Neuseeland 2

Die Bay of Islands. Stätte der ersten permanenten englischen Besiedlung Neuseelands im frühen 19. Jahrhundert, heute einer der touristischen Hauptanziehungspunkte des Landes, gelegen an der Nordost-Küste der Nordinsel. In der circa 20 Kilometer durchmessenden Bucht recken sich etwa 150 mehr oder minder kleine Eilande schroff und teilweise bewaldet, aber bis heute zum Glück unerschlossen aus dem Pazifik und bieten dem Betrachter vom Ufer der Bucht eine sehenswerte Szenerie. Wir sind in Russell, gelegen auf einer Halbinsel in der Mitte der Bay, angekommen. Russell, mit seinen heute nur 1140 Bewohnern, ist ein Stück Geschichte Neuseelands. Gegründet in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts zuerst durch Robbenfänger, die in kürzester Frist den Robbenbestand der Küste auf Null dezimierten, danach durch Walfänger, die ähnliches Unheil über die Wale brachten, war die Stadt ein einziges Sodom und Gomorra. Glückspiel, Trunksucht, Prostitution, Gewaltverbrechen waren die Eckpfeiler der Siedlung. Dazu gab es auf einem Hügel am Stadtrand die englische Flagge, Zeichen britischer Autorität. Just dieser Flaggenmast wurde von Hone Heke, Führer des Maori-Stammes Ngapuhi dreimal gefällt und ebenso oft von den Siedlern wieder aufgestellt. Am 11. März 1845 gelang es den Ngapuhi Russell durch einen taktisch geschickten Zangenangriff in den Belagerungszustand zu versetzen. Die von einem eingelaufenen Kriegschiff zu Hilfe eilenden britischen Truppen konnten nicht mehr helfen. Die Siedler waren gezwungen, sich auf vor Anker liegende Schiffe zu flüchten, Hone Heke legte den Flaggenmast ein viertes und letztes mal um. Nachdem auch der Captain der HMS Hazard schwer verwundet wurde, liess sein erster Offizier die Stadt mit den eingedrungenen Maori unter Beschuss legen und zerstörte Russell fast vollständig. Heute ist Russell ein idyllisches Fleckchen, der Flaggenmast wurde als Ehrenmal wieder an seinem ursprünglichen Standort errichtet und erinnert auch heute noch an den wohl bekanntesten Maori-Holzfäller Hone Heke. Mit einer kleinen Fähre setzen wir über von Okiato nach Opua, sparen uns so etwa 50 Kilometer Fahrtstrecke und ausserdem fühlt sich Maggie auf Fähren pudelwohl. Maggies Gewicht führt bei der Fähre zu arger Hecklastigkeit, aber wir erreichen wohlbehalten das gegenüberliegende Ufer. Zehn Kilometer südlich von Opua erreichen wir Kawakawa. Das Dorf wäre eigentlich nicht von besonderem Interesse, gäbe es nicht die öffentliche Toilette an der Hauptstrasse. Genau, ein schnödes Klo, magischer Anziehungspunkt für Busladungen von Architekturstudenten, die es hauptsächlich in der Saison aus allen Richtungen und Winkeln fotografieren. Natürlich nicht grundlos. Diese Toilette wurde 1997 entworfen und gebaut vom weltbekannten Österreicher Architekten, Designer, Künstler Friedensreich Hundertwasser, der seit Anfang der siebziger Jahre Kawakawa als Wohnsitz wählte und 2001 sein erfolgreiches, bewegtes und bewundertes Leben aushauchte. Ein älterer Bewohner Kawakawas schildert uns Hundertwasser als freundlichen Mitbürger, der fast jeden Tag die Hauptstrasse hoch und runter marschierte und in jedem der Geschäfte auf einen Plausch halt machte. Heute sieht man in Kawakawa einige Geschäftsfassaden, die zu Ehren ihres ehemaligen Mitbürgers im Hundertwasserstil umgestaltet wurden. Auch der Apotheker ist gerade dabei, Hand an seinen Laden zu legen und Farbe und Form ins Spiel zu bringen. Ab Pakaraka führt der Highway 10 entlang der Ostküste weiter nach Norden, ab Mangonui entlang der malerischen Doubtless Bay. Der kuriose Name resultiert aus einer Logbucheintragung Captain Cooks, der bei der Kartographierung der Küste Neuseelands angesichts dieses idyllischen Platzes schrieb, dass es sich „zweifellos um eine Bucht“ handeln würde. Die Doubtless Bay wird im Nordwesten abgeschlossen durch die Karikari Peninsula, die wir, fast bis zu ihrem Ende, auf teils unbefestigten Strassen hinauffahren und an der malerischen Matai Bay Haltmachen. Eine kleine Bucht wie ein Amphitheater, deren Eingang rechts und links von steilen Klippen flankiert wird. Eine Rasenfläche oberhalb der Bucht ist genau die richtige Stelle, Maggie etwas Fett, soll heissen einen Abschmierdienst zu gönnen. Die Lager sind nach den letzten 5000 Kilometern Fahrt und insbesondere der Dampfstrahlung im Hafen von Auckland knochentrocken und alle zwanzig Schmiernippel lechzen förmlich nach einem guten Schuss schmierigen Fettes. Anschliessend gibt’s gleich noch den turnusmässigen Motorölwechsel, wie immer 20 Liter, die einem die Tränen in die Augen und die $ aus der Brieftasche treiben. Motorölwechsel in der freien Natur ist übrigens nur bedingt nachahmenswert. Sollte man nur machen, wenn man geübt genug ist, dabei keinen Tropfen Altöl in den Boden sickern zu lassen. Schon die kleinste Kleinigkeit kann etliche Kubikmeter Grundwasser versauen. Für einen Bushwalk auf die Klippen, die die Bucht einschliessen, ist festes Schuhwerk angesagt. Es geht schlammige, rutschige, unwegsame Pfade hinauf durch dichten Farn und Buschbewuchs. Die Aussicht vom Rand der Klippe entschädigt für alle Kratzer, die man sich natürlich zugezogen hat, weil man mannhaft (also Dusseligerweise) in kurzen Hosen durchs Unterholz gebrochen ist. Wir verlassen die Karikari Peninsula, machen einen kurzen Umweg nach Süden und erreichen Kaitaia, mit knapp 6000 Einwohnern grösste und auch einzige richtige Stadt im äusserste Norden Neuseelands. Hier gibt es das weit und breit einzige Internet-Café namens „Hacker“. Passender wäre der Name „Abzocker“. Die Konkurrenzlosigkeit  ausnutzend verlangt „Hacker“ mindestens 2 NZ$, 15 Minuten kosten 5 NZ$, eine Stunde 10 NZ$. Damit ist es etwa viermal so teuer wie die Internet-cafés in Auckland. Wer nicht dringend die Aussenwelt mittels E-Mail kontaktieren muss, sollte „Hacker“ links liegen lassen. Von Kaitaia aus geht’s wieder nordwärts auf die Aupori Peninsula, die sich wie ein Finger als Neuseelands äusserster Zipfel neunzig Kilometer weit nach Nordwesten ausstreckt. Gleich am Beginn der Peninsula, zwei Kilometer nördlich von Awanui, der erste „Muss“-Stop. Im „Ancient Kauri Kingdom“ werden Holzprodukte ausgestellt und verkauft, die in der eigenen Werkstatt aus den gigantischen Stämmen bis zu 50.000 Jahre alter Kauri Bäume gefertigt werden, die man aus den Sümpfen der Umgebung ausgräbt (wissenschaftlich gesicherte Altersbestimmungen liegen vor). Blickfang der Ausstellung ist eine Wendeltreppe, die, hineingearbeitet in (!) einen 100 Tonnen schweren Kauri-Abschnitt, das Erdgeschoss mit der Empore verbindet. Zu kaufen gibt´s hier alles mögliche, von Möbeln bis zur Obstsschale. Da ist das aus einem Stück gefertigte Sofa für 35.000 NZ$, es gibt aber auch das Tennisballgrosse unbearbeitete Stück Kauri zum selber schnitzen für 1 NZ$. Es juckt einem in den Fingern. Mal ehrlich, wer kann schon ein Tranchierbrett aus 50.000 Jahre altem Holz sein eigen nennen? Der Highway 1 führt uns weiter auf die Aupouri Peninsula, die an ihrer schmalsten Stelle 6, an der breitesten 25 Kilometer misst. Rechts des Highways kleine Seenlandschaften, Sumpfgebiete, Dünen, links ausgedehnte, kultivierte Kiefernwälder, angelegt für die neuseeländische Holzindustrie. In grauen Vorzeiten gab es hier dichte Bestände der gewaltigen Kauri-Bäume, Riesen von bis zu sechzig Metern Höhe. Eine wissenschaftlich fundierte These über die Tatsache, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt all diese Kauri von der senkrechten in die waagerechte begaben und seitdem unter der Erdoberfläche liegen, gibt es bis heute nicht. Man vermutet einen Vulkanausbruch oder eine ähnlich verheerende Naturkatastrophe, aber letztendlich bleibt es eines von vielen ungelösten Rätseln der Natur. Schön, das es so was noch gibt. Der Highway (Highway bedeutet in Neuseeland nicht unbedingt breite, geradlinig verlaufende Strasse), der durch viele winzig kleine Ansiedlungen führt, endet in Waitiki Landing, von dort aus führt eine 25 Kilometer lange Schotterpiste bis Cape Reinga, auf dessen exponiertester Klippe das Cape Reinga Lighthouse steht und in jeder Nacht seinen 38 Kilometer weit sichtbaren Leuchtbalken über den Teil des Meeres schickt, in dem die Tasman Sea und der Südpazifik mit ihren unterschiedlichen Charakteristiken und Tiden aufeinanderprallen. Cape Reinga ist NICHT, wie häufig behauptet, der nördlichste Punkt Neuseelands. Der liegt 25 Kilometer weiter ostwärts an der dortigen Spitze der Peninsula und heisst aus eben diesem Grunde (und nicht aus Zufall) North Cape. Der Bereich um das North Cape ist für Fahrzeuge tabu, darf nur erwandert werden. Man durchquert dabei Maori-Landbesitz, den man nur mit vorher eingeholter Genehmigung begehen darf. Wir fahren bei strahlendem Sonnenschein über abenteuerliche Gefällestrecken in die fünf Kilometer östlich gelegene Tapotupotu Bay auf den dortigen DOC Campground. Die DOC (Department of Conservation) Campgrounds sind über das ganze Land verteilt an den reizvollsten Punkten, bieten an Annehmlichkeiten in der Regel nichts ausser Plumpsklos (allerdings modern und sauber) und Aussenduschen mit kaltem Wasser. Zu dieser Jahreszeit übrigens richtig kalt, wir können da aus Erfahrung sprechen. Andererseits verirrt sich jetzt, ausserhalb der Saison, auch nur selten ein anderes Fahrzeug hierhin. Die Bezahlung des auf einer Infotafel angegebenen pro Tag/Person Betrages erfolgt nach dem Donation-Prinzip, das heisst, man packt das Geld mit einem Zettel, auf dem Datum und Name notiert sind, in einen der ausgelegten Briefumschläge, den man dann in eine kleine Box wirft. Von der Bay aus gibt es verschiedene „Coastal Walkways“, einer davon führt über fünf Kilometer bis zum Lighthouse. Den nehmen wir in Angriff. Für die zehn Kilometer hin und zurück werden laut Infotafel fünf Stunden angesetzt. Lachhaft. Wie kann so was so lange dauern? Zu früh gelacht. Zum Glück haben wir unsere Wanderstiefel angezogen. Es geht über eine 250 Meter hohe Klippe wieder auf Null herunter in die nächste Bucht, von dort aus über eine ebenso hohe zweite Klippe bis zum Lighthouse, zurück das Ganze noch einmal. Steigungen bis zu 100% (100% Steigung sind übrigens 45°, und nicht senkrechte 90°, wie immer noch viele meinen). So was nennen die „Walkway“. Auf den Kämmen, die wir nach Luft japsend entlang wandern, ist der Pfad zu erkennen, in unregelmässigen Abständen sind Richtungspfeile aufgestellt. An Steigungen und Gefällen ist er von Farn und Dornbüschen überwachsen (Unangenehmerweise wieder in kurzer Hose unterwegs), glitschig und mancherorts nur an den Rutsch- und Absturzspuren früherer unglücklicher Wanderer zu erkennen. Insgesamt mehr als eintausend zurückgelegte Höhenmeter auf zehn Kilometer Wegstrecke. Und das in (Protz) vier Stunden. Ich weiß, die Bergwanderer unter euch werden milde lächeln, aber wir kommen schließlich aus dem lappischen (fast-) Flachland und sind keine versierten Steinböcke. Für den Rückweg von der Aupouri Peninsula Richtung Süden wollen wir nicht wieder den Highway 1, die einzige durchgehende Verbindung auf der Halbinsel, nutzen. Müssen wir auch nicht. Wozu hat Maggie schliesslich einen Allradantrieb? Und wozu gibt es die Ninety-Mile Beach? Die etwa 130 Kilometer lange „Ninety-Mile Beach“ (weiss der Teufel, wer das vermessen hat) zieht sich fast entlang der kompletten Westküste der Peninsula hinunter nach Süden bis Ahipara. Ein wunderschöner, breiter (zumindest bei Ebbe) Sandstrand. Hochoffiziell befahrbar. Natürlich auf eigenes Risiko. Das wichtigste, was es dabei zu beachten gilt, sind die Tidenzeiten. Man sollte sich mit seinem Fahrzeug nicht in der Zeit von zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach dem Fluthöchststand am Strand aufhalten. Diese Warnung gibt uns auch der Fahrer eines zum Touristen-Bus umgebauten Army-Unimogs, den wir am Cape Reinga Lighthouse treffen und natürlich gleich bitten, einen Blick in seine Gezeitentabelle werfen zu können. Kommend von Cape Reinga erreicht man die Ninety-Mile Beach, wenn man in der kleinen Siedlung Te Paki westwärts auf die Te Paki Stream Road abbiegt und ihr vier Kilometer weit bis zum Ende an einem DOC-Campground folgt. Von hier aus sind es noch etwa drei weitere Kilometer bis zum Strand, die man im sandigen Bett des Te Paki Streams zurücklegt, der hier vorbeifliesst und im Ozean mündet. Richtig gelesen, IM Flussbett. Keine Chance, rechts oder links daneben zu fahren, denn dort erheben sich unpassierbare Dünenlandschaften. Der Stream führt nicht allzu viel Wasser, das Bett verbirgt keine Steine oder Felsen, ist nicht gefährlich tief. Nicht für Allradfahrzeuge mit akzeptabler Bodenfreiheit. Hat man den Strand dann erreicht, heisst es: Links abbiegen und Gas geben. Denn dann geht es mehr als achtzig Kilometer weit auf dem Sand entlang der Wasserlinie des mit gewaltigen Wellen anrollenden Ozeans nach Süden. Wie weit man sich dabei ins Wasser vorwagt, ist jedem selbst überlassen (Eins muss klar sein: Das Fahrzeug riecht danach mehrere Tage lang wie Hein Harmsens Fischbude, davon können wir ein Lied singen). Zu weit von der Wasserlinie weg Richtung Dünen bedeutet allerdings, tückischen weichen Tiefsand unter die Reifen zu bekommen. Es ist aber nicht allzu schwer, nach einigen Schlenkern den güldenen Mittelweg zu finden. Diese „Strandautobahn“ hat in den vergangenen Jahren einigen Motorradfahrern das Leben gekostet, die mit ihren Maschinen bei viel zu hoher Geschwindigkeit in weichen Sand oder Auswaschungen gerieten. Das auch immer wieder Fahrer von zweiradgetriebenen PKW ihr Glück versuchen und daran scheitern, beweist uns der von seinem leichtsinnigen Fahrer zurückgelassene Ford Cortina, der zur Hälfte im Sande versunken ist. Er hatte sich, von Süden kommend, festgefahren und konnte nicht mehr rechtzeitig herausgezogen werden. Dann kam die Flut. Die Ninety-Mile Beach verlassen (oder entern, falls man sie von Süden nach Norden befahren will) kann man am Campground von Waipapakauri. Die Reste einer Betonrampe ziehen liegen unübersehbar am Strand und es gibt eine Lücke in der niedrigen Düne, durch die man auf die asphaltierte Strasse nach Awanui gelangt. Einhundert Kilometer weiter südlich erreichen wir Kohukohu, eine verschlafene idyllische 220-Seelen Gemeinde am Ufer von Hokianga Harbour, einem verzweigten Buchtensystem, dass sich von der Westküste weit ins Landesinnere erstreckt. Unser neuer neuseeländischer Freund Joachim hatte uns diesen Ort ans Herz gelegt, da ein befreundetes Pärchen, Alma und Gerar, hier lebt. Wenn wir dort seien, sollten wir doch die Beiden besuchen, sie würden sich sicher freuen. Wir bräuchten nur nach der „Pink Villa“ zu fragen. Der Postmeister, der gerade vor seinem kleinen Post-Office steht, eilt sofort zum Telefon, als wir ihm erzählen, wen wir suchen. „Hey Gerar! There are two strangers in town, looking for you and Alma. With a huge truck!” Ich bekomme den Hörer in die Hand gedrückt und Gerar beschreibt mir, wie wir zur Pink Villa gelangen. Dort angekommen (das gemütliche aus Holz gebaute Haus ist wirklich pink), werden wir fröhlich von ihm, seiner hübschen Frau Alma und ihren beiden acht Monate alten Zwillingen begrüsst. Gerar, gebürtiger Kiwi und freischaffender Photograph, hat mehr als fünfzehn Jahre lang die Welt bereist, unter anderem Australien mit einem 56er Bedford. Alma ist in Irland geboren, grosser Afrika Fan und will, sobald die Zwillinge „etwas älter“ sind (womit sie meint, in etwa einem halben Jahr) mit den beiden und Gerar wieder hinaus in die weite Welt. Wir sitzen vor ihrem Kamin, gebeugt über Strassenkarten und versuchen, all die Plätze zu behalten, die sie uns für einen Besuch ans Herz legen, abseits der üblichen Touristen-Routen. Es ist ein wunderbares Gefühl, so freundlich und offenherzig von Menschen empfangen zu werden, denen man nie zuvor begegnet ist. Zum Abschied bekommen wir einen grossen Beutel frisch gepflückter Macademia-Nüsse (müssen noch zwei Monate trocknen, also Geduld bewahren und Finger weg) und ein Exemplar von Gerars 1997 veröffentlichten Bildbandes „ Reality is for those with no imagination“ (www.globalgypsy.com) mit Photographien, die auf seinen Reisen entstanden und der biografischen Sammlung von Erkenntnissen, Erinnerungen und Veränderungen seines bisherigen Lebens als Geschenk in die Hand gedrückt. Wir hoffen, den Beiden irgendwann noch einmal zu begegnen, um ihnen erzählen zu können, was wir auf unserer weiteren Reise durch ihr wundervolles Heimatland erlebt haben. Wir umfahren die Buchten von Hokianga Harbour auf einer grossen Schleife durch das Inland, durchqueren dabei Kaikohe mit der letzten Ruhestätte des 1850 hier verstorbenen Maori Führers Hone Heke (ihr erinnert euch: Der Mann, den britische Flaggenmasten zur Axt greifen liessen), verbringen eine Nacht am Fähranleger des gemütlichen Örtchens Rawene und erreichen bei den mehr oder weniger zusammengewachsenen Dörfern Opononi und Omapere am Ausgang der Bucht wieder die Westküste. In Omapere findet man ein Visitors-Centre, das man unbedingt besuchen muss. Nicht auf Grund der wie immer grossen Vielfalt an Informationsschriften, die man säckeweise einsammeln könnte, nein, das angegliederte, winzige Museum lohnt es, hier halt zu machen. Neben den üblichen alten Zeitungsausschnitten, Fotos und kuriosen Sammelstücken, die von einer freundlichen älteren Dame, die das Museum in Schuss hält, derartig detailliert beschrieben und blumig mit ihren selbsterlebten zeitgenössischen Erinnerungen ausgeschmückt werden, dass man nach acht Stunden gezwungen ist, einen Kollaps wegen Nahrungsmangel vorzutäuschen, gibt es noch eine abgetrennte Ecke, die „Opo“, dem freundlichen Delphin, gewidmet ist. Mit vielen Fotos und Berichten wird hier eine ganz entzückende Geschichte mit tragischem Ausgang geschildert, die sich hier im Jahr 1955 zugetragen hat. Ein einsamer Delphin wurde beobachtet, der jeden Tag in die Bucht kam, um mit den Fischerbooten zu schwimmen. Besonderes Vergnügen bereitete es ihm, wenn die Fischer mit einem Ruder über seinen Rücken oder Bauch schubberten. Schliesslich wurde „Opo“, wie man ihn inzwischen getauft hatte, so zutraulich, dass er jeden Tag den Anleger von Opononi besuchte und dort mit den badenden Kindern spielte. Die Geschichte erweckte nationales Interesse. Aus dem ganzen Land pilgerten Scharen von Menschen herbei, um Opo zu sehen. Ein tägliches Verkehrschaos war das Resultat. Und jetzt der Knüller: Es gibt einen authentischen, dokumentarischen Film über Opo, den man hier im Museum auf Anfrage anschauen kann. Ein MUSS! Es ist ein typischer 50er Jahre Tierfilm mit fröhlicher Musik und einem freundlichen, scherzenden Sprecher mit tiefer Stimmlage. Es gibt witzige Aufnahmen von Opo, der um die Badegäste schwimmt, Kinder auf seinem Rücken reiten lässt und mit einem ihm zugeworfenen Ball spielt. Dazu die Massen von Schaulustigen, die den Steg fast zum Einstürzen bringt. Es ist wie eine nie gesendete Folge von „Flipper“, eindeutig meiner Lieblingsfernsehserie aus Kindertagen, mit dem Unterschied, das der Hauptdarsteller nicht jahrelang trainiert wurde. Wie ich erwähnte, nahm diese Story einen tragischen Ausgang. Nur ein Jahr nach seinem Auftauchen näherte sich Opo dem Boot eines illegalen Dynamitfischers. Die Druckwelle einer explodierenden Dynamitstange beendete diese herzallerliebste Geschichte. Noch heute findet man Strassen und Cafés, die nach Opo benannt sind, seine letzte Ruhestätte befindet sich neben dem War Memorial. Wir fahren weiter auf dem Highway 12 nach Süden. Keine dreissig Kilometer weiter gibt es schon den nächsten Grund, zu halten, denn seit wenigen Minuten durchfahren wir den Waipoua Forest, ein erhalten gebliebenes Stück Urwald, noch genau so, wie es ausgesehen hat, bevor die ersten britischen Siedler in Neuseeland Fuss fassten. Das kaum zu durchdringende Dickicht beginnt direkt am Seitenstreifen rechts und links des schmalen Highways. Der Wipoua Forest ist der heute grösste zusammen hängende Kauri Forest Neuseelands. Noch vor einhundertfünfzig bedeckten die gewaltigen Kauri ausgedehnte Gebiete der Nordinsel. Unter massivem öffentlichen Druck und gegen die Proteste der Sägemühlenbesitzer, die gerade dabei waren, die Nordinsel ratzekahl zu rasieren, wurde der Waipoua Forest 1952 zum Naturschutzgebiet erklärt und dieses eindrucksvolle Stück Natur für die kommenden Generationen erhalten. Über einen zehnminütigen Walkway wird man von einem Parkplatz zu Tane Mahute (maori für „Gott des Waldes“) geführt, dem mit 51 Metern höchsten Kauri Neuseelands. Auch wer meint, ein grosser Baum könne ihn nicht beeindrucken, wird zugeben müssen, sich getäuscht zu haben. Kerzengerade, wie ein Turm, ragt Tane Mahute in den Himmel. Doch unser ehrfürchtiges Staunen wird noch getoppt. Von einem zweiten Parkplatz, zwei Kilometer weiter, führt wiederum ein Walkway (50 Minuten retour) durch den dichten Wald, der es einem auf Grund seines dichten Bodenbewuchses kaum erlaubt, weiter als dreissig Meter sehen zu können, Te Matua Ngahere (Vater des Waldes), mit wahrscheinlich 4000 Jahren (!) ältester Kauri des Landes. Man kommt um eine Kurve, gelangt auf eine kleine umzäunte Plattform und steht keine zwanzig Meter entfernt vom Saurier der Bäume. Nicht so hoch wie Tane Mahute, aber ungleich massiver. Der Umfang des Stammes beträgt mehr als 16 Meter. Man muss den mächtigen Te Matua Ngahere mit eigenen Augen gesehen haben, Fotos bringen seine elementare Wucht nicht zur Geltung. Das muss man sich einmal vorstellen: Dieser Baum war schon 2000 Jahre alt, als Cleopatra, Gottkönigin des ägyptischen Reiches, die kühne Idee hatte, es sei ein gewinnbringender politischer Schachzug, sich vom römischen Imperator Julius Cäsar entjungfern zu lassen. Unfassbar. Über Dargaville und Maungaturoto geht es zurück nach Süden bis Warkworth, wo wir uns für zwei Nächte auf dem Grundstück von Jaoachim einquartieren. Da wir bei anlässlich unseres ersten Besuches ungewollt seine Einfahrt verbreitet hatten (und seitdem mit einem lädierten Toilettenfenster durchs Land fahren), bereitet es uns heute kein Problem, in seinen Garten zu fahren. Der Baum, den Maggie vor zehn Tagen fällte, liegt noch mahnend auf dem Rasen. Mit der Motorsäge machen wir daraus Brennholz für den Kamin und tun somit Busse für unsere Missetat. Die zwei Tage bei Joachim nutzen wir, um von ihm möglichst viele Informationen und Tips für unsere weitere Reise durch sein Heimatland zu bekommen. Und davon hat er eine ganze Menge parat. Binnen kürzester Zeit sind unsere Karten mit Pfeilen, Markierungen, Telefonnummern und Infotexten vollgekritzelt. Dazwischen gibt es literweise Kaffee und als Krönung Bayrischen Wurstsalat. Mit Wurst, die wirklich nach Wurst schmeckt! Erstaunlich deshalb, da nach unserer Erfahrung die Kombination Wurst und Südhalbkugel nicht funktioniert. Am regnerischen Morgen des 27. Juli verabschieden wir uns von ihm und seinem Sohn Dario (Dario muss übersetzt Eichhörnchen heissen, der Junge klettert Bäume und Laternenpfähle hoch wie nix) und verabreden, uns Ende des Jahres auf der Südhalbinsel wiederzutreffen, wenn er, wie in jeder Saison, wieder Touristengruppen mit einem umgebauten Toyota Landcruiser durchs Land fährt. Wir sind kaum eine halbe Stunde unterwegs, da brüllt Marcus: „Marcel und Flavia!“ Kann gar nicht sein, die Beiden sind doch noch in Auckland und warten darauf, dass ihre Triumph Tiger generalüberholt wird. Doch er hat recht. Da stehen die zwei an der Strasse, im Motorraddress, mit Rucksäcken, aber ohne ihren „Tiger“. Des Rätsels Lösung: Da es noch etwas dauert, bis alle Ersatzteile in Auckland eingetroffen sind, haben die beiden beschlossen, sich für zwei Wochen bei einem Farmer zum „Fruit picking“ zu verdingen und ein paar Dollar zu verdienen. Gerade vor zehn Minuten sind sie aus dem Bus ausgestiegen und warten darauf, vom Farmer aufgesammelt zu werden, um ab morgen früh mit grossen Eimern auf Mandarinenjagd zu gehen. Wir leisten ihnen Gesellschaft, bis sie ihren Lift bekommen, wünschen „gut Pflück“ und fahren weiter bis nach Auckland, wo wir für diese Nacht im Zentrum am Victoria-Park stehen bleiben (kostenlose Parkplätze, zwar direkt an der Strasse, aber da auch in Auckland spätestens um 11 pm die Bürgersteige hochgeklappt werden, steht einem ungestörten Schlaf nichts im Weg). Klar, wir hätten uns auch ausserhalb der Stadt eine ruhige Stelle suchen können, aber da wir Auckland sowieso durchfahren müssen, wollen wir im „Central City Bachpackers“ Timo besuchen, einen deutschen Traveller, den wir hier vor zwei Wochen kennergelernt haben ( www.timos.walkabout.2003.rns ) . Timo ist auf einem zwölfmonatigen Langzeiturlaub, hat sich zuerst einige Monate in Südamerika rumgetrieben (wovon er in höchsten Tönen schwärmt, vor allem von Chile, Steaks und argentinischen Frauen, vielleicht war die Reihenfolge auch umgekehrt) und wird, nachdem er seine Reisekasse durch jobben in einem Outdoor-Shop aufgebessert hat, in ein paar Tagen mit einem hier gekauften japanischen Kleinbus die Rundreise durchs Land beginnen. Sein spezieller Tip für alle Traveller: Die Homepage der Globetrotter-Zentrale ( www.globetrotter.org ), eine umfassende Sammlung von Informationen über alle Länder dieser Welt, bietet auch die Möglichkeit der Kontaktaufnahme zu anderen Reisenden, wenn spezielle Fragen beantwortet werden sollen.