
Neuseeland 2
Die Bay of Islands. Stätte der ersten permanenten englischen
Besiedlung Neuseelands im frühen 19. Jahrhundert, heute einer der touristischen
Hauptanziehungspunkte
des Landes, gelegen an der Nordost-Küste der Nordinsel. In der circa 20
Kilometer durchmessenden Bucht recken sich etwa 150 mehr oder minder kleine
Eilande schroff und teilweise bewaldet, aber bis heute zum Glück unerschlossen
aus dem Pazifik und bieten dem Betrachter vom Ufer der Bucht eine sehenswerte
Szenerie. Wir sind in Russell, gelegen auf einer Halbinsel in der Mitte der Bay,
angekommen. Russell, mit seinen heute nur 1140 Bewohnern, ist ein Stück
Geschichte Neuseelands. Gegründet in den zwanziger Jahren des 19. Jahrhunderts
zuerst durch Robbenfänger, die in kürzester Frist den Robbenbestand der Küste
auf Null dezimierten, danach durch Walfänger, die ähnliches Unheil über die
Wale brachten, war die Stadt ein einziges Sodom und Gomorra. Glückspiel,
Trunksucht, Prostitution, Gewaltverbrechen waren die Eckpfeiler der Siedlung.
Dazu gab es auf einem Hügel am Stadtrand die englische Flagge, Zeichen
britischer Autorität. Just dieser Flaggenmast wurde von Hone Heke, Führer des
Maori-Stammes Ngapuhi dreimal gefällt und ebenso oft von den Siedlern wieder
aufgestellt. Am 11. März 1845
gelang es den Ngapuhi Russell durch einen
taktisch geschickten Zangenangriff in den Belagerungszustand zu versetzen. Die von einem eingelaufenen Kriegschiff zu Hilfe eilenden britischen
Truppen konnten nicht mehr helfen. Die Siedler waren gezwungen, sich auf vor
Anker liegende Schiffe zu flüchten, Hone Heke legte den Flaggenmast ein viertes
und letztes mal um. Nachdem auch der Captain der HMS Hazard schwer verwundet
wurde, liess sein erster Offizier die Stadt mit den eingedrungenen Maori unter
Beschuss legen und zerstörte Russell fast vollständig. Heute ist Russell ein
idyllisches Fleckchen, der Flaggenmast wurde als Ehrenmal wieder an seinem ursprünglichen
Standort errichtet und erinnert auch heute noch an den wohl bekanntesten
Maori-Holzfäller Hone Heke. Mit einer kleinen Fähre setzen wir über von Okiato nach
Opua, sparen uns so etwa 50 Kilometer Fahrtstrecke und ausserdem fühlt sich
Maggie auf Fähren pudelwohl. Maggies Gewicht führt bei der Fähre zu arger
Hecklastigkeit, aber wir erreichen wohlbehalten das gegenüberliegende Ufer.
Zehn Kilometer südlich von Opua
erreichen wir Kawakawa.
Das
Dorf wäre eigentlich nicht von besonderem Interesse, gäbe es nicht die öffentliche
Toilette an der Hauptstrasse. Genau, ein schnödes Klo, magischer
Anziehungspunkt für Busladungen von Architekturstudenten, die es hauptsächlich
in der Saison aus allen Richtungen und Winkeln fotografieren. Natürlich nicht
grundlos. Diese Toilette wurde 1997 entworfen und gebaut vom weltbekannten Österreicher
Architekten, Designer, Künstler Friedensreich Hundertwasser, der seit Anfang
der siebziger Jahre Kawakawa als Wohnsitz wählte und 2001 sein erfolgreiches,
bewegtes und bewundertes Leben aushauchte. Ein älterer Bewohner Kawakawas
schildert uns Hundertwasser als freundlichen Mitbürger, der fast jeden Tag die
Hauptstrasse hoch und runter marschierte und in jedem der Geschäfte auf einen
Plausch halt machte. Heute sieht man in Kawakawa einige Geschäftsfassaden, die
zu Ehren ihres ehemaligen Mitbürgers im Hundertwasserstil umgestaltet wurden.
Auch der Apotheker ist gerade dabei, Hand an seinen Laden zu legen und Farbe und
Form ins Spiel zu bringen. Ab Pakaraka führt der Highway 10 entlang der Ostküste
weiter nach Norden, ab Mangonui entlang der malerischen Doubtless Bay. Der
kuriose Name resultiert aus einer Logbucheintragung Captain Cooks, der bei der
Kartographierung der Küste Neuseelands angesichts dieses idyllischen Platzes
schrieb, dass es sich „zweifellos um eine Bucht“ handeln würde. Die
Doubtless Bay wird im Nordwesten abgeschlossen durch die Karikari Peninsula, die
wir, fast bis zu ihrem Ende, auf teils unbefestigten Strassen hinauffahren und
an der malerischen Matai Bay Haltmachen. Eine kleine Bucht wie ein Amphitheater,
deren Eingang rechts und links von steilen Klippen flankiert wird. Eine Rasenfläche
oberhalb der Bucht ist genau die richtige Stelle, Maggie etwas Fett, soll
heissen einen Abschmierdienst zu gönnen. Die Lager sind nach den letzten 5000
Kilometern Fahrt und insbesondere der Dampfstrahlung im Hafen von Auckland
knochentrocken und alle zwanzig Schmiernippel lechzen förmlich nach
einem guten
Schuss schmierigen Fettes. Anschliessend gibt’s gleich noch den turnusmässigen
Motorölwechsel, wie immer 20 Liter, die einem die Tränen in die Augen und die
$ aus der Brieftasche treiben. Motorölwechsel in der freien Natur ist übrigens
nur bedingt nachahmenswert. Sollte man nur machen, wenn man geübt genug ist,
dabei keinen Tropfen Altöl in den Boden sickern zu lassen. Schon die kleinste
Kleinigkeit kann etliche Kubikmeter Grundwasser versauen. Für einen Bushwalk auf die Klippen, die die Bucht
einschliessen, ist festes Schuhwerk angesagt. Es geht schlammige, rutschige,
unwegsame Pfade hinauf durch dichten Farn und Buschbewuchs. Die Aussicht vom
Rand der Klippe entschädigt für alle Kratzer, die man sich natürlich
zugezogen hat, weil man mannhaft (also Dusseligerweise) in kurzen Hosen durchs
Unterholz gebrochen ist. Wir verlassen die Karikari Peninsula, machen einen kurzen
Umweg nach Süden und erreichen Kaitaia, mit knapp 6000 Einwohnern grösste und
auch einzige richtige Stadt im äusserste Norden Neuseelands. Hier gibt es das
weit und breit einzige Internet-Café namens „Hacker“. Passender wäre der
Name „Abzocker“. Die Konkurrenzlosigkeit
ausnutzend verlangt „Hacker“ mindestens 2 NZ$, 15 Minuten kosten 5 NZ$,
eine Stunde 10 NZ$. Damit ist es etwa viermal so teuer wie die Internet-cafés
in Auckland. Wer nicht dringend die Aussenwelt mittels E-Mail kontaktieren muss,
sollte „Hacker“ links liegen lassen. Von Kaitaia aus geht’s wieder nordwärts auf die Aupori
Peninsula, die sich wie ein Finger als Neuseelands äusserster Zipfel neunzig
Kilometer weit nach Nordwesten ausstreckt. Gleich am Beginn der Peninsula, zwei
Kilometer nördlich von Awanui, der erste „Muss“-Stop. Im
„Ancient Kauri Kingdom“ werden
Holzprodukte ausgestellt und verkauft, die in
der eigenen Werkstatt aus den gigantischen Stämmen bis zu 50.000 Jahre alter
Kauri Bäume gefertigt werden, die man aus den Sümpfen der Umgebung ausgräbt
(wissenschaftlich gesicherte Altersbestimmungen liegen vor). Blickfang der
Ausstellung ist eine Wendeltreppe, die, hineingearbeitet in (!) einen 100 Tonnen
schweren Kauri-Abschnitt, das Erdgeschoss mit der Empore verbindet. Zu kaufen
gibt´s hier alles mögliche, von Möbeln bis zur Obstsschale. Da ist das aus
einem Stück gefertigte Sofa für 35.000 NZ$, es gibt aber auch das
Tennisballgrosse unbearbeitete Stück Kauri zum selber schnitzen für 1 NZ$. Es
juckt einem in den Fingern. Mal ehrlich, wer kann schon ein Tranchierbrett aus
50.000 Jahre altem Holz sein eigen nennen? Der Highway 1 führt uns weiter auf die Aupouri Peninsula,
die an ihrer schmalsten Stelle 6, an der breitesten 25 Kilometer misst. Rechts
des Highways kleine Seenlandschaften, Sumpfgebiete, Dünen, links ausgedehnte,
kultivierte Kiefernwälder, angelegt für die neuseeländische Holzindustrie. In
grauen Vorzeiten gab es hier dichte Bestände der gewaltigen
Kauri-Bäume,
Riesen von bis zu sechzig Metern Höhe. Eine wissenschaftlich fundierte These über
die Tatsache, dass sich zu irgendeinem Zeitpunkt all diese Kauri von der
senkrechten in die waagerechte begaben und seitdem unter der Erdoberfläche
liegen, gibt es bis heute nicht. Man vermutet einen
Vulkanausbruch oder eine ähnlich verheerende Naturkatastrophe, aber
letztendlich bleibt es eines von vielen ungelösten Rätseln der Natur. Schön,
das es so was noch gibt. Der Highway (Highway bedeutet in Neuseeland nicht unbedingt
breite, geradlinig verlaufende Strasse), der durch viele winzig kleine
Ansiedlungen führt, endet in Waitiki Landing, von dort aus führt eine 25
Kilometer lange Schotterpiste bis Cape Reinga, auf dessen exponiertester Klippe
das Cape Reinga Lighthouse steht und in jeder Nacht seinen 38 Kilometer weit
sichtbaren Leuchtbalken über den Teil des Meeres schickt, in dem die Tasman Sea
und der Südpazifik mit ihren unterschiedlichen Charakteristiken und Tiden
aufeinanderprallen. Cape Reinga ist NICHT, wie häufig behauptet, der nördlichste
Punkt Neuseelands. Der liegt 25 Kilometer weiter
ostwärts an der dortigen
Spitze der Peninsula und heisst aus eben diesem Grunde (und nicht aus Zufall)
North Cape. Der Bereich um das North Cape ist für Fahrzeuge
tabu, darf nur erwandert werden. Man durchquert dabei Maori-Landbesitz, den man
nur mit vorher eingeholter Genehmigung begehen darf. Wir fahren bei strahlendem Sonnenschein über abenteuerliche
Gefällestrecken in die fünf Kilometer östlich gelegene Tapotupotu Bay auf den
dortigen DOC Campground. Die DOC (Department of Conservation) Campgrounds sind
über das ganze Land verteilt an den reizvollsten Punkten, bieten an
Annehmlichkeiten in der Regel nichts ausser Plumpsklos (allerdings modern und
sauber) und Aussenduschen mit kaltem Wasser. Zu dieser Jahreszeit übrigens
richtig kalt, wir können da aus Erfahrung sprechen. Andererseits verirrt sich
jetzt, ausserhalb der Saison, auch nur selten ein anderes Fahrzeug hierhin. Die
Bezahlung des auf einer
Infotafel angegebenen pro Tag/Person Betrages erfolgt
nach dem Donation-Prinzip, das heisst, man packt das Geld mit einem Zettel, auf
dem Datum und Name notiert sind, in einen der ausgelegten Briefumschläge, den
man dann in eine kleine Box wirft. Von der Bay aus gibt es verschiedene „Coastal Walkways“,
einer davon führt über fünf Kilometer bis zum Lighthouse. Den nehmen wir in
Angriff. Für die zehn Kilometer hin und zurück werden laut Infotafel fünf
Stunden angesetzt. Lachhaft. Wie kann so was so lange dauern? Zu früh gelacht.
Zum Glück haben wir unsere Wanderstiefel angezogen. Es geht über eine 250
Meter hohe Klippe wieder auf Null herunter in die nächste Bucht, von dort aus
über eine ebenso hohe zweite Klippe bis zum Lighthouse, zurück das Ganze noch
einmal. Steigungen bis zu 100% (100% Steigung sind übrigens 45°, und nicht
senkrechte 90°, wie immer noch viele meinen). So was nennen die „Walkway“.
Auf den Kämmen, die wir nach Luft japsend entlang wandern, ist der Pfad zu
erkennen, in unregelmässigen Abständen sind Richtungspfeile aufgestellt. An
Steigungen und Gefällen ist er von Farn und Dornbüschen überwachsen
(Unangenehmerweise
wieder in kurzer Hose unterwegs), glitschig und mancherorts
nur an den Rutsch- und Absturzspuren früherer unglücklicher Wanderer zu
erkennen. Insgesamt mehr als eintausend zurückgelegte Höhenmeter
auf zehn Kilometer Wegstrecke. Und das in (Protz) vier Stunden. Ich weiß, die
Bergwanderer unter euch werden milde lächeln, aber wir kommen schließlich aus
dem lappischen (fast-) Flachland und sind keine versierten Steinböcke. Für den Rückweg von der Aupouri Peninsula Richtung Süden
wollen wir nicht wieder den Highway 1, die einzige durchgehende Verbindung auf
der Halbinsel, nutzen. Müssen wir auch nicht. Wozu hat Maggie schliesslich
einen Allradantrieb? Und wozu gibt es die Ninety-Mile Beach? Die etwa 130
Kilometer lange „Ninety-Mile Beach“ (weiss der Teufel, wer das vermessen
hat) zieht sich fast entlang der kompletten Westküste der Peninsula hinunter
nach Süden bis Ahipara. Ein wunderschöner, breiter (zumindest bei Ebbe)
Sandstrand. Hochoffiziell befahrbar. Natürlich auf eigenes Risiko. Das
wichtigste, was es dabei zu beachten gilt, sind die Tidenzeiten. Man sollte sich
mit seinem Fahrzeug nicht in der Zeit von zwei Stunden vor bis zwei Stunden nach
dem Fluthöchststand am
Strand aufhalten.
Diese Warnung gibt
uns auch der Fahrer eines zum Touristen-Bus umgebauten Army-Unimogs, den wir am
Cape Reinga Lighthouse treffen und natürlich gleich bitten, einen Blick in
seine Gezeitentabelle werfen zu können. Kommend von Cape Reinga erreicht man
die Ninety-Mile Beach, wenn man in der kleinen Siedlung Te Paki westwärts auf
die Te Paki Stream Road abbiegt und ihr vier Kilometer weit bis zum Ende an
einem DOC-Campground folgt. Von hier aus sind es noch etwa drei weitere
Kilometer bis zum Strand, die man im sandigen Bett des Te Paki Streams zurücklegt,
der hier vorbeifliesst und im Ozean mündet. Richtig gelesen, IM Flussbett.
Keine Chance, rechts oder links daneben zu fahren, denn dort erheben sich
unpassierbare Dünenlandschaften. Der Stream führt nicht allzu viel Wasser, das
Bett verbirgt keine Steine oder Felsen, ist nicht gefährlich tief. Nicht für
Allradfahrzeuge mit akzeptabler Bodenfreiheit. Hat man den Strand dann erreicht,
heisst es: Links abbiegen und Gas geben. Denn dann geht es mehr als achtzig
Kilometer weit auf dem Sand entlang der Wasserlinie des mit gewaltigen Wellen
anrollenden Ozeans nach Süden. Wie weit man sich dabei ins
Wasser vorwagt, ist jedem selbst überlassen (Eins muss klar sein: Das Fahrzeug
riecht danach mehrere Tage lang wie Hein Harmsens Fischbude, davon können wir
ein Lied singen). Zu weit von der Wasserlinie weg Richtung Dünen bedeutet
allerdings, tückischen weichen Tiefsand unter die Reifen zu bekommen. Es ist
aber nicht allzu schwer, nach einigen Schlenkern den güldenen Mittelweg zu
finden. Diese „Strandautobahn“ hat in den vergangenen Jahren einigen
Motorradfahrern das Leben gekostet, die mit ihren Maschinen bei viel zu hoher
Geschwindigkeit in weichen Sand oder Auswaschungen gerieten. Das auch immer
wieder Fahrer von zweiradgetriebenen PKW ihr Glück versuchen und daran
scheitern, beweist uns der von seinem leichtsinnigen Fahrer zurückgelassene
Ford Cortina, der zur Hälfte im Sande versunken ist. Er hatte sich, von Süden
kommend, festgefahren und konnte nicht mehr rechtzeitig herausgezogen werden.
Dann kam die Flut. Die Ninety-Mile Beach verlassen (oder
entern, falls man sie
von Süden nach Norden befahren will) kann man am Campground von Waipapakauri.
Die Reste einer Betonrampe ziehen liegen unübersehbar am Strand und es gibt
eine Lücke in der niedrigen Düne, durch die man auf die asphaltierte Strasse
nach Awanui gelangt. Einhundert Kilometer weiter südlich erreichen wir Kohukohu,
eine verschlafene idyllische 220-Seelen Gemeinde am Ufer von Hokianga Harbour,
einem verzweigten Buchtensystem, dass sich von der Westküste weit ins
Landesinnere erstreckt. Unser neuer neuseeländischer Freund Joachim hatte uns
diesen Ort ans Herz gelegt, da ein befreundetes Pärchen, Alma und Gerar, hier
lebt. Wenn wir dort seien, sollten wir doch die Beiden besuchen, sie würden
sich sicher freuen. Wir bräuchten nur nach der „Pink Villa“ zu fragen. Der
Postmeister, der gerade vor seinem kleinen Post-Office steht, eilt sofort zum
Telefon, als wir ihm erzählen, wen wir suchen. „Hey Gerar! There are two strangers in town, looking for you and Alma.
With a huge truck!” Ich bekomme den Hörer in die Hand gedrückt und Gerar
beschreibt mir, wie wir zur Pink Villa gelangen. Dort angekommen (das gemütliche
aus Holz gebaute Haus ist wirklich pink), werden wir fröhlich von ihm, seiner hübschen
Frau Alma und ihren beiden acht Monate alten Zwillingen begrüsst. Gerar, gebürtiger
Kiwi und freischaffender Photograph, hat mehr als fünfzehn Jahre lang die Welt
bereist, unter anderem Australien mit einem 56er Bedford. Alma ist in Irland
geboren, grosser Afrika Fan und will, sobald die Zwillinge „etwas älter“
sind (womit sie meint, in etwa einem halben Jahr) mit den beiden und Gerar
wieder hinaus in die weite Welt. Wir sitzen vor ihrem Kamin, gebeugt über
Strassenkarten und versuchen, all die Plätze zu behalten, die sie uns
für
einen Besuch ans Herz legen, abseits der üblichen Touristen-Routen. Es ist ein wunderbares Gefühl, so freundlich und offenherzig von
Menschen empfangen zu werden, denen man nie zuvor begegnet ist. Zum Abschied
bekommen wir einen grossen Beutel frisch gepflückter Macademia-Nüsse (müssen
noch zwei Monate trocknen, also Geduld bewahren und Finger weg) und ein Exemplar
von Gerars 1997 veröffentlichten Bildbandes „ Reality is for those with no
imagination“ (www.globalgypsy.com)
mit Photographien, die auf seinen Reisen entstanden und der biografischen
Sammlung von Erkenntnissen, Erinnerungen und Veränderungen seines bisherigen
Lebens als Geschenk in die Hand gedrückt. Wir hoffen, den Beiden irgendwann
noch einmal zu begegnen, um ihnen erzählen zu können, was wir auf unserer
weiteren Reise durch ihr wundervolles Heimatland erlebt haben. Wir umfahren die Buchten von Hokianga Harbour auf einer
grossen Schleife durch das Inland, durchqueren dabei Kaikohe mit der letzten
Ruhestätte des 1850 hier verstorbenen Maori Führers Hone Heke (ihr erinnert
euch: Der Mann, den britische Flaggenmasten zur Axt greifen liessen), verbringen
eine Nacht am Fähranleger des gemütlichen Örtchens Rawene und erreichen bei
den mehr oder weniger zusammengewachsenen Dörfern Opononi und Omapere am
Ausgang der Bucht wieder die Westküste. In Omapere findet man ein
Visitors-Centre, das man unbedingt besuchen muss. Nicht auf Grund der wie immer grossen Vielfalt an
Informationsschriften, die man
säckeweise einsammeln könnte, nein, das
angegliederte, winzige Museum lohnt es, hier halt zu machen. Neben den üblichen
alten Zeitungsausschnitten, Fotos und kuriosen Sammelstücken, die von einer
freundlichen älteren Dame, die das Museum in Schuss hält, derartig detailliert
beschrieben und blumig mit ihren selbsterlebten zeitgenössischen Erinnerungen
ausgeschmückt werden, dass man nach acht Stunden gezwungen ist, einen Kollaps
wegen Nahrungsmangel vorzutäuschen, gibt es noch eine abgetrennte Ecke, die „Opo“,
dem freundlichen Delphin, gewidmet ist. Mit vielen Fotos und Berichten wird hier
eine ganz entzückende Geschichte mit tragischem Ausgang geschildert, die sich
hier im Jahr 1955 zugetragen hat. Ein einsamer Delphin wurde beobachtet, der
jeden Tag in die Bucht kam, um mit den Fischerbooten zu schwimmen. Besonderes Vergnügen bereitete es ihm, wenn die Fischer mit einem
Ruder über seinen Rücken oder Bauch schubberten. Schliesslich wurde „Opo“,
wie man ihn inzwischen getauft hatte, so zutraulich, dass er jeden Tag den
Anleger von Opononi besuchte und dort mit den badenden Kindern spielte. Die
Geschichte erweckte nationales Interesse. Aus dem ganzen Land pilgerten Scharen
von Menschen herbei, um Opo zu sehen. Ein tägliches Verkehrschaos war das
Resultat. Und jetzt der Knüller: Es gibt einen authentischen, dokumentarischen
Film über Opo, den man hier im Museum auf Anfrage anschauen kann. Ein MUSS! Es
ist ein typischer 50er Jahre Tierfilm mit fröhlicher Musik und einem
freundlichen, scherzenden Sprecher mit tiefer Stimmlage. Es gibt witzige
Aufnahmen von Opo, der um die Badegäste schwimmt, Kinder auf seinem Rücken
reiten lässt und mit einem ihm zugeworfenen Ball spielt. Dazu die Massen von
Schaulustigen, die den Steg fast zum Einstürzen bringt. Es ist wie eine nie
gesendete Folge von „Flipper“, eindeutig meiner Lieblingsfernsehserie aus
Kindertagen, mit dem Unterschied, das der Hauptdarsteller nicht jahrelang
trainiert wurde. Wie ich erwähnte, nahm diese Story
einen tragischen Ausgang.
Nur ein Jahr nach seinem Auftauchen näherte sich Opo dem Boot eines illegalen
Dynamitfischers. Die
Druckwelle einer explodierenden Dynamitstange beendete diese herzallerliebste
Geschichte. Noch heute findet man Strassen und Cafés, die nach Opo benannt
sind, seine letzte Ruhestätte befindet sich neben dem War Memorial. Wir fahren weiter auf dem Highway 12 nach Süden. Keine
dreissig Kilometer weiter gibt es schon den nächsten Grund, zu halten, denn
seit wenigen Minuten durchfahren wir den Waipoua Forest, ein erhalten
gebliebenes Stück Urwald, noch genau so, wie es ausgesehen hat, bevor die
ersten britischen Siedler in Neuseeland Fuss fassten. Das kaum zu durchdringende
Dickicht beginnt direkt am Seitenstreifen rechts und links des schmalen
Highways. Der Wipoua Forest ist der heute grösste zusammen hängende Kauri
Forest Neuseelands. Noch vor einhundertfünfzig bedeckten die gewaltigen Kauri
ausgedehnte Gebiete der Nordinsel. Unter massivem öffentlichen Druck und gegen
die Proteste der Sägemühlenbesitzer, die gerade dabei waren, die Nordinsel
ratzekahl zu rasieren, wurde der Waipoua Forest 1952 zum Naturschutzgebiet erklärt
und dieses eindrucksvolle Stück Natur für die
kommenden Generationen erhalten.
Über einen zehnminütigen Walkway wird man von einem Parkplatz zu Tane Mahute (maori
für „Gott des Waldes“) geführt, dem mit 51 Metern höchsten Kauri
Neuseelands. Auch wer meint, ein grosser Baum könne ihn nicht beeindrucken,
wird zugeben müssen, sich getäuscht zu haben. Kerzengerade, wie ein Turm, ragt
Tane Mahute in den Himmel. Doch unser ehrfürchtiges Staunen
wird noch getoppt. Von einem zweiten Parkplatz, zwei Kilometer weiter, führt
wiederum ein Walkway (50 Minuten retour) durch den dichten Wald, der es einem
auf Grund seines dichten Bodenbewuchses kaum erlaubt, weiter als dreissig Meter
sehen zu können, Te Matua Ngahere (Vater des Waldes), mit wahrscheinlich 4000
Jahren (!) ältester Kauri des Landes. Man kommt um eine Kurve, gelangt auf eine
kleine umzäunte Plattform und steht keine zwanzig Meter entfernt vom Saurier
der Bäume. Nicht so hoch wie Tane Mahute, aber ungleich massiver. Der Umfang
des Stammes beträgt mehr als 16 Meter. Man muss den mächtigen Te Matua Ngahere
mit eigenen Augen gesehen haben, Fotos bringen seine elementare Wucht nicht zur
Geltung. Das muss man sich einmal vorstellen: Dieser Baum war schon 2000 Jahre
alt, als Cleopatra, Gottkönigin des ägyptischen Reiches, die kühne Idee
hatte, es sei ein gewinnbringender politischer
Schachzug, sich vom römischen
Imperator Julius Cäsar entjungfern zu lassen. Unfassbar. Über Dargaville und Maungaturoto geht es zurück nach Süden
bis Warkworth, wo wir uns für zwei Nächte auf dem Grundstück von Jaoachim
einquartieren. Da wir bei anlässlich unseres ersten Besuches
ungewollt seine Einfahrt verbreitet hatten (und seitdem mit einem lädierten
Toilettenfenster durchs Land fahren), bereitet es uns heute kein Problem, in
seinen Garten zu fahren. Der Baum, den Maggie vor zehn Tagen fällte, liegt noch
mahnend auf dem Rasen. Mit der Motorsäge machen wir daraus Brennholz für den
Kamin und tun somit Busse für unsere Missetat. Die zwei Tage bei Joachim nutzen
wir, um von ihm möglichst viele Informationen und Tips für unsere weitere
Reise durch sein Heimatland zu bekommen. Und davon hat er eine ganze Menge
parat. Binnen kürzester Zeit sind unsere Karten mit Pfeilen, Markierungen,
Telefonnummern und Infotexten vollgekritzelt. Dazwischen gibt es literweise
Kaffee und als Krönung Bayrischen Wurstsalat. Mit Wurst, die wirklich nach
Wurst schmeckt! Erstaunlich deshalb, da nach unserer Erfahrung die Kombination
Wurst und Südhalbkugel nicht funktioniert. Am regnerischen Morgen des 27. Juli
verabschieden wir uns von ihm und seinem Sohn Dario (Dario muss übersetzt Eichhörnchen
heissen, der Junge klettert Bäume und Laternenpfähle hoch wie nix) und
verabreden, uns Ende des Jahres auf der Südhalbinsel
wiederzutreffen, wenn er,
wie in jeder Saison, wieder Touristengruppen mit einem umgebauten Toyota
Landcruiser durchs Land fährt. Wir sind kaum eine halbe Stunde unterwegs, da brüllt
Marcus: „Marcel und Flavia!“ Kann gar nicht sein, die Beiden sind doch noch
in Auckland und warten darauf, dass ihre Triumph Tiger generalüberholt wird.
Doch er hat recht. Da stehen die zwei an der Strasse, im Motorraddress, mit
Rucksäcken, aber ohne ihren „Tiger“. Des Rätsels Lösung: Da es noch etwas
dauert, bis alle Ersatzteile in Auckland eingetroffen sind, haben die beiden
beschlossen, sich für zwei Wochen bei einem Farmer zum „Fruit picking“ zu
verdingen und ein paar Dollar zu verdienen. Gerade vor zehn Minuten sind sie aus
dem Bus ausgestiegen und warten darauf, vom Farmer aufgesammelt zu werden, um ab
morgen früh mit grossen Eimern auf
Mandarinenjagd zu gehen.
Wir leisten ihnen Gesellschaft, bis sie ihren Lift bekommen, wünschen „gut
Pflück“ und fahren weiter bis nach Auckland, wo wir für diese Nacht im
Zentrum am Victoria-Park stehen bleiben (kostenlose Parkplätze, zwar direkt an
der Strasse, aber da auch in Auckland spätestens um 11 pm die Bürgersteige
hochgeklappt werden, steht einem ungestörten Schlaf nichts im Weg). Klar, wir hätten
uns auch ausserhalb der Stadt eine ruhige Stelle suchen können, aber da wir
Auckland sowieso durchfahren müssen, wollen wir im „Central City
Bachpackers“ Timo besuchen, einen deutschen Traveller, den wir hier vor zwei
Wochen kennergelernt haben ( www.timos.walkabout.2003.rns
) . Timo ist auf einem zwölfmonatigen Langzeiturlaub, hat sich zuerst einige
Monate in Südamerika rumgetrieben (wovon er in höchsten Tönen schwärmt, vor
allem von Chile, Steaks und argentinischen Frauen, vielleicht war die
Reihenfolge auch umgekehrt) und wird, nachdem er seine Reisekasse durch jobben
in einem Outdoor-Shop aufgebessert hat, in ein paar Tagen mit einem hier
gekauften japanischen Kleinbus die Rundreise durchs Land beginnen. Sein
spezieller Tip für alle Traveller: Die Homepage der Globetrotter-Zentrale ( www.globetrotter.org
), eine umfassende Sammlung von Informationen über alle Länder dieser Welt,
bietet auch die Möglichkeit der Kontaktaufnahme zu anderen Reisenden, wenn
spezielle Fragen beantwortet werden sollen.