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Am Grenzübergang bei Bazargan herrscht auf türkischer Seite natürlich wieder das Chaos! Durch Unmengen abgestellter Transit-LKWs und Bauschuttberge bahnen wir uns den Weg (ist es wirklich ein Weg?) von einer Anlaufstelle zur anderen. Die Reihenfolge müssen wir uns irgendwie erfragen. Das Gebäude, in dem wir das Büro zur Zollabfertigung finden, wird scheinbar in diesem Moment abgerissen, zumindest bricht 10m den Gang runter eine Wand ein und man spürt dröhnende Rammgeräusche einer Baggerschaufel, was die fröhlichen Beamten in ihren Büros allerdings kalt lässt. Nachdem wir auf türkischer Seite fertig sind, Marcus mit Maggie zur Einreise auf die iranische Seite fahren, mich als Beifahrer darf er nicht mitnehmen. Ich werde kurzerhand mit ca. 30 Iranern, die zurück in ihr Heimatland wollen, in eine grosse Sammelzelle gesteckt! In unregelmässigen Abständen kommt von iranischer Seite ein Beamter zur dorthin gewandten Zellentür und holt den ein oder anderen heraus. Bei seinem zweiten Besuch stecke ich ihm meinen Pass zu, darf fünf Minuten später die Zelle verlassen und werde ins iranische Abfertigungsgebäude geführt. Back to civilization! Viel Glas, Marmor, alles ist klinisch sauber. Von nun an geht’s relativ schnell. Ich treffe Marcus in der Halle, der seine erste Fahrzeugkontrolle schon hinter sich gebracht hat. Zusammen müssen wir jetzt noch zu fünf Anlaufstellen, überall werden wichtige Stempel in unsere Pässe und das Carnet de Passage gedrückt, Maggie wird noch einmal grob von innen kontrolliert. Unsere 700 Musik-CDs (Einfuhr streng verboten!) und die mitgeführten Alkoholvorräte (Einfuhr allestrengstens verboten!!!) werden dabei nicht gefunden (gut versteckt, aber wir hatten auch schon vorher erfahren, dass die Kontrollen sehr oberflächlich sind). In nicht viel mehr als zwei Stunden ist alles erledigt und Maggie rollt am 7.Juli gegen 15Uhr das erste Mal auf iranischen Strassen!
Rein
kleidungstechnisch müssen wir uns den hiesigen Gepflogenheiten anpassen, das
heisst, lange Hose und Hemden mit leicht hochgekrempelten Ärmeln sind für die
nächsten Wochen die Reisebekleidung, zumindest im Freien.
Tanken
ist im Iran eine ziemlich angenehme Sache! In drei Tankstellen (die Abgabemenge
ist meist reglementiert, liegt zwischen 100 und 200 Liter) nehmen wir insgesamt
500 Liter Diesel auf und bezahlen dafür zusammen nicht mal 10 Euro (kein Witz,
der Literpreis liegt unter 2 Cent)!
Ausserdem schwimmen wir im Geld, zumindest was die Anzahl der Banknoten
betrifft, die wir beim Devisenumtausch erhalten. Der grösste iranische
Schein hat einen Wert von 10.000 Rial, umgerechnet 1,30 Euro. Dicke Bündel
verschwinden in unseren Taschen.
Unser
erstes Ziel ist Tabriz (ca. 300km südöstlich der Grenze), das wir am Mittag
des folgenden Tages erreichen. Intakte historische Sehenswürdigkeiten gibt es
so gut wie keine in dieser über 1 Millionen Einwohner zählenden
Provinzhauptstadt. Zahlreiche starke Erdbeben musste sie in den vergangenen
Jahrhunderten
über sich ergehen lassen. Einzig die im 15. Jahrhundert erbaute Blaue Moschee,
inzwischen teilweise restauriert, zeugt mit ihrem blauen Fliesenmosaik noch von
der Schönheit historischer iranischer Bauten.
Wir
besuchen den im Zentrum gelegenen grossen überdachten Bazar (eine schier
unglaubliche Anzahl kleiner Geschäfte, vom Gemüsehändler bis zum
Haushaltswarenladen, das Ganze in sich ständig verzweigenden Gängen und
Gassen, so dass man eigentlich nur mit Karte und Kompass wieder herausfindet),
lernen Haid, einen
18-jährigen Schüler kennen, der uns zum Teppichgeschäft seines Vaters führt
(grosses Unternehmen, Export handgeknüpfter Teppiche in alle Länder Europas)
und uns bei einem Glas Tee über die Reisen erzählt, die er gemeinsam mit
seinem Vater in Europa unternommen hat.
Auf
dem Rückweg zum Imam Khomeini Boulevard, an dessen Straßenrand wir Maggie im
dichten Verkehr des Tabrizer Zentrums geparkt haben, entdecken wir eine grosse
Versicherungsagentur und schliessen dort,
umringt von vielen hilfsbereiten Angestellten, eine befristete
Haftpflichtversicherung ab (nicht unwichtig, wenn man sich das Fahrverhalten in
den iranischen Grosstädten anschaut).
Am
frühen Abend brechen wir auf Richtung kaspisches Meer und werden nach kurzer
Fahrt von drei oliv-uniformierten Beamten, bewaffnet mit Maschinenpistolen,
gestoppt. Keine Ahnung, ob es sich um Polizei, Militär oder Revolutionswächter
handelt, aber offensichtlich sind sie nur neugierig. Der freundliche, ranghöchste
der drei Uniformierten bekommt eine Führung durch Maggie (wobei ich zu Allah
bete, dass er nicht in unseren Kühlschrank schaut, in dem gerade ein paar Dosen
Bier und eine Flasche Wodka auf Trinktemperatur gebracht werden) und
entschuldigt sich beim abschied sogar dafür, dass
er
uns belästigt hat.
In Sichtweite des 4811m hohen Kuh-a Sabalan finden wir, noch etwa 150km vom kaspischen Meer entfernt, bei Meshgin Shar auf freiem Feld eine stelle zum Übernachten.
Was
einem im Iran wohl die grössten Schwierigkeiten macht, ist die Schreibweise der
persischen Sprache. Nicht nur, dass das persische Alphabet aus 32 Zeichen
besteht, nein, man schreibt hier auch noch von rechts nach links! Zu allem Überfluss
sehen die Zeichen des Alphabets, je nachdem ob sie am Anfang, in der Mitte oder
am Ende eines Wortes schreibt, auch noch unterschiedlich aus. Man hat es also
mit 96 verschiedenen Zeichen zu tun! Um das Chaos komplett zu machen, werden
Zahlen (natürlich gibt’s hier keine arabischen Ziffern) von links nach rechts
geschrieben. Das bedeutet viel Kurzweil, wenn man an einer Strassenkreuzung
steht und auf den Richtungsschildern den Namen der Stadt ausfindig machen will,
in die man fahren möchte. Ob mein Versuch, unsere Vornamen zu
schreiben, gelungen ist (oben Andreas, unten Marcus oder richtig: Oben saerdnA,
unten sucraM), werde ich zu gegebener Zeit einen Einheimischen entscheiden lassen.
Auf
dem in einigen teilen gigantisch breit ausgebauten „Dadman Highway“ fahren
wir Richtung Kaspisches Meer, das wir bei Astara, dem Grenz-Terminal zur
GUS-Republik Aserbeidschan, erreichen. Von hier aus führt eine gut befahrbare Küstenstrasse
Richtung Südosten. Im Streifen zwischen Küste und einige Kilometer im
Landesinneren verlaufenden bis zu 4000m hohem Gebirge, befinden sich die grossen
Reisanbaugebiete Irans. Der früher mit dschungelartigen Wäldern (heute noch
dampfend an den Gebirgshängen zu sehen) bewachsene Streifen wurde gerodet und
bietet auf einer Länge von fast 600km heute Platz für unzählige Reisfelder,
begünstigt auch durch die hier vorherrschenden klimatischen
Gegebenheiten: Starke Niederschläge im Herbst, Winter und Frühjahr, im Sommer
Hitze und Luftfeuchtigkeit, die einem den Atem rauben. Nicht bewegen bedeutet
hier schwitzen, bewegen zerfließen.
Bis
auf einige Stellen ist der Strand nicht besonders einladend, viele modrige,
flache, lagunenartige Tümpel, über denen dichte Mückenschwärme und
handspannenlange Feuerlibellen kreisen. Kein guter Platz für eine ruhige Nacht!
Auf Nachfrage bei Einheimischen weißt man uns zu einem Badestrand bei Talesh.
Das muss man sich im Iran folgendermassen vorstellen: Nach hinten ist der Strand
abgetrennt durch mehrere lange, eingeschossige Flachdachgebäude mit kleinen
Ferienappartements, Toiletten und der obligatorischen Polizeistation (Die 14
Polizisten, die hier in zwei Gruppen im Tageswechsel Dienst haben, sorgen ausser
für Sicherheit und Ordnung auch für die Einhaltung der islamischen
Verhaltensregeln wie Kleiderordnung,
Alkoholverbot und passen auf, dass es nicht zu Kontakten zwischen Männern und
Frauen kommt, die nicht verheiratet sind). Rechts des ca. 500m langen
Strandabschnittes, hinter einem Sichtschutz, der auf dem Strand aus einer hohen
Mauer und im Wasser aus abgehängten Planen besteht, liegt der Badebereich der Männer,
die sich dort auch in Badehose aufhalten dürfen. Links, genauso abgetrennt, der
Badebereich der Frauen. So vermeidet man glaubensgefährdende, lüsterne Blicke
auf die halbnackte Haut des anderen Geschlechtes. Auf dem Strandabschnitt
zwischen den Badebereichen stehen Dutzende bunter, kleiner Teestuben,
Kebab-Buden, Getränke- und Lebensmittelverkaufstände. Mittendrin, in
Sichtweite der Polizeistation, wir und das Schweizer Pärchen Renate und
Andreas, die wir mit ihrem Westfalia-Mercedes Sprinter
an der Einfahrt des Strandbades getroffen haben. Die beiden liebenswerten
Eidgenossen sind auf einem Einjahres-Trip Richtung Thailand (waghalsiges
Unternehmen mit einem, wenn auch
teuren, Standard-Wohnmobil, aber bis jetzt hat sich der
Mercedes wohl prächtig bewährt!). Vier europäische Individualreisende auf
einmal sind hier natürlich eine Attraktion und so werden wir von Dutzenden von
Iranern angesprochen, die uns über unsere Reise, über Meinung zu Land und
Leuten befragen und uns ihre Hilfe anbieten.
Man
sollte diese Hilfsbereitschaft nicht überbewerten; natürlich sind die Iraner
ein überaus freundliches und in jeder Situation hilfsbereites Volk,
andererseits sind wir eine Attraktion, die man sich nicht entgehen lassen will.
Das gipfelt darin, dass sich ein Iraner nach Kurzem „Hello! How are you?“
zwischen uns
postiert und seine verhüllte Frau einige Fotos machen lässt. Wie im Zoo: Ich
mit den Elefanten. Oder Affen. Oder weiss der Teufel!
Von
den Geschichten, die uns die beiden über die Situation im Iran erzählen, berührt
uns eine ganz besonders: Yashar und seine Freundin treffen sich zu einem
heimlichen Rendevouz in seiner Studentenwohnung, werden von einem religiösen
Nachbarn denunziert, in der Wohnung von
bewaffneten Kräften festgenommen und einem Richter vorgeführt. Als beide erklären,
ihre Chance, umgehend zu heiraten, nicht wahrnehmen zu wollen, werden sie zu
jeweils 70 Stockhieben verurteilt und dieses Urteil wird vollstreckt!
Mittelalterliche Zustände.
Die
Strandpolizei ist übrigens eine angenehme und
freundliche Truppe, die auch nicht alles 100% genau nimmt und nur dann
eingreift, wenn jemand wirklich über die Stränge schlägt. Schnell haben wir
uns mit ihnen angefreundet, essen gemeinsam zu Mittag und sitzen vor ihrer
Station bei ein paar Gläsern Tee zusammen.
Wir verabschieden uns von
Renate und Andreas und machen uns auf Richtung Tehran. Vorher werden noch die
E-Mail Adressen ausgetauscht,
da wir beschlossen haben, uns in Pakistan und Indien nach vorheriger
Kontaktaufnahme und Absprache von Ort und Zeitpunkt mit den beiden sympathischen
Schweizern wiederzutreffen. Bis Bandar-e-Anzali folgen wir der Küstenstrasse
und biegen dort nach Süden ins Inland ab.
In der Provinzhauptstadt Rasht machen wir uns auf die Suche nach einem Internet-Cafe, werden von hilfsbereiten einheimischen hin- und hergeschickt, teilweise sogar geführt (zu einem Computershop, in ein Telefon-Office, nur nicht in ein Internet-Cafe) und landen schliesslich in einer kleinen Computerfirma, die uns freundlicherweise einen ihrer Rechner zur Übertragung unserer Daten nach Deutschland zur Verfügung stellt, kostenlos natürlich, im Iran erwartet man für Hilfsbereitschaft grundsätzlich keine Gegenleistung.
Wir
überqueren das Elburz-Gebirge, gelangen ins inneriranische Hochland und fahren
parallel zum Gebirgszug durch die karge Landschaft über sehr gut ausgebaute
Strassen Richtung Tehran,
das wir am Samstag, 13.Juli am späten Abend erreichen. Da es uns nicht gelingt,
Michael Razeggi zu erreichen (wir hatten den seit 25 Jahren in Los Angeles
lebenden, gebürtigen Iraner, der den Sommer in Tehran verbringen will, in der Türkei
auf der Fähre über den Van-See kennengelernt), verbringen wir unsere erste
Nacht in der iranischen 15 Millionen-Metropole am Rand des internationalen
Flughafens.
Ich bemerke auf meinen Schultern und Armen einen Ausschlag, der sich im Laufe der Nacht rasant auf Rücken und Bauch ausweitet. Von einem Flughafenbeamten lassen wir uns am naechsten Morgen den Weg zum nächstgelegenen Krankenhaus erklären. Das Payambaran-Hospital entpuppt sich als moderne, gut ausgestattete Klinik auf europäischem Niveau. Ein angehender Airline-Pilot, den wir in der Lobby kennenlernen, erklärt uns, das in diesem Hospital alle Piloten ihre medizinische Flugtauglichkeitsprüfung absolvieren. Untersucht werde ich von der englischsprechenden, jungen, hübschen (aber leider mit einem Tabrizer Arzt verheirateten) Internistin Dr. Farahani. Ihre erste Vermutung, dass es sich um eine Virus-Infektion handeln könne, bewahrheitet sich nach einer ausgedehnten Blutuntersuchung zum Glück nicht. Sie diagnostiziert letztendlich eine allergische Reaktion, kann mir aber nicht sagen, was der auslösende Faktor war. Ich bekomme eine Antihistamin-Injektion, allergiehemmende Tabletten sowie ihre Büro- und Privattelefonnummer, um mich bei ihr melden zu können, falls in den nächsten 2-3 Tagen keine Besserung eintritt (Für Untersuchung, Labortests und die Medikamente muss ich übrigens nur 9 Euro bezahlen!).
Da
wir Michael auch an diesem Tag telefonisch nicht erreichen können, verbringen
wir die Nacht
auf dem Parkplatz des Hospitals. Es ist heiss in Tehran, trocken, aber heiss.
Auch nachts. Der Sommer, das bestätigt auch unser Reiseführer, ist die denkbar
schlechteste Zeit, den Iran zu besuchen. Ein Mitteleuropäer ist auf die
klimatischen Verhältnisse einfach nicht vorbereitet, zumal Tehran auch in der
Nacht ständig unter einer stickigen Smog-Glocke liegt.
Am
nächsten Morgen haben wir Glück, Michael ist zu Hause und erklärt uns am
Telefon, das der Parkplatz des Mellat-Parks, der sich im 300m höher gelegenen
und damit etwas kühleren Nordteil
der Stadt befindet, für uns ein guter Standplatz für die folgenden Tage sei.
Dort wollen wir uns mit ihm treffen. Bewaffnet mit unserem Stadtplan machen wir
uns also auf den Weg durch das unglaubliche Verkehrsgewühl der (eigentlich tagsüber
für LKW gesperrten) iranischen Hauptstadt. Nach 45-minütiger Fahrt und einem
ungewollten Zwischenstop (wir werden, als wir versuchen, in eine gesperrte
Strasse abzubiegen, von der Polizei gestoppt. Sie wollen von uns ein Bussgeld
einkassieren, doch ich kann sie, nachdem ich gemerkt habe, dass sie weder
Deutsch noch Englisch sprechen,
mit lautstarken Beschimpfungen derart verunsichern, dass sie den Strafzettel
zerreissen) erreichen wir unser Ziel (der Parkplatz liegt zwar an einer Tag und
Nacht stark befahrenen Kreuzung, aber damit können wir leben) und treffen uns
dort mit Michael.
Als
Erstes zeigt er uns den wunderschön angelegten, riesigen Park, in dessen Mitte
sich ein kleiner See befindet. Der Park ist rund um die Uhr geöffnet,
abendlicher Treffpunkt der Bewohner der nördlichen Stadtteile und auch um
Mitternacht
noch so belebt wie die Kölner Innenstadt!
In
der Nachbarnische sitzt eine iranische Frau mit ihren beiden Töchtern. Die ältere,
so stellt sich heraus, lebt seit einigen Jahren in Schweden und ist momentan zu
Besuch bei ihrer Familie. Wir versuchen ins Gespräch zu kommen, werden aber vom
brüskierten Kellner zurechtgewiesen, der solch lasterhaftes Treiben (keine
Gespräche zwischen Männern und Frauen, die nicht in einem verwandtschaftlichen
Verhältnis zueinander stehen, wenn sich das herumspricht, würde man das Lokal
schliessen) nicht duldet. Verhindern kann er es aber auch nicht, schliesslich
kann er nicht die ganze Zeit neben uns stehen. Die jüngere 20-jährige Tochter
ist eine persische Schönheit! Die Blicke aus ihren tiefen, geheimnisvollen
dunklen Augen und ihr zuckersüsses Lächeln werfen mich einfach um. Und das
alles in einem Restaurant mit dem bezeichnenden Namen „1001 Nacht“! Nach dem
Austausch von E-mail Adressen und jeder Menge (natürlich von Michael übersetzten)
Komplimenten, trennen sich leider unsere Wege, wir fahren mit dem Taxi zurück
zum Mellat Park, setzen uns dort noch einige Zeit an den See und beobachten das
mitternächtliche Treiben.
Am
nächsten Morgen starten Marcus
und ich einen Ausflug ins Stadtzentrum, das wir nach 30-minütiger Taxifahrt
durch kaum vorstellbares, aber reibungslos funktionierendes Verkehrschaos
erreichen (es gibt keine Ampeln, das würde hier sowieso niemanden
interessieren, man fährt, wo gerade Platz ist). Erstes Ziel ist der mit 400ha
Fläche grösste überdachte Bazar der Welt. Sich alles ansehen zu wollen, würde
Tage in Anspruch nehmen. Im Teppichgeschäft „Unique Carpet“ (No. 79+80 2nd
floor, Saraye Bonali) lassen wir uns von Reza Ghaderi bei einem Glas Tee einige
wunderschöne Seiden-Qom
zeigen. Prachtvolle Stücke, aber da es in Maggies Räumlichkeiten keinen Platz
zum Auslegen gibt, sehen wir von einem Kauf ab. Nach weiteren zwei Stunden
ziellosem Umherwanderns in den verschachtelten Gassen, verlassen wir den Bazar
(natürlich auch genervt davon, dass uns ständig irgendwelche freundlichen
Iraner den Weg zu anderen interessanten Teilen des Bazars, wie z.b. dem Gold-
und Silberbezirk, zeigen wollen und ihnen plötzlich unterwegs einfällt, dass
das Teppichgeschäft ihres Vaters ganz in der Nähe liegt. Ob wir nicht ein paar
Minuten Zeit hätten, um uns, natürlich unverbindlich, einige der Teppiche
anzuschauen, die, na klar, 1A Qualität und preislich günstiger als in allen
anderen Geschäften sind).
Die
Temperatur im Schatten hat inzwischen die 45°-Marke überschritten, die Luft
ist stickig, der Verkehrslärm ohrenbetäubend. Darüber hinaus ist jeder
Versuch, hier als Fussgänger eine Strasse zu überqueren, eine Art
Russisch-Roulette! Nach halbstündigem Fussmarsch erreichen wir unser nächstes
Ziel, die deutsche Botschaft, und erkundigen uns über die derzeitige Lage in
Pakistan. Im Norden des Landes gibt es derzeit keine nennenswerten
Sicherheitsrisiken. Karachi, im Süden, gilt es jedoch weiterhin zu meiden, da
dort bei Sprengstoffattentaten auch Touristen in
Mitleidenschaft gezogen wurden.
Direkt
gegenüber der deutschen Botschaft befindet sich das nationale Juwelen-Museum im
Tiefgeschoss der iranischen Zentralbank. Nach strengen Sicherheitskontrollen können
wir die Ausstellungsräume betreten, hier befindet sich die bedeutendste
Juwelensammlung der Welt, ihr materieller Wert ist unschätzbar! Unter den
Ausstellungsstücken befinden sich unter anderem
der Darya-ye nour (Meer des Lichtes), mit 182 Karat der grösste aus einem Stück
geschliffene Diamant der Welt, die Pahlevi-Krone, mit der 1925 Reza Khan und
1967 Mohammed Reza zum Shah gekrönt wurden und ein 66cm durchmessender Globus
aus Feingold, der mit 51366(!) Edelsteinen besetzt ist. Darüber hinaus ist eine
unvorstellbare Menge an juwelenbesetzten Schmuckstücken, Waffen,
Herrschaftsinsignien und ungefassten Edelsteinen zu bewundern. Ein unfassbarer
Schatz!
Am
Abend fahren wir zusammen mit Michael und seinem Tehraner Freund Ramin (der übrigens
10 Jahre in Hamburg gelebt hat) in einen Park in den Bergen, essen traditionelle
Speisen auf der Dachterrasse eines an den steilen Hang angelegten Restaurants
und geniessen die phantastische Aussicht auf das Lichtermeer des nächtlichen
Tehran, das sich unter uns fast 70km von links nach rechts und 35km bis zum
Horizont erstreckt.
Am
folgenden Tag besichtigen wir den 1925 als Sommerresidenz für Reza Shah
errichteten Grünen Palast, sind aber etwas verärgert, da man für ein
Eintrittsgeld von 7 Euro die neun zu besichtigenden
Räume des nicht allzu grossen Palastes nur jeweils von der Tür aus einsehen,
aber nicht betreten darf. Wie in fast allen iranischen Museen gibt es
auch hier ein striktes Fotografierverbot für den Innenbereich, warum, kann uns
niemand erklären. In einem der Treppenaufgänge steht eine riesige unförmige
Kaviar-Servierschale aus massivem Silber. Unsere iranische Führerin bietet uns
an, diese mitnehmen zu dürfen, falls es jemand von uns schafft, sie alleine aus
dem Palast zu tragen. Da sie nicht einmal 100kg wiegt, wollen wir uns gerne
daran versuchen, aber nach einem abschätzenden Blick auf uns hat es unsere Führerein
plötzlich eilig und muss dringend zum Telefon.
Im
Aussenbereich sind alle Nobelkarossen zu bewundern, die die Shahfamilie zwischen
1925 und 1978 angeschafft haben, die creme de la creme der Automobilbaukunst von
Rolls Royce über Chevrolet bis Lamborghini.
Für
den Abend hat uns Ramin zu einer selbstzubereiteten Pasta in sein Zuhause
eingeladen. Die Eigentumswohnung in einer der teureren Wohnviertel Tehrans ist
luxuriös eingerichtet, über Satellit kann Ramin hier ausser persischsprachigen
Programmen aus den USA auch viele deutsche Fernsehprogramme empfangen und ist
somit nicht auf die sechs langweiligen, propagandistischen iranischen Sender
angewiesen. Die Pasta schmeckt köstlich, weniger schön sind einige
Geschichten, die uns aus der Tehraner Alltagswelt erzählt werden. So wurde vor
einer Woche eine private Party mit 40 Gästen, zu denen auch einige Bekannte
Ramins zählten, von einem Sondereinsatzkommando aufgelöst, die Gäste ins Gefängnis
verfrachtet und aufs übelste verprügelt. Um den Gastgeber wegen `Betreibens
eines Bordells` zu einer langen
Haftstrafe verurteilen zu können, zwang man einige Gäste, sich auszuziehen und
gemeinsam für Fotos zu posieren, die dann als Beweismittel zu den Akten gelegt
wurden. Soviel zur modernen iranischen Rechtssprechung!
seiner
netten Familie am kaspischen Meer kennengelernt hatten. Er freut sich wahnsinnig
darüber, dass wir uns bei ihm gemeldet haben. Da er im Moment Urlaub hat und
sich nicht in seinem Büro beim französischen Öl-Multi TOTAL am persischen
Golf befindet, treffen wir uns, fahren ein bisschen durch die Stadt, besichtigen
am frühen Abend das Tehraner `Museum of Wildlife` und können uns dort ein Bild
über die artenreiche iranische Tierwelt verschaffen (Leoparden, Wölfe, Bären
und viele Arten giftiger Schlangen, Spinnen und Skorpionen, hoffentlich läuft
uns keiner dieser Artgenossen über den Weg). Tiger gibt es heute im Iran nicht
mehr, das Fell des letzten dieser Art ist im Museum ausgestellt.
Parkplatz aus sehen wir am nordöstlichen Stadtrand einen gewaltige Rauchwolke
aufsteigen, das Donnern mächtiger Explosionen schallt als Echo aus den Bergen
zu uns herüber. Ali kann uns nicht sagen, was sich an dieser Stelle befindet
und erklärt uns, dass auch die Fernseh- und Radiosender keine Informationen über
solche Vorfälle mitteilen würden.
Zusammen
mit Alis Frau, seinen beiden Söhnen und einem Neffen fahren wir am Abend zu
einem Picknick auf einen Aussichtspunkt in den Bergen. Alis Frau hat wunderbar
gekocht und wieder können wir aus erhöhter Position auf das
gewaltige Lichtermeer der iranischen Hauptstadt herunterblicken.
und Stunts jetzt auf den Wegen und Treppen de Mellat-Parks proben. Der 22-jährige
ist eine Frohnatur, immer gutgelaunt, witzig, crazy! Da er hier im Iran weder
hochwertiges Material noch die gängigen Skateboardmagazine kaufen kann, hier
seine postalische Anschrift, vielleicht kann ihm ja jemand von Deutschland aus
behilflich sein: Mohammad Abdie / No.23 Jafari Nejad Alley – Saadat Abad
Ave. / Evin – Tehran / Iran , Tel.Nr.: 0098-21-2079457 . Er würde sich über
jeden Kontakt mit Skateboardern aus aller Welt freuen!
Am Abend sind wir wieder zu
einer Party eingeladen, treffen jede Menge nette Leute, unter
anderem den Italiener Cristian Borghese, der seit mehreren Jahren beruflich in
Tehran tätig ist und im kommenden Monat seine iranische Freundin Armita
heiraten wird. Es wird ein witziger Abend und wir fallen um 4 Uhr morgens todmüde
ins Bett.
Den kompletten nächsten Tag
(es ist Freitag der 20.Juli, somit Sonntag der iranischen Woche) verbringen wir
im von Tehranern überfüllten Mellat-Park und versuchen zu
relaxen. Keine Chance! Ständig werden wir angesprochen, gefragt, wo wir
herkommen, was wir über Land, Leute und ihre Probleme denken, man lässt sich
mit uns fotografieren und fast ständig ist eine grosse Menschentraube um uns
herum. Spät in der Nach treffen wir uns noch mit Michael und seinem Cousin,
sitzen bis zwei Uhr morgens am See des Parks und können es nicht fassen,
dass sich um diese Uhrzeit immer noch Massen von Menschen zwischen 8 und 80
Jahren hier aufhalten.
Am nächsten Morgen verabschieden wir uns nach einem späten Brunch von Michael und seinem Cousin, beschliessen, uns in einer Woche in Schiraz noch einmal für einige Tage zu treffen und brechen auf, Tehran zu verlassen. Unser Vorhaben, nach Süden Richtung Qom zu fahren, hängen wir an den Nagel, uns packt die Abenteuerlust in Form der Dasht-e Kavir, der grossen Salzwüste, die sich südöstlich von Tehran über eine Fläche von über 50.000qkm ausbreitet, absolut keine Lebensmöglichkeit für Mensch, Tier und Pflanze bietet und daher kaum durch Strassen erschlossen ist. Sie wollen wir auf Pistenstrassen durchqueren und zwar vom 200km östlich von Tehran gelegenen Semnan über eine Strecke von ca. 500km bis ins südlich gelegene Na´in.
Ein Tehranspezial von Marcus
Schon wieder eine 15 Mil. Stadt. Das ist mein erster Gedanke, als wir von den nicht enden
wollenden Vorstädten Tehrans, uns dem Zentrum auf gut ausgebauten Autobahnen nähern.
Ja, eine riesige Stadt, aber mit einem Flair wie ich ihn noch nie erlebt habe.
Diesen „Flair“ muss man aber auch erst mal finden. Als Pauschaltourist in einer Reisegruppe bleibt einem diese Einsicht mit Sicherheit verwehrt.
Wäre hier nicht unsere Reisebekanntschaft Michael aufgetreten, so hätten wir Tehran nach zwei Tagen wieder verlassen.
Michael ist ein 42 jähriger Iraner der seit 25 Jahren in Kalifornien lebt und im Moment eine Auszeit von seinem Computerjob nimmt. Er ist derjenige, der uns in den Nordteil der Stadt dirigiert, wo wir für Maggie einen Stellplatz auf einem Parkplatz finden. Natürlich ist es ansonsten wegen dem Smog verboten mit einem LKW durch die Stadt zu fahren. Ausserdem ist dieses Verkehrschaos nicht dazu angetan einem das Fahren mit einem 11 Tonnen Geschoss wie Maggie besonders leicht zu machen. Ignorierend aller Verkehrsregeln setzen wir hier aber das Recht des Stärkeren ein und können uns unbehelligt durch die Stadt bewegen.
Der
höhergelegene Nordteil ist ohne Frage der privilegierteren Schicht Tehraner
vorbehalten. Der Smog ist noch erträglich, die Tagestemperaturen überschreiten
selten die 45c, wobei es dann im Zentrum nicht mehr auszuhalten ist. Hier stellen wir schnell fest, dass man für Geld
wirklich alles bekommt. In keinem Haus das wir hier besucht hatten, konnte man
feststellen, dass ein Mangel von egal was vorhanden war. Hier herrschte überall
höchster westlicher Standard. Die Menschen, mit denen wir verkehrten, sprachen
alle ein perfektes Englisch, sowie mindesten noch eine Fremdsprache. Dies gibt
natürlich nicht den wahren Iran wieder, wo 80% der Bevölkerung eher an der
Armutsgrenze leben. Aber es ist faszinierend zu beobachten, wie die Menschen
sich gegen die herrschenden Gesetze stemmen und sich ihr Leben komfortabel von
dem Straßenleben abgeschnitten, in ihren Wohnungen westlich einrichten. So
haben wir dann an verboten Partys teilgenommen, wo wenn wir
erwischt worden wären des Landes verwiesen worden wären, sowie unsere
Gastgeber und anderen Iranischen Gäste mit der Prügelstrafe bestraft worden wären.
Ein Hauptteil des Lebens spielt sich aber auch in
den vielen unzähligen Parks Tehrans ab. Diese haben 24 Std. geöffnet und wir
waren nicht selten bis 3 Uhr nachts im nahegelegen Park, um uns an diesem
Treiben zu erfreuen.
Wo ich mich dann nicht dran gewöhnen konnte, waren unzählige junge Mädchen, die beim Anblick von Andreas langen blonden Haaren in Verzückungsrufe ausbrachen und vor lauter Umgucken zu ihm auch nicht selten gegen einen Laternenpfahl liefen (der Witz ist dann irgendwann raus, wenn es dauernd passiert).
Interessant ist auch das
Taxifahren. Man stellt sich an den Straßenrand und ruft den vorbeifahrenden
Wagen sein Fahrtziel durch das geöffnete Seitenfenster zu. Sollte das Taxi (es
sind fast ausschließlich Sammeltaxen) dieses Fahrtziel haben, hält es an und
man kann für wenig Geld mitfahren.
Wir freundeten uns mit einem Taxifahrer an der uns dann erzählte, dass er am
Tag ca. 350 km im Stadtbereich fahren würde, und das 7 Tage die Woche. Die
Taxen fahren hier auch fast alle mit Gas und er hätte im letzten halben Jahr für
36000 Rial tanken müssen. Das heißt, er ist mit 4,80 Euro Spritgeld ca. 63000
km gefahren (Unglaublich).