Goa 5

Es ist schön, zurück in Vagator zu sein. Wir stehen auf demselben Platz, wie bei unserem ersten Besuch, auf den Klippen über Little Vagator Beach, mit dem phantastischen Blick auf die einzelnen kleinen Strände, die Palmenhaine und den türkisblauen Ozean. Macke, unser vierbeiniger Reiseabschnittsgefährte des ersten Aufenthaltes, hat uns sichtlich vermisst! Freudig begrüsst er uns (er würde wahnsinnig gern mit dem Schwanz wedeln, aber, ihr erinnert euch, das gute Stück fehlt ihm) und nimmt sofort wieder seine Beschäftigung als Wachhund auf. Guter Hund! Und gewachsen ist er. Die Brust ist breit, der Kopf massiv, die Verletzungen, die er trug, sind fast komplett abgeheilt. Unser Aufpäppelungsprogramm während der fünf Wochen unseres ersten Vagator-Aufenthaltes hatte also Erfolg. Aber Macke ist nicht der Einzige, der sich über das Wiedersehen freut. Die vielen Strandverkäuferinnen sind ebenso begeistert und werden auch von Ulla und Peter sofort ins Herz geschlossen, was natürlich auf Gegenseitigkeit beruht, da die beiden potentielle Kunden sind. Nur dumm, dass wir, als ‚erfahrene’ Goa-Besucher, inzwischen die Preise kennen, abzocken ist also nicht. Nichtsdestotrotz haben wir fortan wieder täglich eine mehr oder minder grosse Schar dieser Mädchen zu Besuch, es wird fröhlich drauflos geschnattert, sie besetzen unsere Stühle, trinken unseren O-Saft ... alles wie gehabt! Die Zahl der Touristen hat sich glücklicherweise nicht so stark erhöht, wie wir befürchtet hatten, die Saison fällt dieses Jahr erwartungsgemäss schlecht aus, was bedeutet, dass uns eine störende Betriebsamkeit erspart bleibt. Auch die 150 m entfernte Diskothek ‚9-Bar’ hat nach wie vor keine Erlaubnis, länger als bis 22 Uhr geöffnet zu bleiben. Danach strömen die Massen Tanzwütiger ins weiter entfernte ‚Prim-Rose’, ‚Paradiso’, ‚Disco-Valley’ oder zu den ‚Hill-Top Partys’. Das garantiert einen erholsamen Schlaf. Es sind nur noch wenige Tage bis Weihnachten und alles bereitet sich in freudiger Erregung auf das Fest vor, doch wird die Idylle durch einen Wermutstropfen getrübt. Die Gefahr terroristischer Anschläge auf die touristischen Zentren Goas wird nach den tragischen Ereignissen auf Bali und in Kenia sowie aufgrund geheimdienstlicher Kenntnisse seit einigen Tagen als gefährlich hoch eingestuft. Täglich finden wir in der örtlichen Presse Berichte über die Präventivmassnahmen der Polizei. Beamte in Zivil observieren den Strand und Gastronomiebetriebe, die uniformierten Sicherheitskräfte zeigen erhöhte Präsenz. Die Befürchtungen sind mit Sicherheit nicht unbegründet, fast 60% der Touristen in Goa kommen aus Israel, ein Fünftel der Bevölkerung ist muslimisch. Die Möglichkeit, religiöse Fanatiker zu verstecken, die ein Bombenattentat vorbereiten, ist somit nicht von der Hand zu weisen. Wären wir im Planungsstab einer terroristischen Einsatzgruppe, würden wir unter anderem die ‚9-Bar’, in der sich allabendlich fast 500 Touristen aufhalten (mehr als die Hälfte davon Israelis), sicher als eines der Primary-targets auswählen. Da wir nur 150 m von ihr entfernt stehen, sind wir also alles andere als auf der sicheren Seite. Hoffen wir also das Beste! Hier in Goa wird das Weihnachtsfest interessanterweise von allen Einwohnern gefeiert, obwohl nur sechzig Prozent von ihnen Christen sind, die übrigen vierzig Prozent zu etwa gleichen Teilen Hindus oder Moslems, aber ganz egal, es wird gemeinschaftlich gefeiert! Wenn auch nur am 25.Dezember, denn das zelebrieren des Heiligabends bzw. des zweiten Weihnachtsfeiertages kennt man hierzulande nicht. Häuser, Kirchen und vor allen Dingen Bars und Restaurants werden geschmückt mit Girlanden, Lichterketten und grossen, sternförmigen Lampions. In Ermangelung an Tannen und Fichten findet man verschiedentlich Weihnachtsbäume aus Plastik. Weihnachtliche Stimmung mag in dieser tropischen Umgebung bei den vorherrschenden hohen Temperaturen trotzdem nicht so recht aufkommen. Dazu gehört für uns nun mal Schneematsch, der Geruch von frisch gebackenen Plätzchen und der hektische Geschenke-Einkaufsmarathon. In somit eingeschränkter festlicher Stimmung verbringen wir den Heiligabend bei Tiger-Prawns und Lemon-Chicken in Pamelas Strandbar. Ohne das Absingen von Weihnachtsliedern. Am 27.12. muss Ulla uns leider wieder verlassen. Die drei Wochen ihres Besuches sind rumgegangen wie im Flug, braungebrannt und gut erholt wird sie die Traumstrände von Goa sicher immer in bester Erinnerung behalten. Ulla verspricht, uns in einem Jahr in Neuseeland zu besuchen. Frühmorgens bringen wir sie mit einem Taxi zum Dabolim-Airport, in dem die Departure-Abfertigung genauso chaotisch abläuft, wie alles in Indien. Aber daran ist man ja inzwischen gewöhnt.
Peter, Faltkanuheld der sieben Meere, paddelt fast jeden Morgen mit seinem Boot ins fünf Kilometer südlich gelegene Anjuna und zurück. Eigentlich wollte er längst seine Zelte hier abbrechen, um den nördlichen Küstenbereich Goas um Arambol herum zu erkunden, kann sich aber nicht so recht von Vagator losreissen. Auf einem seiner Kurzausflüge nimmt er drei der Strandverkäuferinnen, die ganz aufgeregt über ihren wahrscheinlich ersten Bootsausflug sind, als Passagiere mit. Diese Fahrt findet beinahe ein verhängnisvolles Ende. Beim Versuch des Wiederanlandens am Strand von Little Vagator mit seinen nicht ungefährlichen vorgelagerten Felsen ist er für einen Moment durch die fröhlich plappernden Mädchen abgelenkt und übersieht eine von Backbord kommende Welle, die das Leichtkanu knappe 100m vor der Küste zum Kentern bringt. Das wäre soweit nicht schlimm, doch können die drei Mädchen, wie fast alle Inder, nicht schwimmen! Als verantwortungsbewusster Skipper hat Peter seinen Passagieren zum Glück vor dem Ablegen eingeschärft, dass sein Boot im Falle eines Kenterns unsinkbar ist, sie sich im Fall des Falles also nur am Rumpf festhalten brauchen. Der glückliche Zufall will es, dass ich kurz nach dem Unglück auf den Klippen über dem Strand stehe und im Meer das kieloben treibende Boot und seine sich in höchster Not aneinander klammernden Passagiere sichte. Flinken Fusses eile ich hinunter zum Strand und schwimme den Schiffbrüchigen entgegen. Regina, eine knapp sechzigjährige deutsche Urlauberin, die das Geschehen vom Strand aus verfolgt hatte, eilt ebenfalls zu Hilfe. Gemeinsam ziehen wir das havarierte Boot und die drei ängstlich dreinblickenden Mädchen, die dank Peters beruhigender Worte nicht in Panik geraten sind (cooles Bild, wie Peter mit Ray-Ban Sonnenbrille, Strohhut und seiner ganzen Erfahrung im Wasser paddelnd die heikle Situation managt), in flaches Wasser. Die Mädchen, offensichtlich heilfroh, wieder festen Boden unter den Füssen zu haben, werden von ihren herbeigeeilten Müttern erwartet, die ängstlich das Geschehen beobachtet hatten, und fangen sich sofort ein paar saftige Kopfnüsse und Ohrfeigen ein. Peter fällt ein Stein vom Herzen, dass die Sache gut ausgegangen ist und kein schlimmes Ende gefunden hat. Ende gut, alles gut!
Sylvester rückt näher. In Pamelas Strandbar lernen wir ein englisches Pärchen nebst Tochter und Sohn kennen, die vor einigen Jahren in einem umgebauten Bedford-Bus lange Touren durch Europa gemacht haben. Zu unserem Erstaunen erfahren wir, dass auf einer dieser Fahrten ihre heute neunjährige Tochter das Licht der Welt erblickt hat. Vater und Sohn starten am Strand eine Sammlung für ein grosses Sylvesterfeuerwerk, an der natürlich auch wir uns mit 500 Rupies beteiligen. So sitzt dann in der Sylvester-Nacht um kurz vor zwölf pm (eine höchst interessante Erfahrung, bei 26°C Nachttemperatur in kurzen Hosen am indischen Ozean auf den Beginn des neuen Jahres zu warten) eine circa fünfzig Personen starke, wild durcheinandergewürfelte Gruppe am Strand und harrt der Dinge, die da kommen werden. Sie kommen in Form grosser Kartons voller indischer Feuerwerkskörper und Punkt Mitternacht geht es zur Sache! Indisches Feuerwerk ist mit Vorsicht zu geniessen. Kleine, harmlos aussehende Böller verursachen eine Druckwelle, die einem noch in grosser Entfernung die Haare vom Kopf bläst (es kann sich nicht um handelsübliches Schwarzpulver handeln, wir vermuten eher TNT oder C4), zehn Zentimeter lange Zündschnüre haben eine unberechenbare Brenndauer von zwischen 0,5 und 20 Sekunden, aufsteigende Raketen detonieren je nach Laune in einer Höhe von 0 bis 80 Meter. Mehr als eine halbe Stunde kracht und zischt es, es gibt keine nennenswerte Verletzungen zu beklagen, alle sind zufrieden und gratulieren den englischen ‚Feuerwerkern’ zur „brillant show!“. Noch bis zum Mittag des Neujahrtages wummern die mächtigen Soundsysteme auf den viele Parties in und um Vagator.
Sylvester á la Goa!
So langsam wird es Zeit, uns mit der geplanten Verschiffung nach Australien zu befassen. Wir hatten per E-Mail Anfragen an drei Shipping-Agencies in den Hafenstädten Bombay (600 Km nördlich von Goa), Cochin (600 Km südlich) und Chennai (das ehemalige Madras, 1100 Km südöstlich an der indischen Ostküste gelegen) geschickt. Unsere Vorgabe: Transport in irgendeinen Hafen Australiens, Abfahrt erste Februarhälfte, Preis so günstig, wie möglich, schnelles Angebot. Zwei der Agenturen schicken uns hinhaltende ‚standby’-Mails und bitten um mehr Bearbeitungszeit, da sie von Maggies Ausmassen (ihr erinnert euch: Maggie ist einfach zu beleibt für eine Containerverschiffung, egal, ob open-Top oder nicht) vor ein grösseres Problem gestellt werden. Ein Liner muss gefunden werden, der über die benötigten Hilfsmittel für eine Flatrack- bzw. Plattform-Verschiffung verfügt. Erstaunt sind wir daher über das schnelle Angebot „Daroowalla Bros. & Company“ (Tel.: Bombay-2018734, E-Mail: anukarish@yahoo.com) aus Bombay. Sie offerieren uns einen Platz auf einem Frachtschiff, das speziell Fahrzeugtransporte durchführt, Nhava Sheva Port (60 Km nördlich von Bombay gelegen) am Abend des 20. Februar verlassen wird, zwei Wochen später Tokyo (!) erreicht, von dort aus am nächsten Tag wieder aufbricht und nach weiteren ca. zwei Wochen fünf Häfen in Australien anläuft. Nach mehrmaligem hin und her mailen erhalten wir letztendlich eine genaue Aufstellung der anfallenden Kosten. Eine Seefahrt, die ist lustig. Und teuer. Die reine shipping-rate für den Transport bis zum von uns gewählten Arrival-Port Sydney beträgt 2050US$. Zusätzlich fallen noch Kosten für Handling, Verladung und Verzurrung an, darüber hinaus Port-Charges, Custom-Clearence-Charges, Agenturgebühren und Steuern. Das alles zusammen schlägt mit weiteren knapp 1200US$ zu Buche. Zusätzlich muss Maggie kurz vor der Abfahrt noch eine gründliche Dekontamination (gegen Insekten und Mikroorganismen) und Reinigung über sich ergehen lassen (250US$). Die australischen Quarantäne-Vorschriften sind in dieser Hinsicht sehr streng. Sollten in einem eingeführten Fahrzeug Schädlinge gefunden werden, kann bis zur Freigabe durch die Zollbehörden ein Zeitraum vergehen, der länger als die Visa-Laufzeit ist. Das wäre verständlicherweise fatal! Alles in Allem kostet die Verschiffung somit satte 3500US$. Hinzu kommen natürlich noch zwei Flugtickets (ca. 900US$), da für uns nicht die Möglichkeit besteht, Maggie auf ihrer Passage zu begleiten. Eigentlich schade, denn Tokyo hätte sich auf unserer Reiseroute echt gut ausgemacht. Wir werden handelseinig mit Daroowalla Bros. und übergeben am 07.01. eine Anzahlung von 1500€ an einen eigens angereisten Repräsentanten der Agentur. Einen Tag darauf erreicht uns übrigens das Angebot der Agentur aus Chennai. Bei ihnen liegt die reine shipping-rate (auf einem Flatrack) bei 7000US$. Verbrecher!

weiter nach Goa 6