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Als
wir Tehran auf dem Expressway nach Semnan verlassen, gibt der Fahrer eines uns
überholenden LKW wilde Handzeichen. Wir halten an, steigen aus und sehen
mit Schrecken: Maggies rechter Vorderreifen ist platt wie eine Flunder! Also,
Radwechsel auf dem Seitenstreifen des Expressway in der sengenden Mittagssonne.
Sofort halten zwei Iraner mit ihrem Pickup an und gehen uns zur Hand. Es wird
ein bisschen schwierig, da der
Vorderachskörper jetzt so
tief liegt, dass der hydraulische Wagenheber nicht mehr darunter passt.
Also kommt unser grosser Jack-All zum Einsatz, mit ihm heben wir Maggie am Kuhfänger
30cm an und die Sache passt; nach 30 Minuten ist der Radwechsel erledigt. 15km
weiter finden wir glücklicherweise gleich eine Reifenwerkstatt. Nachdem die
Jungs den Reifen gelöst und den Schlauch entfernt haben, zeigt sich der Grund
des Übels.
Die Felge ist in Laufrichtung 20cm weit
gerissen und hat dabei den Schlauch beschädigt! Wir wollen schon unser
Schweißgerät
auspacken, um die Felge zu richten, aber, kein Problem, die Nachbarwerkstatt hat
auch einen Schweißer, der innerhalb von 3 Minuten eine saubere Naht legt. Danach wird der Schlauch geflickt, jede Menge Tee getrunken, und nachdem wir den
Mechanikern, die eigentlich gar kein Geld von uns haben wollen, wenigstens
50.000 Rial (knapp 7 Euro) aufgezwängt haben, kann die Fahrt weitergehen. Am
nächsten Tag in Semnan angekommen, fragen wir Polizeibeamte nach der Abzweigung
über Mo´alleman in die Wüste. In Tehran findet man verhältnismässig viele
Leute, die zumindest gebrochen Englisch sprechen (in den höheren Schulen wird
zwar Englisch gelehrt, aber nur für zwei Jahre, hauptsächlich Grammatik, keine
Konversation), hier nicht. Nach vielem gestikulieren (startende Düsenjets
werden lautstark in Szene gesetzt) finden wir heraus, dass wir diesen Abzweig
nicht benutzen können, da er durch einen Militärflughafen führt. Der nächste
in unserer Karte ersichtliche Abzweig nach Mo´alleman existiert überhaupt
nicht, dafür einen im 100km weiter nordöstlich gelegenen Damghan. Den wiederum gibt’s nicht in unserer Karte (der Karte unseres
Vertrauens für eine Wüstendurchquerung)!
unbedingt sein). Bis Mo´alleman fahren wir durch das
karge Wüstenrandgebirge, dass wie eine Mondlandschaft anmutet. Wir begegnen den ersten Kamelen (wer jetzt behauptet, auf dem Foto sei kein
Kamel, sondern ein Dromedar zu sehen, ist selbst ein Kamel. Kamel ist der
Gattungsoberbegriff, die mit einem Höcker heissen Dromedar, die mit zweien
Trampeltier). Vom letzten Hügelkamm haben wir dann einen phantastischen
Ausblick auf die
Ehrfurchtgebietende Desht-e Kavir Wüste. Hier überlebt keine Pflanze, kein Tier und der Mensch nur, wenn er entsprechend
ausgerüstet ist! Die Temperatur lieget bei über 50°C, die Luftfeuchtigkeit
ist nahe Null, der mit ständig
über 50km/h wehende Wind macht dich innerhalb
von ein paar Stunden zu Trockenobst. Die Nacht ist hier
relativ kühl, wir verbringen sie in dem kleinen Bergzug nahe der Wüstensiedlung
Jandaq, umtost vom heulenden Sturm, der im Laufe der Nacht derartig an Stärke
zunimmt, dass Maggie heftig zu schwanken beginnt und uns so, wie auf einem
Segelboot, in den Schlaf wiegt.
Die Dasht-e Kavir, die wohl
lebensfeindlichste Wüste der Welt. So steht es auf
jeden Fall in unserem Reiseführer.
Das ewige monotone singen der Reifen, die nur durch einen Frequenzwechsel ihres
Singens angeben, wie sich der Pistenbelag ändert. Die 55°C heiße Wüstenluft
findet auch durch den Fahrtwind keine nennenswerte Abkühlung, so dass sie, wenn
sie durch unsere geöffneten Fenster strömt, immer noch wie ein Heißluftföhn wirkt.
Einzig
das gleichmäßige Dröhnen unseres 8,6 Liter 6-Zylinders gibt lässt einem das
Gefühl, die Macht zu besitzen, hier wieder sicher aus dieser tödlichen Salzwüste
zu entkommen. Dabei das von uns produzierte, oft alles übertönende Wummern
unsere Stereoanlage, die wir mit Rock-CD´s aus den 80er Jahren
füttern, lassen
einem alles unwirklich erscheinen, aber mit dem Wunsch, dass diese Fahrt mit
ihren Eindrücken nie enden soll.
Am
nächsten Morgen geht’s weiter durch die kargen schroffen Wüstenrandgebirge
mit
dazwischenliegenden endlosen staubigen Ebenen,
alle
ca.80km stossen wir auf kleine, alte, wie verlassen wirkende Ortschaften, in
denen nur einige Trucker anhalten, um in einem der kleinen, nur mit dem nötigsten
ausgestatteten Restaurants (wenn man sie überhaupt so nennen kann) etwas zu
essen.
Wir
durchqueren Na´in am südwestlichen Rand der Desht-e Kavir, eine der bekannten
Teppichknüpferstädte im persischen Raum. Von hier aus sind
es n och 140km bis zur 2 Millionen Einwohner zählenden Provinzhauptstadt
Esfahan, dem touristischen Zentrum Irans (wenn man nach dem 11.September 2001 überhaupt
noch von einem funktionierenden Tourismus sprechen kann), die auf einer Höhe
von 1600m in dem fruchtbaren Tal
des Zayandehrud liegt, der die Stadt in West-Ostrichtung durchfließt. Wir
erreichen Esfahan am frühen Abend des 22.Juli und befragen den Manager des großen, zentralgelegenen
Kowsar-Hotels, ob wir für zwei Nächte auf einem
Parkplatz stehen bleiben können. Nach einem kurzen Blick auf Maggie winkt
er
ab, wir würden zuviel Platz brauchen. Er verweist uns jedoch auf das
Esfahan-Tourist Inn am südlichen Stadtrand (vom Zentrum aus über die Kh.
Chahar Baghg-e Bala gerade über den Azadi Square, dann nach ca. 3km auf der
rechten Seite), ein Hotel, dass über eine grosse Anzahl von Stellplätzen für
Wohnmobile verfügt. Wir müssen
unterwegs
noch einmal nach dem Weg fragen, lernen dabei den jungen Bauingenieur Amir
kennen, der sofort mit einsteigt und uns den Weg zum Hotel zeigt. Er bietet an,
sich uns mit seinem Wagen am nächsten Tag zur Verfügung stellen und uns die
vielen Sehenswürdigkeiten der Stadt zu zeigen (gegen Bezahlung von 2 Euro pro
Stunde, was uns angemessen erscheint). Bis spät in die Nacht machen wir grosse
Wäsche. Da wir seit 2 Wochen nicht mehr die Möglichkeit
dazu hatten, müssen wir unsere grosse Waschtrommel viermal befüllen und
jeweils eine halbe Stunde lang über den Campingplatz rollen. Am
folgenden Morgen holt uns Amir wie abgesprochen
um 10 Uhr am Hotel ab, bringt
uns zuerst an den Zayandehrud und wir schauen uns zwei der 400 Jahre alte aus
safawidischer Zeit stammenden Brücken an, die Si-o-se Pol (33-Bogen Brücke)
und die zweigeschossige Pol-e Khadju, danach geht’s weiter
ins Zentrum. Hier sind in einem kleinen Bereich die wichtigsten historischen
Sehenswürdigkeiten der Stadt zu bewundern: Die Medresse-ye Chahar Bagh, eine
Religions-Hochschule, die nicht-Islamisten nicht betreten dürfen, der Bazar-e
Honar, eine 250m lange gedeckte Bazarstrasse, in der sich nur Gold- , Silber-
und Kunsthandwerkgeschäften befinden und nicht zuletzt der Meydan-e Imam. Der 150m breite und 500m lange platz wird umrahmt von doppelstöckigen
Arkaden, in
deren unterer Ebene sich ausschliesslich Teppich- und
Kunsthandwerksgeschäfte befinden. An der Westseite liegt der Ali Quapu Torpalst,
von dessen Terrasse aus Shah Abbas vor 400 Jahren die Militärparaden
begutachtete, die auf dem Platz stattfanden, am Ostrand die Shaikh
Lotfollah-Moschee mit ihrer wundervoll bemalten Kuppel. Den Ostrand überragt
die Masdjid-e Imam, die königliche Moschee Shah Abbas des Grossen. Der
imposante Portalbau mit seinen traditionellen Fliesenmosaikverzierungen ist als
Foto auf der Titelseite fast jeden Iran-Reiseführers zu finden. Der riesige Platz mit seinen Springbrunnen und Grünanlagen strahlt eine
unglaubliche Ruhe und Gelassenheit aus, zumal es in den heissen Mittagsstunden
auch nicht besonders bevölkert ist. In
einem der vielen Teppichgeschäfte wollen wir für Maggie einen kleinen Teppich
kaufen. Der Verkäufer
möchte für den 120x80cm grossen handgeknüpften Keshan 90$ haben. Wir lachen
ihn aus, soviel kostet der in Deutschland auch. Was denn wohl unser Angebot wäre?
45$ ! Nur die Hälfte? Unmöglich! Was denn unser allerletztes Angebot sei? 45$ ! Vielleicht doch 50$ ? Nein, 45$ ! Okay, verkauft! Mit Sicherheit
hat er
trotzdem noch ein Geschäft gemacht, aber der Preis ist schon in Ordnung.
Auf
dem Platz treffen wir Holger, der mit seinem Fahrrad von Deutschland aus
Richtung Kasachstan unterwegs ist. Der 27-jährige Hamburger hat zuletzt als
Anwalt in New York gearbeitet, dann die USA verlassen und erfüllt sich mit
dieser Tour, bevor er eine neue Arbeitsstelle in Hamburg annimmt, einen langjährigen
Traum. Auch China hat er schon mit dem Rad bereist. Da sein nächstes
Ziel, die Stadt Shiraz und die Ausgrabungsstätten von Persepolis, das gleiche
wie unseres ist, nimmt er, da die Tagestemperaturen im Moment extrem hoch sind,
gern unser Angebot an, ihn und sein Fahrrad auf dieser 450km langen Strecke
mitzunehmen. In der Nacht will er im Hotel zu uns stoßen.
Nach
der Besichtigungstour suchen wir am frühen Abend ein Internet-Cafe auf, um neu
eingegangene E-mails zu lesen und Berichte und Bilder nach Deutschland zu
schicken. Dort stößt Amirs Frau Leila zu uns. Die nette, hochintelligente
Elektrotechnikstudentin mit Fachgebiet Telekommunikation freut sich, ihre
brillanten Englischkenntnisse an uns ausprobieren zu können. Gemeinsam essen
wir zu Abend, sitzen danach in einer Teestube unter freiem Himmel am Flussufer
bei Tee und Wasserpfeife zusammen und verabschieden uns erst spät in der Nacht
voneinander. Leila und Amir wollen in 3 Jahren nach Kanada
auswandern, ihre Perspektiven sind trotz der guten Ausbildung aufgrund der
schlechten konjunkturellen Lage im Iran eher mäßig. Wir hoffen, die beiden
dann in ihrem neuen Heimatland einmal besuchen zu können. Nachts
gegen 2 Uhr stösst Holger zu uns und macht es sich in seinem Schlafsack auf dem
Fussboden bequem. Am späten Vormittag machen wir uns auf den 400km weiten
Weg
nach Persepolis, einer der wichtigsten antiken Ausgrabungsstätten der Welt. Es
geht nach Süden durch karge, dünnbesiedelte Landschaften, viele mit Staub gefüllte,
rasend schnell rotierende Windhosen kreuzen vor uns die Strasse und erhöhen den
unwirklichen Eindruck der Landschaft. Erstaunt müssen wir am
frühen Abend feststellen, dass in unserer Strassenkarte die Position von
Persepolis fälschlicherweise 50km zu weit nordöstlich angegeben ist! Also,
Finger weg von der kanadischen ITM Travel Map Iran, die in ihr enthaltenen
Fehler (obwohl es sich angeblich um eine 2001 überarbeitete Auflage handelt) häufen
sich! Wir
erreichen den grossen Besucherparkplatz am späten Abend, nachdem wir vorher
noch ein Candlelight-Diner zu uns genommen haben (das internationale
Hotelrestaurant 2km vor der Ausgrabungsstätte hat momentan weder Gäste noch
Strom, oder vielleicht keine Gäste, weil keinen Strom und so müssen wir unser
Abendessen im Schein zweier kleiner, schnell abbrennender Kerzen zu uns nehmen).
Wir stehen schon
früh um 6 Uhr am morgen wieder auf, um Persepolis direkt nach
Öffnung der Tore um 7 Uhr betreten zu können, zum einen, um möglichst allein
auf dem Gelände zu sein, zum anderen, weil die aufgehende Sonne die besten
Lichtverhältnisse zum Fotografieren bietet.
Vorwegstellen möchte
ich einige Worte zur iranischen Eintrittsgeld-Politik: Das der Eintritt in
iranische Museen, Sehenswürdigkeiten etc. für Touristen um den Faktor 10 höher
ist als für Iraner, find ich okay, da das Durchschnittseinkommen eines I
raners
um den Faktor 10 niedriger liegt als das eines Westeuropäers. Trotzdem sind die
scheinbar standardisierten 30.000 Rial für manche Sehenswürdigkeiten, wie zum
Beispiel das winzige Museum von Persepolis (man muss die Karte obligatorisch zur
Eintrittskarte für das Ausgrabungsgelände dazukaufen, legt also 60.000 Rial,
ca. 8 Euro auf den Tisch, bedenklich übertrieben (man muss sich vor Augen führen,
dass man z.B. für das gigantische Metropolitan Museum of Modern Arts in New
York nur 5$ Eintritt bezahlt)! Die 18m
hohe,
125.000qm grosse Palastterrasse der 500v.Chr. gegründeten achämenidischen
Residenzstadt Persepolis liegt 50km östlich von Shiraz zu Füssen des Kuh-e
Rahmat (Berg der Barmherzigkeit) und liefert, trotz der fast vollständigen
Zerstörung durch das Heer Alexander des Grossen, einen imposanten Eindruck. Viele der Säulen und Tore sind noch komplett erhalten, die
Grundrisse der Palastbauten
sorgfältig rekonstruiert. 40m oberhalb der Terrasse
findet man, in den Berghang hineingearbeitet, das Felsgrab Artaxerxes II., von
dem aus man einen phantastischen Blick auf die Anlage und die dahinterliegende
Ebene von Marv Dasht hat. Nach
einem verspäteten Brunch geht’s am frühen Nachmittag weiter in die 1Mio.
Einwohner zählende Provinzhauptstadt Shiraz, die Stadt der Liebe, der Rosen und
der Nachtigallen. Diesen romantischen Namen erhielt die Stadt, da in ihr die
beiden berühmtesten persischen Dichter Saadi und Hafiz lebten, ihre Mausoleen
sind heute hier (gegen die üblichen 30.000 Rial Eintritt) zu besichtigen. Einen
Platz für die kommenden Tage finden wir im empfehlenswerten Shiraz Tourist-Inn
(Golestan Boulevard, östlich des Stadtzentrums), das für 5$ pro Person/Tag Plätze
für Wohnmobile, eine gepflegte Anlage sowie saubere Duschen und Toiletten
bietet.
Wir
verbringen drei relaxte Tage in Shiraz, schlafen lange und frühstücken gut,
bevor wir an den Nachmittagen zu unseren Besichtigungstouren aufbrechen.
Inzwischen haben sich unsere nordeuropäischen, kältegewohnten Körper an die
Hochofentemperaturen Irans gewöhnt (Einheimische versichern sogar, dass es
dieses Jahr besonders heiss ist und auch sie
darunter leiden). Sehenswürdigkeiten, die einen Besuch lohnen sind unter
anderem: Die Masjed-e Vakil (Moschee des Regenten), am Westrand des Bazars (mit
einer riesigen, 50x100m grossen, mehrschiffig gewölbten Hauptgebetshalle, deren
Dach von 48, jeweils aus einem Stück gearbeiteten Marmorsäulen getragen wird),
dem Bagh-e Eram
(Garten
des irdischen Paradieses), gelegen im Westen der Stadt am Bagh-e Eram Boulevard
in unmittelbarer Nähe des Universitätsgeländes (heute als botanischer garten
genutzte wunderschöne Anlage in typisch persischer Gartenarchitektur mit Bassin
vor dem grossen, zweigeschossigen, mit reichhaltigen Fliesenarbeiten
ausgestattetem Pavillon), die Arg-e Karim Khan, Zitadelle von Shiraz im Zentrum
der Stadt (gewaltige
Ziegelfestung mit fensterlosen Aussenmauern und massiven Ecktürmen, von denen
der südliche aufgrund seiner starken Neigung Erinnerungen an Pisa wachruft) und
natürlich der Vakil Bazar (eine 800m lange, kerzengerade, gedeckte
Bazarstrasse, von der zu beiden Seiten unregelmässig weitere Bazargassen
abgehen. Ist übrigens zu jeder Tageszeit überfüllt). An den Abenden frönen
wir der Völlerei in den beiden besten Restaurants der Stadt. Das
Teen-Restaurant (wundersamer Name) besticht durch ein modernes Buntmetall- und
Erdfarben-Ambiente, wie es zur Zeit auch in jeder deutschen Grosstadt zu finden
ist, Live-Musik (traditionelle persische Musik, Klavier, Gitarre, Gesang),
neupersische Küche und den Caspian-Cake, ein Stück eisgekühlte, schokoladenüberzogene
Buttercremetorte, die eigentlich kein Dessert, sondern eine komplette Mahlzeit
ist. Das Vakil-Hammam ist ein zum Restaurant umgebautes, 400 Jahre altes
Badehaus. Eine von Säulen getragene Kuppel thront über einem zentralen Bassin,
auf darum herum gruppierten Diwanen kann man in
halb
liegender, halb sitzender Stellung die traditionelle persische Küche geniessen
(Desserts nicht empfehlenswert, Kuchen aus Zellophanverpackung). Die Preise der
Restaurants variieren, je nach Hauptgericht, zwischen 35.000 und 55.000 Rial
(4,50 – 7 €) pro Person für Vorspeise, Hauptgericht, Dessert und Getränke.
In der Nacht bummeln wir durch den grossen, überfüllten Azadi-Park. Dazu
einige Anmerkungen: Wir sind inzwischen daran gewöhnt, uns wie ein VIP zu fühlen,
wenn wir uns in der iranischen Öffentlichkeit bewegen. Köpfe rucken herum, man
starrt uns an, tuschelt miteinander. Alle fünf Sekunden hören wir ein „Hello
mister!“ von Passanten oder aus vorbeifahrenden Autos. Wir sind einen halben
Kopf grösser und um einiges massiver als der Durchschnitts-Iraner, meine
langen, blonden Haare entsprechen nicht unbedingt der persischen Frisurenmode,
weshalb wir auch schon aus grosser Distanz als Touristen (und davon gibt’s im
Moment nicht viele) zu erkennen sind. Extrem oft werden wir angesprochen, nach
unserem Heimatland und der Meinung über den Iran und seiner Bewohner befragt.
Man bombardiert uns befremdlicherweise mit den Namen deutscher Fussballspieler.
Natürlich kommt es dann und wann auch zu einem interessanten Gespräch, wenn
man nicht gerade wieder durch ein laut gebrülltes „Hello mister!“, „Völler“
oder „Klinsmann“ gestört wird. Im Park verschärft sich das Ganze noch.
Schnell gehen ist hier die Devise, stehen bleiben oder sich auf eine Bank setzen
bedeutet, innerhalb kürzester Frist einen Menschenauflauf zu verursachen! Wir
machen einige Male den 3-Minuten-Test, das heisst, wir setzen uns, und wirklich,
nach spätestens drei Minuten sind wir von einer dichten Traube Menschen
umzingelt, die fast alle gleichzeitig auf uns einreden, uns mit ihren Fingern
pieken und versuchen, meine Haare anzufassen. Hinzu kommt noch eine Menge
(oftmals leider offensichtlich unter Drogen stehende) Jugendliche, die ihren
Freunden gegenüber ihren Mut dadurch zu beweisen versuchen, dass sie uns auf
die Nerven gehen. Diese jungen Männer gilt es dann mit einer kurzen,
eindringlichen Demonstration unserer körperlichen Überlegenheit wieder auf den
rechten Weg zu führen! Die jungen (wenn auch leider verhüllten) persischen
Frauen
sind
alles andere als schüchtern. Wenn wir ihnen im Vorrübergehen in die Augen
schauen, wenden sie den Blick nicht ab, sondern schenken uns vielmehr ihrerseits
einen Blick aus ihren aus ihren tiefen, dunklen Augen und immer wieder lassen
sie uns ihr märchenhaftes, geheimnisvolles Lächeln sehen! Am
Morgen des 28.Juli verabschieden wir uns von Holger, der
Richtung Maschad fahren will, um von dort aus über Turkmenistan nach Kasachstan
zu gelangen (also noch einige 1000 Kilometer auf dem schmalen Sattel seines
Fahrrades, viel Glück und gute Reise Holger!). Wir brechen auf Richtung Kerman,
500km östlich von Shiraz. Zwei Tage nehmen wir uns Zeit für die Fahrt auf
gutausgebauten Strassen durch die kargen, vegetationsarmen iranischen Hochebenen
und übernachten bei starkem Sturm (und Temperaturen von erstaunlicherweise
unter 25°C) durch einen Hügel geschützt, nahe der Strasse bei Sirdjan. Am
frühen Nachmittag des 29.Juli erreichen wir die auf einer Höhe von 1755m
liegende und durch einen 4000 bis 5000m hohen Gebirgsrücken vom Südwestrand
der Wüste Lut getrennte Stadt Kerman, die 650.000 Einwohner zählt. Wir
platzieren Maggi im Zentrum und machen uns zu Fuss auf, dass Tourist-Office zu
finden. Dort, wo es unser Reiseführer (Mistding!) angibt, ist es nicht!
Hilfsbereite, junge Schriftsteller, die wir in einem staatlich anmutenden Gebäude
antreffen (schlecht bis gar nicht englisch sprechend, wir werden begrüsst mit
„Nietzsche“, „Heidegger“ und „Günther Grass“-Rufen) weisen uns
jedoch den rechten Weg zum Touristen-Büro, das an der Hafiz Karshid
liegt.
Hier erhalten wir eine gutgemachte, englischsprachige Hochglanzbroschüre über
die Provinz Kerman mit eingelegtem Stadtplan und einen deutschsprechenden Guide,
der uns auf Anfrage nach einem guten Standplatz in der Stadt zum überaus
empfehlenswerten Akhavan-Hotel führt (Shaid Aiatollah Sadoghi Boulevard, ca.
1km südwestlich des Azadi Square an der rechten Strassenseite gelegen,
Homepage: akhavanhotel@yahoo.com).
Im Hinterhof gibt es Plätze für Wohnmobile, pro Person incl. Duschbenutzung in
einem der Hotelzimmer kostet das Ganze nur 10.000 Rial (1,30 €). Das Hotel mit
seinem freundlichen Personal verfügt sogar über einen für Gäste zur Verfügung
stehenden Internet-Zugang, den wir nach einem verspäteten Mittagessen im
hoteleigenen
Restaurant ausgiebig nutzen. Wir
bleiben nur einen Tag in Kerman, die wenigen Sehenswürdigkeiten, die die Stadt
zu bieten hat, befinden sich alle im Bereich des grossen, im Ortszentrum
gelegenen Bazars. Hervorzuheben sind nur die Freitagsmoschee am Ostende des
Bazars und das ethnologische Museum im ehemaligen Gandj Ali Khan-Hammam, in dem
Wachsfiguren in historischen trachten das Leben im Badehaus darstellten. Gegen
Nachmittag verabschieden wir uns von den liebenswerten Besitzern des Akhavan
Hotels und brechen auf Richtung Bam. Am Ortsausgang von Kerman finden wir eine
Tankstelle und reihen
uns
ein in die lange Schlange der wartenden LKWs. Hier, im Südosten des Landes, ist
das Tankstellennetz nicht so dicht wie in den übrigen Regionen und da man nie
sicher sein kann, ob die Tankstelle überhaupt noch Dieselvorräte in ihren
Bunkern hat, empfiehlt es sich, jede sich bietende Gelegenheit zu nutzen, um
nachzutanken, auch wenn, wie in unserem Fall, nur 100l fehlen. Nach 1 ½ Stunden
sind auch wir an der Reihe,
duschen Maggie mit Diesel (die Zapfpistole ist in einem desolaten Zustand und
verspritzt Kraftstoff aus mehreren Öffnungen) und setzen tropfend unsere Fahrt
fort. Wie wir eine halbe Stunde später sehen müssen, hat im Iran das
Wort
Umweltverschmutzung nicht denselben negativen Stellenwert wie bei uns. Ein Leck
geschlagener Schweröltankzug steht neben der Strasse und seine auslaufende
Ladung versickert im Boden. Wir erreichen Bam nach 200km gegen 16Uhr am 30.Juli.
Die Kleinstadt liegt unmittelbar am Südrand der Dasht-e Lut Wüste inmitten von
grossen Dattelpalmenplantagen, die durch die im südwestlich gelegenen
Djahal-Barez Gebirgszug entspringenden Bäche und Flüsse mit Wasser versorgt
werden. Das Schweizer Pärchen
Patricia und Stefan, die wir in der Osttürkei auf ihrem Rückweg von Indien in
die Schweiz trafen, hatten uns das zentral gelegene Guest House von Ali Amiris
als Standplatz empfohlen. Wir klingeln bei Ali an, müssen aber feststellen,
dass seine Parkmöglichkeiten nicht Maggies Dimensionen entsprechen. Ali ist
aber so nett, uns zu einem nahegelegenen öffentlichen Parkplatz (zwischen Post
Office und Stadtverwaltung) zu bringen, der in der Nacht verschlossen, also
relativ sicher ist. Dann erzählt er uns eine bittere Geschichte: Als der
Beauftragte für die Neuauflage des Lonely-Planet Reiseführers im letzten Jahr
in Begleitung eines iranischen Tour Guides bei ihm erschien, bot der Guide Ali
an, gegen Zahlung von 1000US$ dafür zu sorgen, dass sein Guest-House, wie schon
in vergangener Zeit, lobend im
Lonely-Planet Iran empfohlen würde. Da Ali nicht bereit war, diese
„Kommission“ zu bezahlen, muss er jetzt mit einer stark zurückgegangenen
Anzahl von Gästen leben, da er nun nicht mehr positiv erwähnt wird. Zu seiner
Ehrenrettung sei gesagt, dass der liebenswerte Ali für uns jederzeit eine
Empfehlung wert ist! Am frühen Abend besuchen wir die am nördlichen
Stadtrand gelegene, 1500 Jahre alte Geisterstadt Arg-e Bam, die mit einer Grösse
von 15ha auf einer Felsformation errichtet wurde und mit ihren mächtigen
Aussenmauern und der
zentralen,
erhöht gelegenen Zitadelle den Eindruck einer uneinnehmbaren Festung macht.
Diesmal sind die 30.000 Rial Eintrittsgeld absolut gerechtfertigt! Der Blick von
den Zinnen des Haupttores auf die verlassene, aus Lehmziegeln erbaute Stadt ist
atemberaubend und stellt sogar weltbekannte
historische
Stätten wie Persepolis mühelos in den Schatten (wir haben dazu noch das Glück,
dass sich ausser uns nur noch eine Handvoll anderer Besucher auf dem Gelände
aufhalten). Wir streifen durch die vielen verzweigten Gassen der alten Stadt,
untersuchen die einzelnen, teils verfallenen, teils in liebevoller Restaurierung
befindlichen Gebäude, erklimmen den Turm der Zitadelle und
geniessen
den weiten Blick über die Stadtmauern in die flimmernde Weite der Wüste.
Bevor wir die Geisterstadt wieder
verlassen, besuchen wir noch das in der Zitadelle gelegene alte, traditionelle
Teehaus. Jeder, der hier einkehrt, sollte unbedingt den hausgemachten Joghurt
mit Pistazien und frischen Datteln probieren, ein überirdischer Genuss! Zum
Abendessen in einem der Restaurants der
Stadt gibt’s heute mal wieder Chicken-Kebab, da wir vor einigen Tagen von
unserem Webmaster Burki erfahren hatten, dass es in der letzten Zeit zu einer
stark angestiegenen Zahl von Toten durch das Krim-Kongo Fieber im Iran gekommen
ist. Der Virus kann durch den Verzehr von Rindfleisch in den menschlichen Körper
gelangen, man vermutet, dass inzwischen 30% des iranischen Rindfleischs
verseucht sind (schlechte Nachricht für die iranischen Hühner, da können auch
die Mullahs nicht helfen).
Am Morgen des 31.Juli versuchen wir vor der Weiterfahrt, in
der neugebauten Mall
von Bam ein Internet-Cafe zu finden. Gibt es auch, ist aber
geschlossen. Der Building-Manager erklärt mir, die schlechten
Telefonverbindungen zwischen Bam und der Aussenwelt würden derart oft
zusammenbrechen, dass eine dauerhafte Internetnutzung keinen Sinn machen würde.
Also machen wir uns auf den Weg nach Zahedan, 350km östlich von Bam und letztem
Stop vor der iranisch-pakistanischen Grenze. Auf unserem Weg
durchfahren wir die südlichen Randgebiete der Dasht-e Lut (leere Wüste), die
aus Sand und ausgedehnten, hochaufragenden Dünenfeldern besteht und der
Hot-Spot unseres Planeten ist, der Ort mit den am höchsten bisher gemessenen
Tagestemperaturen. Im Kern der
Dasht-e Lut, der 50m unter Meeresniveau liegt,
wird im Sommer die 65°C Marke locker überschritten (wohlgemerkt im Schatten,
obwohl dieser in der Wüste eher selten zu finden sein wird). Teilweise zehn Windhosen gleichzeitig tanzen um uns herum, der heisse, aus der Wüste
kommende Sturm bläst Unmengen von Sand über die Strasse , die Temperatur im
Wagen steigt derartig an, dass das Atmen mühsam wird. 100km vor Zahedan
verlassen wir das Wüstengebiet, überqueren zwei Bergrücken, deren schroffe
Felsen eindrucksvoll neben der Strasse emporragen, und erreichen unser Ziel
gegen 16 Uhr. Aufgrund der geringen Entfernung zu Afghanistan
(40km) und Pakistan (30km) setzt sich die 270.000 Menschen zählende
Bevölkerung
Zahedans aus Belutschen, Persern, Sikhs, Afghanis und Pakistanis zusammen. Es
gibt jede Menge Schmuggler, Diebe, Bettler und illegale Flüchtlinge. Nicht
umsonst vermerken sowohl unser Reiseführer als auch die meisten der Leute, die
wir im Iran kennen gelernt haben, Zahedan bzw. die ganze Provinz Belutschistan
als gefährliches Gebiet, in dem man sich nachts nicht schutzlos aufhalten
sollte! Wir lassen in einer der zahlreichen kleinen Autowerkstätten einen Motorölwechsel
machen, was sich anfänglich als ziemlich schwierig erweist, da wir uns nur mit
Zeichen und Gesten verständlich machen können (versucht mal, nur mit euren Händen
den Begriff „Ölfilter“ klarzumachen). Schliesslich klappts (umringt von 15
Personen, die mal wieder anfangen, deutsche Fussballspieler aufzuzählen) doch
noch, auch wenn es kleine Ablassprobleme gibt, soll heissen, ca. 10l unseres
aufgeheizten Motoröls verteilen sich auf Mechaniker und Strasse, bevor die
Auffangwanne richtig platziert ist. Unser neues Öl ist übrigens ein „
Tehran
High Quality Rally 8000 20W50“, da freut sich Maggie! Für die Nacht stellen wir uns dann
in die Nähe einer Polizeistation an der Hauptstrasse ausserhalb der Stadt. Wir
beginnen mit der Malaria-Prophylaxe und nehmen unsere erste Lariam-Dosis (von
nun an alle sieben Tage bis drei Wochen nach Verlasse des letzten Malariagefährdeten
Gebietes).
Nach Durchsicht des Lariam-Beipackzettels (insbesondere
Nebenwirkungen und Gegenanzeigen) beziffern wir unsere
Chance, diese Nacht zu überleben mit 50% . Wir überleben beide, bekommen keine Gehirnödeme,
Nesselsucht, Depressionen, abnorme Träume oder Suizidabsichten. Glück gehabt!
Bis zur Grenze nach Pakistan sind es noch 80km durch unbewohntes Gebiet. Unsere
Tanks sind mit 510 Liter Diesel bis zum Rand voll, der Preis für Diesel liegt
in Pakistan bei 33
Cent, ist also 20 mal so hoch wie im Iran, deshalb sollte man
mitnehmen, was eben geht. Nach kurzem Nachrechnen stelle ich fest, dass uns die
5500km Fahrtstrecke im Iran mit durchschnittlich 27l/100km (also insgesamt 1485
Liter Diesel) gerade mal 25€ gekostet haben. Unglaublich! Wir erreichen das Border-Terminal gegen 10 Uhr, Maggie wird als wieder ausgeführt
im Carnet de Passage eingetragen, wir bekommen die Ausreisestempel in die Reisepässe
und verlassen das iranische Hoheitsgebiet.