Goa 6

Die ruhigen Tage in Vagator vergehen mit dem lesen unzähliger Bücher, Schach- und Frisbeespielen, schwimmen... oder kurz gesagt, wir schieben eine ruhige Kugel und lassen Leib und Seele baumeln. Immer wieder machen wir nette neue Bekanntschaften. So lernen wir am Strand Claudia und Cecil kennen, zwei Mädels aus Hannover, die auf einem sechswöchigen Goa/Rajasthan-Trip sind. Die beiden unternehmungslustigen Niedersachsinnen verbreiten eine unglaubliche Menge guter Laune und schaffen es sogar, uns zu einem gemeinsamen Essen im „Bean me up“ zu überreden. Ein vegetarisches Restaurant! Wer Marcus und mich kennt, weiss, dass uns Steaks, Frikadellen, Schinken, Salami etc. heilig sowie Hauptbestandteil jeglicher Mahlzeit sind („Fleisch ist ein Stück Lebenskraft“ sagt schon die deutsche Metzgerinnung und Recht hat sie, es hat uns gross und stark gemacht). Abgesehen davon, dass es der Beginn eines lustigen Abends ist, müssen wir Cecil und Claudia zugestehen, dass ihre Wahl alles andere als schlecht ist. Bei den erstklassig zubereiteten Gerichten des „Bean me up“ vermissen wir unsere gewohnte abendliche Ration Tier in keinster Weise. Nicht, dass wir ab jetzt dem Fleischgenuss entsagen werden (Gott behüte!), aber wir sind sicher, dass wir dieses Restaurant noch öfter besuchen werden. Merke: Tofoburger schmeckt besser als es klingt! Danach geht es noch zum Schlemmen ins örtliche „Baskin & Robbins“-Eiscafe. Das Eis des bekannten  US-amerikanischen Herstellers ist DEFINITIV das beste der Welt! Schon die Namen der unterschiedlichen Sorten lassen einem das Wasser im Mund zusammen- und aus den Mundwinkeln herauslaufen. Meine Favorits: Praline Cashew und Butterscotch Ribbon. Unser Tip: Niemals versuchen, drei oder mehr der verdammt grossen Kugeln essen zu wollen. Ein Selbstversuch hat mich total fertig und kurzfristig bewegungsunfähig gemacht. Endstation ist das „Prime-Rose“, kleiner open-air Techno Club mit überdachter Terrasse, deren gewölbeartige Decke von einem offensichtlich auf einem Trip befindlichen Künstler mit UV-aktiven Farben bemalt wurde und nachts mit Schwarzlicht angestrahlt wird. Am 14. Januar brechen Claudia und Cecil Richtung Rajasthan auf, da sie zumindest einen Teil ihres sechswöchigen Indien-Aufenthaltes (übrigens nicht ihr erster) anders als relaxt am Strand verbringen wollen. Die Landeskultur ruft. Zwei Wochen lang wollen sie den zum grossen Teil aus Wüstengebieten bestehenden Bundesstaat durchstreifen und dann wieder nach Vagator zurückkehren. Wir freuen uns schon auf das Wiedersehen. Eine weitere nette und neue Bekanntschaft ist Beth, quirlige australische Grafik-Designerin aus Sydney. Wieder einmal eine der glücklichen Fügungen unserer Reise, denn schliesslich wird Maggie Mitte März nach vierwöchiger Seereise im Hafen dieser Grosstadt ankommen, und es wird sicher (auf Grund der Erfahrungen anderer Traveller) einige Tage und Mühen in Anspruch nehmen, bis wir die Zollformalitäten erledigt haben und mit Maggie das Hafengelände verlassen können. Da ist es natürlich phantastisch, dass wir nun in Sydney eine Anlaufadresse haben. Beth brennt schon darauf, uns die Stadt zu zeigen und „die neuen Reisebekanntschaften mit dem riesigen Wohnmobil“ ihren Freunden vorzustellen. Einige Tage treffen wir uns mit ihr am Strand, gehen abends gemeinsam zum Essen und erfahren dabei, dass sie schon mehr als vierzig Länder dieser Welt bereist hat, grösstenteils allein. Schon beeindruckend, selbst ihr inzwischen dritter Reisepass hat kaum noch Platz für neue Visa. Hatten wir ihr gar nicht zugetraut, da sie auf den ersten Eindruck eher etwas konservativ und bieder wirkte. So kann man sich täuschen. Beths Mutter, die in Sydney ihren kleinen Hund hütet, hatte darum gebeten, keinen Inder mit nach Hause zu bringen. Es scheint Beths Hobby zu sein, nicht lang anhaltende „foreign relationships“ einzugehen. Am 18. Januar müssen wir uns von Beth verabschieden, denn auch sie will noch für zwei Wochen nach Rajasthan (nachdem wir einige Tage zusammen verbracht haben ist wollen vielleicht nicht mehr das richtige Wort, aber sie hat die Tickets schon bezahlt) um dann von Bombay aus wieder nach Hause zu fliegen. Hatte ich eigentlich erwähnt, dass Marcus aufgehört hat zu rauchen? Kein Scherz! Schon mehr als drei Wochen hält er es inzwischen tapfer durch. Auch ich werde spätestens Mitte Februar in diesen sauren Apfel beissen müssen. Das Ganze beruht natürlich nicht auf guten Vorsätzen, die wir in der Sylvesternacht für das Jahr 2003 getroffen haben, sondern hat rein pragmatische Gründe, da wir zu unserem Leidwesen erfahren mussten, dass die Schachtel Zigaretten in Australien umgerechnet 5€ kostet. Da sich jeder von uns beiden mit fast zwei Schachteln am Tag die Lunge teert, würde dies bedeuten, dass wir in unserem Haushaltsplan für das Land der Koalas und Kängurus 20€ pro Tag für Rauchwaren einkalkulieren müssten. Also heisst es, dramatische Änderungen in unserer ungesunden Lebensweise durchzuführen (was natürlich unbestritten seine guten Seiten hat). Wir hoffen inständig, dass der auf Null reduzierte Nikotinkonsum in der Folgezeit nicht zur Verdoppelung des Nahrungsmittelverbrauches und Ausweitung der Fettschicht im Taillenbereich führt. By the way noch ein kleiner Vagator-Gourmet-Tip: Das französische Restaurant „Le Blue Bird“ ist inzwischen eines unserer Lieblingslokale geworden. Inhaber Pierre, verheiratet mit einer Inderin, betreibt es hier seit einigen Jahren und findet mit seinen kulinarischen Kreationen, die sich weit vom üblichen Standard abheben, ständig neue Freunde. Die Karte ist nicht umfangreich, was aber auch nur bedeutet, dass im Gegensatz zu anderen Restaurants nicht ein Gericht in 48 kaum unterschiedlichen Variationen untereinander aufgelistet ist. Die Preise liegen etwas über dem Durchschnitt, sind aber mit etwa 5€ für Vorspeise, Hauptspeise und Getränk immer noch weit unter dem, was wir von zu Hause gewohnt sind. Ausserdem sind wir gerne bereit, etwas draufzulegen, die Qualität stimmt, das Ambiente hebt sich wohltuend vom Plastikstuhl-Einheitsbrei ab, die von Pierre bevorzugte Hintergrundmusik (St. Germain, Faithless, Toshinori Kondo) ist genau unser Geschmack. Eine „Massive Attack“-CD, die wir doppelt in unserem Bestand haben, ist also genau das richtige Geschenk und bringt uns in den Genuss eines erstklassigen Cognac. Immer wieder finden andere Langzeit-Traveller mit ihren Fahrzeugen den Weg auf die Klippen über Vagator-Beach. Edelgard und Gerd aus Hannover sind mit ihrem erstklassig neu aufgebauten Mercedes 1117 auf einer halbjährigen Reise von Deutschland nach Indien und zurück. Zwei Wochen wollen sie sich Zeit nehmen, in Goa zu entspannen. Ausgerechnet in ihrer ersten Nacht in Vagator schlägt das Schicksal in Form einer der berüchtigten 24-stündigen Vollmond-Partys zu. Location: Einhundert Meter Luftlinie von uns entfernt. Die wummernden Industrial-Techno Beats lassen ihr Fahrzeug die ganze Nacht vibrieren, so dass sie schon am folgenden Morgen in Richtung Agonda weiterfahren, aber versprechen, auf dem Rückweg noch einmal für einen Tag vorbeizuschauen. In die Rubrik „kuriose Fahrzeuge dieser Welt“ gehört zweifelsohne das Wohnmobil von Linn und Steffen. Es ist zweigeschossig! Staunend stehen wir vor dem blauen Hanomag-Henschel, auf dessen Dach sie die abgetrennte Karosserie eines VW-Bulli geschweisst, die Wohnfläche somit fast verdoppelt haben und nun die stolze Höhe von vier Metern erreichen. Diese nach deutschem Recht gerade noch zulässige Fahrzeughöhe hat sie erstaunlicherweise bis jetzt kaum in Bedrängnis gebracht. Steffen bemerkt, dass erst ca. zehn etwas zu tief über die Strasse verlaufende Leitungen trotz Hebeversuchen klein beigeben mussten. Schwund gibt’s halt immer. Und noch ein Neuzugang: Micha, Meta und Zappel aus Dresden mit ihrem feuerroten Mercedes 911 Kurzhauber, ehemaliges Katastrophenschutz-Fahrzeug. Auch dieses umgebaute Wohnmobil hat einige Besonderheiten zu bieten, und zwar in Form einer hydraulischen Hebebühne am Fahrzeugheck (öffnet auf Wunsch die Schlafabteilung zur Aussenwelt) und eine Terrasse. Ja, richtig gelesen, Terrasse! Ein knapp drei Quadratmeter grosser Teil der linken Aufbauhälfte lässt sich herunterklappen und auf Stahlbeine stellen, so dass die Jungs von ihrer Essecke aus ins Freie gehen können. Micha ist der einzige permanente Traveller dieser Tour (www.trio-unterwegs.com), die im Mai 2002 in Deutschland startete. Freunde fliegen unterwegs ein, um Micha auf einem mehr oder weniger langen Teil der Reise zu begleiten, manche des öfteren für mehrere Wochen wie beispielsweise Meta, Techno-DJ und Organisationstalent. Zitat Micha: „Da kommst du in einem fremden Land in irgendeiner Stadt an und der Mann zischt los, weil er wichtige Termine hat!“ Die Zeit, die Micha alleine verbringt, nutzt er sinnvoll, wie zum Beispiel für eine einmonatige Mitarbeit bei der Leprahilfe in Kathmandu, Nepal (www.shanti-leprahilfe.de). Neben dem schon erwähnten Flea-Market mittwochs in Anjuna, gibt es in Goa noch den an jedem Wochenende stattfindenden „Saturday Nite Bazaar“, eine empfehlenswerte Attraktion! Organisator ist der Deutsche Ingo, der hier Bewundernswertes auf die Beine stellt. Neben den üblichen einheimischen Händlern rekrutiert sich die überwiegende Anzahl der Anbieter aus halb- bis ganzjährig in Goa ansässigen Europäern, die eine umfangreiche Warenpalette (von selbstgemalten Aquarellen über spezielle Goa-Techno-CD-Sampler und selbstgeschneiderte Kleidung bis zum handgefertigten Schmuck) zum Kauf anbieten. Der Nite-Bazaar beginnt gegen 18 Uhr und endet spät in der Nacht. Eine grosse Anzahl von unterschiedlichen Imbiss- und Getränkeständen sorgen für das leibliche Wohl der Besucher. Nun zum wirklichen Knüller der Veranstaltung. Auf der Mitte des Geländes befindet sich eine feste Bühne, davor eine teils bestuhlte Fläche, die geschätzten 700 – 800 Menschen Platz bietet. Ein für indische Verhältnisse akzeptables PA-System ist installiert, die Technikercrew ist erfreulicherweise aus Europa, das Programm, welches über den Abend hinweg geboten wird, ist abwechselungsreich: Indische Rockbands, Martial-Arts Vorführungen, landestypische Tänze, Urlauber, die ihre Sangeskünste im Halfplayback zu Gehör bringen und ab und zu ein echtes Highlight. So war beispielsweise Ende letzten Jahres Sissy Perlinger (erklärter Goa Fan) zu Gast. Wir haben das Glück, während einer unserer Nite-Bazaar einen weiteren berühmten Überraschungsgast zu erleben. Manni Neumaier, bewaffnet mit elektronischen Drum-Pads und mehreren unterschiedlich grossen Metalltellern liefert sich mit einem steinalten indischen Trommler aus Manali atemberaubende Percussion-Schlachten. Jetzt wird manch einer sagen, von einem berühmten Manni Neumaier habe er noch nie etwas gehört. Kann schon sein, der Deutsche ist im eigenen Land als Schlagzeuger der ehemaligen Deutschrock-Band „Guru Guru“ wahrscheinlich nur noch einer Gruppe von um die Vierzigjährigen bekannt. In Asien sieht das anders aus. Hier ist Manni Neumaier ein Star. Im Wachsfigurenkabinett in Tokyo ist er gar Seite an Seite mit Jimi Hendrix zu bewundern! Wo wir gerade beim Thema Künstler sind: Am Strand lernen wir Petra E aus Würzburg kennen. Die flippige, quirlige Künstlerin (Typ everybodys darling) verbringt seit vielen Jahren mehr oder weniger die ganze Saison in Goa und nutzt einen Teil ihrer Zeit zum optischen Verschönern von Hauswänden, Restaurants und Clubs. Besonders beeindruckend ist für uns, dass Petra über mehrere Jahre Inhaberin eines Autohandels war, soll heissen, das Mädchen versteht, was man meint, wenn man über Kolbengeschwindigkeit und Zündzeitpunkt redet. Bei einer ihrer Arbeiten dürfen wir ihr mit technischem Gerät behilflich sein. Petra integriert das Schattenbild des jungen israelischen Besitzers der „Zooris“-Beachbar (projiziert mittels unseres 500 Watt Tageslicht-Fluters) in ein dort vorher von ihr angefertigtes Wandgemälde. Dies bringt uns auf eine Idee: Unsere Schattenbilder auf der Seite von Maggies Aufbau! Petra brauchen wir nicht lange überreden und so kann die Sache in Angriff genommen werden. Am 9. Februar wird in einer Nachtaktion (klar, für Schattenbilder muss es richtig dunkel sein) Michas 911er parallel an Maggie herangefahren, so dass wir, auf der abgelassenen Hebebühne stehend, genau in der richtigen Höhe für eine Projektion stehen können. Petra lässt uns mit geschultem Blick solange verschiedene Positionen einnehmen, bis sie mit dem Ergebnis zufrieden ist und zeichnet die Schattenkonturen mit einem Edding auf Maggies Aussenhaut. Die nun folgenden Arbeitsgänge nehmen einige Tage in Anspruch. Die mit schwarzer Farbe zu lackierenden Flächen müssen gereinigt und angeschliffen werden, dann gilt es zwei Schichten Schwarz und als Finish eine Schicht Klarlack aufzutragen. Die Aktion gestaltet sich als etwas problematisch, da Petra eher nicht zu den grossgewachsenen Menschen zählt, doch mit Leiter, Luftlandeblechen und Spanngurten ist schnell ein Hilfsgerüst konstruiert, von dem aus sie alle zu lackierenden Flächen erreichen kann. Wir sind vom Ergebnis begeistert, gibt es Maggie doch endlich die bis jetzt fehlende persönliche Note und eine optische Verbindung zwischen ihr und uns.

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