
1
Am 24. August rollen wir um 14.11
Uhr auf das Staatsgebiet von Indien, der grössten konstitutionellen Demokratie
der Welt. Da dieser einzige Grenzübergang zwischen Pakistan und Indien derzeit
nur für foreign Tourists geöffnet ist und der Tourismus im Moment nicht gerade
floriert, sind wir die einzigen, die im Immigration- und Customoffice
abgefertigt werden (beides befindet sich im selben, modernen Gebäude, es gibt
also keine langen Wege oder Suchereien. Die Beamten sind
gelangweilt und freuen sich über die Abwechslung. Die Abfertigung erfolgt
schnell und problemlos, wir machen eine Führung durch Maggie (die Zöllner
suchen keine Schmuggelware, sondern sind einfach nur neugierig) und sitzen
danach noch auf ein Schwätzchen mit dem Leiter der Grenzstation zusammen.
Auf den ersten 5km hinter der
Grenzstation fallen uns zahlreiche getarnte Kampfpanzer auf, die rechts und
links der Strasse in Stellung gegangen sind. Die Spannungen zwischen Indien und
Pakistan sind also immer noch in einer
kritischen Phase. 50km östlich der Grenze befindet sich
gleich die erste Millionenstadt, Amritsar. Heilloses Verkehrschaos, Fahrräder,
Motorroller, Rikschas, Pferdegespanne, Busse und natürlich überall auf der
Strasse die heiligen Kühe, clever genug, um zu wissen, dass ihnen hier nichts
passieren wird, auch wenn sie mitten auf der Fahrbahn liegen (auch wildes Gehupe
spornt sie nicht unbedingt zum Aufstehen an). Wir sehen buntgekleidete Menschen,
Turbane, es gibt wieder ALKOHOLISCHE GETRÄNKE und FRAUEN OHNE KOPFTÜCHER in
figurbetonenden Saris. Das Leben kann so schön sein!
Wir finden an der Strasse einen
freien Platz, auf dem wir Maggie abstellen können, wühlen uns durch die
Menschen- und Fahrzeugmassen und tauschen in einem kleinen Exchange-Office unser
erstes, dickes Bündel Rupies. Wir haben unsere Route so geplant, dass wir
zuerst nach Norden in die Ausläufer des Himalaya fahren. Im Süden des Landes,
so haben wir erfahren, ist es im Moment derartig heiss, dass sogar Einheimische,
wenn sie keinen zwingenden Grund zu bleiben haben, in die nördlichen Regionen
flüchten.
Wir übernachten vor einem kleinen
Hotel nordöstlich von Batala und fahren schon früh am Morgen weiter Richtung
Pathankot. Am Ortsrand der Stadt passiert uns ein kleines
Missgeschick: Während wir einen stehende LKW umfahren, versucht ein PKW, der
gerade dabei war, uns zu überholen, rechtzeitig vor uns einzuscheren, um nicht
in den Gegenverkehr zu geraten. Das geht schief, er macht Bekanntschaft mit der
rechten Ecke unserer massiven Stossstange. Seine linke hintere Tür ist hin, die
Scheiben geborsten (Maggie hat übrigens nur ein leicht verbogenes
Einstiegstrittblech, das sich schnell wieder beibiegen lässt). Um über die
Schuldfrage erst gar keinen Zweifel aufkommen zu lassen (wir sind noch nicht im
Besitz einer indischen Kfz-Versicherung) steige ich aus und beginne, den anderen
Fahrer in Maximal-Lautstärke anzubrüllen. Das überzeugt ihn und seine
herbeigeeilten Landsleute, er ist froh, mit kaputter Tür und heiler Haut
davonzukommen.
Die Hauptstrassen in Indien sind in
relativ gutem Zustand und in der Regel so breit wie unsere Landstrassen. Nicht so die meisten Brücken. Auf einigen von ihnen sind wir
gezwungen, langsam zurückzurollen, da uns mehrere LKW entgegenkommen, wir aber
nicht aneinander vorbeipassen. Etwas später versuchen ein paar Inder an einer
offiziell aussehenden Postenhütte, Road-Tax von uns einzutreiben. Als wir uns
strikt weigern, lassen sie einen ihrer Hilfs-Clowns vor uns eine mobile Sperre
auf die Strasse schieben. Also, wieder aussteigen, die Sperre von der Strasse
schieben und dem aufbegehrenden Inder (zur Belustigung aller Umstehenden) erklären,
dass es deftige Ohrfeigen setzt, wenn er sich nicht aus dem Staub macht. Merke:
Es gibt in Indien keine Road-Tax, ausser man ist so blöd, sie zu bezahlen!
Wir nähern uns Dharamsala am Rand
des Himalaya. Jede Menge Affen sitzen neben der Strasse
und beobachten neugierig die vorbeikommenden Fahrzeuge. Von Dharamsala aus wollen wir noch ca. 15km weiter nördlich in die Berge nach
McLeod Gandj, einem kleinen Ort auf 2000m Höhe, dem Sitz der tibetanischen
Exilregierung und Wohnsitz seiner Heiligkeit, dem Dalai Lama. Die Strasse wird
steil, eng und kurvig, ausserdem setzt ein kräftiger Monsunschauer ein und überflutet
die Fahrbahn. Viele Fahrzeuge wollen hoch, viele runter, ein chaotisches
Rangieren
setzt ein, immer mit zwei Reifen hart am Abgrund, dazu permanentes
Gehupe (man hat berechnet, dass der indische Autofahrer alle
30 Sekunden einmal hupt, eine böswillige Untertreibung, 10 Sekunden kommen der
Sache näher). Als wir in McLeod Gandj ankommen, sehen wir einen kleinen
Busparkplatz (so gross, dass zwei Busse stehen und dann noch von Rikschas
umfahren werden können), von dem aus vier schmale Gassen abzweigen. Wir sind
versucht aufzugeben und umzudrehen, aber ein Verkehrspolizist, der das Chaos
meisterhaft unter Kontrolle hat, zeigt auf eine der Gassen und meint, das sei
der Weg zum
Hotel Bhagso, das über einen grösseren Parkplatz verfügen soll.
Das wird eng, aber einen Versuch ist es wert.
Entgegenkommenden Fahrern steht bei Maggies Anblick das schiere Entsetzen ins
Gesicht geschrieben, aber so ist das halt im Strassenverkehr, der kleinere gibt
nach und legt den Rückwärtsgang ein. Und wirklich, nach einer Menge
vergossenem Schweiss (obwohl es hier oben gerade mal kühle 27°C sind)
erreichen wir das Hotel und finden einen schönen Standplatz für die kommenden
zwei Nächte.
McLeod Gandj hat laut Lonely Planet
mit seinen Zahllosen Cyber-Cafes die beste Internet-Zugangsmöglichkeit im
ganzen Himalaya-Gebiet. Schade nur, dass alle Verbindungen des Ortes gerade da
auf einen Schlag zusammenbrechen, als wir unsere E-Mails loswerden wollen. Nicht
so schlimm, morgen ist auch noch ein Tag. Wir schlendern durch
die wenigen, schmalen Gassen des Örtchens, vorbei an vielen kleinen
Guest-Houses, Restaurants, Gebetsmühlen und Handcraft-Shops, begegnen einer
Menge tibetanischer Mönche, heiligen Kühen, streunenden Hunden und mit
Jutetaschen behängten Hippies aus aller Welt, eine krude Mischung aus
Spiritualität und Kommerz.
Am nächsten Morgen werden wir von
ein paar Einheimischen gefragt, wo wir denn mit Maggie untergekommen sind.
Scheinbar sind wir die ersten, die es gewagt haben, mit einem derartig grossen
Fahrzeug hoch nach McLeod Gandj zu fahren (Kostet auch
wirklich Nerven, ist aber machbar (Nachahmer seien hiermit trotzdem gewarnt). Am
Nachmittag besuchen wir den Tsuglagkhang-Komplex, die Residenz des Dalai Lama.
Nach Tradition der Tibetaner machen wir zuerst eine Kora, eine Umrundung des
Komplexes im Uhrzeigersinn auf einem schmalen Weg, der von Mani-Steinen und
bunten Gebetsfahnen flankiert ist. Dann schauen wir uns die
zentrale Kapelle an, das Gegenstück zum Jokhang-Tempel in Lhasa, mit der Statue
des Shakyamuni Buddha. Während man das Kloster nach eigenem ermessen
durchstreifen kann, ist der eigentliche Wohnsitz des Dalai Lama mit einem
Gittertor verschlossen und bewacht. Wir bekommen keine Möglichkeit zu einer
Audienz, da man sich dafür mit einer Anfrage mindestens vier Monate vorher an
sein privates Büro wenden
muss. Der Dalai Lama ist nun mal eine gefragte
Persönlichkeit. Dafür kommen wir in den Genuss, einer grossen Gruppe von Mönchen,
die sich vor dem Tsuglagkhang-Tempel versammelt haben, bei ihren religiösen Gesängen
zuhören zu können. Es geht dabei übrigens nicht so ernst zu, wie man es
meinen sollte. Während des Gesanges tuscheln die Mönche miteinander, kichern
und knuffen sich gegenseitig. Überhaupt scheint
Fröhlichkeit einer der
wichtigsten Punkte des Klosterlebens zu sein. Auch
technischen Errungenschaften gegenüber scheinen die Mönche nicht abgeneigt zu
sein. Einer eilt mit seiner Kamera herbei, um sich mit jedem von uns beiden
fotografieren zu lassen, dabei drückt er meine hand und (ich mag mich täuschen)
ich meine zu spüren, das etwas von seiner grenzenlosen Ausgeglichenheit und
Friedfertigkeit in mich übergeht.
Wir essen am Abend im McLlo´s,
nicht weil hier auch schon Pierce Brosnan diniert hat, sondern weil es unter
anderem Taandori-Chicken zum günstigen Preis gibt und man eine tolle Aussicht
auf den kleinen Busparkplatz, das pulsierende Herz von McLeod Gandj hat. Nach
dem essen besuchen wir noch „Mementos India“, den zentral gelegenen Shop für
tibetanische handarbeiten, bewundern die phantastischen Thangka Paintings,
Kashmir Schals und Kupfer/Bronzefiguren, die man hier, im wirklich
empfehlenswerten Geschäft von Amit Sood, zu wirklich günstigen Preisen
erstehen kann.
In der Nacht ist das Donnern abgehender
Steinlawinen in der näheren Umgebung zu hören (die starken Monsunschauer der
letzten Tage haben die Berghänge durchweicht), auch das Geschnatter der Affen,
die in den Bäumen um uns herum ihr Spielzimmer haben, stört die Nachtruhe
erheblich. Schon früh am Morgen brechen wir auf, um auf der Strecke ins 1200m
tiefer gelegene Dharamsala möglichst wenig Gegenverkehr zu haben. In zwei Tagen
wollen wir das 500km südlich gelegene Delhi, die Hauptstadt Indiens, erreichen.
EIN MCLEOD GANJ SPECIAL VON MARCUS
Sitz der Exilregierung und derzeitige Heimat der 14
Inkarnation von Chenresig, der Gottheit des universellen Erbarmens, dem Dalai
Lama. Wir können es uns natürlich nicht nehmen lassen, an diesen ach so
heiligen Ort einen Abstecher zu machen. Was wir hier vorfinden, ist der
schlechte Witz und Abklatsch dessen, was uns aus den 65ern noch erhalten
geblieben ist. Nackter höhnischer Kommerz trifft auf Althippies mit Vollbärten,
geschnürten Ledersandalen
und dem obligatorisch selbstgestricktem Wollpulli in
dezenten, schreienden Rottönen. Junges Hipp-Volk, Mädels mit
Nasenpiercing und Rastazöpfen, coole Jungs mit Glatze und Intellektuellenbrille
vervollkommnen das Bild, dass die westliche Welt hier hinterlässt. Wobei man es
den Einheimischen nicht verübeln kann zu glauben, dass westliche Touristen alle
was an der Klatsche haben müssen. Jedenfalls dann, wenn sie diese ca. 150
Gestalten, was wahrscheinlich ein Drittel aller spirituell inspirierten Westler
in gesamt Indien sind, beobachten. Egal, damit lässt sich Geld verdienen und
das wohl auch nicht schlecht. (mir ist jedenfalls kein einziger Bettler
aufgefallen, was für Indien wirklich die Ausnahme ist) Auf den nur insgesamt
ca. 3 km langen Strassen rennt man also immer schön im Kreis (des weiteren begegnet einem jede Person mindestens 3 mal innerhalb einer
Stunde). Hierbei entsehen dann Situationen wie diese: Rotjacke trifft Rothöschen
(fehlt nur noch Rotkäppchen), bei dem Yoga Kurs mit anschliessender Shangrila
Massage bekommt man ganz neue spirituelle Ideen. usw. usw. dazwischen laufen
dann ein paar Kühe durch die Gassen, die sich an halb leergegessen Chipstüten
laben, um dann später darauf zu sch...
Die Krönung dieses Tages waren aber wohl
zwei beknackte Deutsche, (nämlich wir) die nichts besseres zu tun hatten, als
sich mit Ihrem 11 t Lkw die fast durchgehend einspurige und 8 km lange Strasse
nach Mcleod Ganj hoch zu quälen. Dann einmal fast komplett
durch alle Gassen zu kurven, auf der Suche nach einem Hotel, dessen Parkplatz grösser
als ein Handtuch ist. Um dabei alle Händler zu zwingen ihre Pergolen
einzuziehen und ihre Ware
von der Strasse zu räumen, damit das fast 2,6m breite
Magirus Geschoss überhaupt noch vorwärts kommt. Schon bei der Auffahrt zu
diesem Kaff war die Bankette teilweise am Rand abgesackt, als wir Maggie mit ein
paar Kratzern an vorbeischrammenden Bussen den Berg raufbugsiert haben. Einer
der wenigen Plätze, auf denen wir dann wenden konnten, war
der Parkplatz des Hotels, dass wir fanden, um den Berg überhaupt wieder in
Fahrtrichtung herunterzukommen. Mein Resumee dieses Besuches lautet: Schaut es
euch an, erwartet nicht zuviel, lacht einmal herzlich über euch selbst und die
anderen Beknackten, die hier herumlaufen auf der Suche nach dem Licht (oder war
es die Macht) und kommt um Gottes willen nicht auf die Idee, hier mit eurem
eigenem Lkw hochzufahren.
Marcus