
Goa 4
Ich bin
in meinem ganzen Leben noch nicht soviel geschwommen, wie hier in Agonda. Jeden
Tag 2 Km im in den Morgenstunden relativ ruhigen und glatten Ozean. Dabei kommt
es hin und wieder zu ‚tierischen Begegnungen’. Einmal schwimme ich
einhundert Meter inmitten eines Schwarmes handspannenlanger, silbrig glitzernder
Fische, die links und rechts von mir hoch aus dem Wasser springen, einen Heidenspaß
und überhaupt keine Angst vor mir haben. Ein
anderes Mal stürzt einer der vielen hier beheimateten mächtigen Seeadler keine
fünf Meter von mir entfernt vom Himmel, bremst seinen rasenden Fall derartig
geschickt, dass nur seine Krallen für einen Sekundenbruchteil die Wasseroberfläche
durchstoßen, den aus über 100 m Höhe erspähten Kingfish packen und erhebt
sich dann mit zappelnder Beute und gewaltigen Flügelschlägen wieder in die Lüfte.
Eine
andere Begegnung bleibt uns, zumindest fürs Erste, erspart. Holger hat mit
seinem Fernglas keine 200 m vor der Küste den sich schnell bewegenden Schatten
eines Großfisches knapp unter der Wasseroberfläche
ausgemacht, kann aber nicht
erkennen, ob es sich dabei um einen Delphin oder Hai handelt. Apropos
Holger: Auch er und seine Frau Roswitha (wir hatten gemeinsam eine angenehme
Zeit in Pokhara verbracht) sind mit ihrem großen Mercedes-Wohnmobil
eingetrudelt, Holger mit einem durch eine im völligst falschen Moment
zuklappende Stauraumklappe gequetschten rechten Zeigefinger und einigen leichten
Blessuren, die entstanden, als Holger zwischen seinem Fahrzeug und einem
indischen Bus eingequetscht wurde, der sich auf Teufel komm raus durch eine viel
zu schmale Lücke drängeln wollte. In dieser prekären Lage aufs äußerste erbost, schlug Holger ihm mit der Faust die Seitenscheibe ein, um klarzustellen,
dass er nicht noch weiter zerdrückt werden wolle. Den sich daraufhin in
Windeseile bildenden gereizten indischen Mob, konnte Roswitha nur durch die
beherzte Androhung eines massiven Pfefferspray-Einsatzes bis zum Eintreffen der
Polizei in Schach halten. Wir
bekommen ein größeres Energieproblem. Die Solarzellen schaufeln seit einigen
Tagen nicht mehr genug Strom in die aus zwei Gel-Akkus bestehende
Verbraucher-Batteriebank, unser auf Unterspannung äußerst sensibel
reagierender Kompressorkühlschrank schaltet sich nachts vorsichtshalber aus
und taut ab. Eine Messung der Akkus ergibt weniger als 24 Volt, Tendenz
fallend, der Blick in die aufgeschraubten Zellen offenbart die Ursache: Das
Elektrolytgel hat sich in eine Art zerbröckelte, weiße Schokolade verwandelt,
kurz gesagt, die Batterien haben das Zeitliche gesegnet, und dass nach
nur
achtmonatigem Einsatz! Unsere Travellerfreunde berichten von
gleichen Erfahrungen mit Gel-Akkus in Heißen und tropischen Gebieten.
Inzwischen sei allgemein bekannt, dass sie in diesen Regionen untauglich sind.
Unser Outdoor-Ausrüster AMR in Lüneburg hatte Gel-Akkus, wohlwissend, dass
unsere Tour durch Südostasien und Australien führt, als beste Lösung für die
Verbraucher-Batteriebank empfohlen: Zyklenfest und unsensibel gegen
Tiefentladung. Wir sehen uns genötigt, AMR
eine böse E-Mail zu schicken. Die Antwort ist erstaunlich:
Schwierigkeiten in heißen Gegenden seien nicht bekannt, im Gegenteil, Gel-Akkus
würden von vielen Kunden problemlos sogar in Afrika eingesetzt (na dann
erkundigt euch mal bei Wolfgang und Doris Weiss, langjährige Afrika-Traveller,
über ihre Erfahrungen und die ihrer Bekannten auf Afrika-Trips!). AMR würde
gern überprüfen, ob der Tod unserer Gel-Akkus nicht vielleicht auf eigene
Fehler zurückzuführen sei, beispielsweise mehrmalige bösartige Tiefentladung
(wir besitzen einen Akku-Wächter, gekauft bei AMR!) oder Ladung mit falschem
Ladegerät über Stromgenerator (auch das 300 € teure Spezialladegerät mit
IOUO-Kennlinie haben wir bei AMR gekauft!). Außerdem müssten
die Akkus vor Vibrationen geschützt werden (jetzt mal ehrlich, sollen wir
unsere Reise auf Grund von schlechten Wegstrecken in einem Mercedes-Maybach
machen?). Eindrucksvoller Dienst am Kunden! Sei es wie es will, die Akkus sind
erledigt, also brauchen wir Ersatz. Knapp 10 Km von uns entfernt befindet sich
an der Nationalstrasse 17 eine kleine LKW-Werkstatt. Dort ordern wir zwei 150
Ampere Nassbatterien, wartungsfreie Akkus neuester Generation, das Stück für
115 €, die uns noch am selben Nachmittag angeliefert werden. Sogar die nicht
mehr verwendbaren Gel-Akkus nimmt man für 15 € in Zahlung. Da die neuen
Batterien knapp doppelt so groß sind wie die alten, müssen wir etwas umbauen,
aber auch das ist kein wirklich großes Problem. Unser guter Rat für
Fernreisende: Finger weg von Gel-Akkus, wenn ihr vorhabt, in heisse und
tropische Regionen zu fahren. Und das wohlgemerkt nicht nur auf Grund eigener
Erfahrungen! Die
Nassbatterie für 100 €, die in der Regel
nach zwei Jahren aufgibt, tut nicht so weh, wie der VIEL teurere Gel-Akku, der
schon nach acht Monaten alle Viere von sich streckt. Am Morgen
des 7.12. befinden wir uns in einem mit Fahrer gemieteten PKW indischer Bauart
auf dem Weg zum 70 Km entfernten Dabolim Airport. Der Grund: Um 9 Uhr landet
eine Maschine der Fluggesellschaft Condor über Dubai aus Frankfurt kommend. An
Bord befindet sich Marcus Mutter Ulla, die uns hier in Goa bis nach den
Weihnachtsfeiertagen besuchen wird. Der ‚International Airport’ entpuppt
sich als chaotischer, kleiner Regionalflughafen. Drei Maschinen sind für heute
morgen im Dreiviertelstunden-Takt angekündigt. Die erste aus Frankfurt, die
zweite aus London und zum Schluss ein Aeroflot-Flieger aus Moskau. Auf Grund von
Flugzeitverschiebungen landet man in kurzen Abständen in umgekehrter
Reihenfolge, was zu einem mittleren Chaos führt, da die Abfertigungshalle nur
über zwei Gepäckbänder verfügt, um die herum sich in kürzester Zeit 800
Urlauber aus drei Ländern drängeln. So ist es fast 12 Uhr, als Ulla gestresst,
aber nicht entnervt den Sicherheitsbereich verlässt und außerhalb des
International-Arrival Terminals zum ersten Mal die warme, würzige Luft Goas
atmet. Eineinhalb Stunden später sind wir wieder in Agonda
und bringen Ulla in einem einfachen Zimmer indischen Stils (3 bis 5-Sterne
Hotels gibt es in Agonda, zum Glück, nicht) des ein Kilometer von unserem
Standplatz entfernten ‚Dolphin Guest House’ unter. Begierig warten wir
darauf, dass Ulla ihren Koffer öffnet, den in ihm befinden sich diverse Sachen,
die wir seit Monaten sehnlichst vermissen: Mehrere Kilogramm Salami, Schinken
und Käse sowie Brot Gummibärchen, Schokolade und eine aktuelle Ausgabe des
‚Stern’ bzw. des ‚Spiegel’. Für uns ist jetzt schon Weihnachten! Auch Ulla
ist von der reizvollen Umgebung begeistert, unternimmt lange Strandspaziergänge,
sammelt Muscheln, schwimmt im warmen arabischen Meer und genießt die 35°C
Tagestemperatur, während zu Hause in Deutschland der erste Schnee fällt. Aber
es soll kein reiner
Badeurlaub für sie werden.
Gemeinsam
unternehmen wir einen Ausflug zum Anjuna-Fleamarket, schließlich wollen die 10
Kg Gepäckgewicht, die durch die diversen Lebensmittel vereinnahmt waren, mit
indischen Handarbeitswaren (Geschenke für die Daheimgebliebenen) aufgefüllt
werden. Wiederum in einem mit Fahrer gemieteten PKW machen wir eine Rundtour zu
Goas wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Davon gibt es nicht sonderlich viele (Goa
ist schließlich durch seine wunderschönen Strände bekannt und nicht auf Grund
beeindruckender Altertümer), aber ein bisschen Kultur gehört halt zu jedem
Urlaub. Wir besichtigen das Fort Cabo da Rama, eine weitläufige, alte Festung
aus der zeit der portugiesischen Besetzung (leider sind nur einige Teile der
alten
Festungsmauer und ein paar bronzene Kanonen erhalten, auf dem grossen
Innenareal findet man heute nur noch eine Kirche und wenige undefinierbare
Ruinen), in der heute unzählige Affen beheimatet sind, steigen 292 Stufen hoch auf den Gipfel eines Hügels, besuchen dort einen
abgeschieden gelegenen Hindu-Tempel, erbaut zu Ehren einer Gottheit, die unser
eher nicht sachkundiger Führer nicht benennen kann (kein Wunder bei den unzähligen
Hindu-Göttern) und fahren nach Ponda, um dort, circa 30 Km östlich von Panjim
wiederum zwei große Hindu-Tempel zu besichtigen. Von einem freundlichen, älteren
Inder erfahren wir, dass beide Tempel nicht immer hier gestanden haben. Als die
zu Beginn eher klein portugiesische Enklave im heutigen Goa sich im 16.
Jahrhundert langsam ausweitete, wurden fast alle hinduistischen Sakralbauten dem
Erdboden gleichgemacht. Der regionale Fürst des Gebietes um Ponda, das sich
lange dem portugiesischen Zugriff entziehen konnte, ließ die Trümmer einiger
dieser Tempel in mühsamer Arbeit in sein Hoheitsgebiet transportieren und dort
wieder originalgetreu errichten. Wir lassen uns von der innovativen Art der
Missionierung in dieser Zeit erzählen. Man bespritze die Hindus mit Rinderblut
und erklärte ihnen,
dass sie damit zum Katholizismus konvertiert seien.
Derart verunreinigt gab es für die bemitleidenswerten
Missionierungsopfer keine Aussicht mehr, jemals wieder als Hindu anerkannt zu
werden, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Glauben der Besatzer
anzunehmen. Den
Abschluss unserer Rundtour bildet Old-Goa, glanzvolle portugiesische Hauptstadt
der früheren Kolonie, von der heute nichts übrig geblieben ist als sechs
imposante Kirchen und Kathedralen. Die berühmteste von ihnen ist die
‚Basilika des guten Jesus’, fertig gestellt 1604 (unser, wie schon erwähnt,
unsachkundiger Führer beziffert das Alter dieses katholischen Gotteshauses auf
sieben- bis achttausend Jahre. Eingedenk unseres dezenten Hinweises, dass das
Christentum gerade mal zwei Jahrtausende währt, reduziert er diese Zahl
unwillig auf zweitausend und ist
auch nach zähen Verhandlungen nicht bereit,
ein Alter von weniger als eintausend Jahren anzuerkennen. Ein
echter Goaner ist eben stolz auf seine ‚uralten’ Sehenswürdigkeiten!). In
ihr befinden sich die angeblich unvergänglichen sterblichen Überreste des
Heiligen Franz Xaver. Zwei Monate nach seinem Tod im Jahre 1552 wurde klar, dass
sein Leichnam nicht verrotten wollte. Auf Grund dieses Wunders sprach die Kirche
ihn 1622 nach einer langen wissenschaftlichen Untersuchung, die bestätigte,
dass der fehlende Verfall nicht auf irgendeine Art von Einbalsamierung beruhte,
heilig. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts war dieses Wunder allerdings vorbei, der
Körper (inzwischen fehlten der rechte Arm und alle inneren Organe, die sich
ebenfalls ‚wundersamer’ Weise über ganz Südostasien verstreut hatten)
begann zu verfallen und wurde von Jesuiten in einem hermetisch verschlossenen
Sarg in Sicherheit gebracht. Heute kann man aus einiger Entfernung durch kleine
Glasscheiben im Sarg den Leichnam bestenfalls erahnen, jedoch wird er alle zehn
Jahre für kurze Zeit zur Schau gestellt, das nächste Mal 2004. Termin
vormerken! Das größte Bauwerk Alt-Goas ist die Se-Kathedrale, Baubeginn 1562 im
portugiesisch-gotischen Stil. Das Läuten ihrer gigantischen goldenen Glocke
soll, Erzählungen zu Folge, in ganz Goa zu hören gewesen sein. Damit sind alle
Sehenswürdigkeiten abgeklappert und das Goa-Kulturprogramm fürs Erste beendet.
Das der
Frieden und die Idylle dieses Paradieses höchst trügerisch sind beweisen die
folgenden Vorkommnisse: Zwei junge Engländerinnen haben ein Grundstück am
Strand gepachtet und auf diesem Areal acht Hütten, ein Duschhaus und eine
Strandbar aus Bambusstangen und Palmwedeln errichtet, um sie in der Saison an
Rucksacktouristen zu vermieten. Den alteingesessenen
Guesthouse- und
Restaurantbesitzern, die sich in diesem Jahr zu allem Übel auch
noch mit einer massiv eingebrochenen Zahl von Urlaubern konfrontiert sehen, ist
diese Anlage natürlich ein Dorn im Auge. Hilflos müssen die beiden
Betreiberinnen mit ansehen, wie im Schutze der nacht drei ihrer Hütten durch
einen Brandanschlag dem Erdboden gleichgemacht werden. Schon einige Tage zuvor
hatte ein Einheimischer bemerkt, dass noch vor der Eröffnung dieses Guesthouses
‚etwas abfackeln’ würde. Die Geschäftsleute Agondas denken halt
pragmatisch, Konkurrenz wird ausgeschaltet, bevor sie überhaupt zur Konkurrenz
werden kann. Die Polizei sucht die Täter nicht in den Reihen der Dorfbevölkerung,
diese Menschen seien gute Menschen (was übersetzt vermutlich heißt, dass die Höhe
des ‚Bakschisch’ an die Beamten zufrieden stellend war).
Auch wir
werden in einen Strudel unangenehmer Ereignisse hineingezogen. In der Nacht vom 19. auf den 20.12. platziert sich eine siebenköpfige Gruppe
Inder knapp zwanzig Meter hinter Maggie und beginnt mit einem fröhlichen
Saufgelage nebst Lagerfeuer. Das ist im Grunde genommen erst mal weder ungewöhnlich
(es passiert besonders an Wochenenden häufiger, dass sich Gruppen auf diesem
schönen Fleckchen zum Essen, Trinken und Feiern einfinden. Bis spätestens 21
Uhr sind sie in der Regel verschwunden und nur noch ein großer Haufen Müll
zeugt von ihrer Anwesenheit) noch beklagenswert, schließlich sollen auch sie
ihren Spaß haben, solange sie keinem anderen auf die Nerven gehen. Diese Party
verläuft nun etwas anders. Der PKW, mit dem ein Teil der Partygäste
eingetroffen ist, scheint über ein mächtiges Sound-System zu verfügen, und so
schallt plötzlich lautstarke Musik mit
wummernden Bässen über den Platz.
Bis jetzt ist die Geschichte auch noch nicht verurteilenswert, es ist
erst knapp nach 21 Uhr und die meisten der anwesenden Traveller sitzen noch in
Grüppchen bei einer Flasche Bier oder Brandy zusammen. Als dann alle in ihren
Fahrzeugen verschwunden sind, um sich schlafen zu legen (nur ich sitze noch
draussen, um den Abend mit einem
leckeren indischen Whiskey ausklingen zu lassen), beobachte ich, wie unsere
Wachleute (die schliesslich ihr tägliches Salär von uns dafür bekommen, auf
diesem Gelände ein wenig für Ordnung zu sorgen) im Gänsemarsch durch den
Party-Bereich trotten, mit ihrem fröhlichen ‚Hallo’ an die Gäste die Musik
kaum übertönen können, aber keine Anstalten machen, auf die Lautstärke
Einfluss zu nehmen. Ich gehe also zu ihnen und frage, warum sie, von uns für
ihre Aufgaben bezahlt, nicht dafür sorgen, dass die Lautstärke auf ein
moderates Maß gesenkt wird. „This is a problem!“ ist die Antwort, wir seien
nur einige Wochen hier, die Dorfbewohner aber das ganze Jahr und mit denen wolle
man „no trouble!“. Weicheier! Ich bitte sie stehen zu
bleiben und mit anzusehen, wie man solch eine Situation freundlich klären kann,
gehe hinüber zum Lagerfeuer und bitte die angetrunkenen Inder, die Musik soweit
zu dämpfen, dass wir die Möglichkeit zum Schlafen haben. Ein dickbäuchiger
Mann beginnt zwar kurz aufzubegehren, meint, dieser Platz sei nicht unser
Eigentum und man könne hier so laut sein wie man wolle, wird aber von einem
einsichtigen Kollegen gebeten, sich zu beruhigen und die Anlage wird auf ein
erträgliches Maß heruntergedreht. Soweit, so gut! Ich bin gerade wieder im
Wagen , habe die Schuhe ausgezogen und will mich ins Bett legen, als ich ein
Motorrad höre, das offensichtlich weiter Partygäste bringt. Zwei Minuten später
wird das Sound-System des indischen Autos auf Anschlag aufgedreht und verbreitet
ohrenbetäubende Musik. Nun
bin ich ein Mensch, der anderen
Leuten nicht auf die Nerven geht oder auf die Füße tritt und, falls
unbewusster Weise doch einmal, sein Tun sofort unterbindet, wenn er darauf
hingewiesen wird. Menschen, die dieses in provozierender Weise anders handhaben,
sind mir ein Dorn im Auge. Ein großer. Ich ziehe also meine Schuhe wieder an,
begebe mich wutentbrannt noch einmal zum Lagerfeuer, beginne die Inder mit
meinem großen Wortschatz an englischer Fäkalsprache anzubrüllen und schubse
einige von ihnen ein wenig durch die Gegend, wobei ich mich zum Schluss auf den
offensichtlichen ‚Leader of the pack’ konzentriere, den schon erwähnten
dickbäuchigen Mann (es stellt sich später heraus, dass es sich um den Besitzer
de uns am Nächsten gelegenen Restaurants handelt). Die Gruppe ist
augenscheinlich überrascht und keiner von ihnen hat den rechten Mut, sich zu
wehren. Schade
eigentlich, mein inzwischen reichlich produziertes Adrenalin
bedarf des Abbaus. Inzwischen sind einige Traveller-Kollegen zur Unterstützung
herbeigeeilt. Wolfgang, Walter (der die eskalierende
Situation von seinem erhöhten Hügelstandort mit einem Nachtsichtgerät (!)
beobachtet hat), ein junger Holländer (vor einigen Tagen mit Freundin und
Toyota Landcruiser zu uns gestossen) und Marcus, bewaffnet mit zwei schweren
Maglight-Taschenlampen, dem bevorzugten Überzeugungsargument der
US-amerikanischen Highway-Police. In einem gut vorgetragenen Schauspiel werde
ich von ihnen beruhigt und zurückgehalten. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt
hat, stehen wir uns wie zwei rivalisierende Strassengangs gegenüber. Die
betrunkenen Inder behaupten lautstark, dass sie
a.) tun und lassen können, was sie wollen, schliesslich seien sie Inder
und das hier indischer Boden und b.)
wir sowieso kein Recht hätten, hier zu sein, da es sich um Grundbesitz der
Regierung handelt (ich bitte bei dieser Gelegenheit zu entschuldigen, dass wir
keine Fotos von
diesem Vorfall zeigen können, es hat verständlicherweise
keiner daran gedacht, eine Kamera zu holen). Unserem
Argument, dass dieses Gebiet im Moment der Bank of India gehört und wir uns
hier mit der Erlaubnis der Wachmannschaft aufhalten, wird kein Glauben
geschenkt, so dass schliesslich die Polizei von Agonda herbeigerufen werden
muss, um die Situation zu klären. Es erscheinen zwei Beamte auf einem Motorrad,
hören sich erst unsere Version der Geschichte an und dann die der alle
gleichzeitig auf sie einredenden Inder, versuchen freundlich, aber ohne
ersichtlichen Erfolg (bestimmt alle miteinander verwandt oder verschwägert),
diese davon zu überzeugen, die Party abzubrechen. Ich muss mir letztendlich zu
meiner Überraschung von ihnen vorwerfen lassen, dass „bloody bastards“ nun
auch wirklich ein böses, böses Wort gewesen sei! Wir fordern den ranghöheren
der beiden Polizisten auf, uns seine ID-Card zu zeigen, um Name und Dienstnummer
aufzuschreiben, diese am morgigen Tag mit einem Bericht des Vorfalles
telefonisch an den leitenden Superintendant von South-Goa in Margao
weiterzuleiten und uns so vor vermutlichen nächtlichen Übergriffen der
offensichtlich rachedurstigen Dorfbewohner (Brandstiftung, Messer in die Reifen,
Steine in die Scheiben etc.) zu schützen. Seine ID-Card hat er
‚versehentlich’ nicht dabei, und da ihm die ganze Sache über den Kopf wächst,
wird kurzerhand per Funk die übergeordnete Polizeidienststelle in Cancona
informiert und die Verantwortung
somit kurzerhand abgewälzt.
Mit einem Jeep erscheinen einige Zeit später der diensthabende Offizier der
Nachtschicht sowie einige weitere Beamte. Zu unserem Erstaunen werden die
indischen Ruhestörer zwar angewiesen, nach Hause zu gehen, uns jedoch erklärt,
dass wir uns unberechtigterweise auf einem Gelände aufhalten, dass im Moment
zwar der Bank of India gehört, aber der indischen Gerichtsbarkeit unterstellt
ist. Unsere vorgezeigten Kopien des ‚Formblatt C’ (das
Standardregistrierungsformular der Hotels für ausländische Gäste, das wir auf
Bitte der Polizei von Agonda ausgefüllt hatten; Die Polizei selber hatte als
Aufenthaltsort den Namen des nicht fertig gestellten Hotelkomplexes eingetragen,
die Formulare gestempelt und signiert, so dass wir uns rechtlich abgesichert
wähnten)
beeindruckt ihn nicht. Es gäbe keine Rechtsgrundlage, die es
der Polizei von Agonda bzw. der privaten Hotel-Wachtruppe ermöglichen würde,
unseren Aufenthalt auf diesem Gelände zu erlauben. Im Laufe des morgigen Tages
sollen wir gefälligst von hier verschwinden. Dass seit circa zehn Jahren jedes
Mal über Weihnachten bis zu 25 ausländische Fahrzeuge hier stehen,
interessiert ihn nicht. Letztendlich hat es sich die ganzen Jahre über wohl nur
um eine stillschweigend geduldete Unrechtmäßigkeit gehandelt, die ab jetzt
strikt verboten wird, da man fürchtet, dass es zu ‚trouble’ kommen könne
(der komplette Polizeiapparat besteht hier offensichtlich aus
koruppten Feiglingen). Man will das Ganze noch ein Mal mit dem
vorgesetzten Inspektor erörtern, uns am nächsten Morgen die Entscheidung
mitteilen, aber es gäbe für uns sicher keine Aussicht auf Erfolg. Am Morgen
des 20.12. sehen wir sie natürlich nicht noch ein Mal, es tauchen lediglich
unsere ‚tapferen’ Wachleute und die Agonda-Polizei auf, um uns zu erklären,
dass wir das Gelände zu verlassen hätten. Man sei darüber hinaus nicht in der
Lage, uns vor den Übergriffen der aufgebrachten Dorfbewohner zu schützen. Ich
gebe ihnen deutlich zu verstehen, dass wir sie für eine
Bande rückgratloser
Feiglinge halten, was sie wortlos akzeptieren. Marcus,
Ulla und ich beschliessen, zurück nach Vagator zu fahren. Auch einige der
anderen Traveller verlassen Agonda, Roswitha und Holger, Doris und Wolfgang,
Werner und Ulrike wollen an einen einige hundert Meter entfernten
Strandabschnitt umziehen und hoffen, dass es zu keinen weiteren Problemen
kommen wird, wenn wir als ‚Hauptübeltäter’ das Dorf verlassen
haben. Sie sind stinkig auf uns. Besonders auf mich. Ich muss mir anhören, dass
ich nicht im Gemeinschaftssinne gehandelt habe. Da die Inder unberechenbar
seien, hätte auch ich im Wagen sitzen bleiben und den Krach mit gesenktem Haupt
über mich ergehen lassen sollen (so wie sie es mir vorgemacht haben).
Schliesslich wäre die
Party wohl irgendwann zu Ende gegangen sein. Nur keinen
Ärger! Wenn gerade Marcus und ich nicht über Gemeinschaftssinn verfügen,
weiss ich es auch nicht! Ich könnte auf Anhieb keines der Fahrzeuge benennen,
an dem Marcus noch nicht in der heissen Mittagssonne herumgeschraubt hat. Und als ich versucht habe, für Ruhe zu sorgen, dann bestimmt nicht,
um nur mir einen angenehmen Schlaf zu ermöglichen. Sei’s drum! Wenn ich
morgen in en Spiegel schaue, sehe ich wenigstens einen Menschen mit geradem Rückgrat
und erhobenem Haupt, der nicht durch ständiges Ducken unterwürfig gebeugt
ist!
Aber auch dieser unangenehmer Vormittag hat eine schöne Überraschung. Kurz
bevor wir den Palmenhain verlassen wollen, landet Peter, der sympathische
Berliner ‚Küstenpaddler’ mit seinem Faltkanu ein zweites Mal am Strand von
Agenda an. Nach einer zweiwöchigen Erkundung des Mittelgoanischen Küstenabschnittes
will er uns wieder besuchen, lässt sich kurz die Situation erklären und
beschliesst, gemeinsam mit uns nach Vagator zu fahren. Ruckzuck ist das Faltkanu
zerlegt, sein Gepäck eingeladen, und so erreichen wir schon am späten
Nachmittag die Klippen über Little-Vagator Beach und können uns an der
gleichen schönen Stelle platzieren, wie bei unserem ersten Besuch.