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Der erste Teil unserer Fahrt nach Delhi ist schwieriger, als
wir uns vorgestellt hatten. Auf unserer Karte haben wir uns einen einfachen Weg
ausgesucht, um bei Chandigarh die NH1, die Hauptstrasse nach Delhi, zu
erreichen. Laut Karte bedeutet das, dass wir auf einer Strecke
von gut 200 Km dreimal abbiegen müssen und sieben grössere Ortschaften
durchfahren. Tatsache ist, dass wir locker 10 mal ratlos vor Abzweigungen stehen
(die nicht in der Karte verzeichnet sind), die Hinweisschilder in Hindi nicht
entziffern können, uns also nach unserem Kompass richten müssen und zur
Sicherheit ständig bei Einheimischen nachfragen. In Englisch natürlich, was
hier, laut Reiseführer, so verbreitet ist, dass man gar nicht erst versuchen
soll, Hindi, Tamil oder eine der 30 anderen gängigen Sprachen in Indien zu
erlernen. Irgendwie scheinen wir immer auf Menschen zu stossen, bei denen die
englische Sprache eben nicht verbreitet ist. Abgesehen davon durchfahren wir
nicht sieben
grössere Ortschaften, sondern mehr als zwanzig, die alle um ein
Vielfaches grösser sind als unsere Heimatstadt Detmold. Zu
alledem scheinen sich von den mehr als eine Milliarde Einwohner Indiens ständig
95% mit irgendeiner Art Fahrzeug auf der Strasse aufzuhalten.
Trotz aller Widrigkeiten erreichen wir am Abend Chandigarh,
eine Millionenstadt, die in den sechziger Jahren nach einem Plan des französischen
Architekten Le Corbussier errichtet wurde und die sauberste Stadt Indiens sein
soll. Das mag (für indische Verhältnisse) stimmen, allerdings hat Chandigarh
sonst nichts besonderes zu bieten und lädt nicht zu längerem verweilen ein.
Der weitere Weg nach Delhi ist unkompliziert. Man fährt auf
die NH1 und bleibt auf der vierspurigen Strasse, bis man nach ca. 250 Km die
indische
Hauptstadt erreicht hat.
An einer Raststelle treffen
wir Suresh Sharma, einen ehemaligen Offizier des indischen Militärs, und seinen
guten Freund, den Sikh Amarjit Sodhi, die mit einem zum Wohnmobil umgebauten
TEMPO-Transporter (indischer Mercedes-207 Nachbau mit dem Motor des 240D)
ebenfalls nach Delhi unterwegs sind. Suresh hat den Ausbau des Transporters,
wenn man bedenkt, dass es in Indien keine Shops mit Zubehör für derartige
Umbauten gibt, phantastisch hinbekommen. Möbel, Elektrik, Air-Condition etc.
sind alle selbstgeplant und gebaut. Das Fahrzeug hat den bezeichnenden Namen
„King Kobra“ , und das hat seinen Grund: Suresh Sharma hat vor einigen
Jahren seinen Militärdienst quittiert, um sich der Tierwelt, insbesondere den
Schlangen zu
widmen.
Er reist (in der Regel mit seiner Frau,
da diese jedoch im Moment schwanger ist, kann sie diesmal nicht dabei sein) mit
seinem Wohnmobil durchs Land, gibt auf Informationsveranstaltungen Tips darüber,
wie man sich Schlangen gegenüber verhält, ihnen möglichst aus dem Weg geht
und was zu tun ist, falls man doch einmal von einem Vertreter der 55 giftigen in
Indien beheimateten Schlangenarten gebissen wurde. Als technischer Berater bei
Dokumentarfilmen von National Geographic hat er spektakuläre Filmaufnahmen von
z.B. Schlangenattacken auf Nagetiere in ihren Höhlensystemen möglich gemacht.
Da er und Amarjit Sodhi ebenfalls für einige tage in Delhi bleiben wollen,
bietet er uns an, uns zum Tourist-Camp zu lotsen (nach seiner Aussage ist eines
der beiden Camps, die im
aktuellen Lonely-Planet aufgeführt sind, inzwischen
geschlossen). Wir erreichen die 10-Millionen Metropole, froh
darüber, einen Führer zu haben, denn Delhi ist berühmt berüchtigt für sein
ultimatives Verkehrschaos, jeden Tag sterben sieben Menschen auf den Strassen
der Stadt. Nach unzähligen Fastzusammenstössen und mit der Gewissheit, Dass es
nirgendwo auf der Welt schlimmer zugehen kann, erreichen wir den Camp-Ground und
stellen fest, dass auch dieser inzwischen geschlossen wurde. Dummerweise gibt es
in ganz Delhi kein Hotel, dass bereit wäre, nur einen Parkplatz zu vermieten
(zumindest nicht für ein Fahrzeug von Maggies Ausmassen). So landen wir
schliesslich beim zentral in der Nähe des riesigen Connaught-Place
Kreisverkehrs gelegenen YMCA-Hotel (ihn Kreisverkehr zu nennen, ist eigentlich
untertrieben, es handelt sich vielmehr um einen mehr als 10 Hektar grossen
Verkehrsknotenpunkt, bestehend aus drei konzentrischen Ringen, von denen aus unzählige
Strassen in alle Richtungen abzweigen), werden kurzerhand für einen Monat
Mitglied im christlichen Verein junger Menschen und mieten uns im günstigsten
der
angebotenen Zimmer ein
(14 € p.P. im DZ incl. Breakfast
und Dinner, für indische Verhältnisse nicht gerade billig, aber Delhi ist halt
ein teures Pflaster).
Am Vormittag des 29.8. lassen wir uns von einer Motor-Rikscha
durch strömenden Monsun-Regen (es ist in der diesjährigen Regenzeit das erste
Mal, dass es in Indien einen richtigen Monsun-Schauer gibt, man hat seit fast
zwei Monaten verzweifelt darauf gewartet, da die Wasserknappheit immer
besorgniserregender wurde) zur Botschaft von Myanmar (ehem. Burma) f
ahren und
erleben den ersten herben Rückschlag auf unserer Reise. Myanmar erteilt kein Visa für Reisende, die das Land mit eigenem Fahrzeug
besuchen Wollen. Mit dem Flugzeug rein und nach bis zu vier Wochen wieder raus,
kein Problem, aber nicht auf dem Landweg! Jetzt haben wir natürlich ein
Problem. Auf dem Landweg können wir unsere nächsten Ziele Thailand und Laos
ausser über Myanmar nur noch über China erreichen. Aus bekannten Gründen
(Visumsantrag langwierig und höllenkompliziert, eine chinesische Begleitperson
mit Fahrzeug ist während des gesamten Aufenthaltes dabei und muss dazu noch mit
unglaublichen 1500 US$ pro Woche
bezahlt werden) kommt dieser Weg für
uns nicht in Frage. Also bleibt noch die Möglichkeit, von
Indien aus nach Penang, Malaysia, oder Bangkok, Thailand, zu verschiffen. Mögliche
Verschiffungshäfen sind Mumbai (Bombay), Madras und Kalkutta. Fast den ganzen
Nachmittag verbringen wir damit, an Informationen über dieses Vorhaben zu
gelangen und landen schliesslich bei einer Agentur, die von Mumbai aus waren
aller Art in die ganze Welt verschifft. Sie wollen sich für uns kundig machen,
welche Schiffahrtslinie diesen Job erledigen kann und natürlich, für welchen
Preis. Der wird sicher nicht gering sein, weil Maggie aufgrund
ihrer Grösse nicht in einen Container passt, also nur eine Open-Deck
Verschiffung möglich ist. Da morgen in Indien Feiertag ist (der Geburtstag von
Krishna, der auf die Erde entsandte Verkörperung von Vishnu wird ausgelassen
gefeiert), können wir erst in vier Tagen, am nächsten Montag, genaueres
erfahren. Solange wollen wir nicht in Delhi warten und beschliessen, am nächsten
tag Richtung Nepal weiterzufahren und uns am Montag telefonisch mit der Agentur
in Verbindung zu setzen. Unser indisches Visum ist noch bis Mitte Dezember gültig,
also ist noch genügend Zeit, eine Verschiffung zu arrangieren. Bei der „National
Insurance Company“, die ihr chaotisches Office direkt am
Connaught-Place hat, schliessen wir auf die Schnelle für 11 € eine
viermonatige Haftpflichtversicherung für Maggie ab, bei der Verkehrssituation
in diesem Land ein absolutes Muss.
Um 17 Uhr haben wir eine Verabredung mit Sanjay Ahlawat (ein
Freund des Schlangenfachmanns Suresh Sharma, wir hatten ihn gestern nach unserer
Ankunft auf dem YMCA-Hotelparkplatz kennengelernt), seines Zeichens
Photoreporter von „The Week“, dem indischen Gegenstück zur amerikanischen
„Newsweek“ und einem der
eiden meistgelesenen Magazinen des Landes.
Er erscheint mit kompletter Ausrüstung, macht ein Photoshooting mit
uns und Maggie für „The Week“ und bittet uns, ihm weiterhin Informationen
über den verlauf unserer Reise zukommen zu lassen, über die dann in „The
Week“ berichtet werden soll. Vielleicht werden wir in Indien noch richtig berühmt!
Dass der nächste Tag ein Feiertag ist, hat für uns natürlich
auch Vorteile. Als wir vom Hotel aus aufbrechen, ist der
Verkehr in der
Innenstadt Delhis nicht so katastrophal wie üblich. Ohne
Schwierigkeiten erreichen wir den Connaught-Place, von da aus die
Verbindungsstrasse zum Ringway und schliesslich die Ausfallstrasse Richtung
Osten. Der Grenzübergang, den wir zur Einreise nach Nepal gewählt haben, liegt
ca. 750 Km östlich von uns (der nähere, im Westen Nepals gelegene Grenzübergang
ist während der Regenzeit nicht passierbar), eine Entfernung, die wir in drei
Tagesetappen hinter uns bringen wollen.
Einige kurze Bemerkungen zu den indischen Toll-Roads: Wie
weiter oben bemerkt, gibt es in Indien keine offiziellen Beamten, die einem auf
der
Strasse „Road-Tax“ abverlangen können.
Es gibt
allerdings offizielle „Toll-Roads“, auf denen, wie auf einigen europäischen
Autobahnen üblich, in gewissen Abständen Kassiererhäuschen stehen. Um der
Abgabe der Toll-Charge zu entgehen, empfiehlt sich folgende Vorgehensweise:
Sobald man angehalten und zum Bezahlen gegen Quittung aufgefordert wird, sagt
man: „We are foreign tourists! We don´t
have to pay toll-charges! We´ve payed 100 US$ for the visa, it´s including all
toll-charges!” Dadurch wird der Beamte überrumpelt. In schierer
Unwissenheit über den Wahrheitsgehalt dieser Aussage wird er einen in 90% aller
Fälle passieren lassen. Falls nicht, besteht man
weiterhin
auf seine „foreign tourist“-Story und blockiert somit die Zahlstelle. Das führt
binnen kürzester Zeit zu einem Chaos und zwingt den Beamten, aus rein
pragmatischen Gründen nicht auf einer Bezahlung zu bestehen.
Kurz hinter Ghaziabad haben wir den zweiten Unfall in Indien.
In einer langsam gefahrenen Passage versucht ein uns überholender, relativ
neuer Honda, vor uns einzuscheren, um nicht in den Gegenverkehr zu geraten. Viel
zu knapp, denn Maggie reisst ihm seine hintere Kunststoffschürze weg und
demoliert sein linkes Heck. Wieder grosser Menschenauflauf, aber nach
eindringlicher Überzeugungsarbeit bezüglich der Schuldfrage können wir
weiterfahren. Wieder hat es Maggies rechtes
Einstiegsblech verbogen, das gerade
so schön gerichtet war! Die Fahrt durch Indien in einem 10
Tonnen-Lkw ist immer noch der beste Garant für körperliche Unversehrtheit.
Wir fahren durch unzählige, dichtbevölkerte Ortschaften,
die zu zwei Dritteln nicht in unserer Karte verzeichnet sind, über die
Nationalstrasse 24 Richtung Lucknow. Die NH24 ist in weiten Teilen eine
wunderschön anzuschauende Allee, wenn da nur nicht dieser gnadenlose Verkehr wäre!
Überbreite Laster, die anmuten wie ein AWACS auf LKW-Chassis, Busfahrer, denen nicht nur das Leben ihrer Fahrgäste, sondern scheinbar auch
ihr eigenes scheissegal
sind, Fahrräder, besetzt mit drei Personen und von
Pferden oder Wasserbüffeln gezogene Einachswagen, die mit 4 km/h dahinzotteln
und zu gefährlichen Überholmanövern verführen. Dazu, innerhalb der
Ortschaften, noch Hunderte von Motor-Rikschas im Formel-1 Wahn und Fussgänger,
die in Scharen blindlings über die Strasse laufen (weswegen aber auch kein
Fahrzeug bremst, hupen muss reichen, wer nicht schnell genug von der
Strasse
ist, verliert). Wir schaffen ein Tagespensum von 300 Km und
übernachten auf dem Gelände einer Tankstelle östlich von Bareilly.
Am nächsten Tag fahren wir weitere 350 Km durch die Provinz
Utarh Pradesh mit den grössten Zuckerrohr- und Reisanbaugebieten Nordindiens.
Den ganzen Tag über sehen wir links und rechts der Strasse das gleiche Bild.
Grosse Felder, Baumgruppen, kleine Ansiedlungen, alles in einer eintönigen
Ebene. Wir durchfahren Shaianpur, Lucknow, Faizabad und halten am Abend 5 Km vor
Bastia am kleinen Hotel Anan. Der Besitzer Praveen Singh lädt
uns zum Tee ein und
schnell sitzen wir in einer illusteren Runde zusammen. Der
Emergency-Doctor dieses Abschnittes der NH 28, der Inhaber der örtlichen
Tankstelle, ein regional bekannter Sänger und seine 6-köpfige Kapelle. Man
berichtet uns von den Auswirkungen der diesjährigen Wasserknappheit, die
Reispreise sind stark angestiegen und ein Teil der armen Landbevölkerung nagt
am Hungertuch. Trotzdem sind alle fröhlich und gutgelaunt, so schnell lässt
man sich hier nicht unterkriegen, es werden schon wieder bessere
Zeiten kommen!
Die Nacht ist schwül und warm, wir wälzen uns in unseren
durchgeschwitzten Betten, erschlagen Dutzende kleiner Insekten, die den Weg
durch unsere Mückennetze gefunden haben und finden nur wenig Schlaf. Aber uns
bleibt ja die Gewissheit, dass uns in Nepal kühlere Zeiten ins Haus stehen. Bis
Gorakhpur sind es noch 80 Km auf der NH 28, dort soll es dann nach Norden
abgehen Richtung Grenzübergang bei Sonauli. Gorakhpur hat ca. 700.000
Einwohner, ist ein 3 mm grosser Punkt auf unserer Strassenkarte, besitzt nur
wenige Richtungshinweisschilder (ausschliesslich in Hindi) und wir geraten bei
der Erkundigung nach dem richtigen Weg natürlich an die grössten Dumpfbacken
der Stadt. Will heissen, nach 15
Minuten stecken wir im unüberschaubaren
Dickicht des Zentrums dieser Grosstadt. Allerdings sind wir solche Verhältnisse
inzwischen gewohnt, befragen unseren Kompass und sind eine Viertelstunde später
auf dem richtigen Weg. 80 Km weiter nördlich erreichen wir Sonauli gegen 14 Uhr. Die
Ausreise- und Zollformalitäten werden in offenen Büros direkt an der
Hauptstrasse durch freundliche, fröhliche Beamte
erledigt, so dass wir schon 30 Minuten später das
indische Hoheitsgebiet verlassen und ..
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