Neuseeland 3

Wir fahren von Auckland Richtung Südosten, umrunden den Firth of Thames und gelangen bei Thames, einer heute 6000 Einwohner zählenden Stadt, die in der Zeit des NZ-Goldrausches und des grossen Kauri-Kahlschlages zu den grössten des Landes zählte, auf die Coromandel Peninsula. Die Halbinsel, die wie ein Finger 80 Kilometer weit nach Norden in den Pazifik hinausragt, bietet an ihrer Westseite zerklüftete Küstenzüge, abgelegene kleine Dörfer, Ruhe und Abgeschiedenheit, keine achtzig Kilometer Luftlinie vom Zentrum Aucklands entfernt. Bis Colville führt eine gewundene, schmale asphaltierte Strasse, Fletcher Bay an der Spitze der Peninsula erreicht man von hier aus nur über einen 30 Kilometer langen unbefestigten Weg, der schmal und bei Regen glitschig dem Küstenverlauf folgt, aber problemlos zu befahren ist. Die kleinen, einspurigen Brücken, die nur für eine Achslast von bis zu 3,5 Tonnen zugelassen sind, tragen ohne Probleme mindestens 5,6 Tonnen. Nach wiederholten praktischen Versuchen können wir dies ruhigen Gewissens versichern. Die Ostküste der Coromandel Peninsula ist der touristisch erschlossenere Teil, bietet sie doch alles, was das Urlauberherz begehrt. Buchten, Sandstrände, bizarre Klippenformationen, kleine Hafenorte mit Restaurants und Boutiquen. Der Hobbyangler kann im gemieteten Boot hinaus aufs Meer schippern und die Fischbestände dezimieren. Wir stehen auf Shakespeare´s Lookout. Von diesem Punkt auf dem Rand der weissen Klippen am nördlichen Ortsrand von Cooks Harbour hat man bei strahlendem Sonnenschein sicher einen atemberaubenden Ausblick auf die sich unter uns ausbreitende Mercury Bay. Heute bläst uns der Wind jedoch mit 40 Knoten ins Gesicht, die dicken Tropfen des sintflutartigen Regens fliegen fast waagerecht und knallen wie Hagelkörner auf die Haut. Trotzdem sind wir aus Ehrfurcht ergriffen, schauen wir doch, wenn auch mit zusammengekniffen Augen, auf historischen Boden (oder historisches Gewässer). Im November des Jahres 1769 liess Lieutenant James Cook (entgegen anderslautender Meinung war Cook zwar Schiffsführer, bekleidete jedoch nicht den Rang eines Captain) sein Schiff, die Endeavour, in dieser Bucht vor Anker gehen, um den astronomischen Auftrag zu erfüllen, wegen dessen ihn die britische Admiralität um den halben Erdball geschickt hatte: Den Durchlauf des Planeten Merkur vor der Sonne beobachten und messen, also das Gleiche zu tun wie einige Monate vorher auf Tahiti beim Durchlauf der Venus. Seine Nebenaufgabe (da er nun sowieso gerade hier unten herumschipperte), die Suche nach der vermuteten grossen Landmasse auf der Südhalbkugel, erledigte er (Kartographierung der Küste Neuseelands und der Westküste Australiens sowie Inbesitznahme des grossen Kontinentes und seines kleinen Inselnachbarn für die britische Krone) gleichermassen mit Bravour. Zu Cooks Zeiten waren Seefahrer noch rechte Abenteurer. Dennoch soll nicht unerwähnt bleiben, dass der junge Lieutenant Cook weder der Entdecker Australiens noch Neuseelands ist. Dieser Titel gebührt anderen. Doch dazu später mehr. Einige Kilometer südöstlich, bei Hahei, der nächste optische Leckerbissen: Die versteckte Cathedral Cove, eine verschwiegene, feinsandige Bucht mit grün überwucherten Steilfelsen. Von einem Carpark hoch auf den Klippen führt ein etwa drei Kilometer langer Walking-Track durch den Wald und über einige Felsen hinunter in die Mares Leg Cove. Von hier aus kann man bei Ebbe durch ein Felstor mit den gewaltigen Ausmassen eines Kirchenportals, das sich im Laufe der Jahrtausende in einem in den Ozean vorspringenden Steilfelsen gebildet hat, in die Cathedral Cove gelangen. Zumindest theoretisch. Das wild wogende Meer denkt bei dem heute herrschenden Sturm aber gar nicht daran, uns trotz Ebbe den Durchgang frei zu geben. Nicht unser Glückstag. Aber allein der Anblick des gigantischen Felstores ist die Mühe des Ab- und nun folgenden Aufstieges wert. Ab Waihi schliesst sich an die Coromandel Peninsula fast nahtlos die etwa 150 Kilometer durchmessende gewaltige Bay of plenty an, ein Küstenstrich, der ganzjährig durch besonders mildes Klima besticht (deshalb besonders viele neuseeländische Rentner und Pensionäre anzieht) und über endlos lange Sandstrände verfügt. Der häufig dicht entlang der Küste verlaufende Highway 2, der die grösseren Städte Tauranga, Whakatane und Opotiki miteinander verbindet, ist, für neuseeländische Verhältnisse, gut ausgebaut, lädt also zum schnell fahren ein. Überall am Strassenrand sehen wir grosse Hinweisschilder, die den NH 2 als hochgradig unfallgefährdete Zone kennzeichnen oder mit grossen Buchstaben auf gefährlich schwarzem Untergrund zum langsamer fahren auffordern: „No need 4 speed!“ Wir werden von einer Polizeistreife gestoppt. Na, an unserer Geschwindigkeit kann es nicht liegen, da wir, wie immer, höchstens mit 60-70 km/h fahren. Wir wollen schliesslich etwas von der Gegend sehen, sind auf der Reise, nicht auf der Flucht. Natürlich sind wir doch wegen unserer Geschwindigkeit angehalten worden. Wir sind zu langsam, meckert der Officer, stören den Verkehrsfluss. Ja was denn nun? Hüh oder hott? Langsam fahren, oder mitrasen und Unfälle provozieren? Die Anweisung des Officers (der vielleicht sein zweites finanzielles Standbein in einem Abschleppunternehmen stecken hat) ist klar: Entweder schneller fahren, oder ab und zu an die Seite, um die von uns ausgebremsten speedhungrigen Kiwis vorbeizulassen. Mit dem normalen Überholen hat es der hiesige Kraftfahrer nämlich nicht so, dafür sind ihm selbst die gut ausgebauten Highways zu eng. Wenn überhaupt, wird an Stellen überholt, die besonders breit sind, wie vorzugsweise an Abzweigungen mit Abbiegespur. Von jedem Punkt des Ufers der Bay of plenty ist übrigens bei klarer Sicht 50 Kilometer entfernt von der Küste, White Island, der aktivste Vulkan des Landes, zu sehen. White Island ist eine nur 324 Hektar grosse Insel, die aus drei ineinander übergehenden Vulkankegeln gebildet wird, deren 321 Meter hohe kalkig weiss schimmernde Spitze man vom Ufer der Bucht aus über den Horizont ragen sieht. Wenn auch nur recht klein. Ein Fernglas ist hilfreich, um Details auszumachen und die häufig über den Kratern aufsteigende Schwefeldampfsäule sehen zu können. Es werden eindrucksvolle, aber auch nicht ganz billige Rundflüge über die unbewohnte und in Privatbesitz befindliche White Island angeboten, sogar eine Barkassenfahrt mit Landgang auf die Insel ist im Programm, aber nicht ungefährlich, da der Vulkan je nach Lust und Laune giftige Gase ausstösst. Auf dem Asphalt des NH 2 sehen wir an vielen Stellen blutige graue Pelzknäuel kleben, traurige Überreste von Possums, von denen es, wie bereits erwähnt, etwa 70 Millionen im Land gibt. Das war nicht immer so. Früher, als noch kein menschliches Wesen seinen Fuss auf das heutige Neuseeland gesetzt hatte, gab es hier, bis auf einige Fledermäuse, überhaupt keine Säugetiere. Nur Vögel und Insekten, sogar nicht einmal Schlangen. An der Abwesenheit von Schlangen hat sich auch bis heute nichts geändert, doch brachten die Siedler dann alles Lebendige mit, was sie zum Essen oder als vierbeinige Kameraden benötigten, wie Schafe, Ziegen, Kühe, Schweine, Hirsche, Katzen oder Hunde. Natürlich keine giftigen oder Raubtiere, weswegen sich Neuseeland auch heute noch rühmt, dass es kein freilebendes (Land-)Tier beheimatet, das einem Menschen gefährlich werden könnte. Das ist so nicht ganz richtig, da (abgesehen davon, dass es Leute geben soll, die von Schweinen gebissen wurden) der Katipo, eine Giftspinne aus der Familie der schwarzen Witwen, sehr wohl in der Lage ist, einen Menschen zu töten oder ihm zumindest den Rest der Woche zu versauen. Der Katipo ist allerdings derartig rar, dass ein beklagenswertes Opfer sich rühmen dürfte, als ein äusserst seltener Einzellfall in die Analen des Landes einzugehen. Wer hier in Neuseeland zum Baden ins Meer geht, verlässt übrigens den werbewirksamen Hochsicherheitsbereich. Haie gibt es nicht nur im benachbarten Australien. Doch zurück zu den Possums. Die possierlichen Beuteltiere von der Grösse einer Katze, wurden aus Australien auf Grund ihres unglaublich flauschigen Pelzes eingeführt. Natürlich büxten einige von ihnen aus, und wenn man Possums etwas nicht vorwerfen kann, dann ist es mangelnde sexuelle Aktivität. So gibt es nun heute mehr Possums als Schafe in Neuseeland, und das will was heissen. Darüber hinaus ist so ein Possum ein ausgezeichneter Kletterer und notorischer Vielfrass. Sieben Millionen Tonnen (!) Vegetation fallen alljährlich den kleinen Rackern zum Opfer, darunter eine Menge kultivierter Pflanzen und Plantagenobst. Es wird somit selbstredend kein freundschaftliches Miteinander zwischen Neuseeländern und Possums gepflegt. Fallen, ausgestreutes Gift (das leider auch viele andere Tiere tötet) und ab und an ausgesetzte Fangprämien sorgen dafür, dass die Zahl der fluffigen Beutler nicht noch weiter steigt. Ab Opotiki beginnt die East-Cape Region, eine Art isolierter Auswuchs an der Ostküste, um den herum sich zwischen Opotiki im Norden und Gisborne in Süden die 330 Kilometer lange, meist küstennah verlaufende NH 35 windet und die vielen kleinen Dörfer, fast ausschliesslich Maori Communities, miteinander verbindet, die sich in den vielen kleinen Naturhäfen etabliert haben. In das Innere der etwa 6000 qkm grossen Region führen nur wenige, in den die nördliche Hälfte bedeckenden Raukumara Forest so gut wie gar keine Strassen. Das Zentrum ist mit nahezu undurchdringlichem Busch und Wald bewachsen, die Berge steigen auf bis zu 1750 Meter an, eine wilde, urwüchsige abgelegene Gegend. So ist es kein Wunder, das in Te Araroa an der nordöstlichen Spitze, vom schlitzohrigen Tankstellenbesitzer ein fast 50% höherer Spritpreis als üblich verlangt wird. Ebenfalls in Te Araroa finden wir einen der ältesten „Weihnachtsbäume“ des Landes. Christmas Tree ist der populäre Name des Pohutakawa, einen vornehmlich in Küstennähe auf der Nordinsel wachsenden Baumart, die jedes Jahr im Dezember aufs prächtigste in karmesinrot erblüht. Befindet man sich in dieser Maori Community, gibt es nur noch ganz wenige Menschen auf dem Planeten, die der internationalen Datumsgrenze näher sind, als man selbst. Der „Nullte“ Längengrad ist gerade mal einhundert Kilometer entfernt. Es gibt viele malerische Siedlungen an der Buchten- und Klippenreichen East Cape Küste, wie Tolaga Bay mit seinem 600 Meter weit in den Pazifik hinausragenden alten Anleger oder Whangara, Schauplatz der wunderbaren Novelle „The Whale Rider“ des Maori-Schriftstellers Witi Ihimaera, doch der seit drei Tagen mehr oder weniger anhaltende Regen vermiesst uns längere Aufenthalte und Strandwanderungen. Die Kino-Umsetzung von „The Whale Rider“ (sollte in Deutschland am 14. August angelaufen sein) war übrigens der grösste Box Office – Erfolg der neuseeländischen Kinogeschichte und verwies (man mag es kaum glauben) sogar die ersten beiden Teile der ebnfalls hier im Land gedrehten „Lord of the Rings“ – Trilogie auf die Plätze. Am 2. August erreichen wir Gisborne am südlichen Ende der East Cape Region, eine mit mehr als 30.000 Einwohnern für Kiwi-Verhältnisse recht grosse Stadt, umgeben von grossen Anbaugebieten für Wein und subtropische Früchte. Zitronen, Mandarinen und Orangen haben wir allerdings schon zur Genüge gesehen. Wir suchen etwas anderes. Eine Stätte geschichtlicher Bedeutung. Hier in der Poverty Bay betrat Lieutenent James Cook am 9. Oktober 1769 das erste Mal neuseeländischen Boden. Es soll ein Monument unweit des entsprechenden Strandabschnittes geben. Wir finden es im strömenden Regen, doch es entpuppt sich als totenhässlicher Backstein-Obelisk. Noch schlimmer ist es bestellt um die tatsächliche Stelle von Cooks erstem Landgang. Auf ihr befindet sich heute der Rohholz-Lagerplatz eines Verladehafens. So geht man hier also mit den Helden seiner Vorzeit um. Obwohl, wie bereits erwähnt, „Entdecker“ Neuseelands war Cook ja schliesslich nicht. Die Ehre gebührt den Polynesiern. Es gibt gesicherte Beweise für erste etablierte Siedlungen aus der Zeit um 1000 n.Chr., gegründet von ehemaligen Bewohnern der Gesellschaftsinseln (Tahiti), den Ahnen der heutigen Maori. Nicht einmal als den ersten europäischen Entdecker Neuseelands kann man Cook bezeichnen. Diesen Titel kann der Holländer Abel Tasman für sich einfordern, der schon 1642 im Dienste der niederländisch-ostindischen Gesellschaft an der Westküste Neuseelands an Land ging, sich aber schleunigst wieder verkrümelte, als Eingeborene drei seiner Crew-Mitglieder meuchelten. Er nannte die Stätte der Frevel-Tat aus gegebenem Anlass „Mörder Bucht“, das entdeckte Land „Nieuw Zeeland“ (nach der holländischen Provinz Zeeland) und befleissigte sich hernach einer derartig schlampigen Erkundung der Westküste, dass ihm sogar die Lücke zwischen Nord- und Südinsel entging. Schliesslich verlor er gänzlich das Interesse und segelte davon. Was Cook wirklich als Erster tat, war eine Stange mit einer Flagge in den Strand zu rammen und Neuseeland somit fürs erste dem englischen Königreich einzuverleiben. Übrigens glücklicherweise zwei Monate bevor der Franzose Jean-Francoise Marie de Surville, der zur selben Zeit in den gleichen Gewässern herumschipperte (de Surville und Cook sind sich erstaunlicherweise nie begegnet), in der heutigen Doubtless Bay an Land ging. Nur sechzig Tage trennten Neuseeland somit davon, französisch zu werden. Beängstigender Gedanke. Ab Gisborne, am südlichen Ende der East Cape Region, durchqueren wir das bergige Inland Richtung Nordwesten (etwa 130 Kilometer, die Hälfte davon durch die faszinierende Waioeka Schlucht) und erreichen bei Opotiki wieder die Bay of Plenty. Hinweisschilder kurz hinter Gisborne geben an, ob die Strecke ganz oder nur in Teilstücken befahrbar ist (es kann nach sehr starken Regenfällen zu Landslides kommen). Dann geht es zuerst über die NH2 nach Whakatane und von dort aus auf der NH30 ins Landesinnere. Schon nach 50 Kilometern steckt man in dem Gebiet, dass sich wohl als touristische Hauptattraktion der Nordinsel bezeichnen darf: Die vulkanisch hochaktive Zone um die Stadt Rotorua, alias „Roto-Vegas“ (in der Saison wimmelt es hier von Touristen), alias „Sulphur-City (bei dem fauligen Schwefelgestank, der in vielen Teilen der Region aufkommende Übelkeit verursacht, stellt sich die Frage, wie es die Bewohner hier überhaupt aushalten). Das Rotorua Gebiet lockt mit mehr als einem Dutzend malerischer kobaltblauer Seen, heissen Quellen in Hülle und Fülle, Geysiren, Vulkankratern und, wie bereits bemerkt, fauligem Gestank. Okay, ist vielleicht etwas übertrieben. Es stinkt hauptsächlich in den Gebieten um die heissen Quellen, aber je nach Windlage werden ganze Ortschaften mit üblem Odem belegt. Wenn man den Schwefelgeruch länger in der Nase hat, kann man ihn jedoch mental verdrängen. Nicht völlig, aber immerhin bis unter die „Ich will sofort weg von hier!“-Grenze. Tatsache ist, dass es sich bei der Rotorua Region (abgesehen mal von Roturua selber) um ein landschaftliches Highlight handelt (werft mir nicht vor, dass ich fast jeden Platz in Neuseeland als Highlight bezeichne, es ist halt einfach so). Es gibt unglaublich viel zu sehen (Rotorua selber, wie schon gesagt, schliesse ich dabei aus). Dutzende von Walkways und Tracks unterschiedlichster Schwierigkeitsgrade, angelegt vom DOC (Department of Conservation) durchziehen die Region. Empfehlenswert u.a.: Der Eastern Okataina Walkway. Der etwa zehn Quadratkilometer grosse Lake Okataina ist sowieso schon ein kleines Juwel, da es ausser der sieben Kilometer langen schmalen Zufahrt vom NH30 keinen Weg dorthin und am Ufer auch nur eine kleine Lodge und einen Picknickplatz gibt. Rings um den See erheben sich bewaldete Hänge, ausser Vogelgezwitscher ist nichts zu hören. Am Picknickplatz beginnt der Walkway, führt an den steilen Hängen des Ostufers entlang halb um den See herum, dann über einen Hügel und endet am Ufer des Lake Tarawera. Hin und zurück 21 Kilometer über schmale Waldpfade mit einigen steilen, aber nicht schwierigen Passagen. Sechs bis sieben Stunden sollte man einplanen. Es ist vielleicht nicht ganz ungefährlich, den Walk so zu timen, dass man die letzten vier Kilometer bei Dunkelheit mit Taschen-/ Stirnlampenlicht laufen muss, da es neben dem Pfad meist steil nach unten Richtung See geht und die Trittsicherheit bei Taschenlampenlicht nachlässt, aber man sollte es trotzdem wagen. Zum einen wegen der grossen Zahl nachtaktiver Tiere, die einem hierbei um die Füsse wuseln, teils so schnell, dass man nicht entscheiden kann, was für ein Tier es war oder wie viele Beine es hatte. Zum anderen sitzen überall in den Büschen die „Glowworms“, Larven einer Mückenart, die mit herabhängenden klebrigen Fäden unachtsame Insekten fangen und die ganz erstaunliche Fähigkeit besitzen, bei Nacht ein grünes Leuchten zu produzieren. Befindet man sich nun bei Dunkelheit auf dem Walkway, bemerkt man um sich herum massenhaft grüne Leuchtpunkte. Gespenstischer Anblick. Wenn man dann gerade die Taschenlampe ausgeknipst hat, um das grüne Leuchten besser auf sich wirken zu lassen und just in diesem Moment ein neugieriges Possum beschliesst, einem über die Füsse zu laufen, ich kann euch sagen ... . Kleine Randbemerkung: Bei all den Walks und Treks, die man in Neuseeland machen kann (und ihre Anzahl ist Legion, Länge von 30 Minuten bis 7 Tagen), empfiehlt sich vernünftiges Schuhwerk. Die Pfade sind oft eng, steil, steinig, überwachsen, rutschig, kaum zu erkennen. Hohe, gelenkunterstützende Treckingschuhe aus Nubuk-Leder mit Gore-Tex Membran und Vibram-Sohle kosten zwar eine Stange Geld, sind es aber auch definitiv wert. Unsere haben uns zuverlässig und sicher durch die Wüsten Pakistans und Irans, die Himalaya-Region, das australische Outback und nun auch über die ersten Tracks in Neuseeland gebracht. Wir haben zwar eine hohe Tankkapazität (530 Km), aber letztendlich befinden sich nur 130 Liter im Standardbetriebstank. Wenn der droht, leer zu werden, wird vom von uns nachträglich angebauten 300 Liter Reservetank per angeflanschter Spritpumpe Diesel in den Betriebstank gepumpt. Die Konstruktion ist so gelöst, dass das Umpumpen auch während der Fahrt passieren kann. Zur Not gibt es dann immer noch 100 Liter in fünf Kanistern als letzte Reserve. Hier in Neuseeland bekommt man nun eigentlich nie ein Spritproblem, dafür ist das Tankstellennetz zu dicht. Ab und zu gelingt es uns Triefnasen jedoch, den Betriebstank trocken zu fahren, bevor wir ans umpumpen denken. So passiert am Abend des 3. August, mit den letzten Tropfen rollen wir auf unseren nächtlichen Standplatz. Der Versuch, am nächsten Morgen aus dem 300 Liter Tank umzupumpen, scheitert, da die verdammte Spritpumpe sich überlegt hat, es sei gerade jetzt ein phantastischer Zeitpunkt, den Dienst zu quittieren. Sie wird zwar warm, pumpt aber nicht, sitzt also fest. Kein Beinbruch, zwei Kanister einfüllen, Spritleitungen und die beiden Diesel-Parallelfilter per Handpumpe entlüften, schon sollte Maggie wieder anspringen. Tut sie aber nur unwillig nach langem Anlasserorgeln unter Streicheln und gutem Zureden. In den klaren Nächten gehen die Temperaturen im Moment zwar auf nahe Null Grad herunter, aber wir haben vorschriftsmässig vorgeglüht. Wahrscheinlich sind die Dieselfilter reif zum wechseln, nach knapp 40.000 Kilometern Fahrt um den halben Planeten mit unterschiedlichsten Kraftstoffqualitäten wäre das auch nur recht und billig. Das „Auto Truck Centre“ in Rotorua, autorisierte Teile + Service Station für Iveco, kann uns über Nacht aus Auckland die beiden Kraftstoffilter  und auch gleich noch zwei (exorbitant teure!) Keilriemen besorgen, die in absehbarer Zeit zu tauschen sind. Am nächsten Morgen bauen wir gleich auf dem Parkplatz von ATC die neuen Filter ein und fahren frohen Mutes aus der Stadt heraus. Morgenstund hat Fluch im Mund. Zehn Kilometer später hört Maggies 6-Zylinder Herz auf, zu schlagen und wir rollen antriebslos auf den Seitenstreifen. Anlassversuche schlagen trotz abwechselnden beten und betteln fehl. Das Schauglas des Grobsegmentfilters vor den Parallelfiltern ist leer, es mangelt dem Motor also an Sprit. Der Tank ist voll, daran kann es diesmal nicht liegen. Der Versuch, mit der Handpumpe zu entlüften, saugt keinen Diesel, sondern nur Luft an, woher auch immer. Also, Spritleitung lösen und hineinpusten. Okay, es blubbert im Tank, die Leitung ist nicht verstopft, es könnte also problemlos Diesel angesaugt werden. Woran liegts? Ein Defekt in der Einspritzung scheidet aus, da auch das Entlüften per Handpumpe nicht funktioniert. Zum Glück hat Marcus den Deutz-Adlerblick. Die Verschraubung zwischen Kraftstoffleitung und Grobsegmentfilter ist nicht richtig angezogen (wahrscheinlich mit der Zeit losvibriert) und an genau dieser Stelle zieht die Einspritzpumpe Luft ins System, statt Diesel aus dem Tank. Kleine Ursache, lästige Wirkung. Das Problem ist jetzt natürlich im Handumdrehen gelöst. Den Rest des Tages haben wir verplant für die Besteigung des Rainbow-Mountain, zwanzig Kilometer südlich von Rotorua. Besteigung ist eigentlich nicht das richtige Wort, der Rainbow Mountain ist nur 743 Meter hoch und es geht ein Walkway hinauf, für den der DOC 1½ Stunden ansetzt, in denen man immerhin knappe 500 Höhenmeter hinter sich bringen muss (als alte Bergziege schafft man das Ganze auch in einer Stunde). Nach der ersten Hälfte wird der Pfad gelinde gesagt eher holprig und geht ständig steil bergauf. Macht stramme Waden und ist gut gegen Zellulitis. Vom Gipfel des Rainbow Mountain bietet sich zur Belohnung ein phänomenaler 360°-Rundumblick. Richtung Norden schaut man über fast die komplette Rotorua Region (Rotorua selber sieht man, da hinter einem Hügel verborgen, nicht, was aber, ich kann das nicht oft genug bemerken, wirklich egal ist und sowieso nur stören würde), nach Süden bei klarer Sicht bis zu den schneebedeckten Vulkan-Gipfeln des Tongariro National Park, immerhin fast 100 Kilometer entfernt, also in das Gebiet, in dem wir, so unser Plan, in etwa zwei Wochen herumkraxeln werden. Richtung Nordosten blickt man auf den nur etwa 18 Kilometer entfernten Mount Tarawera, 1111 Meter hoch, Vulkan in Lauerstellung. Mount Tarawera sorgte 1886 für eine der grössten Naturkatastrophen in der Geschichte Neuseelands. Schon seit Mitte des 19. Jahrhunderts war die Rotorua Region eine Touristenattraktion. Zu einer Zeit also, in der sich in anderen Landesteilen Siedler und Maori noch blutige Kämpfe lieferten, kamen reiche Reisende aus aller Welt, um sich unter anderem am lieblichen Anblick der pinkfarbenen Sinterterrassen am Lake Rotomahana an der Westseite des Mount Tarawera zu erfreuen. Am 31. März 1886 beobachteten am See anwesende Touristen und Maori gleich zwei gespenstische Dinge. Zuerst lief ohne ersichtlichen Grund eine hohe Welle über den See. Dann sah man ein Geisterkanu (klassische Maori-Bauweise für zeremonielle Anlässe, in dieser Art seit 50 Jahren nicht mehr gefertigt) lautlos durch das Wasser gleiten. Wohlgemerkt, ausnahmslos alle damals Anwesenden haben diese Ereignisse mitverfolgt, die von Maori Priestern sofort als Vorzeichen einer Katastrophe gedeutet wurden. Zehn Tage später, in den frühen Morgenstunden des 10 Juni 1886 explodierte Mount Tarawera und erleuchtete den Himmel mit Feuerbällen aus drei Schloten. Die nachfolgenden fünfstündigen Eruptionen begruben 1500 Quadratkilometer Umland, drei Maori-Siedlungen und die berühmten Sinterterrassen unter Lava, Asche und Schlamm. 153 Menschen fanden den Tod, Mount Tarwera war über seine gesamte Länge wie nach einem Axthieb aufgespaltet. Wenn man sich als Reisender in diesem geothermisch so hochaktiven Gebiet von Rotorua aufhält, sollte man sich natürlich auch eine der (allerdings nur gegen hohen Eintrittspreis) zu begehenden spektakulären Thermal Areas ansehen. Eine reicht aus, denn es gibt in allen so ziemlich das Gleiche zu bestaunen. Wir wählen das „Wai-O-Tapu Thermal Wonderland“, ein 18 Quadratkilometer grosses Areal, von dem ein Teil für Touristen zugänglich ist (nur ein Teil deshalb, weil dieses Gebiet äusserst instabil und daher schützenswert ist). Eintrittspreis: 16,50 NZ$. Wai-O-Tapu besitzt eine Besonderheit, den „Lady Knox Geysir“, der jeden Tag pünktlich um 10.30 Uhr für etwa 45 Minuten eine bis zu 15 Meter hohe dampfende Fontäne ausspuckt und in seinem Timing sogar den Wechsel zwischen neuseeländischer Sommer- und Winterzeit mitberücksichtigt. Klingt unglaublich, nicht wahr? Stimmt, da ist eine helfende Hand im Einsatz. Normalerweise ist der Lady Knox Geysir nämlich ein ziemlich unzuverlässiger Bursche, seine Eruptionsintervalle variieren zwischen 24 und 48 Stunden. Das kann und will man den zahlenden Besuchern nicht antun. So schüttet jeden Morgen um 10.15 Uhr ein Mitarbeiter eine Tüte Seifenflocken als Initialzünder in den Geysir, was zur Folge hat, dass dieser 15 Minuten später programmgemäss abgeht wie die Post. Den Zusammenhang zwischen Seife und Eruption entdeckten frühe Siedler, die fanden, es sei eine prima Idee, ihre Wäsche im heissen Wasser des Geysirs zu waschen und ihre Unterhosen plötzlich 15 Meter hoch durch die Luft fliegen sahen. Apropos Geysir: Der wahnsinnigsten Sensation hinken wir leider um 100 Jahre hinterher. Bis zu seinem Erlöschen im Jahr 1904 war im 10 Kilometer nördlich liegenden „Volcanic Valley“ der Waimangu-Geysir aktiv und schleuderte heisse Fontänen bis zu absolut unfassbaren 500 Meter (!) hoch. Das ist weit jenseits unserer Vorstellungskraft. Ein drei Kilometer langer Rundweg führt durch das Thermal Wonderland von Wai-O-Tapu, dicht vorbei an allen Attraktionen. Überall kocht, blubbert und brodelt es in den unterschiedlichsten Farben. Die Luft ist voller Dampfschwaden. Natürlich stinkt es abenteuerlich. Wir sehen den grünen Opal-Pool, den dampfenden Thunder-Crater, die grössten Sinter-Terrassen Neuseelands und und und ... . Nicht zu vergessen den Champagnerpool im Zentrum des Rundweges, eine 60 Meter durchmessende und ebenso tiefe 74°C heisse Quelle mit perlenden kleinen Bläschen wie in einem (aha, daher der Name!) Champagnerglas. Türkisgrün ist das Quellwasser, orange die dicken Ablagerungen im Uferbereich. Eine Augenweide.