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Mittwoch, 9.Oktober, 15.30 Uhr. Zum zweitenmal auf unserer Fahrt reisen wir nach Indien ein. Einige der Beamten im Emmigration- und Customoffice kennen uns noch von der Ausreise nach Nepal, daher klappt diesmal alles besonders schnell. Nicht einmal einen Blick ins Fahrzeug wollen sie werfen, ordnungshalber wird nur die Chassisnummer mit der Eintragung im Carnet de Passage verglichen, dann gibt’s die Einreisestempel und schon kann es weitergehen. Wir wollen zuerst nach Agra und uns das Taj Mahal ansehen (Ich weiss, tourist- basic-program, aber das gehört zu einer Indien-Reise einfach dazu!). Agra liegt 200 km südlich von Delhi und ist vom Grenzübergang etwa 1000 km, also drei Tagesetappen entfernt. Die Strecke führt durch das üppig grüne Tiefland der Provinz Uttar Pradesh. Wir durchfahren Gorakhpur, Faizabad und erreichen die Provinzhauptstadt Lucknow. Es gibt 2 Millionen Einwohner, aber keine Richtungshinweisschilder, oder sagen wir besser fast keine, die paar, die wir sehen, sind allerdings nur im indischen Alphabet geschrieben und nicht, wie sonst üblich, auch in lateinischer Schrift. Zur Erinnerung: In den indischen Städten herrscht ganztägig der ultimate traffic jam, es ist also nicht angeraten, sich zu verfahren. Da in der Mitte fast jeder grossen Kreuzung ein Polizeibeamter steht und versucht, ein bisschen Ordnung ins Chaos zu bringen, empfehlen wir folgende Lösung: Bis auf die Kreuzung fahren, stehen bleiben (nicht auf das Hupkonzert achten!) und dem Polizisten den gewünschten Ortsnamen zurufen. Dieser wird dann in die passende Richtung zeigen, was viele der übrigen Verkehrsteilnehmer als Aufforderung zum Losfahren auffassen und für kurzfristiges Chaos sorgen (nicht auf das Hupkonzert achten!). Es empfiehlt sich nicht, ich wiederhole:  NICHT, Passanten nach dem Weg zu fragen! Die wissen es einfach nicht, auch wenn sie so tun als ob. Folgt man ihren Ratschlägen, landet man im Nirwana. Glücklich aus Lucknow heraus, stecken wir 30 km später in einem Stau. Ich steige aus, gehe einen halben Kilometer nach vorne, um zu sehen, was los ist. Ein  grosser Baum liegt quer über der Strasse. Nicht irgendein Sturm hat dafür gesorgt, nein, Holzfäller haben ihn in diese Richtung fallen lassen, weil sie ihn auf der Strasse besser mit ihren kleinen Handsägen zerlegen können. Der inzwischen kilometerlange Stau in beide Richtungen zeigt keine geordneten Formen. Da die Strasse so breit ist, dass fünf Fahrzeuge neben einander passen, fährt man aus beiden Richtungen natürlich auch fünfspurig an das Hindernis heran. Dass das der Auflösung des Staus, nachdem der Baum beseitigt ist, natürlich nicht gerade förderlich, aber soweit in die Zukunft denkt der indische Verkehrsteilnehmer nicht. Der gigantische gordische Knoten löst sich also etwas zäh auf. Der indische Fahrzeuglenker ist eine Sache für sich. So sieht man in keinem Land der Welt derartig viele überfahrene Hunde auf der Fahrbahn. Da kennt der Inder keine Gnade. Überfahrene Kühe sieht man nicht. Eher würde ein Inder eine Gruppe radfahrender Kinder ummähen, als eine Kuh zu verletzen, es könnte schliesslich die reinkarnierte Grossmutter sein. Der indische Fahrzeuglenker überholt gern und oft, vorzugsweise in unüberschaubaren Situationen. Da kennt er nichts. Wenn dieses Manöver total in die Hose gehen sollte, wird er schliesslich wiedergeboren. Vielleicht als Kuh. Wir nicht. Das macht die Sache für uns so strapaziös. Zehn Kilometer weiter: Plattfuss hinten rechts! Hatten wir schon lange nicht mehr. Es liegt diesmal aber auch nicht an der Felge, die Reifenflanke hat einen Riss, der innen den Schlauch durchgescheuert hat. Unter den kritischen Blicken des sich schnell bildenden Menschenauflaufes wechseln wir das Rad und finden wenige Kilometer weiter eine Reifenwerkstatt, die sich unseres Problems annimmt. Während wir vor der Werkstatt sitzen, bildet sich um uns herum eine Wand von Indern. Sie starren uns an. Debiles Anstarren von Ausländern ist indischer Volkssport. Das machen sie überall. Bleibt man mit dem Fahrzeug irgendwo stehen, sammeln sie sich an den Türen und glotzen hinein. Wacht man morgens auf und schaut schlaftrunken aus dem Fenster, blickt man in neun von zehn Fällen in die Augen mehrerer Inder. Als hätte man das böse Zeichen auf der Stirn. Nach ein wenig Zeichensprache-Konversation (dass hier die meisten Menschen ein paar Brocken Englisch sprechen, ist ein weitverbreiteter Irrglaube) tauen sie manchmal auf. Meine so neugewonnenen Freunde nötigen mich, kleine Holzstückchen mit Eukalyptus-Geschmack zu essen. Fuper, versichere ich, fmecken echt klaffe!
Weiter geht die Fahrt. Nach einer halben Stunde überqueren wir den trüben, braunen Ganges (die Weltgesundheitsorganisation beziffert die Anzahl der im Wasser enthaltenen Kolibakterien als 250.000 mal so hoch wie der vorgeschriebene Grenzwert für Trinkwasser) und erreichen Kanpur. Die 2,5 Millionen Einwohner Stadt darf sich rühmen, zur illustren Runde der zehn verschmutztesten Städte der Welt zu gehören. Der Müll stapelt sich meterhoch, alle offenen Gewässer sind stinkende Kloaken. Das alles könnte sich so anhören, als ob wir Indien nicht mögen. Stimmt nicht. Es hat auch seine schönen Seiten. Sagt man. Wir werden unser Bestes tun, sie zu finden. 100 km vor Agra hören wir während er Fahrt ein Zischen. Schon wieder strömt Luft aus einem Reifen, demselben wie gestern. Direkt vor einer kleinen Reifenwerkstatt an der Hauptstrasse kommen wir zum Stehen. Die Jungs in der Werkstatt von gestern hatten zwar den Schlauch geflickt, konnten aber den Riss im Mantel nicht beheben und hatten, um erneutem Schaden vorzubeugen, zwei Lagen Gummi zwischen Riss und Schlauch gelegt. Die sind aber nach 80 km Fahrt durch die Bewegungen und Kräfte beim walken des Reifens auch durchgescheuert, und so hat es den Schlauch letztendlich doch wieder erwischt. Die Männer dieser Werkstatt haben eine bessere Lösung parat: Ein grosses, speziell dafür vorgesehenes Stück Gummi wird von innen auf die Rissstelle vulkanisiert. Trotzdem beschliessen wir, den geflickten Reifen auf die Reservebank zu schicken und einen anderen von dort ins Spiel zu bringen. Es ist immer noch heiss im indischen Tiefland, nicht mehr so schlimm und tropisch feucht wie im August, aber Werte zwischen 35° und 40°C sind auch jetzt, Mitte Oktober, immer noch an der Tagesordnung. Zumindest kühlt es nachts auf unter 30°C ab, so dass man einigermassen erholsam schlafen kann. Wie sind im Moment eigentlich die Temperaturen in Deutschland? Ziehen die ersten Herbststürme durchs Land? Hier trübt kaum ein Wölkchen den strahlend blauen Himmel. Gegen 16 Uhr am 12. Oktober erreichen wir Agra. Die Stadt ist mit 1,2 Millionen Einwohnern für indische Verhältnisse nicht übermässig gross. Relativ zügig finden wir den Weg zum Highway Inn, das uns auf Grund guter Stellplätze führ Wohnmobile empfohlen worden war. Zu früh gefreut! Das Highway Inn hat dicht gemacht und wird zu einem Appartementhaus umgebaut. Während wir am Strassenrand stehen und über unser weiteres Vorgehen nachdenken, entdeckt uns ein Tuk-Tuk Fahrer. Er heisst Neem Khan, erklärt, er sei der Freund aller ausländischer Besucher, will uns zu einem anderen Hotel mit gleichguter Parksituation führen und sowieso, wie die meisten übrigen Inder auch, nur unser Bestes, unser Geld. Zu Neem Khans Ehrenrettung muss ich bemerken, dass das Hotel Akbar Inn, zu dem er uns bringt, wirklich all unseren Erwartungen entspricht. Einzeln gelegen mit grossem Garten hinter dem Haupthaus und einigen Stellplätzen für Wohnmobile. Mit 200 Rupies pro Nacht inklusive Dusch- und WC-Benutzung, Wasser und Strom nicht unglaublich billig, aber für Agra-Verhältnisse akzeptabel. Für diesen guten Tip bekommt Neem Khan 20 Rupies in die Hand gedrückt (sein Mund sagt, er habe uns natürlich nicht wegen des Geldes geholfen, seine Augen sagen, 20 Rupies sind aber arg wenig) und den Auftrag, uns am folgenden Morgen abzuholen und zum Taj Mahal zu bringen. Ein abendlicher Ausflug zu Fuss bestätigt uns, dass Agra einer der touristischen Hauptanziehungspunkte Indiens ist und da die Zahl der Touristen in dieser Saison (wie in den meisten asiatischen Ländern) eher spärlich ist, stürzen sich natürlich alle Nepper, Schlepper und Bauernfänger auf uns. Billige Rikschafahrten (keiner will verstehen, warum wir lieber zu Fuss laufen), überflüssige Marmorskulpturen und T-Shirts, schlecht gemachte Handarbeiten, Räucherstäbchen und und und ... . Keine zehn Sekunden vergehen ohne den Versuch, uns in ein Verkaufsgespräch hineinzuziehen.
Am andren Morgen bringt uns Neem Khan zum grossen Areal des Taj Mahal, beschrieben als das extravaganteste Bauwerk, das je aus Liebe erdacht und erbaut wurde. Extravagant sind auf jeden Fall die Eintrittspreise für foreigners: 750 Rupies (17 €) pro Person! Modernes indisches Raubrittertum. Der unglaubliche Anblick entschädigt allerdings! Es ist noch schöner und imposanter, als es die Fotos, die jeder schon einmal gesehen hat, hergeben. 20.000 Arbeiter waren unter der Leitung eines iranischen Architekten und Fachleuten aus Frankreich und Venedig von 1631 bis 1653 am Bau beteiligt. Unmengen von weissem Marmor und Halbedelsteinen wurden im Auftrag von Kaiser Shah Jahan verbaut, um dieses Mausoleum zum Gedenken an seine bei der Geburt eines Kindes gestorbene Frau Mamtaz Mahal zu errichten. Mit Sicherheit eines der, wenn nicht gar das schönste und beeindruckendste Bauwerk, das wir je gesehen haben. Nächstes Ziel unserer Reise durch Indien ist Mumbai, das ehemalige Bombay, um uns mit Denish Krishnan, dem Director des dort ansässigen Office der USS GLOBAL LOGISTICS zu treffen. Er und einige Fachleute aus dem Überseehafen wollen Maggie in Augenschein nehmen, um zu entscheiden, welches spezielle Gerät benötigt wird, um die nicht Container-kompatibele Maggie von Madras aus zu verschiffen und uns auf Grund dieser Tatsachen ein detailliertes Preisangebot machen zu können. Es ist ein weiter Weg bis Mumbai, gut 1300 km, und wenn man bedenkt, dass Durchschnittsgeschwindigkeiten von über 40 km/h hier nicht realisierbar sind, ist klar, dass die Fahrt einige Tage in Anspruch nehmen wird. Keine 100 km hinter Agra begegnen uns ein gutes Dutzend Schwarzbären auf der Strasse. Natürlich nicht frei herumlaufend, sie sind zwar in dieser Gegend beheimatet, aber viel zu scheu für Strassenausflüge. Junge Inder halten die zotteligen, mit Maulkörben versehenen Gesellen an langen Ketten und lassen sie kleine Kunststücke vorführen, um vorbeifahrende Fahrzeuge zum Halten und Übergeben eines Bakschisch zu bewegen. Den armen Tieren kann man es aus den Augen ablesen, dass sie über ihre derzeitigen Lebensumstände nicht gerade glücklich sind. Ich hätte nichts dagegen, wenn sie dies ihren selbsternannten Besitzern gegenüber tatkräftig zum Ausdruck bringen würden. Da sie mehr als das doppelte wiegen, dürfte es ihnen auch keine allzu grossen Probleme bereiten. Ausserdem werden Inder ja wiedergeboren. Vielleicht als Bär?
Wir überfahren die Provinzgrenze von Uttar Pradesh nach Rajasthan. Die üppige, grüne Vegetation verschwindet immer mehr und macht unfruchtbarem Sandboden Platz. Rajasthan ist die einzige indische Provinz, die fast ständig an Wassermangel zu leiden hat, allerdings zeigt sich Indien sonst nirgendwo so exotisch und farbenprächtig. Rajasthan ist das touristische Hauptziel Indiens, kein Besucher kehrt von hier ohne einen Haufen überflüssiger und überbezahlter Souvenirs zurück. Von uns angestellte Feldversuche ergeben, dass der Preis einer angebotenen Ware bei offen gezeigtem Desinteresse (ist viel effizienter, als der Versuch zu handeln) um erstaunliche 80 % absinkt.
Die Nähe zur unfruchtbaren Thar-Wüste im Grenzgebiet zu Pakistan bedingt einen schleichenden Klimawechsel, die Tage sind heiss, aber trocken, die Nächte angenehm kühl. Wir durchfahren die prachtvolle 2 Millionen Stadt Jaipur, die ehemals mächtige Moguln-Residenz Ajmer und Udaipur, das romantische, an einem kleinen Stausee gelegene „Venedig des Ostens“ mit seinen eleganten Palästen. In diesem, touristisch besonders erschlossenen Teil Indiens, zeigt sich aber auch, dass die Inder Grossmeister des Bescheissens sind. Man wird an der Tankstelle betrogen (Zähler der Zapfsäulen stehen nicht auf „0“), beim kauf einer Flasche Cola über den Tisch gezogen (darauf achten: Der Endverkaufspreis inklusive aller Steuern ist auf fast allen Getränken und Lebensmitteln, wenn auch klein, vermerkt) und soll für ein Toastbrot das vierfache des üblichen Preises bezahlen!° Wenn man es sich gefallen lässt. Die Androhung einer saftigen Ohrfeige klärt in so einem Falle schnell die Fronten.
Wir verlassen Rajasthan und kommen in die Provinz Gujarat, durchfahren Ahmedabad (4 Millionen Einwohner), das Zentrum der indischen Textilindustrie und gelangen nach Vadodara (2 Millionen Einwohner) nahe des Golfes von Khumbat. Jetzt sind es nur noch knappe 400 km bis Mumbai und ab hier wird die Fahrt erst richtig zum Alptraum. In Zusammenarbeit mit (oder besser unter Federführung) koreanischer Firmen baut die indische Regierung eine Schnellstrasse bis ins ehemalige Bombay. Davon sind bis jetzt aber erst die letzten 90 km komplett fertiggestellt. Bis dorthin ist diese extrem dichtbefahrene Strecke eine einzige Baustelle. Der Verkehr wird über Teile des alten, zweispurigen National Highway 8 geführt, dessen Oberfläche von der Last der riesigen Menge Schwer-LKW an vielen Stellen fast vollständig zerstört ist. Dazwischen, wie Patchwork, kurze, schlecht nachgeteerte Abschnitte. Ein australischer Biker, den wir mit seine indischen Enfield auf der Strecke treffen und der schon fast 25.000 Strassenkilometer in Indien abgeritten hat, bestätigt uns: „This is the worst route in whole India!“ Und nicht nur die schlechteste, sondern auch die gefährlichste und unfallträchtigste. Dessen werden wir uns schnell mit schrecklicher Klarheit bewusst. Da liegt ein LKW im Graben mit abgerissener Vorderachse, da ein völlig demolierter Reisebus auf dem Rücken, dort werden die Reste eines menschlichen Körpers von der Strasse getragen, Stücke seines Kopfes und das Gehirn liegen noch auf dem heissen Asphalt. Es ist eine endlose Aneinanderreihung von Unfällen. Kurz vor Sonnenuntergang erreichen wir endlich das schon fertiggestellte Stück der Schnellstrasse. Marcus kann endlich wieder Gas geben, nun sind die behäbigen, indischen Tata-LKW leichte Beute für uns. Wir werden schneller und schneller, die Aussenhaut vibriert, die Hüllenintegrität ist fast nicht mehr gewährleistet. Als Scotty aus dem Maschinenraum meldet, das wir in Folge von Triebwerksüberhitzung in spätestens 30 Sekunden den Warp-Kern abstossen müssen, wird es Zeit zu verzögern. 65 km ausserhalb des Zentrums von Mumbai (Nochmal zur Erklärung: Bombay wurde 1995 auf Grund eines Parteiengeplänkels in Mumbai umbenannt) bleiben wir für die Nacht stehen.

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