonische Vorbuchung). Der Verleihservice für Ski- und Bergausrüstung des „Skotel Alpine Resort“ in Whakapapa Village knöpft mir stolze 26 NZ$ als 1 ½ Tage Miete für ein paar Steigeisen ab. Die Wegelagerer haben hier das Monopol und ohne die klauenbewehrten Dinger geht´s scheinbar nicht. Donnerstag, 13. August. Der Himmel ist azurblau und fast wolkenlos. Prinzenwetter. „Der Berg ruft!“ würde Luis Trenker (selig) sagen und zu jodeln beginnen. Allerdings ist es bitter kalt. Gut eingepackt, den Rucksack gefüllt mit allem Notwendigen von Wasser über First Aid Kit bis zum Schlafsack, mache ich mich um 9 Uhr auf den Weg, Mt. Ngauruhohe und Mt. Tongariro liegen schneeglitzernd vor mir. Anderthalb Stunden später erreiche ich den Anstieg zum Sattel. Zunächst sind 350 Höhenmeter über eine steile Felspassage hinaufzusteigen. Kalt ist mir nicht mehr, im Gegenteil, ich schwitze wie ein Saunagast und keuche mir die Lunge aus dem Leib. Der Fleecepullover, den ich unter der dicken Jacke trage, verschwindet im Rucksack, die Ventilationsreissverschlüsse unter den Achselhöhlen werden aufgezogen. Es geht über ein weites, ebenes Schneefeld, flankiert von steil aufragenden Wänden und noch einmal einen harten, 300 Meter hohen Anstieg hinauf, über Schnee, unter dem an schattigen Stellen Eis verborgen ist. Der Kamm, auf dem ich mich nun befinde, führt hinauf auf den Rand des „Red Crater“, südöstlich des Gipfels von Mt. Tongariro. Kein Schnee liegt im Krater und auf seinem dampfenden, mit roter Asche bedecktem Rand. Zeichen dafür, dass die lavaspuckenden Kameraden hier immer noch nicht richtig zur Ruhe gekommen und jederzeit in der Lage sind, ordentlich auf die Pauke zu hauen. Von meiner Position aus kann ich nach Nordosten hinunterblicken auf die drei kleinen Emerald Lakes (im Sommer smaragdfarben schimmernd, jetzt mit einer bläulich schimmernden Eisschicht bedeckt), die auf dem Rand des „Central Crater“ liegen, der sich nördlich unter mir wie eine grosse Schneearena ausbreitet. Hier irgendwo soll laut Plan die Abzweigung zum mit Holzpflöcken markierten Weg zum Gipfel des Mt. Tongariro sein. Pustekuchen, kein Pflock zu sehen, wahrscheinlich alle umgeweht und unter Schnee begraben, hier oben weht manchmal ein zackiges Lüftchen. Kann mich nicht erschüttern, schliesslich habe ich (wie vom DOC empfohlen, eigentlich haben sie doch meistens recht) meinen Kompass dabei, greife mir aus der Karte die Peilung heraus und kann den Gipfel nordwestlich von mir anvisieren, etwa drei Kilometer entfernt. Mann, werdet ihr sagen, warum kann der denn den Gipfel nicht mit blossem Auge erkennen? Weil da mehrere, für mich scheinbar gleich hohe Kuppen sind und ich nicht auf die Falsche stapfen möchte. Durch eine mit tieferem Schnee bedeckte Senke marschiere ich in die angepeilte Richtung, hinauf auf eine Kuppe, über einen Sattel bis zur nächsten Kuppe und noch einmal über einen langen Sattel mit steil abfallenden Flanken bis ich am Anstieg zum Gipfel bin. Ich schnalle mir die Steigeisen unter, da die groben Sohlen der Schuhe auf dem vereisten Hang keinen sicheren Halt mehr geben und ich nicht auf dem Bauch liegend den Hang herunterrutschen möchte. So was sieht immer ziemlich unprofessionell aus. In diesem Moment zeigt sich, wie schnell sich das Wetter im Tongariro National Park ändern kann. Wie schrieb jemand so schön: Schneller als man sagen kann „Wo kommen bloss plötzlich diese schwarzen Wolken her?“. Innerhalb weniger Minuten ist der Gipfel in Wolken verborgen, ich mittendrin, stehe nun ganz oben drauf und kann mich nicht an der verdienten schönen Aussicht erfreuen. Gemeinheit. Also entlang der eigenen Spur zurück zum Red Crater. Es hat sich wieder einigermassen aufgeklart, als ich ankomme und über den Aschehang in den Central Crater hinabsteige („der Versuch, kontrolliert hinabzurutschen“ würde mein Unterfangen besser beschreiben). An dessen nördlichem Ende noch einmal ein Anstieg auf den Rand des „Blue Lake“, ein ebenfalls bläulich schimmernder, kreisrunder zugefrorener See in einer Krateröffnung (tja, dieser Vulkan hat viele Krater). Einige hundert Meter geht es auf dessen Rand entlang und dann folgt der Abstieg hinunter zur Ketetahi Hütte auf 1400 Meter, die ich kurz vor 17 Uhr erreiche. In der Hütte treffe ich auf Jan, 23 jähriger deutscher Gärtner aus Essen, der sich auf dem „Northern Circuit Treck“ befindet, diese Nacht auch hier verbringen will und zu meiner grossen Freude schon den Gasofen der Hütte in Rotglut versetzt hat. Der ebenfalls anwesende Hüttenaufseher, ein junger Amerikaner aus Indiana, der während seines längeren Neuseelandbesuches häufiger für jeweils sieben Tage als ehrenamtlicher Mitarbeiter des DOC diesen Job macht, erzählt, dass wir seit einer Woche die ersten Gäste der Hütte sind. Im Sommer ist hier teilweise derartiger Andrang, dass alle 26 Etagenkojen belegt und draussen noch mehrere Zelte aufgebaut sind. Die Hütten des DOC sind übrigens oft von der „zünftigen“ Sorte: Kein elektrisches Licht (Kerzen mitbringen!), im Winter kein fliessendes Wasser (es gibt aber gesammeltes Regenwasser aus grossen Tanks), Plumpsklo-Häuschen abseits der Hütte (da überlegst du dir nachts dreimal, ob du aus deinem molligen Schlafsack krabbelst und hinaus in die Kälte gehst, auch wenn es wirklich bressiert). Übernachten in einer DOC-Hütte ist nicht kostenlos, man muss sich vorher mit Tickets ausrüsten, die in jedem DOC-Office erhältlich sind (je nach Hüttenkategorie ab 5 NZ$, in diesem Fall 10 NZ$, für einige Hütten auf den sogennannten „NZ Great Walks“ gelten teilweise Sonderbestimmungen). Aber Hauptsache warm, ein Dach über dem Kopf, nette Gesellschaft (wie Jan) und von der holzbeplankten Terrasse aus der Blick auf einen umwerfenden Sundown durch den aufsteigenden Dampf der nahe der Hütte gelegenen heissen Quellen. Der Blick hinaus am nächsten Morgen ist eher unerfreulich. Die Sicht ist fast auf Null zurückgegangen, es weht ein scharfer Wind, Schneeflocken treiben der Erdanziehung zum Trotz waagerecht am Fenster vorbei. Armer Jan, er hat heute noch mehr als 20 Kilometer zurückzulegen, aber als ehemaliges Mitglied der deutschen Junioren-Rudernationalmannschaft ist er hart im Nehmen und verschwindet dick vermummt im dichten Schneetreiben. Ich muss nur noch zwei Stunden und 650 Höhenmeter hinabsteigen auf den Parkplatz, von dem Marcus mich (hoffentlich) abholen wird (seine letzten Worte waren: „Wenn ich nette Mädels kennen lerne, kann´s später werden.“). Nach 45 Minuten bin ich aus der Wolkendecke heraus, der Schnee verwandelt sich in Regen, und als ich gegen 11 Uhr tropfend bei Maggie eintrudele (Glück gehabt, keine netten Mädels), bin ich froh über den heissen Kaffe, den Marcus mir gemacht hat.