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Die
Trekking- und Mountaineering-Hauptsaison beginnt in Pokhara. Himalaya Overland
Busse setzen an die einhundert Nepalesen auf dem Campground ab, Guides und Sherpas.
Sie bereiten sich auf die Ankunft der Gruppen von Bergbegeisterten vor, die ab
jetzt in Pokhara eintreffen werden. Eine Riesenmenge Material wird angeschleppt,
Töpfe und Pfannen, Zelte, Eispickel, Vorräte, Behelfsklos. Lange Reihen von
Zelten werden aufgebaut. Die ankommenden Gruppen (bei der Ersten handelt es sich
um vierzig australische Studenten) verbringen eine Nacht auf dem Camp-Ground, um
dann am nächsten Morgen mit einer gleich grossen Anzahl schwerbepackter Sherpas
die ersten Base-Camps anzusteuern. Mir will es nicht in den Kopf, wie man sich
sein ganzes Gepäck von einem Nepalesen hinterher schleppen lässt, der 20cm
kleiner und 30kg leichter ist, als man selbst. Andererseits verdienen die Jungs
damit ihren Lebensunterhalt (ca. 4€ am Tag für körperliche Schwerstarbeit,
die meist bei Sonnenaufgang beginnt und erst nach Sonnenuntergang wieder endet).
Ich für meinen Teil würde die Ausrüstung selber tragen, und wenn man dazu körperlich
nicht in der Lage ist, hält man sich von solchen Unternehmungen eben fern.
Sonntag, 22. September, Tag der
Bundestagswahl! Das geht bei uns sechs Deutschen, die wir im Moment auf dem
Camp-ground sind, natürlich nicht spurlos vorbei. Am Tag
vorher haben wir Stimmzettel entworfen und ausgedruckt, heute bis 18 Uhr
Ortszeit hat jeder sein Kreuz gemacht und unsere Schweizer Freunde dürfen nun
als Unparteiische die Stimmen auszählen. Das Ergebnis ist erschütternd
(Anmerkung: Erschütternd gilt nur für mich, Marcus macht Freudentänze):
CDU/CSU - 4 Stimmen, SPD - 1 Stimme, FDP – 1 Stimme! Doch spät in der Nacht
(aufgrund der Zeitverschiebung) kommen über die Deutsche Welle die ersten
erfreulichen Hochrechnungen und am nächsten Morgen ist es sicher: Gerd bleibt
Kanzler, Edy in Bayern, die Welt ist wieder in Ordnung (finde ich, Marcus
nicht).
Auch die nächsten
Tage sind für alle Anwesenden Traveller auf dem Camp-Ground wieder angefüllt
mit kleineren Reparaturen an den Fahrzeugen und dem lebensnotwendigen Zubehör,
also alles das, was man schon längere Zeit vor sich hergeschoben hat. Am 27.
September wird es dann Zeit für uns, die Zelte in Pokhara abzubrechen. Fast
einen Monat haben wir hier verbracht und uns gründlich von den Strapazen der
bisherigen Reise zu erholen (Strapazen ist vielleicht übertrieben, aber
letztendlich brauchten wir Zeit, die unzähligen Eindrücke der letzten Monate
zu verarbeiten). Wir können diesen ort mit seinen unerschöpflich reichhaltigen
Aktiv-Programmen jedem wärmstens ans Herz legen. Apropos
Herz, schweren Herzens
verabschieden wir uns von unseren neugewonnenen Freunden
Roswitha, Holger, Doris und Wolfgang, die auch an diesem bzw. am nächsten Tag
aufbrechen wollen um dann auf verschiedenen Routen durch Indien zu fahren.
Allerdings verabreden wir, Weihnachten gemeinsam in Agonda, Goa, am Strand unter
Palmen zu verbringen. Wir wollen noch einige Wochen in Nepal verbringen, bevor
wir die Grenze zurück nach Indien überqueren.
Wir fahren
nach Westen, wollen in einer Tagesetappe die 230 Km entfernt liegende Hauptstadt
Nepals, Kathmandu erreichen. Die Strasse ist über grosse
Strecken in einigermassen akzeptablem Zustand und führt durch die wunderschöne
Berglandschaft der südlichen Himalaya-Ausläufer. An einigen Stellen haben die
ergiebigen Regenfälle der vergangenen Wochen zu grösseren Landslides geführt,
aber die nepalesische Verkehrsbehörde ist bemüht, die Erd- und Geröllmassen,
die diese Hauptverkehrsader durch Nepal blockieren, möglichst schnell zu
beseitigen. Zum Thema Strassenbau in Nepal muss ich unbedingt folgende Tatsache
erwähnen, die wir auf unserer Fahrt häufig gewahr wurden. Kies, den man als
Schicht unter der Asphaltdecke benötigt, wird hier nicht maschinell
hergestellt, sondern per Hand.
Unzählige Menschen, darunter
ganze Familien, sind täglich damit beschäftigt, mittels verschieden grosser Hämmer
aus grossen Steinen erst kleinere, dann noch kleinere und schliesslich Kies zu
klopfen. Unglücklicherweise sind von dieser Arbeit auch Mädchen ab einem Alter
von ca. 10 Jahren nicht ausgenommen, aber scheinbar kann man sich nur so das
Geld für die tägliche Schale Reis mit gedünstetem Gemüse verdienen.
Das es
nicht ungefährlich ist, sich durch Nepal zu bewegen, beweisen uns am heutigen
Tag zwei schreckliche Vorfälle. Als wir den Ortseingang von Mugling passieren,
bemerken wir eine schweigende Menschenmenge, die sich um einen Pritschen-LKW
versammelt hat. Auf der Ladefläche sehen wir drei tote Polizisten mit
Schusswunden in den Köpfen, wieder ein Werk der Maoisten. Kein Tag vergeht hier
ohne neue Schreckensmeldungen aus dem erbitterten Kampf zwischen Terroristen und
Regierungskräften. Zehn Kilometer weiter sehen wir eine
grosse Menge aufgebrachter Nepalesen am Strassenrand. Ein mit 35 Personen
besetzter Bus ist von der Strasse abgekommen und 100 m tief in den zur Zeit
stark angeschwollenen Trishuli River gestürzt. 7 Insassen werden tot, 18
verletzt geborgen, die restlichen Fahrgäste werden vermisst, der verunglückte
Bus ist in den reissenden Fluten versunken. Grund des Unglückes ist mit
Sicherheit eines jener selbstmörderischen Überholmanöver, die auf den
kurvenreichen nepalesischen Strassen an der Tagesordnung sind und jedem europäischen
Fahrer die Haare zu Berge stehen lassen.
Am Nachmittag treffen wir Flavia und Marcel. Die beiden Schweizer
Motorrad-Weltenbummler, die wir schon in Pokhara getroffen hatten, kommen gerade
aus Kathmandu und machen eine kurze Rast am Strassenrand. Gute
Gelegenheit für uns, aktuelle Tips und Infos bei ihnen einzusammeln.
Bei Sonnenuntergang erreichen wir die brodelnde, 500.000 Einwohner zählende
Hauptstadt Nepals. Kathmandu, das klingt in europäischen Ohren geheimnisvoll
und exotisch, entpuppt sich aber auf den ersten Blick als verdreckte Metropole
mit hoher Luftverschmutzung, die ständig kurz vor dem endgültigen
Verkehrskollaps steht. Etwas ausserhalb des Zentrums finden wir einen
erstaunlich ruhigen Standplatz auf dem Gelände des Verge-Inn (ein Tip unserer
Freunde aus Pokhara). Das Mittelklasse-Hotel mit grossem Garten-Areal verlangt
von uns nur 150 Rupies (knapp 4 €) pro Tag inklusive Stromversorgung (wir
stehen unter ausladenden grossen Bäumen, also ohne direkte Sonneneinstrahlung
auf unsere Solarzellen) und Duschbenutzung!
Morgens fahren
wir mit einem Sammeltaxi (drei Räder, eng, Typ Sardinenbüchse) ins Zentrum
Kathmandus. Hier offenbaren sich bei blauem Himmel und Sonnenschein die
verborgenen Reize und schönen Seiten der im ersten Moment eher abstossenden
Stadt. Nach kurzem Fussweg erreichen wir Durbar Square, den Hauptanziehungspunkt
für die Besucher aus aller Welt. Auf diesem ca. 10 Hektar grossen Areal finden
sich mehr als 60 Tempel, Statuen und religiöse Artefakte, die teilweise mehr
als 800 Jahre alt sind. Sobald man den Durbar Square betreten hat, fühlt man
sich in die Hochzeit der nepalesischen Kultur zurückversetzt. Diese Stimmung wird allerdings schnell getrübt durch Horden von Nepalesen, die
sich penetrant als Guide anbieten, nach Patchuli riechende Minischachspiele, Flöten
in allen Grössen, „handgemachte, alte“ Buddha-Statuen und „antiken“
Silberschmuck verkaufen wollen. Sie sind lästig wie Schmeissfliegen und genauso
schwer wieder loszubekommen. Noch ein Negativ-Aspekt des Durbar Square: An allen
Zugängen
aus den verschiedenen Himmelsrichtungen, und sei die Gasse noch so
schmal, steht ein Kassenhäuschen. 300 Rupies sind im Moment der Preis für
foreign Tourists, die den Platz betreten wollen. Hier hat
sich folgende Vorgehensweise bewährt: Sobald der Kassierer auf einen zukommt
und das Ticket an den Mann bringen will, sagt man laut und bestimmt: „No
ticket! Only
shopping, no sightseeing!“ Und zwar ohne seine Schrittgeschwindigkeit zu
verlangsamen, lässt so den verdutzten Kassierer hinter sich, der auch keine
Anstalten machen wird, einem zu folgen, sofern der Vortrag eindrucksvoll und überlegen
genug war, und hat die 300 Rupies gespart.
Nach weiteren
1500 m Fussmarsch in nördlicher Richtung erreicht man die zweite grosse
Attraktion Kathmandus, den Stadtteil Thamel, ein Gewirr von schmalen Gassen und
Wegen (Vorsicht vor Rikschas und Motorrädern, die auch in dichtem Menschengewühl
ihre Fahrt nicht verlangsamen!) in denen 100 Hotels, 1000 Restaurants, 10.000
Treckingagenturen, 100.000 Handcraft-Shops und 1.000.000 Internet-Cafes
beheimatet sind. Dazu kommen noch unzählige Bäckereien, Shops mit CD- und
DVD-Raubkopien, Fleischereien, die ihre halben Schweine
und frischgeschlachteten
Hühner auf schmutzigen Holztischen und offener Strasse den Fliegen preisgeben
und vieles andere mehr. Dazwischen tummeln sich Massen
buntgekleideter Nepalesen und vereinzelte Touristen. Trotz des Trubels fühlt
man sich hier pudelwohl, nimmt die exotischen Gerüche, Geräusche und intensiv
leuchtenden Farben in sich auf. Das ist Asien, wie man es sich immer vorgestellt
hat.