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Freitag, 18.Oktober, 7am. Wir versuchen, mit Maggie in das 60 km entfernte Zentrum von Mumbai vorzustossen. Das ehemalige Bombay hat 16 Millionen Einwohner, jährlich werden es 350.000 mehr, die Stadt schickt sich an, in näherer Zukunft zweitgrösste Metropole der Welt hinter Tokio zu werden. Einen bedenklichen Weltrekord hält Mumbai schon heute, den der flächenmässig grössten Slums. Massen von Indern, die in dieser Stadt ihr Glück zu machen versuchen, wohnen auf der Strasse, schlafen auf verdreckten Bürgersteigen und verrichten ihre Notdurft, wenn sie Anstand besitzen, im Rinnstein. Die indische Regierung versucht seit Jahren, dieser Problematik Herr zu werden, Jedoch ohne nennenswerten Erfolg. 40 km weit dringen wir in diese gigantische Hafenstadt ein, müssen aber einsehen, dass wir Maggie besser abstellen und mit dem Taxi weiterfahren. Dies ist der Beginn einer ganztägigen Odyssee. Wir wollen zuerst zur australischen Botschaft, um unsere Visa zu beantragen. Die Büros sind untergebracht in einem der Market-Tower in Colalaba, der südlichsten Spitze der grossen, mit dem Festland durch Brücken verbundenen Insel, auf der ein Grossteil Mumbais liegt, also circa 20 km Fahrtstrecke entfernt. Dort angekommen stellen wir einen Antrag auf Erteilung eines Longstay-Visums (für 6 Monate Aufenthaltsdauer, gültig für ein Jahr). Für diesen Langzeitaufenthalt ist eine Gesundheitsüberprüfung in Form von auszuwertenden Röntgenaufnahmen vorgesehen. Wir bekommen die Adressen einiger Radiologen in Mumbai, die diese Untersuchungen durchführen dürfen. Unser Taxi bringt uns zur Praxis von Dr. Chichgar. Der Wachmann des Gebäudes teilt uns mit, dass diese erst um 13.30 Uhr, also in einer Stunde, wieder geöffnet ist. Da wir nicht abschätzen können, wie teuer die Untersuchungen werden, beschliessen wir, uns zu Maggie (die wir an einem Busdepot in einer Gegend abgestellt haben, die man nachts besser nicht alleine und unbewaffnet durchstreift) zurückbringen zu lassen, uns mit mehr Bargeld einzudecken und wieder zurückzufahren. Das dauert im dichten Verkehr etwa eineinhalb stunden, so dass wir erst gegen 14 Uhr zurück in der modern eingerichteten Praxis sind. Dr. Chichgar ist beleibt und eine Frohnatur, an der ein Komiker verlorengegangen ist: „You are from Germany? Why are you here in India, not in Germany at the Oktoberfest? Proscht!” Wir müssen jeder nur 250 Rupies (6 €) für die Untersuchung bezahlen, ziemlich günstig, oder um es mit den Worten von Dr. Chichgar zu sagen: „Medical help is very, very cheap here in India. It is a good country for getting ill!“ Aber noch kann es mit der Untersuchung nicht losgehen. Dr. Chichgar schickt uns zuerst zu einem Fotografen. Fotografen? Ja, es werden Negative einer Passbildaufnahme benötigt, die in die Röntgenbilder einbelichtet werden, um die Aufnahme zu verifizieren. 20 Minuten Taxifahrt, 40 Minuten beim Fotografen, 20 Minuten zurück. Im Wartezimmer von Dr. Chichgar sitzt eine Horde von Pharma-Referenten, die er immer grüppchenweise in sei Büro holt. Durch die geschlossene Tür dringt laute Musik, Alte englische Gassenhauer, begleitet von Dr. Chichgars durchdringendem Tenor. Sehr strange, keine Ahnung , was da drin vor sich geht! Als wir endlich hereingebeten werden, bestätige ich Dr. Chichgar, dass er ein begnadeter Sänger ist. Anlass für ihn, auf seinem Computer den Windows-Media-Player zu starten. Aus einem gewaltigen Subwoofersystem schallt uns die Akkordeon-Polka Version eines Glen Miller Klassikers um die Ohren. Dr. Chichgar spielt verzückt auf einem imaginären Schifferklavier, dreht die Lautstärke noch höher und brüllt: „Yeah! Polka! Sobwoofer-power! Polka!” Nachdem er sich wieder beruhigt und die Lautstärke auf erträgliches Niveau heruntergedreht hat, erklärt er, dass wir nun zur Privatklinik von Dr. Bacha fahren müssen, um dort die Röntgenaufnahmen machen zu lassen, die er dann auswerten will. Wir bräuchten aber nicht wieder zu ihm zurückkehren, ihm werden die Aufnahmen per Kurier zugestellt und er will seine Untersuchungsergebnisse direkt an die australische Botschaft weiterleiten. Dr. Chichgar verabschiedet uns mit einem fröhlichen „Proscht! Oktoberfest! Proscht!“ Unser Taxifahrer, der immer brav wartet und uns schon richtig ins Herz geschlossen hat, bringt uns zu Dr. Bachas Klinik. Marcus wird zuerst geröntgt, dann gibt es Probleme bei meinen Aufnahmen. Meine langen Haare stören! Jemand muss sie hochhalten, also wird Marcus noch einmal herbeigerufen, darf mir die Haare über den Kopf halten und sich die zweite Dröhnung X-Rays einfangen. Die Röntgencrew ist ausgesprochen fröhlich und gutgelaunt. Man bittet uns, am folgenden Tag zurückzurufen, da wir, falls der Arzt der Meinung sein sollte, die Aufnahmen seien misslungen, noch einmal vorbeikommen müssten. Wir lassen uns zu Maggie zurückbringen (die Abenddämmerung ist inzwischen angebrochen) und bitten unseren Taxifahrer, uns zu einem günstigen Hotel in der Nähe mit ausreichenden Parkmöglichkeiten zu führen. Nach kurzer Fahrt landen wir beim „Mountainview“, leider ausgebucht durch Teppichkongressbesucher. Der Portier gibt dem Taxifahrer die Adresse eines anderen Hotels. 20 Minuten folgen wir dem Taxi durch den dichten Stadtverkehr. Üble Absteige in einer Seitengasse voller merkwürdiger Gestalten, auch ausgebucht. Unser Taxifahrer hat inzwischen seinen Tank leer gefahren, ist aber auch an diesem Tag durch uns ein reicher Mann geworden. Ein anderes Taxi übernimmt seinen Job. Marcus bleibt vorerst mit Maggie in der Seitengasse stehen, während ich mit dem neuen Taxifahrer die Hotelsituation erkunde. 15 Minuten fahrt, Misserfolg, Hotel ohne Parkplatz, Zimmer zu teuer. Mein Taxifahrer scheint mich nicht zu verstehen. Ich erkläre ihm noch einmal eindringlich die Prämissen: Preisgünstiges Hotel, grosser Parkplatz. Wieder kilomerterweite Fahrt durch das Strassengewirr Mumbais. Wir halten vor einem riesigen Hotelpalast. Der Parkplatz ist exorbitant gross, die Zimmer des Hotels, dessen Portier aussieht wie ein Maharadscha, exorbitant hoch. Meine Laune verschlechtert sich zusehends. Der Tag war lang, die Aussentemperatur ist hoch und der Taxifahrer ein Idiot. Detailliert erkläre ich ihm, was ich mit seiner Nase zu tun gedenke, wenn er mich nicht in annehmbarer Zeit zu einem adäquaten Hotel bringen sollte. Das zeigt Wirkung. Keine zehn Minuten später stehen wir vor dem Hotel „Chrystal“, gute Parkmöglichkeit direkt vor dem Eingang, Zimmer für 1300 Rupies (28 €, für Mumbai annehmbar), gediegenes Ambiente. Also, zurück zu Maggie und Marcus, der sich dort die Zeit damit vertrieben hat, lästige Inder zu verscheuchen, die Maggie permanent angrabbeln. Dann noch einmal 25 Minuten Taxiverfolgungsfahrt bei Nacht durch das Mumbai Chaos, Rucksäcke aufs Zimmer geschleppt, kalte Dusche, Fernseher und Klimaanlage einschalten, Füsse hoch, geschafft! Das Ende eines „ganz normalen“ Traveller-Alltages. Die Nacht im ruhigen, klimatisierten Hotelzimmer ist eine wahre Wohltat. Gut ausgeschlafen rufen wir am nächsten Morgen in Dr. Bachas Klinik an und werden gebeten, noch einmal zu kommen; es hat ein Problem mit den Aufnahmen gegeben. Als wir etwas später dort erscheinen, sehen wir warum. Die indische Röntgenanlage ist nicht dafür dimensioniert, unsere Oberkörper komplett aufs Negativ zu bringen. Also wird noch eine zusätzliche Aufnahme im Querformat gemacht.
Ein Anruf bei unserem Shipping-agent Mr. Denish Krishnan von USS Global Logistics Ltd. Ergibt, dass ein Treffen mit ihm nun doch nicht nötig ist. Aufgrund der gemailten Aussenmasse Maggies hat er in Erfahrung gebracht, dass die Verschiffung mit einem 40 Fuss Flatrack durchgeführt werden kann. Er will die Unterlagen an die Firmenniederlassung in Chennai, dem ehemaligen Madras und unserem Verschiffungshafen, weiterleiten. Circa sechs Wochen vor unserem gewünschten Verschiffungsdatum sollen wir uns mit dem dortigen Büro in Verbindung setzen, damit vor Ort ein Liner ausfindig gemacht werden kann, der über einen 40er Flatrack verfügt und uns auf einem seiner Carrier transportieren kann. Eine genaue Preisvorstellung kann er uns nicht geben, da es im Gegensatz zu Containern keine Standard-rates für Flatracks gibt. Mit allen Begleitkosten kann das Ganze mit 4000 US$ zu Buche schlagen. Abends zurück im Hotel, bestellen wir uns Berge von indischen Spezialitäten aufs Zimmer (Paneer Palak, Malai Kofta, Chicken Tandoori, Seekh Kabab, Chapati, Dahi Raita und Kesar Pista), frönen der Völlerei und können guten Herzens die Küche des Hotels Chrystal empfehlen. Montag morgen besuchen wir erneut die australische Botschaft und geben unsere Reisepässe ab, die wir in etwa zwei Wochen nach Auswertung unserer ärztlichen Untersuchungsergebnisse und Überprüfung der Antragsformulare wieder abholen können (hoffentlich mit erteilten Visa). Eine nette Botschaftsangestellte verspricht, uns per E-Mail über das genaue Datum zu informieren.
Wir verlassen Mumbai, kein einfaches Unterfangen, ohne vernünftigen Stadtplan diese Mega-City an der richtigen Stelle zu verlassen, um Richtung Goa weiterfahren zu können, aber nach knapp drei Stunden und mehreren Umleitungen ist auch dieses Problem mit Hilfe unseres Kompass gelöst. Auf dem National Highway 4 geht es Richtung Pune. Hinter dem kleinen Ort Panvel biegen wir ab auf den NH 17, der einen über eine Strecke von ca. 600 Km bis ins Herz des kleinen indischen Bundesstaates Goa führt. Es empfiehlt sich, den wenig befahrenen NH 17 zu benutzen, es ist zwar eine kurvenreiche, aber akzeptabel ausgebaute Strecke. Die Alternative NH 4 über Pune und Belgaum ist zwar geradliniger und somit kürzer, aber weitaus dichter durch Schwerlastverkehr befahren und somit gefährlicher. Am Dienstag Nachmittag sind wir bis auf 100 Km an Vagator, unserem ersten Ziel in Goa, herangekommen. Urplötzlich verdunkelt sich vor uns der Himmel, dann öffnen sich über uns die Schleusen und eine Sintflut bricht herab. Die Unmengen Wasser, die auf uns herabstürzen, sind unvorstellbar!  Viele der Bäume rechts und links der alleeartig angelegten Strasse knicken unter den gewaltigen Wasserlasten um wie Streichhölzer und fallen auf die Fahrbahn. Alles ist übersät mit Ästen und Stämmen, nur unglaublichem Glück ist es zu verdanken, dass kein Fahrzeug beschädigt, keine Person verletzt wird! Der National Highway ist auf mehrere Kilometer unpassierbar, aber die Aufräumungsarbeiten gehen so zügig voran, dass wir bei Einbruch der Dunkelheit weiterfahren können und Goa gegen 20 Uhr erreichen. Strenge Polizeikontrolle bei Überschreitung der Bundesstaatsgrenze. Die als korrupt und unangenehm bekannten Beamten versuchen, uns alles mögliche anzuhängen, um Geld herausschlagen zu können. Unsere indische Kfz-Versicherung sei nicht mehr gültig! Natürlich ist sie gültig, bis Ende Dezember. Wir haben keinen vorgeschriebenen indischen Abgastest! Dafür aber eine deutsche ASU mit viel strengeren Werten, können sie gerne versuchen zu lesen. Führerschein? Sogar den internationalen. Nachdem sie trotz grösster Mühe nichts gefunden haben, fordern sie dennoch 200 Rupies von uns. Verdammtes Gesindel in Uniform! Nicht mit uns! Ich erkläre den Beamten, das sie es besser nicht versuchen sollen, es hätte zur Folge, dass ich stinksauer würde. Sie beherzigen meinen Ratschlag und wir können weiterfahren. Roswitha und Holger, mit denen wir uns in Pokhara, Nepal, angefreundet hatten, haben uns zwei gute Standplätze in Goa empfohlen, der erste liegt in Vagator. Dummerweise gaben sie uns eine Tageslichtbeschreibung: Bis zum Drugstore „Oxford“, weiter bis zum Ende der Häuser, dann nach links auf die entfernt liegenden Palmen zu (die wir im Dunkeln natürlich nicht sehen können), danach bis zu den Klippen über dem Strand (kein Mondlicht, das uns helfen würde, irgendetwas zu erkennen). Nach einigem hin- und hergefahre finden wir dann doch eine Stelle, von den wir annehmen, dass sie die richtige ist. Das bewahrheitet sich am nächsten Morgen. Wir stehen, umgeben von Palmen, auf den grasbewachsenen Klippen über einem der ruhigen Strandabschnitte von Vagator-Beach. Paradiesisch! Unter uns breitet sich das blaue arabische Meer aus, brandet in schäumenden Wellen auf den feinsandigen Strand und die vorgelagerten Felsen. Eine ständige, sanfte Brise weht über das Meer zu uns und macht die hohen Tagestemperaturen erträglich.
Traumhaftes Südsee-feeling!