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Am Grenzübergang bei Bazargan herrscht auf türkischer Seite natürlich wieder das Chaos! Durch Unmengen abgestellter Transit-LKWs und Bauschuttberge bahnen wir uns den Weg (ist es wirklich ein Weg?) von einer Anlaufstelle zur anderen. Die Reihenfolge müssen wir uns irgendwie erfragen. Das Gebäude, in dem wir das Büro zur Zollabfertigung finden, wird scheinbar in diesem Moment abgerissen, zumindest bricht 10m den Gang runter eine Wand ein und man spürt dröhnende Rammgeräusche einer Baggerschaufel, was die fröhlichen Beamten in ihren Büros allerdings kalt lässt. Nachdem wir auf türkischer Seite fertig sind,  Marcus mit Maggie zur Einreise auf die iranische Seite fahren, mich als Beifahrer darf er nicht mitnehmen. Ich werde kurzerhand mit ca. 30 Iranern, die zurück in ihr Heimatland wollen, in eine grosse Sammelzelle gesteckt! In unregelmässigen Abständen kommt von iranischer Seite ein Beamter zur dorthin gewandten Zellentür und holt den ein oder anderen heraus. Bei seinem zweiten Besuch stecke ich ihm meinen Pass zu, darf fünf Minuten später die Zelle verlassen und werde ins iranische Abfertigungsgebäude geführt. Back to civilization! Viel Glas, Marmor, alles ist klinisch sauber. Von nun an geht’s relativ schnell. Ich treffe Marcus in der Halle, der seine erste Fahrzeugkontrolle schon hinter sich gebracht hat. Zusammen müssen wir jetzt noch zu fünf Anlaufstellen, überall werden wichtige Stempel in unsere Pässe und das Carnet de Passage gedrückt, Maggie wird noch einmal grob von innen kontrolliert. Unsere 700 Musik-CDs (Einfuhr streng verboten!) und die mitgeführten Alkoholvorräte (Einfuhr allestrengstens verboten!!!) werden dabei nicht gefunden (gut versteckt, aber wir hatten auch schon vorher erfahren, dass die Kontrollen sehr oberflächlich sind). In nicht viel mehr als zwei Stunden ist alles erledigt und Maggie rollt am 7.Juli gegen 15Uhr das erste Mal auf iranischen Strassen!

Rein kleidungstechnisch müssen wir uns den hiesigen Gepflogenheiten anpassen, das heisst, lange Hose und Hemden mit leicht hochgekrempelten Ärmeln sind für die nächsten Wochen die Reisebekleidung, zumindest im Freien.

Tanken ist im Iran eine ziemlich angenehme Sache! In drei Tankstellen (die Abgabemenge ist meist reglementiert, liegt zwischen 100 und 200 Liter) nehmen wir insgesamt 500 Liter Diesel auf und bezahlen dafür zusammen nicht mal 10 Euro (kein Witz, der Literpreis liegt unter 2 Cent)! Ausserdem schwimmen wir im Geld, zumindest was die Anzahl der Banknoten betrifft, die wir beim Devisenumtausch erhalten. Der grösste iranische Schein hat einen Wert von 10.000 Rial, umgerechnet 1,30 Euro. Dicke Bündel verschwinden in unseren Taschen.

Unser erstes Ziel ist Tabriz (ca. 300km südöstlich der Grenze), das wir am Mittag des folgenden Tages erreichen. Intakte historische Sehenswürdigkeiten gibt es so gut wie keine in dieser über 1 Millionen Einwohner zählenden Provinzhauptstadt. Zahlreiche starke Erdbeben musste sie in den vergangenen Jahrhunderten über sich ergehen lassen. Einzig die im 15. Jahrhundert erbaute Blaue Moschee, inzwischen teilweise restauriert, zeugt mit ihrem blauen Fliesenmosaik noch von der Schönheit historischer iranischer Bauten.

 Wir besuchen den im Zentrum gelegenen grossen überdachten Bazar (eine schier unglaubliche Anzahl kleiner Geschäfte, vom Gemüsehändler bis zum Haushaltswarenladen, das Ganze in sich ständig verzweigenden Gängen und Gassen, so dass man eigentlich nur mit Karte und Kompass wieder herausfindet), lernen Haid, einen 18-jährigen Schüler kennen, der uns zum Teppichgeschäft seines Vaters führt (grosses Unternehmen, Export handgeknüpfter Teppiche in alle Länder Europas) und uns bei einem Glas Tee über die Reisen erzählt, die er gemeinsam mit seinem Vater in Europa unternommen hat.

Auf dem Rückweg zum Imam Khomeini Boulevard, an dessen Straßenrand wir Maggie im dichten Verkehr des Tabrizer Zentrums geparkt haben, entdecken wir eine grosse Versicherungsagentur und schliessen dort, umringt von vielen hilfsbereiten Angestellten, eine befristete Haftpflichtversicherung ab (nicht unwichtig, wenn man sich das Fahrverhalten in den iranischen Grosstädten anschaut). Am frühen Abend brechen wir auf Richtung kaspisches Meer und werden nach kurzer Fahrt von drei oliv-uniformierten Beamten, bewaffnet mit Maschinenpistolen, gestoppt. Keine Ahnung, ob es sich um Polizei, Militär oder Revolutionswächter handelt, aber offensichtlich sind sie nur neugierig. Der freundliche, ranghöchste der drei Uniformierten bekommt eine Führung durch Maggie (wobei ich zu Allah bete, dass er nicht in unseren Kühlschrank schaut, in dem gerade ein paar Dosen Bier und eine Flasche Wodka auf Trinktemperatur gebracht werden) und entschuldigt sich beim abschied sogar dafür, dass er uns belästigt hat.

In Sichtweite des 4811m hohen Kuh-a Sabalan finden wir, noch etwa 150km vom kaspischen Meer entfernt, bei Meshgin Shar auf freiem Feld eine stelle zum Übernachten.

Was einem im Iran wohl die grössten Schwierigkeiten macht, ist die Schreibweise der persischen Sprache. Nicht nur, dass das persische Alphabet aus 32 Zeichen besteht, nein, man schreibt hier auch noch von rechts nach links! Zu allem Überfluss sehen die Zeichen des Alphabets, je nachdem ob sie am Anfang, in der Mitte oder am Ende eines Wortes schreibt, auch noch unterschiedlich aus. Man hat es also mit 96 verschiedenen Zeichen zu tun! Um das Chaos komplett zu machen, werden Zahlen (natürlich gibt’s hier keine arabischen Ziffern) von links nach rechts geschrieben. Das bedeutet viel Kurzweil, wenn man an einer Strassenkreuzung steht und auf den Richtungsschildern den Namen der Stadt ausfindig machen will, in die man fahren möchte. Ob mein Versuch, unsere Vornamen zu schreiben, gelungen ist (oben Andreas, unten Marcus oder richtig: Oben saerdnA, unten sucraM), werde ich zu gegebener Zeit einen Einheimischen entscheiden lassen.

Auf dem in einigen teilen gigantisch breit ausgebauten „Dadman Highway“ fahren wir Richtung Kaspisches Meer, das wir bei Astara, dem Grenz-Terminal zur GUS-Republik Aserbeidschan, erreichen. Von hier aus führt eine gut befahrbare Küstenstrasse Richtung Südosten. Im Streifen zwischen Küste und einige Kilometer im Landesinneren verlaufenden bis zu 4000m hohem Gebirge, befinden sich die grossen Reisanbaugebiete Irans. Der früher mit dschungelartigen Wäldern (heute noch dampfend an den Gebirgshängen zu sehen) bewachsene Streifen wurde gerodet und bietet auf einer Länge von fast 600km heute Platz für unzählige Reisfelder, begünstigt auch durch die hier vorherrschenden klimatischen Gegebenheiten: Starke Niederschläge im Herbst, Winter und Frühjahr, im Sommer Hitze und Luftfeuchtigkeit, die einem den Atem rauben. Nicht bewegen bedeutet hier schwitzen, bewegen zerfließen.

Bis auf einige Stellen ist der Strand nicht besonders einladend, viele modrige, flache, lagunenartige Tümpel, über denen dichte Mückenschwärme und handspannenlange Feuerlibellen kreisen. Kein guter Platz für eine ruhige Nacht! Auf Nachfrage bei Einheimischen weißt man uns zu einem Badestrand bei Talesh. Das muss man sich im Iran folgendermassen vorstellen: Nach hinten ist der Strand abgetrennt durch mehrere lange, eingeschossige Flachdachgebäude mit kleinen Ferienappartements, Toiletten und der obligatorischen Polizeistation (Die 14 Polizisten, die hier in zwei Gruppen im Tageswechsel Dienst haben, sorgen ausser für Sicherheit und Ordnung auch für die Einhaltung der islamischen Verhaltensregeln wie Kleiderordnung, Alkoholverbot und passen auf, dass es nicht zu Kontakten zwischen Männern und Frauen kommt, die nicht verheiratet sind). Rechts des ca. 500m langen Strandabschnittes, hinter einem Sichtschutz, der auf dem Strand aus einer hohen Mauer und im Wasser aus abgehängten Planen besteht, liegt der Badebereich der Männer, die sich dort auch in Badehose aufhalten dürfen. Links, genauso abgetrennt, der Badebereich der Frauen. So vermeidet man glaubensgefährdende, lüsterne Blicke auf die halbnackte Haut des anderen Geschlechtes. Auf dem Strandabschnitt zwischen den Badebereichen stehen Dutzende bunter, kleiner Teestuben, Kebab-Buden, Getränke- und Lebensmittelverkaufstände. Mittendrin, in Sichtweite der Polizeistation, wir und das Schweizer Pärchen Renate und Andreas, die wir mit ihrem Westfalia-Mercedes Sprinter an der Einfahrt des Strandbades getroffen haben. Die beiden liebenswerten Eidgenossen sind auf einem Einjahres-Trip Richtung Thailand (waghalsiges Unternehmen mit einem, wenn  auch teuren, Standard-Wohnmobil, aber bis jetzt hat sich der Mercedes wohl prächtig bewährt!). Vier europäische Individualreisende auf einmal sind hier natürlich eine Attraktion und so werden wir von Dutzenden von Iranern angesprochen, die uns über unsere Reise, über Meinung zu Land und Leuten befragen und uns ihre Hilfe anbieten.

Man sollte diese Hilfsbereitschaft nicht überbewerten; natürlich sind die Iraner ein überaus freundliches und in jeder Situation hilfsbereites Volk, andererseits sind wir eine Attraktion, die man sich nicht entgehen lassen will. Das gipfelt darin, dass sich ein Iraner nach Kurzem „Hello! How are you?“ zwischen uns postiert und seine verhüllte Frau einige Fotos machen lässt. Wie im Zoo: Ich mit den Elefanten. Oder Affen. Oder weiss der Teufel! Ich will damit allerdings nicht sagen, dass es nicht auch zu wirklich herzlichen Kontakten kommt. Neben Ali, dem ehemaligen Kampfpiloten (noch zu Schah-Zeiten vor der Revolution in den USA ausgebildet und heute beschäftigt beim französischen Öl-Multi TOTAL), seiner netten Frau und den beiden Computer-begeisterten Söhnen (Ali wohnt mit seiner Familie in Teheran, gibt uns seine Mobilfunknummer und bittet uns, ihn anzurufen, wenn wir in der Stadt sind, um uns die sehenswerten Stätten Teherans zu zeigen) treffen wir auf die beiden frischgebackenen Bauingineure Peiman und Yashar, mit denen wir einen wundervollen Abend verbringen. Die beiden sind kleine Revoluzzer, unzufrieden mit Staat und Politik, aber immer fröhlich und wissbegierig. Sie erstaunen uns mit ihren Kenntnissen über die Werke von z.B. Goethe, Nietzsche und Hermann Hesse. Am Abend gibt es ein gemeinsames essen: „Forbidden fish“ (gegrillter Stör, für den es ein strenges Fangverbot gibt, da er Lieferant des persischen Beluga-Kaviars, des besten Kaviars der Welt und grosser Export-Einnahmequelle des Irans ist), den Peiman und Yashar über irgendwelche dunklen Kanäle besorgen und im Wagen in unauffälligen Kaffeetassen angemischter Wodka-Cola, die wir dann fröhlich unter den Augen der Polizei verzehren!

Von den Geschichten, die uns die beiden über die Situation im Iran erzählen, berührt uns eine ganz besonders: Yashar und seine Freundin treffen sich zu einem heimlichen Rendevouz in seiner Studentenwohnung, werden von einem religiösen Nachbarn denunziert, in der Wohnung von bewaffneten Kräften festgenommen und einem Richter vorgeführt. Als beide erklären, ihre Chance, umgehend zu heiraten, nicht wahrnehmen zu wollen, werden sie zu jeweils 70 Stockhieben verurteilt und dieses Urteil wird vollstreckt! Mittelalterliche Zustände.

Die Strandpolizei ist übrigens eine angenehme und freundliche Truppe, die auch nicht alles 100% genau nimmt und nur dann eingreift, wenn jemand wirklich über die Stränge schlägt. Schnell haben wir uns mit ihnen angefreundet, essen gemeinsam zu Mittag und sitzen vor ihrer Station bei ein paar Gläsern Tee zusammen.

Wir verabschieden uns von Renate und Andreas und machen uns auf Richtung Tehran. Vorher werden noch die E-Mail Adressen ausgetauscht, da wir beschlossen haben, uns in Pakistan und Indien nach vorheriger Kontaktaufnahme und Absprache von Ort und Zeitpunkt mit den beiden sympathischen Schweizern wiederzutreffen. Bis Bandar-e-Anzali folgen wir der Küstenstrasse und biegen dort nach Süden ins Inland ab.

In der Provinzhauptstadt Rasht machen wir uns auf die Suche nach einem Internet-Cafe, werden von hilfsbereiten einheimischen hin- und hergeschickt, teilweise sogar geführt (zu einem Computershop, in ein Telefon-Office, nur nicht in ein Internet-Cafe) und landen schliesslich in einer kleinen Computerfirma, die uns freundlicherweise einen ihrer Rechner zur Übertragung unserer Daten nach Deutschland zur Verfügung stellt, kostenlos natürlich, im Iran erwartet man für Hilfsbereitschaft grundsätzlich keine Gegenleistung.

Wir überqueren das Elburz-Gebirge, gelangen ins inneriranische Hochland und fahren parallel zum Gebirgszug durch die karge Landschaft über sehr gut ausgebaute Strassen Richtung Tehran, das wir am Samstag, 13.Juli am späten Abend erreichen. Da es uns nicht gelingt, Michael Razeggi zu erreichen (wir hatten den seit 25 Jahren in Los Angeles lebenden, gebürtigen Iraner, der den Sommer in Tehran verbringen will, in der Türkei auf der Fähre über den Van-See kennengelernt), verbringen wir unsere erste Nacht in der iranischen 15 Millionen-Metropole am Rand des internationalen Flughafens.

Ich bemerke auf meinen Schultern und Armen einen Ausschlag, der sich im Laufe der Nacht rasant auf Rücken und Bauch ausweitet. Von einem Flughafenbeamten lassen wir uns am naechsten Morgen den Weg zum nächstgelegenen Krankenhaus erklären. Das Payambaran-Hospital entpuppt sich als moderne, gut ausgestattete Klinik auf europäischem Niveau. Ein angehender Airline-Pilot, den wir in der Lobby kennenlernen, erklärt uns, das in diesem Hospital alle Piloten ihre medizinische Flugtauglichkeitsprüfung absolvieren. Untersucht werde ich von der englischsprechenden, jungen, hübschen (aber leider mit einem Tabrizer Arzt verheirateten) Internistin Dr. Farahani. Ihre erste Vermutung, dass es sich um eine Virus-Infektion handeln könne, bewahrheitet sich nach einer ausgedehnten Blutuntersuchung zum Glück nicht. Sie diagnostiziert letztendlich eine allergische Reaktion, kann mir aber nicht sagen, was der auslösende Faktor war. Ich bekomme eine Antihistamin-Injektion, allergiehemmende Tabletten sowie ihre Büro- und Privattelefonnummer, um mich bei ihr melden zu können, falls in den nächsten 2-3 Tagen keine Besserung eintritt (Für Untersuchung, Labortests und die Medikamente muss ich übrigens nur 9 Euro bezahlen!).

Da wir Michael auch an diesem Tag telefonisch nicht erreichen können, verbringen wir die Nacht auf dem Parkplatz des Hospitals. Es ist heiss in Tehran, trocken, aber heiss. Auch nachts. Der Sommer, das bestätigt auch unser Reiseführer, ist die denkbar schlechteste Zeit, den Iran zu besuchen. Ein Mitteleuropäer ist auf die klimatischen Verhältnisse einfach nicht vorbereitet, zumal Tehran auch in der Nacht ständig unter einer stickigen Smog-Glocke liegt.

Am nächsten Morgen haben wir Glück, Michael ist zu Hause und erklärt uns am Telefon, das der Parkplatz des Mellat-Parks, der sich im 300m höher gelegenen und damit etwas kühleren Nordteil der Stadt befindet, für uns ein guter Standplatz für die folgenden Tage sei. Dort wollen wir uns mit ihm treffen. Bewaffnet mit unserem Stadtplan machen wir uns also auf den Weg durch das unglaubliche Verkehrsgewühl der (eigentlich tagsüber für LKW gesperrten) iranischen Hauptstadt. Nach 45-minütiger Fahrt und einem ungewollten Zwischenstop (wir werden, als wir versuchen, in eine gesperrte Strasse abzubiegen, von der Polizei gestoppt. Sie wollen von uns ein Bussgeld einkassieren, doch ich kann sie, nachdem ich gemerkt habe, dass sie weder Deutsch noch Englisch sprechen, mit lautstarken Beschimpfungen derart verunsichern, dass sie den Strafzettel zerreissen) erreichen wir unser Ziel (der Parkplatz liegt zwar an einer Tag und Nacht stark befahrenen Kreuzung, aber damit können wir leben) und treffen uns dort mit Michael.

Als Erstes zeigt er uns den wunderschön angelegten, riesigen Park, in dessen Mitte sich ein kleiner See befindet. Der Park ist rund um die Uhr geöffnet, abendlicher Treffpunkt der Bewohner der nördlichen Stadtteile und auch um Mitternacht noch so belebt wie die Kölner Innenstadt! Tehran wird im Norden begrenzt durch das weit über 4000m hohe Elburz-Gebirge. Am Abend fahren wir gemeinsam mit dem Taxi zu einem Geheimtip, dem ehemaligen Gebirgsdorf Darban, das inzwischen von der sich ständig ausdehnenden Stadt geschluckt wurde. Eine schmale Gasse führt steil hinauf in die Berge, links davon kleine Geschäfte und Verkaufsstände, rechts eine endlose Anzahl von Restaurants, die alle über mehrere grosse, offene Terrassen verfügen, die direkt in den steil ansteigenden Fels gebaut sind. Es gibt keine Tische oder Stühle, unter freiem Himmel macht man es sich bequem auf erhöhten, mit Teppichen und Kissen ausgelegten Podesten, geniesst Essen, Tee, frische (und hier oben in den Bergen angenehm kühle) Luft und natürlich die obligatorische Wasserpfeife.

In der Nachbarnische sitzt eine iranische Frau mit ihren beiden Töchtern. Die ältere, so stellt sich heraus, lebt seit einigen Jahren in Schweden und ist momentan zu Besuch bei ihrer Familie. Wir versuchen ins Gespräch zu kommen, werden aber vom brüskierten Kellner zurechtgewiesen, der solch lasterhaftes Treiben (keine Gespräche zwischen Männern und Frauen, die nicht in einem verwandtschaftlichen Verhältnis zueinander stehen, wenn sich das herumspricht, würde man das Lokal schliessen) nicht duldet. Verhindern kann er es aber auch nicht, schliesslich kann er nicht die ganze Zeit neben uns stehen. Die jüngere 20-jährige Tochter ist eine persische Schönheit! Die Blicke aus ihren tiefen, geheimnisvollen dunklen Augen und ihr zuckersüsses Lächeln werfen mich einfach um. Und das alles in einem Restaurant mit dem bezeichnenden Namen „1001 Nacht“! Nach dem Austausch von E-mail Adressen und jeder Menge (natürlich von Michael übersetzten) Komplimenten, trennen sich leider unsere Wege, wir fahren mit dem Taxi zurück zum Mellat Park, setzen uns dort noch einige Zeit an den See und beobachten das mitternächtliche Treiben.

Am nächsten Morgen starten Marcus und ich einen Ausflug ins Stadtzentrum, das wir nach 30-minütiger Taxifahrt durch kaum vorstellbares, aber reibungslos funktionierendes Verkehrschaos erreichen (es gibt keine Ampeln, das würde hier sowieso niemanden interessieren, man fährt, wo gerade Platz ist). Erstes Ziel ist der mit 400ha Fläche grösste überdachte Bazar der Welt. Sich alles ansehen zu wollen, würde Tage in Anspruch nehmen. Im Teppichgeschäft „Unique Carpet“ (No. 79+80 2nd floor, Saraye Bonali) lassen wir uns von Reza Ghaderi bei einem Glas Tee einige wunderschöne Seiden-Qom zeigen. Prachtvolle Stücke, aber da es in Maggies Räumlichkeiten keinen Platz zum Auslegen gibt, sehen wir von einem Kauf ab. Nach weiteren zwei Stunden ziellosem Umherwanderns in den verschachtelten Gassen, verlassen wir den Bazar (natürlich auch genervt davon, dass uns ständig irgendwelche freundlichen Iraner den Weg zu anderen interessanten Teilen des Bazars, wie z.b. dem Gold- und Silberbezirk, zeigen wollen und ihnen plötzlich unterwegs einfällt, dass das Teppichgeschäft ihres Vaters ganz in der Nähe liegt. Ob wir nicht ein paar Minuten Zeit hätten, um uns, natürlich unverbindlich, einige der Teppiche anzuschauen, die, na klar, 1A Qualität und preislich günstiger als in allen anderen Geschäften sind).

Die Temperatur im Schatten hat inzwischen die 45°-Marke überschritten, die Luft ist stickig, der Verkehrslärm ohrenbetäubend. Darüber hinaus ist jeder Versuch, hier als Fussgänger eine Strasse zu überqueren, eine Art Russisch-Roulette! Nach halbstündigem Fussmarsch erreichen wir unser nächstes Ziel, die deutsche Botschaft, und erkundigen uns über die derzeitige Lage in Pakistan. Im Norden des Landes gibt es derzeit keine nennenswerten Sicherheitsrisiken. Karachi, im Süden, gilt es jedoch weiterhin zu meiden, da dort bei Sprengstoffattentaten auch Touristen in Mitleidenschaft gezogen wurden.

Direkt gegenüber der deutschen Botschaft befindet sich das nationale Juwelen-Museum im Tiefgeschoss der iranischen Zentralbank. Nach strengen Sicherheitskontrollen können wir die Ausstellungsräume betreten, hier befindet sich die bedeutendste Juwelensammlung der Welt, ihr materieller Wert ist unschätzbar! Unter den Ausstellungsstücken befinden sich unter anderem der Darya-ye nour (Meer des Lichtes), mit 182 Karat der grösste aus einem Stück geschliffene Diamant der Welt, die Pahlevi-Krone, mit der 1925 Reza Khan und 1967 Mohammed Reza zum Shah gekrönt wurden und ein 66cm durchmessender Globus aus Feingold, der mit 51366(!) Edelsteinen besetzt ist. Darüber hinaus ist eine unvorstellbare Menge an juwelenbesetzten Schmuckstücken, Waffen, Herrschaftsinsignien und ungefassten Edelsteinen zu bewundern. Ein unfassbarer Schatz!

Am Abend fahren wir zusammen mit Michael und seinem Tehraner Freund Ramin (der übrigens 10 Jahre in Hamburg gelebt hat) in einen Park in den Bergen, essen traditionelle Speisen auf der Dachterrasse eines an den steilen Hang angelegten Restaurants und geniessen die phantastische Aussicht auf das Lichtermeer des nächtlichen Tehran, das sich unter uns fast 70km von links nach rechts und 35km bis zum Horizont erstreckt.

Am folgenden Tag besichtigen wir den 1925 als Sommerresidenz für Reza Shah errichteten Grünen Palast, sind aber etwas verärgert, da man für ein Eintrittsgeld von 7 Euro die neun zu besichtigenden Räume des nicht allzu grossen Palastes nur jeweils von der Tür aus einsehen, aber nicht betreten darf. Wie in fast allen iranischen Museen gibt es auch hier ein striktes Fotografierverbot für den Innenbereich, warum, kann uns niemand erklären. In einem der Treppenaufgänge steht eine riesige unförmige Kaviar-Servierschale aus massivem Silber. Unsere iranische Führerin bietet uns an, diese mitnehmen zu dürfen, falls es jemand von uns schafft, sie alleine aus dem Palast zu tragen. Da sie nicht einmal 100kg wiegt, wollen wir uns gerne daran versuchen, aber nach einem abschätzenden Blick auf uns hat es unsere Führerein plötzlich eilig und muss dringend zum Telefon.

Im Aussenbereich sind alle Nobelkarossen zu bewundern, die die Shahfamilie zwischen 1925 und 1978 angeschafft haben, die creme de la creme der Automobilbaukunst von Rolls Royce über Chevrolet bis Lamborghini.

Für den Abend hat uns Ramin zu einer selbstzubereiteten Pasta in sein Zuhause eingeladen. Die Eigentumswohnung in einer der teureren Wohnviertel Tehrans ist luxuriös eingerichtet, über Satellit kann Ramin hier ausser persischsprachigen Programmen aus den USA auch viele deutsche Fernsehprogramme empfangen und ist somit nicht auf die sechs langweiligen, propagandistischen iranischen Sender angewiesen. Die Pasta schmeckt köstlich, weniger schön sind einige Geschichten, die uns aus der Tehraner Alltagswelt erzählt werden. So wurde vor einer Woche eine private Party mit 40 Gästen, zu denen auch einige Bekannte Ramins zählten, von einem Sondereinsatzkommando aufgelöst, die Gäste ins Gefängnis verfrachtet und aufs übelste verprügelt. Um den Gastgeber wegen `Betreibens eines Bordells` zu einer langen Haftstrafe verurteilen zu können, zwang man einige Gäste, sich auszuziehen und gemeinsam für Fotos zu posieren, die dann als Beweismittel zu den Akten gelegt wurden. Soviel zur modernen iranischen Rechtssprechung! Abgesehen davon kann ich aber nur noch einmal betonen, dass Tehran (besonders der nördliche Teil) eine atemberaubende Stadt ist, die auch all unseren westlichen Ansprüchen genügt (es gibt nichts, was es nicht gibt, solange man über ausreichend Geld verfügt. Würden die Frauen auf den Strassen nicht alle verhüllt sein (die jungen Frauen Tehrans machen dies übrigens so geschickt, das es ihre natürliche Schönheit geradezu noch hervorhebt), könnte man meinen, sich in einer westlichen Grosstadt zu befinden. Warum diese wundervolle Stadt kein Ziel für Iran-Urlauber ist (uns ist in der ganzen Zeit unseres Aufenthaltes ausser viele den in Europa und den USA lebenden Iranern, die im Sommer in ihre Heimatstadt reisen, um die Familie zu besuchen, nur ein verloren aussehender Malaysier aufgefallen), die ausschliesslich nach Isfahan oder Schiraz reisen, ist mir völlig unverständlich. Wir fühlen uns hier auf jeden Fall so wohl, dass wir unseren Aufenthalt noch um ein paar Tage verlängern. Nachdem wir am nächsten Vormittag Ramins Firmenräume besichtigt haben (er exportiert iranisches Kunsthandwerk und Natursteine), telefonieren wir mit Ali, dem ehemaligen iranischen Kampfpiloten, den wir zusammen mit seiner netten Familie am kaspischen Meer kennengelernt hatten. Er freut sich wahnsinnig darüber, dass wir uns bei ihm gemeldet haben. Da er im Moment Urlaub hat und sich nicht in seinem Büro beim französischen Öl-Multi TOTAL am persischen Golf befindet, treffen wir uns, fahren ein bisschen durch die Stadt, besichtigen am frühen Abend das Tehraner `Museum of Wildlife` und können uns dort ein Bild über die artenreiche iranische Tierwelt verschaffen (Leoparden, Wölfe, Bären und viele Arten giftiger Schlangen, Spinnen und Skorpionen, hoffentlich läuft uns keiner dieser Artgenossen über den Weg). Tiger gibt es heute im Iran nicht mehr, das Fell des letzten dieser Art ist im Museum ausgestellt. Vom Parkplatz aus sehen wir am nordöstlichen Stadtrand einen gewaltige Rauchwolke aufsteigen, das Donnern mächtiger Explosionen schallt als Echo aus den Bergen zu uns herüber. Ali kann uns nicht sagen, was sich an dieser Stelle befindet und erklärt uns, dass auch die Fernseh- und Radiosender keine Informationen über solche Vorfälle mitteilen würden.

Zusammen mit Alis Frau, seinen beiden Söhnen und einem Neffen fahren wir am Abend zu einem Picknick auf einen Aussichtspunkt in den Bergen. Alis Frau hat wunderbar gekocht und wieder können wir aus erhöhter Position auf das gewaltige Lichtermeer der iranischen Hauptstadt herunterblicken. Am nächsten Morgen bringt Ali uns zu einem staatlichen Geschäft für traditionelle Handwerkskunst und wir staunen über die filigranen Handarbeiten aus Glas, Holz, Messing und Kupfer sowie Kelims in unterschiedlichsten Farben und Mustern. Danach haben wir die Ehre, einen guten Freund Alis, Muhammad Abdie, die Nummer Eins der iranischen Skateboarder, kennenzulernen. Nachdem man die einzige Halfpipe Tehrans aus Sicherheitsgründen abgerissen hat, muss Mohammad seine Tricks und Stunts jetzt auf den Wegen und Treppen de Mellat-Parks proben. Der 22-jährige ist eine Frohnatur, immer gutgelaunt, witzig, crazy! Da er hier im Iran weder hochwertiges Material noch die gängigen Skateboardmagazine kaufen kann, hier seine postalische Anschrift, vielleicht kann ihm ja jemand von Deutschland aus behilflich sein: Mohammad Abdie / No.23 Jafari Nejad Alley – Saadat Abad Ave. / Evin – Tehran / Iran , Tel.Nr.: 0098-21-2079457 . Er würde sich über jeden Kontakt mit Skateboardern aus aller Welt freuen!

Am Abend sind wir wieder zu einer Party eingeladen, treffen jede Menge nette Leute, unter anderem den Italiener Cristian Borghese, der seit mehreren Jahren beruflich in Tehran tätig ist und im kommenden Monat seine iranische Freundin Armita heiraten wird. Es wird ein witziger Abend und wir fallen um 4 Uhr morgens todmüde ins Bett.

Den kompletten nächsten Tag (es ist Freitag der 20.Juli, somit Sonntag der iranischen Woche) verbringen wir im von Tehranern überfüllten Mellat-Park und versuchen zu relaxen. Keine Chance! Ständig werden wir angesprochen, gefragt, wo wir herkommen, was wir über Land, Leute und ihre Probleme denken, man lässt sich mit uns fotografieren und fast ständig ist eine grosse Menschentraube um uns herum. Spät in der Nach treffen wir uns noch mit Michael und seinem Cousin,  sitzen bis zwei Uhr morgens am See des Parks und können es nicht fassen, dass sich um diese Uhrzeit immer noch Massen von Menschen zwischen 8 und 80 Jahren hier aufhalten.

Am nächsten Morgen verabschieden wir uns nach einem späten Brunch von Michael und seinem Cousin, beschliessen, uns in einer Woche in Schiraz noch einmal für einige Tage zu treffen und brechen auf, Tehran zu verlassen. Unser Vorhaben, nach Süden Richtung Qom zu fahren, hängen wir an den Nagel, uns packt die Abenteuerlust in Form der Dasht-e Kavir, der grossen Salzwüste, die sich südöstlich von Tehran über eine Fläche von über 50.000qkm ausbreitet, absolut keine Lebensmöglichkeit für Mensch, Tier und Pflanze bietet und daher kaum durch Strassen erschlossen ist. Sie wollen wir auf Pistenstrassen durchqueren und zwar vom 200km östlich von Tehran gelegenen Semnan über eine Strecke von ca. 500km bis ins südlich gelegene Na´in.

Ein Tehranspezial von Marcus

Schon wieder eine 15 Mil. Stadt. Das ist mein erster Gedanke, als wir von den nicht enden

wollenden Vorstädten Tehrans, uns dem Zentrum auf gut ausgebauten Autobahnen nähern.

Ja, eine riesige Stadt, aber mit einem Flair wie ich ihn noch nie erlebt habe.

Diesen „Flair“ muss man aber auch erst mal finden. Als Pauschaltourist in einer Reisegruppe bleibt einem diese Einsicht mit Sicherheit verwehrt.

Wäre hier nicht unsere Reisebekanntschaft Michael aufgetreten, so hätten wir Tehran nach zwei Tagen wieder verlassen.

Michael ist ein 42 jähriger Iraner der seit 25 Jahren in Kalifornien lebt und im Moment eine Auszeit von seinem Computerjob nimmt. Er ist derjenige, der uns in den Nordteil der Stadt dirigiert, wo wir für Maggie einen Stellplatz auf einem Parkplatz finden. Natürlich ist es ansonsten wegen dem Smog verboten mit einem LKW durch die Stadt zu fahren. Ausserdem ist dieses Verkehrschaos nicht dazu angetan einem das Fahren mit einem 11 Tonnen Geschoss wie Maggie besonders leicht zu machen. Ignorierend aller Verkehrsregeln setzen wir hier aber das Recht des Stärkeren ein und können uns unbehelligt durch die Stadt bewegen.

Der höhergelegene Nordteil ist ohne Frage der privilegierteren Schicht Tehraner vorbehalten. Der Smog ist noch erträglich, die Tagestemperaturen überschreiten  selten die 45c, wobei es dann im Zentrum nicht mehr auszuhalten ist. Hier stellen wir schnell fest, dass man für Geld wirklich alles bekommt. In keinem Haus das wir hier besucht hatten, konnte man feststellen, dass ein Mangel von egal was vorhanden war. Hier herrschte überall höchster westlicher Standard. Die Menschen, mit denen wir verkehrten, sprachen alle ein perfektes Englisch, sowie mindesten noch eine Fremdsprache. Dies gibt natürlich nicht den wahren Iran wieder, wo 80% der Bevölkerung eher an der Armutsgrenze leben. Aber es ist faszinierend zu beobachten, wie die Menschen sich gegen die herrschenden Gesetze stemmen und sich ihr Leben komfortabel von dem Straßenleben abgeschnitten, in ihren Wohnungen westlich einrichten. So haben wir dann an verboten Partys teilgenommen, wo wenn wir erwischt worden wären des Landes verwiesen worden wären, sowie unsere Gastgeber und anderen Iranischen Gäste mit der Prügelstrafe bestraft worden wären. Ein Hauptteil des Lebens spielt sich aber auch in den vielen unzähligen Parks Tehrans ab. Diese haben 24 Std. geöffnet und wir waren nicht selten bis 3 Uhr nachts im nahegelegen Park, um uns an diesem Treiben zu erfreuen.

Wo ich mich dann nicht dran gewöhnen konnte, waren unzählige junge Mädchen, die beim Anblick von Andreas langen blonden Haaren in Verzückungsrufe ausbrachen und vor lauter Umgucken zu ihm auch nicht selten gegen einen Laternenpfahl liefen (der Witz ist dann irgendwann raus, wenn es dauernd passiert).

Interessant ist auch das Taxifahren. Man stellt sich an den Straßenrand und ruft den vorbeifahrenden Wagen sein Fahrtziel durch das geöffnete Seitenfenster zu. Sollte das Taxi (es sind fast ausschließlich Sammeltaxen) dieses Fahrtziel haben, hält es an und man kann für wenig Geld mitfahren. Wir freundeten uns mit einem Taxifahrer an der uns dann erzählte, dass er am Tag ca. 350 km im Stadtbereich fahren würde, und das 7 Tage die Woche. Die Taxen fahren hier auch fast alle mit Gas und er hätte im letzten halben Jahr für 36000 Rial tanken müssen. Das heißt, er ist mit 4,80 Euro Spritgeld ca. 63000 km gefahren (Unglaublich).

 

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