
Neuseeland 1
Es ist Dienstag, der 8.
Juli 2003. Gerade mal zwei Stunden, nachdem unsere Maschine den Flughafen von
Sydney verlassen hat, taucht unter uns die
Westküste
der Nordinsel Neuseelands auf. Allerdings nur zu erspähen durch einige kleine Löcher
in der ansonsten dichten, tiefliegenden Wolkendecke unter uns. Der Pilot der
thailändischen Boeing 747 hatte uns vorgewarnt, Schauer in Auckland,
Temperaturen um die 15°C. Unsere Uhren haben wir um zwei Stunden vorgestellt,
befinden uns jetzt zeitlich bei MEZ + 11 Stunden, sind also der deutschen
Sommerzeit um zehn Stunden voraus und örtlich praktisch auf der unserem
Heimatland gegenüberliegenden Seite des Globus (Grab in Deutschland ein Tiefes
Loch Richtung Erdmittelpunkt, wühl dich komplett durch und die wirst die Oberfläche
in der Nähe Neuseelands wieder durchstossen). Wie vorgesehen setzt unser
Flugzeug um 12.20 pm Ortszeit auf der Landebahn des Flughafens von Auckland auf.
Da sind wir nun, im Land der 50 Millionen Schafe, 9 Millionen Kühe und 70
Millionen Possums (kaninchengrosse Nager mit fluffigem Schwanz und grossen
Ohren, rangieren auf der Beliebtheitsskala nahe den Ratten; Warum, erklär ich
später), Flächenausdehnung ca. 270.000 qkm, somit etwas grösser als
Grossbritannien, bestehend aus zwei grossen Landmassen, der Nord- und der Südinsel,
sowie diverser kleiner Eilande. Nicht zu vergessen die nur 3,9 Millionen
Einwohner, die sich jedoch nicht gleichmässig im Land verteilen, sondern zu 80
Prozent in den fünfzehn grössten Städten leben. Ihr seht schon, in Neuseeland
gibt es ohne Zweifel echt einsame Gegenden. Die Chance, einen blökenden
Wolle-Lieferanten zu treffen, ist grösser, als auf einen zweibeinigen Gesprächspartner
zu stossen. In noch stärkerem Masse als Australien ist dieses Land bestrebt,
Schädlinge und Krankheitserreger fernzuhalten, die es hier noch nicht gibt.
Soll heissen, hiesige Zollbeamte werden hochgradig unfreundlich, wenn man
versucht, Lebensmittel oder beispielsweise unversiegelte Holzprodukte (Bohrwürmer!)
einzuführen, ohne dies vorher auf den schon im Flugzeug verteilten Fragebögen
zu deklarieren. Wie schon in Australien sind auch hier an den Gepäckbändern fröhlich
mit dem Schwanz wedelnde Hunde im Einsatz, die nicht nur bei Drogen, sondern
auch bei Obst und Gemüse Laut geben. Ausser einem Glas Instant-Kaffee in meinem
Rucksack haben wir nichts dergleichen im Gepäck und eine freundliche
Zollbeamtin versichert mir, dass Kaffe ganz sicher kein Risiko-Produkt sei.
Nach dem Verlassen des
Zollbereiches werden wir von einem Empfangskomitee überrascht. Flavia und
Marcel, die beiden Schweizer Motorrad-Weltenbummler, mit denen wir ein paar
feuchtfröhliche Faulenzer-Wochen in Goa verbracht hatten, sind vor ein paar
Tagen, nach einem kurzen Heimaturlaub, in Auckland eingetroffen und
hatten
von uns per E-Mail erfahren, dass wir auch im Anflug sind. Da stehen die beiden
nun, mit einem grossen Willkommensschild in den Händen und en ersten echten
neuseeländischen Kiwis (natürlich die Früchte, nicht die putzigen flugunfähigen
Laufvögel) als Begrüssungsgeschenk. Wir sind gerührt. Flavia und Marcel sind
für die nächsten Wochen in Auckland gestrandet, da ihre Triumph Tiger nach
48.000 gefahrenen Weltreisekilometern dringlichst einiger Zuwendung seitens
einer fachkundigen Werkstatt sowie diverse aus England einzufliegende
Ersatzteile bedarf. Bei seiner Ankunft in einem fernen, fremden Land gleich in
die lachenden Gesichter zweier guter Freunde sehen zu können, lässt einen das
feuchte, kühle neuseeländische Winterwetter schnell verdrängen.
Da Maggie frühestens in fünf
Tagen mit dem Schiff aus Sydney eintrifft (Truck müsste man sein und sich eine
Kreuzfahrt leisten können) brauchen wir solange eine Bleibe. Kein grosses
Problem in Auckland, Neuseeland ist einer der stärksten magnetischen
Anziehungspunkte für Backpacker aus aller Welt, dementsprechend viele Hostels
gibt es im ganzen Land und speziell natürlich in seiner grössten Stadt, die
meisten direkt im Zentrum nahe des Hafens. Die preiswerteste Möglichkeit bietet
laut unserem Lonely Planet – Reiseführer (neueste Ausgabe) das YWCA-Hostel (YWCA
ist das Pendant zur christlichen Vereinigung junger Frauen; da man emanzipiert
ist, nimmt man auch Männer auf) mit 35 NZ$ (18€) für ein Zweibettzimmer. Nun
komme ich nicht umhin, etwas am Denkmal der Lonely Planet Kollegen
herumzukratzen. Natürlich bleibt für uns die Lonely Planet –Reihe neben den
Führern von Barefoot der beste Reisebegleiter des Individualtouristen.
Besonders die englischsprachigen Originalausgaben, da der peppige Schreibstil
bei der Übersetzung oft verloren geht. Von einem Reiseführer, der für die
wichtigsten Länder jährlich überarbeitete Neuauflagen auf den Markt bringt,
erwarte ich allerdings gute Recherche und Aktualität. Das lässt der Lonely
Planet : New Zealand zum Teil schmerzlich vermissen. Der Receptionist des
YWCA-Hostels lacht: Keine freien Zweibettzimmer für die nächsten achtzehn
Monate. Der Preis wäre 50 NZ$, die Lonely Planet –Mitarbeiter hat man seit
ein paar Jahren nicht mehr zu Gesicht bekommen. Auch die Preise im „Fat
Camel“ Hostel und „Downtown Backpackers“ sind 25% höher als angegeben.
Wir landen schliesslich im „Central City Backpackers“ (26 Lorne Street), dem
Hostel, in dem auch Flavia und Marcel abgestiegen sind. Beide hatten uns
abgeraten, hier ein Zimmer zu nehmen, die Räume seien zu klein und nicht
beheizt. Zugegeben, für 55 NZ$ (28 €) pro Nacht bekommen wir einen Raum, in
dem sich ausser zwei Stahlrohrbetten und einem Stuhl nichts befindet (mehr hätte
man angesichts der Raumgrösse von acht
Quadratmetern
auch schwerlich unterbringen können), dafür hat das CCB eine gewaltige
Gemeinschaftsküche, Wasch- und Trockenautomaten, Internet-Terminals, zwei
grosse Fernsehräume mit kuscheligen Sofas und im Kellergeschoss die beliebte
„Embargo Bar“ mit Billardtischen und endlosen Alkoholvorräten. Unter den Gästen
und Mitarbeitern des CCB herrscht trotz der nicht geringen Grösse eine familiäre
Atmosphäre.
Auckland, „City of sails“. Das
dieser Name der Wahrheit entspricht, sehen wir auf unserem ersten Rundgang am
Hafen. Segelboote gibt’s hier wohin man schaut, es dürfte eher schwierig
sein, einen Neuseeländer zu finden, der Luv nicht von Lee und Steuerbord nicht
von Backbord unterscheiden kann. Das macht Neuseeland natürlich auch zu einer führenden
Nation im Segelsport. So holte die
Yacht „Black Magic“ 1995 den America´s Cup nach Neuseeland und erwarb somit
das Recht, den nächsten Cup im Jahr 2000 im eigenen Land austragen zu können.
Ein Teil des Hafens, das ehemalige Viaduct-Basin, wurde komplett umgebaut in das
„America´s Cup Village“, so dass 1999 die zwölf teilnehmenden sogenannten
Syndicates aus ebenso vielen Nationen mit ihren Booten in diese Art von
„Boxengasse“ einziehen konnten, um in den Ausscheidungsregatten zu
ermitteln, welches Boot gegen den Cup-Verteidiger antreten durfte. Italien
stellte letztendlich das Boot, welches Gegner der „Black Magic“ werden
sollte, und verlor. Der America´s Cup blieb also in Neuseeland, die
Titelverteidigung in diesem Frühjahr ging jedoch in die Seglerhose, das
Schweizer Boot (!) holte den Cup ins Alpenland, was die Neuseeländer jedoch
nicht völlig aus der Bahn warf, da der Skipper des Schweizer Bootes ein
angeheuerter Kiwi war.
Ein anderes Boot, das
Geschichte schrieb, soll an dieser Stelle nicht unerwähnt bleiben. Im Jahr 1985
ankerte die „Rainbow Warrier“, Flaggschiff der Greenpeace-Organisation, im
Hafen von Auckland und die Besatzung bereitete sich vor, Segel zu setzen
Richtung Tahiti. Im nahegelegenen Moruroa-Atoll wollte Greenpeace gegen die dort
stattfindenden Nukleartests der
Kernwaffenbesessenen Franzosen protestieren. Die „Rainbow Warrior“ war den
Franzosen also ein übler Dorn im Auge. Sprengstoff wurde mit einem U-Boot der
Marine nach Neuseeland transportiert, vor der Küste der Nordspitze von einer
Yacht
übernommen
und von „französischen Touristen“ per Auto nach Auckland gebracht. Französicshe
Taucher im Dienste des Elissee- Palastes befestigten die Sprengladungen am Rumpf
der „Rainbow Warrier“, jagten das Schiff in die Luft und töteten dabei das
Besatzungsmitglied Fernando Pereira. Die Sache flog auf, zwei der Terroristen
wurden von der neuseeländischen Polizei verhaftet, die Verbindungen nach
Frankreich ans Tageslicht gebracht. Und nun der Knüller: Es gab einen
nationalen Aufschrei in Frankreich, aber nicht, weil die Regierung einen
terroristischen Akt auf dem Boden eines befreundeten Staates hatte durchführen
lassen, sondern weil sie so blöd war, sich dabei erwischen zu lassen. Die nach
kurzer Haftzeit entlassenen Terroristen und Mörder (Frankreich nutzte zu diesem
Zweck seine ganze politische Macht) feierte man bei ihrer Ankunft im Heimatland
wie Helden ... . Ein Mosaik im Hafen Aucklands zeugt noch heute von einer der
unglaublichsten Verfehlungen der Regierung eines demokratischen Staates.
Auckland ist nicht nur die
Stadt der Segel, sondern auch die Stadt der Hügel, wie unsere Waden auf dem 16
Kilometer langen Coast to Coast Walk schmerzlich feststellen müsse. Richtig,
man kann hier in einem vierstündigen Marsch von der West- zur Ostküste der
Nordinsel Neuseelands gelangen. Auckland liegt, eingebettet in vulkanisches Hügelland,
auf einem Isthmus, einer Landenge im oberen Drittel der Nordinsel. Auf halbem
Weg haben wir vom Gipfel des Mt. Eden (Gipfel ist bei 196 Meter Höhe eventuell
das falsche Wort, aber der Mt. Eden ist immerhin ein inzwischen erkalteter
Vulkan, zu erkennen am grossen Krater in seiner Spitze) eine phantastische
Rundumsicht auf den Grossraum Auckland. 1,2 Millionen Einwohner (und damit fast
ein Drittel der Gesamtbevölkerung) hat
Neuseelands grösste Stadt, die aber nicht Hauptstadt der Nation ist. Das sie
nie den Eindruck einer Metropole macht (abgesehen von der City mit ihren zwei,
drei Dutzend Hochhäusern), sondern eher provinziell wirkt, liegt daran, dass
Auckland-City faktisch aus vier Städten und drei Distrikten besteht, die im
Laufe der Zeit zu einem grösseren urbanen Gebilde zusammengewachsen sind, sich
also über eine weite Region erstreckt und nie das uns bekannte Gefühl eines
Ballungsraumes aufkommen lässt. Wahrzeichen der Stadt, ausser der Harbour
Bridge, ist seit einigen Jahren der imposante, futuristische Skytower, ein 328 m
hoher Fernsehturm, der, man höre und staune, das höchste Bauwerk der südlichen
Hemisphäre ist. Sehenswürdigkeiten bietet die Stadt nicht gerade in üppiger
Vielfalt. Es gibt die üblichen Museen, Galerien, ein Aquarium, den Zoo und
einige Parks in altehrwürdigem, englischen Stil. Lohnenswert anzuschauen sind
sicherlich einige dem Zentrum nahe Strassen mit guterhaltenen viktorianischen
Gebäuden. Ein Muss ist jedoch die Fährfahrt über die Hafenbucht in den gegenüber
dem
Zentrum
gelegenen Stadtteil Devenport, um vom Lookout auf dem Mount Victoria (81 m hoher
Hügel) zum einen den phantastischen Ausblick über den Hafen und die kleine
aber feine Skyline Aucklands zu bekommen, zum anderen aber auch die grossartige
Aussicht auf die der Ostküste vorgelagerten Inseln Rangitotu und Motutapu zu
haben. Der Wert 81 Meter hoher Hügel sollte nicht unterschätzt werden.
Wir sind natürlich nicht
nur in Auckland, um die Stadt unsicher zu machen, sondern warten auch sehnlichst
auf die Ankunft von Maggie. Also besuchen wir das hiesige Büro der ANZDL, der
Shipping-Line, die unser Fahrzeug von Sydney nach Auckland transportiert,
bezahlen 140 NZ$ Entladegebühr (die immer erst im Ankunftshafen zu entrichten
sind) und erfahren, dass das Schiff, die Rotuiti, um 36 Stunden delayed ist. Können
und müssen wir mit leben. Mit unserem ganzen Papierkram geht es weiter zum
Custom-Building, um einen Termin mit den Zollbeamten auszumachen, auf das diese
Maggie und unseren mit ihr eingeführten persönlichen Kram in Augenschein
nehmen können. Nun passiert etwas unglaubliches: Der freundliche Zollbeamte am
Schalter fragt, ob wir gedenken, Waffen, schweres Angelgerät oder sonstige zu
deklarierende Gegenstände im Fahrzeug einzuführen. Unsere grossen Jagd- und
sonstigen Klappmesser, die wir ja nur aus pragmatischen Gründen mit uns führen
und nicht zu ruchlosen Zwecken verwenden wollen, möchten wir ihm nicht auf die
Nase binden und antworten mit einem entschiedenen ´Nein´. Der Beamte nimmt
unser Carnet de Passage,
stempelt es, unterschreibt, trennt den für ihn bestimmten Teil heraus, drückt
es uns zusammen mit einem Clearence-Dokument in die Hand und wünscht uns eine
schöne Zeit in Neuseeland. Mit anderen Worten: Wir haben Einfuhrprozedur und
Zolluntersuchung hinter uns, obwohl Maggie noch nicht einmal in neuseeländischen
Hoheitsgewässern ist! Wir könnten theoretisch einen Zentner besten
kolumbianischen Muntermachers in Maggies unergründlichen Tiefen versteckt
haben, aber der Beamte des Customs traut uns offenbar kein derartig schändliches
Verhalten zu. Wir wissen dieses grenzenlose Vertrauen zu schätzen.
Nächste Anlaufstelle ist
das Büro des MAF (Ministry of Agriculture and Forestry), zuständig für die
Biosecurity eingeführter Gegenstände und ebenfalls untergebracht im Gebäude
des Customs. Wir werden gebeten, einen Fragebogen auszufüllen, der die im
Fahrzeug befindlichen Gegenstände, persönlichen Besitztümer und deren
eventuellen Risiken in Hinblick auf durch sie transportierte Schädlinge und
Krankheitserreger betrifft. Frische Lebensmittel sind absolut tabu, verarbeitete
Lebensmittel sowie Holzprodukte, Campingartikel, Fahrräder (anhaftender
Schmutz), Medikamente etc. müssen deklariert werden. Unsere groben Angaben
sehen scheinbar unbedenklich aus, denn für alle Gegenstände, die sich im
Inneren von Maggie befinden, erhalten wir schon jetzt eine finale Freigabe. Das
Fahrzeug selber wird automatisch im Anschluss an den Entladevorgang von
MAF-Officiers untersucht werden. Am Dienstag, dem 15. Juli, sind wir vormittags
am Hafen. Die Rotuiti ist in den frühen Morgenstunden
eingelaufen,
sofort entladen worden und schon auf dem Weg nach Wellington. Zu unserer grossen
Freude sehen wir Maggie, scheinbar wohlbehalten, am Pier stehen. Von
Hafenmitarbeitern erfahren wir, dass das MAF keine Freigabe erteilt hat. In
deren Büro erfahren wir den Grund: Die Officers haben am Unterboden stark
verschmutzte Bereiche aufgespürt, eine komplette Dampfstrahlung ist
erforderlich. Wir müssen im Stillen zugeben, dass wir beim reinigen in Sydney
Maggies Unterseite mangels einer Grube schändlich vernachlässigt haben. Die im
Hafen niedergelassene Spezialreinigungsfirma WATER-TECH, die mit dem MAF
zusammenarbeitet, wird die Dampfstrahlung durchführen, danach erfolgt eine
zweite Kontrolle. Wir gehen zurück zum Hafen und dürfen Maggie einem Führ-Fahrzeug
folgend zu den Waschplätzen von WATER-TECH fahren. Im Büro sitzt Vorarbeiter
Rick, ein waschechter, wettergegerbter Neuseeländer, der uns netterweise
zwischen die Bagger und LKW, die auch heute entladen wurden und einer
Nachreinigung bedürfen, schiebt. Maggie wird äusserst penibel gedampfstrahlt,
die MAF-Officiers begutachten kritisch das Ergebnis, sind zufrieden und erteilen
die „Final Clearence“. Natürlich gegen eine zusätzliche Gebühr von 88 NZ$.
Die WATER-TECH Mitarbeiter teilen uns im Vertrauen mit, dass wir wahre Glückspilze
sind, da die MAF-Crew unsere gewaltige Winde mit ihrem 70 Meter langen Stahlseil
übersehen hat. Seit kurzem wird von Besitzern von Fahrzeugen mit Seilwinden
verlangt, dass die Stahlseile noch im Hafen entfernt und entsorgt werden müssen,
da darin unter Last und Spannung eingedrungener eventuell erregerhaltiger
Schmutz selbst durch Dampfstrahlen nicht entfernt werden kann und ein
Biohazard-Risiko darstellt. Mann, haben wir ein Schwein gehabt, die 50 Meter
Stahlseil (23mm Durchmesser) sind ein kleines Vermögen wert. Rick, der meint,
wir sollen durch ihn erfahren, dass Neuseeländer grundsätzlich liebenswerte
und freundliche Zeitgenossen sind, nimmt uns für die Reinigung statt der üblichen
140 nur 75 NZ$ ab und holt aus dem untersten Fach eines Aktenschrankes gleich
noch ein paar Flaschen Bier hervor (von der fucking Südinsel, alles fucking
andere könne man fucking nicht trinken! Fuck!“), die wir sofort gemeinsam
verkosten. Da wir unsere Zimmer noch für diese Nacht gebucht haben, können wir
Maggie bis zum nächsten Tag im Hafen stehen lassen, Parkplätze in der
Innenstadt sind ekelig teuer.
Ich will nicht unerwähnt
lassen, dass es, nachdem wir während der Verschiffung von Indien nach
Australien von Diebstählen verschont geblieben waren, Verluste durch Aktivitäten
von Langfingern zu beklagen gibt. Aus dem Führerhaus, dessen Schlüssel wir vor
der Einschiffung im Hafen von Sydney übergeben mussten, damit Hafenmitarbeiter
Maggie auf das Schiff bzw. in Auckland von der RoRo-Fähre fahren konnten, sind
a. unser Feuerlöscher, b. ein Canon-Zoomobjektiv und c. unser heissgeliebter
kleiner persischer Teppich aus Isfahan/Iran wie durch Zauberhand verschwunden.
Es lohnt sich nicht, bei der Shippingline die Welle zu machen, da sich
einerseits sowieso nicht nachvollziehen lässt, ob das lichtscheue Gesindel in
Sydney, auf der Reise oder in Auckland am Werk war, andererseits auch davor
gewarnt wird, Wertgegenstände in während der Fahrt zugänglichen Bereichen des
Fahrzeugs zu lassen. Mit anderen Worten: Wir sind selber schuld und haben wieder
etwas dazu gelernt. Das es in Indien nicht passiert ist, heisst noch lange
nicht, dass man auch in der sogenannten „zivilisierten Welt“ davor gefeit
ist.
Jetzt fehlen uns nur noch
zwei wichtige Dinge. Zum einen eine Registrierung, die es uns erlaubt, mit
Maggie auf Neuseelands Strassen fahren zu dürfen. Bekommt man als Tourist beim
„AA“, dem neuseeländischen Automobilclub. So die blanke Theorie. Tatsache
ist, in der Hauptstelle des „AA“ in Auckland (mächtiges Gebäude) gibt es
nur eine Person, die sich wirklich mit per Carnet eingeführten
Touristenfahrzeugen auskennt: Tina. Tina kümmert sich eigentlich um Führerscheinangelegenheiten
und ist in den öffentlichen Geschäftsräumen im Erdgeschoss zu finden. Die von
ihr in den „AA“-Rechner
einzugebenden
Daten aus unserem ausgefüllten Antragsformular ändert sie fingerfertig solange
(unser Kennzeichen ist zu lang, Magirus Deutz ein nicht bekannter „Campervan-Hersteller“
und und und), bis alles akzeptiert wird und wir für die Summe von 86 NZ$ die
auf ein Jahr begrenzte Registrierung und einen entsprechenden
Registrierungsaufkleber für die Windschutzscheibe bekommen. Auch eine
Haftpflichtversicherung wollen wir gleich hier beim „AA“ abschliessen, der
nette zuständige Mitarbeiter schiebt uns jedoch verschwörerisch einen Zettel
mit der Telefonnummer des „National Auto Club“ (0800 501 508) über den
Tisch und meint, dort könne man uns eine Police anbieten, die nur halb so teuer
wie die des „AA“ sei. Na, wenn das kein vorbildlicher Kundendienst ist. Der
Abschluss der Versicherung beim NAC ist kinderleicht. Per Telefon gibt man einer
der netten Callcenter-Damen die nötige Daten durch, über das FAX unseres
Hostels erhalten wir sofort eine gültige Police und ein Antragsformular, dass
wir ausgefüllt innerhalb von zehn Tagen zusammen mit einem Scheck über die zu
zahlenden 292 NZ$ (Prämie für ein Jahr Haftpflichtschutz bei 800 NZ$
Selbstbeteiligung, Superpreis für Elf-Tonnen-Maggie) an den NAC schicken müssen.
Am frühen Morgen holen wir
Maggie ab, laden unser Gepäck vor dem CCB ein und verlassen Auckland auf dem
Highway 1 nach Norden. Das Tanken
bereitet in Neuseeland rechtes Vergnügen. Diesel ist billig. Mit 0,60 NZ$ (
0,30€) sogar erstaunlich billig. Übliches Superbenzin ist mit 1,1o NZ$
erheblich teurer. Den grossen Preisunterschied macht für Dieselfahrzeuge mit
mehr als 2,8 Tonnen Gewicht eine Sondersteuer wett, die sich aus gefahrenen
Kilometern ergibt, welche durch ein vom Fahrzeughalter zu bezahlendes an der
Antriebsachse befestigtes, verplombtes Messgerät ermittelt werden. Wir hatten
schon damit gerechnet, mit unseren 10,5 Tonnen auch Opfer dieser Sondersteuer zu
werden, aber Dank der von Tina äusserst kreativ in den AA-Computer eingegebenen
Daten kamen wir mit einem einmalig zu entrichtenden Betrag von ca. 40 NZ$ davon.
Tina wird immer einen besonderen Platz in unseren Herzen haben. So können wir
uns also über die 0,60 NZ$ pro Liter so richtig freuen. Kaum zu glauben: Seit
wir Deutschland verlassen haben, gab es nur im Iran billigeren Diesel als hier.
Was die Neuseeländer jedoch nicht davon abhält, über „ungerecht hohe
Spritpreise“ zu klagen. Wissen die eigentlich, wie gut sie´s haben?
Unsere ersten beiden
Tagesetappen sollen uns bis in das kleine Dörfchen Pakiri an der Ostküste führen.
Dort wohnt Ulli mit seiner Familie. Ulli hatten
wir
durch puren Zufall kurz vor unserer Abreise in Deutschland kennengelernt. Eine
Freundin von Marcus hatte uns erzählt, dass ein vor vielen Jahren nach
Neuseeland ausgewanderter Deutscher gerade zu Besuch bei Freunden sei. Wir
fuhren vorbei, erzählten Ulli von unseren Reiseplänen und liessen uns
stundenlang von ihm über seine neu gewählte Heimat erzählen. Er gab uns seine
Heimatadresse und wir versprachen, ihn zu besuchen, sobald wir in Neuseeland
seien. Als wir nun am Nachmittag auf halber Strecke von Auckland nach Pakiri auf
einer unbefestigten Strasse vom Highway 1 Richtung Küste fahren, um uns einen
Platz für die Nacht zu suchen, bemerken wir einen Kleintransporter, der uns
scheinbar schon geraume Zeit folgt. Wir halten an, der Fahrer des
Kleintransporters steigt aus, kommt zur Beifahrertür und fragt in deutscher
Sprache mit eindeutigem Hamburger Akzent: „Mensch, habt ihr gar nicht gesehen,
dass ich schon so lange hinter euch herfahre? Euer rechtes Bremslicht
funktioniert nicht, und ausserdem wollte ich die Leute kennen lernen, die mit so
einem Riesen-Truck aus meiner alten Heimat unterwegs sind.“ Er heisst Joachim,
wohnt seit 18 Jahren in Neuseeland, keine 25 Kilometer von hier entfernt. Wir
erzählen ihm, dass wir auf
dem Weg nach Pakiri sind, um einen Bekannten zu besuchen. „Doch nicht den
Ulli?“ : fragt Joachim überrascht. „Das könnt ihr euch sparen, der ist mit
seiner Familie seit einiger Zeit aus familiären Gründen in Deutschland.“ Na,
ist das ein Ding? Da treffen wir in Neuseeland zufällig einen ausgewanderten
Deutschen, der den Mann kennt, den wir vor zwei Jahren einmal kurz in
Deutschland getroffen haben und morgen besuchen wollten. Joachim, übrigens
alter Weltenbummler aus der Zeit, als man noch mit alten VW-Bullis nach Goa
fuhr, lädt uns ein, ihn am kommenden Morgen zu besuchen, um bei ein paar Tassen
Kaffe ausgiebig zu quatschen. Da sagen wir nicht nein. Nachdem wir die Nacht
direkt am Meer bei Maharangi verbracht haben, sind wir um zehn Uhr morgens am
Haus von Joachim. Die Busch- und Baumgesäumte Grundstückseinfahrt ist schmal,
Maggie nicht. Wir knicken grosse Teile eines vertrockneten Baumes um, der sich
damit revanchiert, die äussere Schicht unseres zweilagigen Toilettenfensters zu
zersplittern und eine drei Meter lange Kerbe in die Aussenhaut zu drücken.
Schwund ist immer, ärgern nutzt nichts. Die übergeklebte schwere
Kunststoff-Folie, die Joachim
in
seinem Schuppen findet, sieht zwar nicht wirklich hübsch aus, stellt aber die
Sandwich-Isolationswirkung des Fensters vorrübergehend wieder her. Auf den
Schreck gibt´s erst mal Kaffee und frische Croissants. Joachim wohnt in einem
gemütlichen, kleinen Häuschen auf grossem Grundstück mit mehreren kleinen
Schuppen und u.a. einem üppig tragenden Zitronenbaum, von dem er uns gleich
eine ganze Tüte voll Früchte pflückt. An Vitamin C wird es uns fürs erste
kaum mangeln, Skorbut sollte also kein Thema werden. Einer der Schuppen ist
umgebaut zur Werkstatt, ausgerüstet mit Schleif- und Schneidapparaturen, die
meisten mit Diamantenbesetzten Werkzeugen. Nur damit kann er der einen seiner
zwei Beschäftigungen nachgehen, dem entwerfen und anfertigen von Jadeschmuck.
Wundervoll gearbeitete Stücke finden wir in seiner Kollektion. Während er sich
hiermit hauptsächlich in den kalten und regnerischen Wintermonaten beschäftigt,
ist er im Sommer unterwegs als Guide und Animateur in einer Person, fährt für
einen Individual-Reiseveranstalter Gruppen von bis zu acht Touristen in einem
speziell
umgebauten Allradfahrzeug kreuz und quer durch Neuseeland. Joachim ist also
genau der richtige Mann, um uns zu erzählen, welche Teile des Landes wir auf
gar keinen Fall links liegen lasse dürfen und welche vielleicht touristisch
eher unberührten Plätze einen Besuch lohnen. Auf unserer Karte der Nordinsel
notieren wir seine Informationen, markieren Städtenamen und skizzieren
Fahrtrouten. Dazu gibt uns Joachim gleich noch Adressen und Telefonnummern
einiger seiner Freunde, die sich sicher freuen würden, wenn wir sie besuchen.
Wir versprechen, auf dem Rückweg von der Nordspitze auf jeden Fall noch einmal
bei ihm reinzuschauen und vielleicht ein ganzes Wochenende zu bleiben.
Für diese Nacht finden wir
einen schönen und (da keine Saison) ruhigen Platz auf einem Picnic-Area am Te
Arui Point, zu erreichen, wenn man der Strecke von Warkworth über Leigh nach
Pakiri folgt und dann weiter auf teils unbefestigten Strassen Richtung Mangawhai
fährt. Nur vierzig Meter entfernt vom anrollenden Südpazifik merken wir in
dieser Nacht, was wir während der Hotelaufenthalte der letzten zwei Wochen am
meisten vermisst haben: Das heulen des Windes und die gleichförmigen Geräusche
des anbrandenden Meeres. Das reicht, um abgrundtief fest und gut schlafen zu können.
Entlang der Ostküste
fahren wir nach Norden. Regen und dunkle Wolken werden in Minutenschnelle von
klarem blauen Himmel abgelöst, doch
genauso
schnell und unvermutet prasseln wieder dicke Tropfen auf Maggies Dach. Macht
nichts, die uns umgebende traumhaft schöne Landschaft entschädigt uns für den
dicksten Wolkenbruch, oder, um es mit Marcus euphorischen Worten zu sagen:
„Ist schon schön hier.“ Es geht bergauf und –ab, ein Hügel folgt dem nächsten,
teils sanftgewellt und grasbewachsen, teils steil und bewaldet mit einer wilden
Mischung aus Laub-, Nadelbäumen, Palmen und Farnen. Die vorherrschende Farbe
ist Grün. Sattes Grün. Grün, wie wir es nicht kennen. Richtiges grün. Ein Grün,
von dem man durch blosses ansehen weiss, dass es sogar Grün riecht und
schmeckt. Wenn es ein definitives, allumfassendes, urgesundes Grün gibt, dann
ist es das Grün Neuseelands. Kein Wunder, dass die Schafe hier so gut gedeihen
und sich wild vermehren. Sogar ich würde am liebsten anfangen zu grasen und
danach ... .
In Whangrei, mit 45.000
Einwohnern grösste Stadt zwischen Auckland und Nordspitze, besorgen wir uns im
AA-Büro einen besseren Satz Karten als den, nach dem wir im Moment navigieren.
Gibt es als ADAC-Mitglied natürlich umsonst, genau wie eine sofort ausgestellte
AA-Mitgliedskarte mit Notrufnummern für
prompte und kostenlose Hilfe im Notfall. Ein kurzes Stück folgen wir dem
Highway 1, bis wir in Whakapara östlich Richtung Helena Bay abbiegen und von
dort aus entlang der malerischen Küste mit ihren bewaldeten Buchten wieder
bergauf, bergab bis nach Russell in der Bay of Islands fahren.