
Indien the last
Da Kunst- und Handarbeitsartikel hier in Indien günstig
einzukaufen sind, überlegen wir, ob wir nicht eine grosse Menge erstehen und
dann mit dickem Profit in Australien auf Märkten wieder verkaufen sollen.
Unsere Wahl fällt auf Silberschmuck, da er bei der Einkaufssumme, die uns
vorschwebt, das geringste Volumen einnimmt. Auf dem
Flea-Market in Anjuna gibt es einen Bereich, in dem nur tibetanische Händler (Exiltibeter,
die hauptsächlich in Nepal beheimatet sind) ihren Silberschmuck anbieten. Die
Fertigungsqualität des Schmuckes und der Reinheitsgrad des Silbers (Sterling
925) sind erheblich besser als bei ihren indischen Kollegen. Ausserdem muss man
sie nicht von einem vierfach überhöhten Preis mühselig und zeitraubend
herunterhandeln. Wir lassen uns von den Händlern Angebote über die
Gramm-Preise der unterschiedlichen Schmuck-Gruppen machen. Das beste erhalten
wir von der jungen Tibeterin Kesang Lhano, die wir tags darauf in ihrem festen
Shop in Calangute (die Wintersaison verbringt sie in Goa, den Sommer in Nepal),
15 Km südlich von Vagator, besuchen. Dann wird eingekauft!
Necklaces
(Halsketten), Braceletes (Armbänder), Bangles (Armreifen), Pendants (Anhänger)
und Ringe, insgesamt ca. 9 Kilo Silber zu einem Preis, für
den man hier in Indien zwei neue Hero-Honda Motorräder kaufen könnte. Das
Ganze wollen wir natürlich nicht schmuggeln, sondern hochoffiziell in
Australien einführen und verzollen. Die zu erzielende Gewinnspanne ist unserer
Meinung nach trotzdem erheblich, da wir den Schmuck für weniger als 30% des üblichen
Marktwertes in Europa einkaufen. In ein paar Wochen werden wir wissen, ob wir
den richtigen Riecher hatten.
An einer Strasse in Anjuna sehen wir
den geparkten Toyota Landcruiser des Schweizer Pärchens, klemmen eine Nachricht
mit Beschreibung unseres Standplatzes in Vagator hinter den Scheibenwischer und
schon am selben Abend tauchen die Zwei auf den Klippen über Little Vagator
Beach auf. Ist schon komisch, dass man sich über ein Zusammentreffen mit
Leuten, die man noch nie zuvor gesehen hat, derartig freuen kann. Aber so ist
halt das Travellerleben! Auch Tanja und Yves wussten, dass wir in Asien
unterwegs sind, hatten häufig unsere Homepage aufgesucht und freuen sich darüber,
uns endlich livehaftig zu begegnen.(BILD I11.2) Eigentlich wollen sie nur
einen Tag hier verbringen, erliegen aber dem Reiz von Vagator und beschliessen,
länger hier zu bleiben, um von den nahegelegenen Net-Cafes aus ihre geplante
Verschiffung (vielleicht erst nach Thailand, eventuell aber sofort nach
Australien) zu arrangieren.
Holzstab. Nur ganz wenige nicht
asiatische Thai-Style Tätowierer werden von asiatischen Profis dieses
Handwerkes anerkannt. Peter ist einer davon. Die Arbeiten, die wir bewundern können,
sind phantastisch ausgeführt, was auch der Grund dafür ist, das die beiden ständig
zu tun haben. Eine Thai-Style Tätowierung dauert zwar etwas länger als eine
herkömmliche, hat aber den Vorteil, dass man sie sofort Sonne und Wasser
aussetzen kann.
gegen sieben Uhr von Lärm
und lauten Stimmen geweckt. Ein Blick aus dem Fenster
offenbart den Grund: Eine komplette Bollywood-Filmcrew (ca. 60 Personen) hat
sich neben uns niedergelassen, baut Schienen und Kamera-Kran auf, um Aufnahmen
zu machen. Wir hatten schon vorher gehört, dass speziell Vagator eine beliebte
Location für Aussenaufnahmen der Bollywood-Studios ist. „Bollywood“ ist der
Name der hauptsächlich in Bombay beheimateten indischen Filmindustrie. Die dort
produzierten Movies (auch bekannt als Masala-Filme) folgen fast alle dem
gleichen kuriosen Rezept: Melodramatik, Action, Romanzen, eine Prise Moral,
Musik und Tanz. Ja, richtig gelesen, ein indischer Kinofilm beinhaltet zwingend
Gesangs- und Tanzeinlagen! Inzwischen können sich Bollywood-Produktionen, die
nach indischen Masstäben mit bis zu 3 Millionen US$ recht teuer sind (klingt
erst mal wenig, relativiert sich aber,
wenn man bedenkt, dass zum Beispiel die
Lohnkosten für die Filmcrew hier weniger als 10% dessen betragen, was westliche
Studios ausgeben müssen), qualitativ durchaus mit westlichen Kinofilmen messen. Heute also sollen auf den Klippen direkt vor Maggie Gesangs- und
Tanzszenen eines neuen Bollywood-Streifens gedreht werden. Hauptdarstellerin ist
Gadja (ich hoffe, ich habe ihren Namen richtig geschrieben), aufgehender neuer
Stern am indischen Kino-Himmel. In Maggies Schatten wird Gadja für die
einzelnen Takes von Maskenbildnern und einem Coiffeur aufnahmebereit gemacht.
Ein halbes Dutzend verschiedener Aufnahmen werden gedreht, jeder Take 10-20 mal
wiederholt, harte Arbeit in der heissen Sonne Goas, aber man darf nicht
vergessen, dass im Moment indischer Winter ist, die Temperaturen für die
Einheimischen also eher moderat
bis kühl sind und somit keine grossen Mengen
Schweiss fliessen. Gadja, zu Gast in unserem
„Wohnzimmer“, sieht sich nach Abschluss des Drehs die vielen Fotos, die wir
von der Aktion gemacht und sofort auf den Laptop übertragen haben, unter
Zeitdruck im Schnelldurchlauf an. Knapp 30 Minuten nach dem Ende der Aufnahmen
sind alle Gerätschaften wieder eingepackt, das Drehteam abgefahren und in
Vagator kehrt wieder Ruhe und Frieden ein.
Zeit zu begleiten.
Es fällt uns nicht leicht, Vagator und alle unsere Bekannten zu
verlassen. In der langen Zeit unseres Aufenthaltes ist es fast schon zu einer
Art „Zuhause“ geworden. Auf der anderen Seite wurde der Reiz immer grösser,
ein neues Land zu entdecken, also wird es ein Abschied mit einem lachenden und
einem weinenden Auge.
einem kleinen Hotel mit erstaunlich guter indischer Küche.
Da wir schon früh am nächsten Tag abschätzen können, dass wir
die Randgebiete Bombays gegen 16 Uhr erreichen werden, kontaktieren wir gegen
Mittag telefonisch unseren Shipping-Agenten Mr. Irani (dieser Name wird von nun
an häufiger auftauchen. Wir vermuten, dass „Irani“ das indische Wort für
Durcheinander, Verwirrung und Märchen ist). Im Verlauf dieses Telefonates
erfahren wir die ersten schlechten Neuigkeiten (war auch nicht anders zu
erwarten, wir befinden uns schliesslich in Indien, dem Land, in dem fast nichts
so gut ist, wie es scheint). Die Frachtrate für Maggie hat sich um sage und
schreibe 1065 US$ erhöht. Begründung: Der drohende Krieg, den die USA, oder
besser gesagt der machtkranke und erdölgierige Cowboy und
selbsternannte
oberste Weltpolizist Bush, auf Teufel komm raus gegen den Irak anzetteln will.
Na prima, wir sind wirklich begeistert! Mr. Irani schlägt
als Treffpunkt für klärende Gespräche den Bahnhof von Vashi vor, einem
Stadtteil Bombays, 45 Km vor dem eigentlichen Zentrum gelegen. Wir erreichen
unser Ziel, einen gigantischen, erst drei Jahre alten Bahnhofskomplex, wie angekündigt
gegen 16 Uhr. Mr. Irani verspätet sich um zwei Stunden. Zwei Mal müssen wir
ihn von einem Telefon-Shop aus anrufen, beide Male ist er „schon unterwegs“
und „there soon“. Schliesslich kommt er wirklich, ca. 45 Jahre alt,
Baseballkappe, gut gelaunt. Sind wir, aus gegebenem Anlass, im Moment eher
nicht. Das ändert sich auch nicht im Lauf des folgenden Gespräches. Im
Gegenteil. Mr. Irani meint, ich müsse ihn am Telefon falsch verstanden haben,
die Frachtrate habe sich nicht um 1065 US$, sondern um 1650 US$ erhöht. Wir
sollen nicht sauer auf ihn sein, er könne nichts dafür, habe es auch erst vor
zwei Tagen erfahren und schon versucht, uns per E-Mail zu informieren. Am
folgenden Vormittag will er uns zu der Agentur bringen, die die japanische
Shippingline, die für die Erhöhung des Preises verantwortlich ist, in Bombay
vertritt. Dann legt er die von uns vor sechs
Wochen geleistete Anzahlung von
1500 € auf den Tisch, die wir solange wieder an uns nehmen sollen, bis wir die
Preisfrage mit der Shippingline geklärt haben. Zumindest
das werten wir als Zeichen seiner Ehrlichkeit. Diese Nacht sollen wir am Bahnhof
von Vashi stehen bleiben, am nächsten Morgen will er uns abholen und zu einem
sicheren Standplatz, nur 15 Km entfernt vom Zentrum führen. Wir verbringen den
ersten Teil der Nacht in der angenehmen Gesellschaft einiger indischer
Taxifahrer, den zweiten in der eher unangenehmen von 500 Mücken, die einen Weg
ins Innere von Maggie gefunden haben und uns gnadenlos zerstechen. Natürlich
ist Mr. Irani nicht, wie verabredet, gegen 7 Uhr morgens bei uns. Es wird also
nichts mit dem stressfreien Reinrutschen in die 16 Millionen Metropole vor
Einsetzen des üblichen Samstagverkehrs. Um genau zu sein, Mr. Irani kommt überhaupt
nicht. Als ich ihn nach einstündiger Wartezeit über sein Cellphone erreiche,
bittet er uns (natürlich ohne ein Wort der Entschuldigung, Zuverlässigkeit ist
einfach nicht sein Ding) ihm auf dem Expressway Richtung Bombay-Zentrum
entgegenzukommen und an einer vereinbarten Stelle nach knapp 10 Km auf ihn zu
warten. Was wir auch tun. Wieder eine Stunde lang. Ein erneuter Anruf bei ihm
gibt Aufklärung: Zuviel Verkehr auf der Strecke (war um diese Uhrzeit auch
nicht anders zu erwarten), aber er sei gleich da. „Gleich“ nach einer
weiteren halben Stunde taucht er dann wirklich auf, auf einem
Motorroller.
Hektische Handzeichen bedeuten uns, ihm zu folgen. Es wird
eine 15 Km Verfolgungsfahrt durch den typischen Bombay-traffic-overkill. Mr.
Irani wechselt mit seinem Motorroller die Spuren, was das Zeug hält. Kein
Problem, sein Fahrzeug ist wendig. Maggie nicht. Aber da sich Marcus beim Fahren
auf indischen Strassen inzwischen eine gewisse Brutalität zu eigen gemacht hat
(10 Tonnen Kampfgewicht, ein massiver Kuhfänger und eine amerikanische
Druckluftfanfare sind überzeugende Argumente) erreichen wir 45 Minuten später
die „Don Bosco“-High School, unser Ziel im Stadtteil Matunga. Don Bosco ist
mit ca. 3000 Schülern (nur Jungen) die grösste katholische High-School
Bombays, offensichtlich den Sprösslingen betuchter Eltern
vorbehalten und
besteht aus einem knappen Dutzend grosser Gebäude sowie einem gewaltigen
Gotteshaus, die auf einem weitläufigen Areal verteilt sind. Rektor Father de´Souza gibt uns die Erlaubnis, Maggie für die Zeit bis zur
Verschiffung hinter dem Verwaltungsgebäude zu parken. Da das Gebäude und seine
Zufahrten von einer privaten Wachmannschaft beaufsichtigt werden, können wir
Maggie bei unseren Unternehmungen im 15 Km entfernten Zentrum getrost allein
lassen. Mr. Irani verschwindet für kurze Zeit, tauscht Motorrad gegen
klapprigen Kleinwagen und auf geht’s zur hiesigen Agentur der japanischen
Shippingline im Stadtteil Colaba, dem Dreh-, Angel- und touristischen
Hauptanziehungspunkt dieses urbanen Molochs. Der Chef der Agentur, ein
kompetenter, vertrauenerweckender Sikh, bringt endlich Licht ins von Mr. Irani
geschaffene chaotische Dunkel. Die Verschiffung soll auf einer RoRo-Fähre
erfolgen, die von Bombay aus indische Tata-Busse nach Colombo, Sri Lanka, und
Maruti-Suzuki PKW (Neufahrzeuge aus indischer
Produktion) nach Japan bringt.
In Tokyo soll Maggie auf eine andere Fähre der „Kawasaki-Line“
umgeladen werden, um sich zusammen mit 2000 japanischen Exportfahrzeugen auf den
langen Weg nach Sydney zu machen. Jetzt kommt der wirklich interessante Teil der
Geschichte: Von Anfang an lagen die Frachtkosten, die man Mr. Irani auf Anfrage
mitgeteilt hatte, bei 4600 US$ ! Keine Rede von 2050 US$, die sich auf Grund des
drohenden Golfkrieges auf 3800 US$ erhöht haben. 4600 US$ sind natürlich ein
gewaltiger Schlag ins Kontor, besonders, wenn man an die ganzen von Mr. Irani in
seinem ersten Angebot aufgeführten zusätzlichen Kosten wie Handling, Lashing
etc. denkt. Zu unserem Erstaunen erfahren wir, dass die genannte Frachtrate (wie
bei RoRo- Verschiffungen scheinbar üblich) ein all inclusive Preis sind. Die
einzigen Kosten, die noch dazukommen, sind: Hafengebühren und Versicherung
(jeweils ca. 80 US$), einige Verwaltungskosten (100 US$) sowie das Salär für
unseren Agenten Mr. Irani (400 US$). Der sitzt übrigens kleinlaut in einem
Sessel und versucht uns davon zu überzeugen, dass bis jetzt alles nur eine unglückliche
Anhäufung von Missverständnissen gewesen sei. Interessante Definition der
bisherigen Geschehnisse. Wir erbitten Bedenkzeit bis zum kommenden Montag, da es
ausser den um ca. 50% höher als erwarteten
Kosten noch einen kleinen
Wermutstropfen gibt. Die Weiterverschiffung von Tokyo nach Sydney kann nicht als
sofort durchführbar garantiert werden. Da die RoRo´s eigentlich nur PKW bzw. einige Schwerfahrzeuge
mit einer maximalen Höhe von 2,80 m transportieren, kann Maggie nur dann von
Tokyo aus weiterverschifft werden, wenn eine RoRo-Fähre abgeht, auf der sich
eine komplette Deck-Sektion auf mindestens 3,50 m erhöhen lässt, was nutzbare
Ladefläche kostet und sowieso nur bei einigen RoRo´s der Linie (wie z.B. der,
die zwischen Bombay, Tokyo und Kuwait pendelt) technisch möglich ist. Soll
bedeuten, dass es zu einer Verzögerung kommen kann, da nur einmal pro Woche
eine Fähre Richtung Sydney ausläuft. Wir sollen mit bis zu drei Wochen
rechnen, genauere Angaben wird uns die K-Line aber innerhalb der nächsten Woche
zukommen lassen. Mr. Irani wird in den nächsten beiden Tagen versuchen, Preise
für Transportalternativen herauszubekommen (Platform-Shipping auf einem
Containerschiff / RoRo-Shipping bis Colombo, Sri Lanka, von dort aus weiter per
Platform). Dies übrigens auf nachdrückliches Anraten des Chefs der K-Line
Agentur: „Irani, das sind ihre Kunden! Tun sie ihren gottverdammten Job als
Agent und machen sich auf die Suche nach eventuellen preiswerteren Lösungen!“
Recht hat er.
Bosco Highschool.
Taxis fahren in Bombay übrigens IMMER mit eingeschaltetem Taxameter (angebracht
aussen auf dem linken Kotflügel, altertümlich
mechanisch mit Zahlenwalzen, aber geeicht und verplombt). Dieser zeigt
zwar einen Rupie-Betrag an, dies ist aber nicht der Fahrpreis. Der wird auf Grund der hohen Inflationsrate aus einer Tabelle abgelesen, die
ungefähr einmal monatlich durch eine aktuelle ersetzt wird. Man sollte sich auf
jeden Fall vom Fahrer diese Tabelle geben lassen, um selber den Preis abzulesen,
ansonsten droht Beschiss. So will unser Taxifahrer am Ende der Tour 350 Rupien
von uns, ein Blick in die Tabelle zeigt jedoch, dass 160 Rupien der korrekte
Betrag ist. Wir erklären dem aufgebrachten Fahrer, dass heute nicht sein Glückstag
ist. Da er versucht hat, uns übel abzuzocken, geht er nun gänzlich leer aus.
Vielleicht erkennt er die Moral der Geschichte. Wahrscheinlich aber nicht.
Reinigung.
Die Wohnkabine hatten wir schon in
Goa von innen auf Hochglanz gebracht, so dass es heute nur noch um die
Aussenseite geht. Theoretisch darf kein Klümpchen Dreck an einem Fahrzeug
kleben, das nach Australien eingeführt werden soll. Die prüfenden Quarantäneinspektoren
wollen (verständlicherweise) verhindern, dass Schädlinge (Grössenordnung:
Bakterie bis Insekt) auf den Kontinent gelangen, die es dort noch nicht gibt,
bzw. die dort inzwischen ausgerottet sind. Also wird Maggie mittels eines
Hochdruckstrahlers von allen Seiten gereinigt. Besonders von unten, da überall
am Fahrwerk eine Mischung aus Dreck, Ölen und Fetten
klebt.
Nach fünf Stunden ist die Sache, so gut es irgendwie möglich ist, erledigt und
es geht zurück zur Don Bosco.
getäuscht.
Ein grosser Platz zwischen den Schulgebäuden
ist für ca. 3000 Personen bestuhlt (kaum ein Platz ist unbesetzt), eine 70 m
breite und 16 m tiefe Bühne ist aufgebaut, die Rückseite der Bühne (ein 16 m
hohes Gebäude) ist mit einer einteiligen (!) gelben Stoffbahn abgehängt, Teile
der Kulissen bestehen aus Stoffbehängten Gerüsttürmen, die Hochhäuser
darstellen. Ebenfalls an hohen Gerüsttürmen bzw. an den Gebäuden, die den
Zuschauerraum begrenzen, ist eine professionelle Beleuchtungsanlage installiert.
Auch das Beschallungssystem ist üppig dimensioniert und entspricht westlichem
Standard.
Der Abend beginnt mit einigen für diese Art von Veranstaltungen üblichen
Reden, Ansprachen, Danksagungen und Ehrungen (das komplette Programm wird genau
wie der komplette Schulbetrieb in englischer Sprache absolviert). Nach diesen für uns eher langweiligen eineinhalb Stunden (wir
sitzen übrigens in der zweiten Reihe mittig vor der Bühne) folgt etwas, das
wir uns in dieser Form niemals hätten vorstellen können. Wir sehen das von
Lehrern und Schülern inszenierte Broadway-Musical „Grease 2“. Unglaublich
professionell. Und gigantisch: Insgesamt sind im verlauf des Musicals 600
schauspielende Schüler auf der Bühne, teilweise bis zu 400 gleichzeitig.
Weitere 400 Schüler sind unsichtbar vor und hinter der Bühne tätig. Im Lauf
der Show fahren mehrmals zehn Motorräder sowie ein PKW über die Bühne. Die
Choreographie der grossen und kleinen Tanzszenen ist perfekt, die Gesangsparts
sind live. Die mehr als 800 aufwendigen Kostüme sind von einer Gruppe Eltern
und Lehrer eigens für diese Veranstaltung angefertigt worden. Es ist
atemberaubend! Und jetzt der Knüller: Don Bosco ist wie erwähnt eine reine
Jungen-Schule, was bedeutet, dass die 300 weiblichen Haupt-
und Nebenrollen
ebenfalls von Jungen im Alter zwischen 11 und 17 Jahren gespielt werden. Nach zwei Stunden endet das Spektakel in einem Riesenfinale. Wir
sind total begeistert und absolut sicher, etwas miterlebt zu haben, was eine
deutsche Schule in dieser Form sicher niemals auf die Beine stellen könnte. Am Montag morgen gibt es wieder Besuch von Mr. Irani. Er
hatte keinen Erfolg bei der Suche nach einer preiswerteren Lösung des Problems,
Maggie nach Australien zu schaffen. Er weist noch einmal nachdrücklich darauf
hin, dass eine RoRo-Verschiffung auf jeden Fall die sicherste Lösung ist (keine
Kranverladung / Maggie ist nicht wochenlang Wind, Wetter und Salzwasser
ausgesetzt). Da es keine Alternativen
gibt, willigen wir ein, die RoRo-Lösung zu akzeptieren und beauftragen ihn mit
der Abwicklung aller Vorgänge. Die Fähre soll in der Nacht vom 21. auf den 22.
im JNPT Neeva Sheva Port im Norden Bombays einlaufen und zehn Stunden später
den Hafen beladen wieder verlassen. Mr. Irani erzählt uns ausserdem, dass ein
weiteres deutsches Ehepaar sein Fahrzeug auf demselben
Schiff wie wir
transportieren wird, allerdings mit Endziel Neuseeland. Es
sind Rieke und Uli Riedel, mit denen wir schon mehrfach E-Mail Kontakt hatten
und die uns die Telefonnummer des Shippingagenten Mr. Irani übermittelt hatten.
Heute oder am morgigen Dienstag werden sie in Bombay eintreffen und wollen ihr
Fahrzeug, ein Bremach-Expeditionsmobil, an der Promenade vor Bombays Luxushotel
Nummer eins, dem Taj, für die Tage bis zur Verschiffung parken. Da Marcus und
ich heute nichts zwingendes zu tun haben, fahren wir mit dem Taxi nach Colaba
und schauen, ob Rieke und Uli schon auf dem Parkplatz entlang der Promenade
stehen, aber noch sind sie nicht zu entdecken. Da wir nun schon einmal hier im
touristischen Zentrum Bombays sind, erledigen wir zwei nicht unwichtige
Angelegenheiten. Zum
einen gilt es, ein preiswertes Hotel zu finden, um für die
Tage vom Abliefern Maggie´s im Hafen bis zu unserem Abflug nach Australien
unterzukommen. Danach müssen wir genau diese Flüge buchen.
Zum Glück gibt es ausser dem teuren Taj und den übrigen Luxus-Herbergen eine
Menge anderer Hotels, die auch für uns bezahlbar sind, wenn man auch für die
wirklich günstigen Hotels nicht bekannte europäische Masstäbe anlegen kann.
Die Zimmer der wirklich billigen Hotels, die wir uns anschauen, sind teilweise
abstossend schmutzig, haben Wände aus dünnen Spanplatten und sind selbst für
uns nicht akzeptabel. Ein annehmbares Preis/Leistungsverhältnis finden wir
schliesslich im „Apollo Guest House“ (hotelapollogh@hotmail.com)
mit 850 Rupies (17€) pro Nacht für ein Doppelzimmer mit eigenem Bad,
Klimaanlage und TV, dass wir ab dem 20.02. reservieren. Ein
paar Meter weiter fragen wir bei „Venture Travel
Services“ (airventure@vsnl.com)
nach der günstigsten Möglichkeit, am 25.02. one-way von Bombay nach Melbourne
zu fliegen. Wir wählen den 25.02., obwohl das Schiff wahrscheinlich schon am
21.02. abfährt, da wir zum einen erst 24 Stunden nach Abfahrt das extrem
wichtige „Bill of Loading“ von der Shipping Line ausgehändigt bekommen (nur
mit diesem Dokument bekommt man sein Fahrzeug im Zielhafen ausgehändigt, ohne
DEFINITIV nicht! Darf man auf KEINEN Fall verlieren!) und wir uns zum anderen,
in Anbetracht indischer Verhältnisse, ein Sicherheitspolster schaffen wollen.
Nach langem Suchen wird man fündig. Es werden Direktflüge von Quantas und
Air-India angeboten, aber die sind mit 550€ pro Nase recht teuer.
Interessanterweise wird die mit 400€ günstigste Alternative von Emirates
Airlines angeboten, der Fluglinie mit dem bekanntermassen besten Service der
Welt. Hat natürlich einen (wenn
auch nicht schwerwiegenden) Haken. Statt nach Südosten Richtung Australien geht
es zuerst Richtung Nordwesten nach Dubai. Dort fünf Stunden Aufenthalt,
umsteigen, Flug nach Singapur, Zwischenlandung, auftanken und dann endlich
Weiterflug nach Melbourne. Gesamtdauer ungefähr dreissig Stunden, aber wir sind
schliesslich hart
im Nehmen, also buchen wir.
Tag Parkgebühren)
zur Don Bosco. Auch sie bekommen von Father Rektor die
Erlaubnis, bis zur Verschiffung kostenlosen Unterschlupf zu suchen. Schon am
Donnerstag flüchten die beiden aber wieder. Nachdem sie am Mittwoch an
derselben Tankstelle wie wir ihren Wagen gewaschen haben, ist der Bremach in der
Nacht zum Donnerstag von einer Gruppe marodierender Tauben (mehr als zahlreich
auf dem Gelände von Don Bosco) aufs übelste zugeschissen worden und bedarf
einer erneuten Reinigung. Damit ihnen dieses Übel nicht noch einmal widerfährt,
stellen sie sich lieber wieder für 100 Rupies an die Promenade. Neue Nachrichten von Mr. Irani: Das Schiff soll nun erst am
24.02 abgehen. Mit viel Glück bekommen wir somit das Bill of Loading gerade
noch in die Hände, bevor wir abfliegen. Wird auf jeden Fall knapp. Kurze Zeit
später Entwarnung: Das Schiff kommt definitiv in der Nacht vom 22. auf den
23.02. und wird Bombay morgens gegen 9 Uhr wieder verlassen. Aufatmen. Dann
neuerlicher Anruf von Mr. Irani: Schlechte Nachrichten! Nicht bezüglich des
Abfahrt-Termins sondern der Fahrtdauer. Unumstösslich steht nun fest, dass
Maggie sieben Wochen im Hafen von Tokyo stehen wird. So lange dauert es, bis
eine Fähre Richtung Australien ausläuft, die in der Lage ist, unsere 3,45m
hohe Maggie aufzunehmen. Das bedeutet, dass Maggie erst am 4. Mai in Sydney sein
wird. Wir sind aber schon am 27. Februar in Melbourne! Hiob lässt grüssen.
Aber da müssen wir nun durch. Kerstin, Marcus alte Freundin aus Melbourne,
schickt eine beruhigende E-Mail. Natürlich können wir so lange bei ihr und
ihrem Mann John
unterkommen, wie es nötig ist. Unser Zimmer wartet schon.
Klingt gut.
Am Freitag dem 21.02. kommt endlich Bewegung ins Spiel. Wir
mit Maggie und Riedels mit ihrem Bremach fahren unter der Führung von Mr. Irani
Richtung JNPT Neeva Sheva Port, unserem Verschiffungshafen, um die letzten Teile
der Zollformalitäten hinter uns zu bringen. Mr. Irani hat in den letzten beiden
Tagen schon die langwierigen Vorarbeiten erledigt, grosszügiges Bakschisch
verteilt und Dutzende von Stempeln auf einem dicken Stapel von Dokumenten
gesammelt. Wir halten auf einer Art Zollhof und nach vier Stunden Führungen für
irgendwelche Zollbeamten, die alle mal einen Blick in unseres und Riedels
Zuhause werfen und Chassis- und Motornummern überprüfen wollen, ist endlich
das letzte Bakschisch an den Beamten gebracht, das letzte Dokument ausgestellt
und der letzte Stempel gestempelt. Jetzt kann´s losgehen
ins Hafengebiet, in dem wir die Fahrzeuge bis zur Verladung (die wir übrigens
selber durchführen
dürfen unterstellen wollen. Grosses LKW-Chaos vor dem Gate
zum Containerterminal, 500 m vor dem Tor geht nichts mehr. Mr. Irani steigt aus,
läuft voran, brüllt, wedelt mit den Armen, schafft so eine Gasse, in der wir
400 m vorfahren können, dann ist er plötzlich verschwunden. Wir schaffen es,
bis direkt vor das Tor vorzustossen, da die indischen Fahrer uns im Slalom vorrücken
lassen. Auf die Wachposten machen unsere vorgezeigten Dokumente jedoch keinen
Eindruck. Scheinen nicht die richtigen zu sein. Wir sollen wieder zurück. Wo
ist Irani? Doch da kommt er schon, mit den Armen wedelnd,
steckt den Wachposten
Scheine zu und wir dürfen durch das Gate. Auf einem
bewachten Parkplatz stellen wir unsere Fahrzeuge ab, fahren mit einem Bus auf
die weit entfernte andere Seite des Hafengeländes, steigen dort in eine kleine
Fähre und erreichen den Fähranleger vor dem Taj in Colaba eine Stunde später.
Auch wenn ich bis jetzt kein gutes Haar an Mr. Irani gelassen habe, muss ich nun
doch zugeben, dass er sein Geschäft versteht. Wir haben schon von viel längeren
Zollprozeduren gehört. Mit dem Taxi geht es zur Don Bosco, wo wir unser
Reisegepäck für die Zeit in
Australien ohne Maggie abgestellt haben und dann
zurück nach Colaba ins Hotel. Fernseher an, Füsse hoch und abspannen. Die Verladung der Fahrzeuge ist für Sonntag, den 23.02., 7.30 Uhr
angesetzt. Wir stehen gegen halb fünf auf, treffen uns eine Stunde Später mit
Riedels und Mr. Irani am Fähranleger, schippern zum Neeva Sheva Port, mit dem
Bus zu unseren Fahrzeugen und fahren vor bis zum Schiff, der „Pacific
Highway“, einer gigantischen RoRo-Fähre, in deren gewaltigen Bauch bis jetzt
2000 PKW und LKW-Chassis verladen wurden. Dann dürfen wir über die breite
Rampe ins Schiff fahren und werden von den Mitgliedern der japanischen Besatzung
direkt im Verteilerraum hinter dem grossen
Einfahrts-Gate auf Stellplätze
gewinkt und gesichert. Marcus weist den japanischen Seemann,
der Maggie in Tokyo von Bord fahren wird, in ihre Geheimnisse ein und übergibt
die Schlüssel. Das war´s! Ab jetzt ist alles in „Gottes Hand“. Mit der Fähre
geht es wieder nach Colaba und dort ins Hotel. Mr. Irani ist sichtlich
erleichtert, dass die beiden Fahrzeuge ohne grössere Probleme an Bord der
„Pacific Highway“ gelangt sind, er grinst über beide Backen. Am folgenden
Morgen gilt es nun nur noch, das Bill of Loading in Empfang zu nehmen, Mr. Irani
das Geld in die Hand zu drücken
und dann ist das Kapitel Indien für uns schon
fast beendet. Wir haben uns in der Agentur der K-Line
verabredet. Mr. Irani ist wieder ganz der Alte und lässt uns erst Mal zwei
Stunden warten. Als er endlich erscheint, überreicht er uns ein Bill of Loading,
das gespickt ist mit falschen Angaben. Er hat schon wieder alles durcheinander
gebracht. Also wird gestrichen, geändert (Mr. Irani wird alles noch ein Mal
tippen müssen) und dann wechseln 5250 US$ in Rupien den Besitzer (mächtiger
Stapel). Am Abend taucht Mr. Irani zu einem abschliessenden Besuch im Hotel auf
und übergibt uns das nun fehlerfreie Bill of Loading. Wir
treffen uns später noch ein
letztes Mal mit Rieke und Uli zum Essen. Die beiden
werden auch am morgigen Dienstag fliegen, allerdings nach Thailand, wo sie drei
Wochen als Backpacker reisen wollen, um dann nach Auckland/Neuseeland zu fliegen
und dort auf die Ankunft ihres Fahrzeuges zu warten. Nach einer Rundreise soll
der Bremach dann nach Australien verschifft werden
und wir verabreden, einen
Teil unserer Tour durchs Land gemeinsam zu fahren.
Dienstag, 25.02.2003. Um 12 Uhr müssen wir im Apollo Guest
House auschecken. Ein Taxi bringt uns in einer eineinhalbstündigen Fahrt hinaus
zum 40 Km nördlich gelegenen Bombay International Airport. Unsere Maschine geht
zwar erst um 19 Uhr, aber lieber warten wir ein paar Stunden im klimatisierten
Airport, als mit unserem schweren Gepäck durch Bombay zu laufen. Um 18.30 gehen wir an Bord des Airbus A330 der Emirates Airlines,
19.10 Uhr hebt Flug EK 503 von der Startbahn ab und knapp zehn Minuten später
verlassen wir indisches Hoheitsgebiet.