Goa 4

Ich bin in meinem ganzen Leben noch nicht soviel geschwommen, wie hier in Agonda. Jeden Tag 2 Km im in den Morgenstunden relativ ruhigen und glatten Ozean. Dabei kommt es hin und wieder zu ‚tierischen Begegnungen’. Einmal schwimme ich einhundert Meter inmitten eines Schwarmes handspannenlanger, silbrig glitzernder Fische, die links und rechts von mir hoch aus dem Wasser springen, einen Heidenspaß und überhaupt keine Angst vor mir haben. Ein anderes Mal stürzt einer der vielen hier beheimateten mächtigen Seeadler keine fünf Meter von mir entfernt vom Himmel, bremst seinen rasenden Fall derartig geschickt, dass nur seine Krallen für einen Sekundenbruchteil die Wasseroberfläche durchstoßen, den aus über 100 m Höhe erspähten Kingfish packen und erhebt sich dann mit zappelnder Beute und gewaltigen Flügelschlägen wieder in die Lüfte. Eine andere Begegnung bleibt uns, zumindest fürs Erste, erspart. Holger hat mit seinem Fernglas keine 200 m vor der Küste den sich schnell bewegenden Schatten eines Großfisches knapp unter der Wasseroberfläche ausgemacht, kann aber nicht erkennen, ob es sich dabei um einen Delphin oder Hai handelt. Apropos Holger: Auch er und seine Frau Roswitha (wir hatten gemeinsam eine angenehme Zeit in Pokhara verbracht) sind mit ihrem großen Mercedes-Wohnmobil eingetrudelt, Holger mit einem durch eine im völligst falschen Moment zuklappende Stauraumklappe gequetschten rechten Zeigefinger und einigen leichten Blessuren, die entstanden, als Holger zwischen seinem Fahrzeug und einem indischen Bus eingequetscht wurde, der sich auf Teufel komm raus durch eine viel zu schmale Lücke drängeln wollte. In dieser prekären Lage aufs äußerste erbost, schlug Holger ihm mit der Faust die Seitenscheibe ein, um klarzustellen, dass er nicht noch weiter zerdrückt werden wolle. Den sich daraufhin in Windeseile bildenden gereizten indischen Mob, konnte Roswitha nur durch die beherzte Androhung eines massiven Pfefferspray-Einsatzes bis zum Eintreffen der Polizei in Schach halten. Wir bekommen ein größeres Energieproblem. Die Solarzellen schaufeln seit einigen Tagen nicht mehr genug Strom in die aus zwei Gel-Akkus bestehende Verbraucher-Batteriebank, unser auf Unterspannung äußerst sensibel reagierender Kompressorkühlschrank schaltet sich nachts vorsichtshalber aus  und taut ab. Eine Messung der Akkus ergibt weniger als 24 Volt, Tendenz fallend, der Blick in die aufgeschraubten Zellen offenbart die Ursache: Das Elektrolytgel hat sich in eine Art zerbröckelte, weiße Schokolade verwandelt, kurz gesagt, die Batterien haben das Zeitliche gesegnet, und dass nach nur achtmonatigem Einsatz! Unsere Travellerfreunde berichten von gleichen Erfahrungen mit Gel-Akkus in Heißen und tropischen Gebieten. Inzwischen sei allgemein bekannt, dass sie in diesen Regionen untauglich sind. Unser Outdoor-Ausrüster AMR in Lüneburg hatte Gel-Akkus, wohlwissend, dass unsere Tour durch Südostasien und Australien führt, als beste Lösung für die Verbraucher-Batteriebank empfohlen: Zyklenfest und unsensibel gegen Tiefentladung. Wir sehen uns genötigt, AMR  eine böse E-Mail zu schicken. Die Antwort ist erstaunlich: Schwierigkeiten in heißen Gegenden seien nicht bekannt, im Gegenteil, Gel-Akkus würden von vielen Kunden problemlos sogar in Afrika eingesetzt (na dann erkundigt euch mal bei Wolfgang und Doris Weiss, langjährige Afrika-Traveller, über ihre Erfahrungen und die ihrer Bekannten auf Afrika-Trips!). AMR würde gern überprüfen, ob der Tod unserer Gel-Akkus nicht vielleicht auf eigene Fehler zurückzuführen sei, beispielsweise mehrmalige bösartige Tiefentladung (wir besitzen einen Akku-Wächter, gekauft bei AMR!) oder Ladung mit falschem Ladegerät über Stromgenerator (auch das 300 € teure Spezialladegerät mit IOUO-Kennlinie haben wir bei AMR gekauft!). Außerdem müssten die Akkus vor Vibrationen geschützt werden (jetzt mal ehrlich, sollen wir unsere Reise auf Grund von schlechten Wegstrecken in einem Mercedes-Maybach machen?). Eindrucksvoller Dienst am Kunden! Sei es wie es will, die Akkus sind erledigt, also brauchen wir Ersatz. Knapp 10 Km von uns entfernt befindet sich an der Nationalstrasse 17 eine kleine LKW-Werkstatt. Dort ordern wir zwei 150 Ampere Nassbatterien, wartungsfreie Akkus neuester Generation, das Stück für 115 €, die uns noch am selben Nachmittag angeliefert werden. Sogar die nicht mehr verwendbaren Gel-Akkus nimmt man für 15 € in Zahlung. Da die neuen Batterien knapp doppelt so groß sind wie die alten, müssen wir etwas umbauen, aber auch das ist kein wirklich großes Problem. Unser guter Rat für Fernreisende: Finger weg von Gel-Akkus, wenn ihr vorhabt, in heisse und tropische Regionen zu fahren. Und das wohlgemerkt nicht nur auf Grund eigener Erfahrungen! Die Nassbatterie für 100 €, die in der Regel nach zwei Jahren aufgibt, tut nicht so weh, wie der VIEL teurere Gel-Akku, der schon nach acht Monaten alle Viere von sich streckt. Am Morgen des 7.12. befinden wir uns in einem mit Fahrer gemieteten PKW indischer Bauart auf dem Weg zum 70 Km entfernten Dabolim Airport. Der Grund: Um 9 Uhr landet eine Maschine der Fluggesellschaft Condor über Dubai aus Frankfurt kommend. An Bord befindet sich Marcus Mutter Ulla, die uns hier in Goa bis nach den Weihnachtsfeiertagen besuchen wird. Der ‚International Airport’ entpuppt sich als chaotischer, kleiner Regionalflughafen. Drei Maschinen sind für heute morgen im Dreiviertelstunden-Takt angekündigt. Die erste aus Frankfurt, die zweite aus London und zum Schluss ein Aeroflot-Flieger aus Moskau. Auf Grund von Flugzeitverschiebungen landet man in kurzen Abständen in umgekehrter Reihenfolge, was zu einem mittleren Chaos führt, da die Abfertigungshalle nur über zwei Gepäckbänder verfügt, um die herum sich in kürzester Zeit 800 Urlauber aus drei Ländern drängeln. So ist es fast 12 Uhr, als Ulla gestresst, aber nicht entnervt den Sicherheitsbereich verlässt und außerhalb des International-Arrival Terminals zum ersten Mal die warme, würzige Luft Goas atmet. Eineinhalb Stunden später sind wir wieder in Agonda und bringen Ulla in einem einfachen Zimmer indischen Stils (3 bis 5-Sterne Hotels gibt es in Agonda, zum Glück, nicht) des ein Kilometer von unserem Standplatz entfernten ‚Dolphin Guest House’ unter. Begierig warten wir darauf, dass Ulla ihren Koffer öffnet, den in ihm befinden sich diverse Sachen, die wir seit Monaten sehnlichst vermissen: Mehrere Kilogramm Salami, Schinken und Käse sowie Brot Gummibärchen, Schokolade und eine aktuelle Ausgabe des ‚Stern’ bzw. des ‚Spiegel’. Für uns ist jetzt schon Weihnachten! Auch Ulla ist von der reizvollen Umgebung begeistert, unternimmt lange Strandspaziergänge, sammelt Muscheln, schwimmt im warmen arabischen Meer und genießt die 35°C Tagestemperatur, während zu Hause in Deutschland der erste Schnee fällt. Aber es soll kein reiner Badeurlaub für sie werden. Gemeinsam unternehmen wir einen Ausflug zum Anjuna-Fleamarket, schließlich wollen die 10 Kg Gepäckgewicht, die durch die diversen Lebensmittel vereinnahmt waren, mit indischen Handarbeitswaren (Geschenke für die Daheimgebliebenen) aufgefüllt werden. Wiederum in einem mit Fahrer gemieteten PKW machen wir eine Rundtour zu Goas wichtigsten Sehenswürdigkeiten. Davon gibt es nicht sonderlich viele (Goa ist schließlich durch seine wunderschönen Strände bekannt und nicht auf Grund beeindruckender Altertümer), aber ein bisschen Kultur gehört halt zu jedem Urlaub. Wir besichtigen das Fort Cabo da Rama, eine weitläufige, alte Festung aus der zeit der portugiesischen Besetzung (leider sind nur einige Teile der alten Festungsmauer und ein paar bronzene Kanonen erhalten, auf dem grossen Innenareal findet man heute nur noch eine Kirche und wenige undefinierbare Ruinen), in der heute unzählige Affen beheimatet sind, steigen 292 Stufen hoch auf den Gipfel eines Hügels, besuchen dort einen abgeschieden gelegenen Hindu-Tempel, erbaut zu Ehren einer Gottheit, die unser eher nicht sachkundiger Führer nicht benennen kann (kein Wunder bei den unzähligen Hindu-Göttern) und fahren nach Ponda, um dort, circa 30 Km östlich von Panjim wiederum zwei große Hindu-Tempel zu besichtigen. Von einem freundlichen, älteren Inder erfahren wir, dass beide Tempel nicht immer hier gestanden haben. Als die zu Beginn eher klein portugiesische Enklave im heutigen Goa sich im 16. Jahrhundert langsam ausweitete, wurden fast alle hinduistischen Sakralbauten dem Erdboden gleichgemacht. Der regionale Fürst des Gebietes um Ponda, das sich lange dem portugiesischen Zugriff entziehen konnte, ließ die Trümmer einiger dieser Tempel in mühsamer Arbeit in sein Hoheitsgebiet transportieren und dort wieder originalgetreu errichten. Wir lassen uns von der innovativen Art der Missionierung in dieser Zeit erzählen. Man bespritze die Hindus mit Rinderblut und erklärte ihnen, dass sie damit zum Katholizismus konvertiert seien. Derart verunreinigt gab es für die bemitleidenswerten Missionierungsopfer keine Aussicht mehr, jemals wieder als Hindu anerkannt zu werden, und so blieb ihnen nichts anderes übrig, als den Glauben der Besatzer anzunehmen. Den Abschluss unserer Rundtour bildet Old-Goa, glanzvolle portugiesische Hauptstadt der früheren Kolonie, von der heute nichts übrig geblieben ist als sechs imposante Kirchen und Kathedralen. Die berühmteste von ihnen ist die  ‚Basilika des guten Jesus’, fertig gestellt 1604 (unser, wie schon erwähnt, unsachkundiger Führer beziffert das Alter dieses katholischen Gotteshauses auf sieben- bis achttausend Jahre. Eingedenk unseres dezenten Hinweises, dass das Christentum gerade mal zwei Jahrtausende währt, reduziert er diese Zahl unwillig auf zweitausend und ist auch nach zähen Verhandlungen nicht bereit, ein Alter von weniger als eintausend Jahren anzuerkennen. Ein echter Goaner ist eben stolz auf seine ‚uralten’ Sehenswürdigkeiten!). In ihr befinden sich die angeblich unvergänglichen sterblichen Überreste des Heiligen Franz Xaver. Zwei Monate nach seinem Tod im Jahre 1552 wurde klar, dass sein Leichnam nicht verrotten wollte. Auf Grund dieses Wunders sprach die Kirche ihn 1622 nach einer langen wissenschaftlichen Untersuchung, die bestätigte, dass der fehlende Verfall nicht auf irgendeine Art von Einbalsamierung beruhte, heilig. Mit Beginn des 18. Jahrhunderts war dieses Wunder allerdings vorbei, der Körper (inzwischen fehlten der rechte Arm und alle inneren Organe, die sich ebenfalls ‚wundersamer’ Weise über ganz Südostasien verstreut hatten) begann zu verfallen und wurde von Jesuiten in einem hermetisch verschlossenen Sarg in Sicherheit gebracht. Heute kann man aus einiger Entfernung durch kleine Glasscheiben im Sarg den Leichnam bestenfalls erahnen, jedoch wird er alle zehn Jahre für kurze Zeit zur Schau gestellt, das nächste Mal 2004. Termin vormerken! Das größte Bauwerk Alt-Goas ist die Se-Kathedrale, Baubeginn 1562 im portugiesisch-gotischen Stil. Das Läuten ihrer gigantischen goldenen Glocke soll, Erzählungen zu Folge, in ganz Goa zu hören gewesen sein. Damit sind alle Sehenswürdigkeiten abgeklappert und das Goa-Kulturprogramm fürs Erste beendet. Das der Frieden und die Idylle dieses Paradieses höchst trügerisch sind beweisen die folgenden Vorkommnisse: Zwei junge Engländerinnen haben ein Grundstück am Strand gepachtet und auf diesem Areal acht Hütten, ein Duschhaus und eine Strandbar aus Bambusstangen und Palmwedeln errichtet, um sie in der Saison an Rucksacktouristen zu vermieten. Den alteingesessenen Guesthouse- und Restaurantbesitzern, die sich in diesem Jahr zu allem Übel auch noch mit einer massiv eingebrochenen Zahl von Urlaubern konfrontiert sehen, ist diese Anlage natürlich ein Dorn im Auge. Hilflos müssen die beiden Betreiberinnen mit ansehen, wie im Schutze der nacht drei ihrer Hütten durch einen Brandanschlag dem Erdboden gleichgemacht werden. Schon einige Tage zuvor hatte ein Einheimischer bemerkt, dass noch vor der Eröffnung dieses Guesthouses ‚etwas abfackeln’ würde. Die Geschäftsleute Agondas denken halt pragmatisch, Konkurrenz wird ausgeschaltet, bevor sie überhaupt zur Konkurrenz werden kann. Die Polizei sucht die Täter nicht in den Reihen der Dorfbevölkerung, diese Menschen seien gute Menschen (was übersetzt vermutlich heißt, dass die Höhe des ‚Bakschisch’ an die Beamten zufrieden stellend war). Auch wir werden in einen Strudel unangenehmer Ereignisse hineingezogen. In der Nacht vom 19. auf den 20.12. platziert sich eine siebenköpfige Gruppe Inder knapp zwanzig Meter hinter Maggie und beginnt mit einem fröhlichen Saufgelage nebst Lagerfeuer. Das ist im Grunde genommen erst mal weder ungewöhnlich (es passiert besonders an Wochenenden häufiger, dass sich Gruppen auf diesem schönen Fleckchen zum Essen, Trinken und Feiern einfinden. Bis spätestens 21 Uhr sind sie in der Regel verschwunden und nur noch ein großer Haufen Müll zeugt von ihrer Anwesenheit) noch beklagenswert, schließlich sollen auch sie ihren Spaß haben, solange sie keinem anderen auf die Nerven gehen. Diese Party verläuft nun etwas anders. Der PKW, mit dem ein Teil der Partygäste eingetroffen ist, scheint über ein mächtiges Sound-System zu verfügen, und so schallt plötzlich lautstarke Musik mit wummernden Bässen über den Platz. Bis jetzt ist die Geschichte auch noch nicht verurteilenswert, es ist erst knapp nach 21 Uhr und die meisten der anwesenden Traveller sitzen noch in Grüppchen bei einer Flasche Bier oder Brandy zusammen. Als dann alle in ihren Fahrzeugen verschwunden sind, um sich schlafen zu legen (nur ich sitze noch draussen, um den Abend  mit einem leckeren indischen Whiskey ausklingen zu lassen), beobachte ich, wie unsere Wachleute (die schliesslich ihr tägliches Salär von uns dafür bekommen, auf diesem Gelände ein wenig für Ordnung zu sorgen) im Gänsemarsch durch den Party-Bereich trotten, mit ihrem fröhlichen ‚Hallo’ an die Gäste die Musik kaum übertönen können, aber keine Anstalten machen, auf die Lautstärke Einfluss zu nehmen. Ich gehe also zu ihnen und frage, warum sie, von uns für ihre Aufgaben bezahlt, nicht dafür sorgen, dass die Lautstärke auf ein moderates Maß gesenkt wird. „This is a problem!“ ist die Antwort, wir seien nur einige Wochen hier, die Dorfbewohner aber das ganze Jahr und mit denen wolle man „no trouble!“. Weicheier! Ich bitte sie stehen zu bleiben und mit anzusehen, wie man solch eine Situation freundlich klären kann, gehe hinüber zum Lagerfeuer und bitte die angetrunkenen Inder, die Musik soweit zu dämpfen, dass wir die Möglichkeit zum Schlafen haben. Ein dickbäuchiger Mann beginnt zwar kurz aufzubegehren, meint, dieser Platz sei nicht unser Eigentum und man könne hier so laut sein wie man wolle, wird aber von einem einsichtigen Kollegen gebeten, sich zu beruhigen und die Anlage wird auf ein erträgliches Maß heruntergedreht. Soweit, so gut! Ich bin gerade wieder im Wagen , habe die Schuhe ausgezogen und will mich ins Bett legen, als ich ein Motorrad höre, das offensichtlich weiter Partygäste bringt. Zwei Minuten später wird das Sound-System des indischen Autos auf Anschlag aufgedreht und verbreitet ohrenbetäubende Musik. Nun bin ich ein Mensch, der anderen Leuten nicht auf die Nerven geht oder auf die Füße tritt und, falls unbewusster Weise doch einmal, sein Tun sofort unterbindet, wenn er darauf hingewiesen wird. Menschen, die dieses in provozierender Weise anders handhaben, sind mir ein Dorn im Auge. Ein großer. Ich ziehe also meine Schuhe wieder an, begebe mich wutentbrannt noch einmal zum Lagerfeuer, beginne die Inder mit meinem großen Wortschatz an englischer Fäkalsprache anzubrüllen und schubse einige von ihnen ein wenig durch die Gegend, wobei ich mich zum Schluss auf den offensichtlichen ‚Leader of the pack’ konzentriere, den schon erwähnten dickbäuchigen Mann (es stellt sich später heraus, dass es sich um den Besitzer de uns am Nächsten gelegenen Restaurants handelt). Die Gruppe ist augenscheinlich überrascht und keiner von ihnen hat den rechten Mut, sich zu wehren. Schade eigentlich, mein inzwischen reichlich produziertes Adrenalin bedarf des Abbaus. Inzwischen sind einige Traveller-Kollegen zur Unterstützung herbeigeeilt. Wolfgang, Walter (der die eskalierende Situation von seinem erhöhten Hügelstandort mit einem Nachtsichtgerät (!) beobachtet hat), ein junger Holländer (vor einigen Tagen mit Freundin und Toyota Landcruiser zu uns gestossen) und Marcus, bewaffnet mit zwei schweren Maglight-Taschenlampen, dem bevorzugten Überzeugungsargument der US-amerikanischen Highway-Police. In einem gut vorgetragenen Schauspiel werde ich von ihnen beruhigt und zurückgehalten. Nachdem sich die Lage etwas beruhigt hat, stehen wir uns wie zwei rivalisierende Strassengangs gegenüber. Die betrunkenen Inder behaupten lautstark, dass sie  a.) tun und lassen können, was sie wollen, schliesslich seien sie Inder und das hier indischer Boden und  b.) wir sowieso kein Recht hätten, hier zu sein, da es sich um Grundbesitz der Regierung handelt (ich bitte bei dieser Gelegenheit zu entschuldigen, dass wir keine Fotos von diesem Vorfall zeigen können, es hat verständlicherweise keiner daran gedacht, eine Kamera zu holen). Unserem Argument, dass dieses Gebiet im Moment der Bank of India gehört und wir uns hier mit der Erlaubnis der Wachmannschaft aufhalten, wird kein Glauben geschenkt, so dass schliesslich die Polizei von Agonda herbeigerufen werden muss, um die Situation zu klären. Es erscheinen zwei Beamte auf einem Motorrad, hören sich erst unsere Version der Geschichte an und dann die der alle gleichzeitig auf sie einredenden Inder, versuchen freundlich, aber ohne ersichtlichen Erfolg (bestimmt alle miteinander verwandt oder verschwägert), diese davon zu überzeugen, die Party abzubrechen. Ich muss mir letztendlich zu meiner Überraschung von ihnen vorwerfen lassen, dass „bloody bastards“ nun auch wirklich ein böses, böses Wort gewesen sei! Wir fordern den ranghöheren der beiden Polizisten auf, uns seine ID-Card zu zeigen, um Name und Dienstnummer aufzuschreiben, diese am morgigen Tag mit einem Bericht des Vorfalles telefonisch an den leitenden Superintendant von South-Goa in Margao weiterzuleiten und uns so vor vermutlichen nächtlichen Übergriffen der offensichtlich rachedurstigen Dorfbewohner (Brandstiftung, Messer in die Reifen, Steine in die Scheiben etc.) zu schützen. Seine ID-Card hat er ‚versehentlich’ nicht dabei, und da ihm die ganze Sache über den Kopf wächst, wird kurzerhand per Funk die übergeordnete Polizeidienststelle in Cancona informiert und die Verantwortung somit kurzerhand abgewälzt. Mit einem Jeep erscheinen einige Zeit später der diensthabende Offizier der Nachtschicht sowie einige weitere Beamte. Zu unserem Erstaunen werden die indischen Ruhestörer zwar angewiesen, nach Hause zu gehen, uns jedoch erklärt, dass wir uns unberechtigterweise auf einem Gelände aufhalten, dass im Moment zwar der Bank of India gehört, aber der indischen Gerichtsbarkeit unterstellt ist. Unsere vorgezeigten Kopien des ‚Formblatt C’ (das Standardregistrierungsformular der Hotels für ausländische Gäste, das wir auf Bitte der Polizei von Agonda ausgefüllt hatten; Die Polizei selber hatte als Aufenthaltsort den Namen des nicht fertig gestellten Hotelkomplexes eingetragen, die Formulare gestempelt und signiert, so dass wir uns rechtlich abgesichert wähnten) beeindruckt ihn nicht. Es gäbe keine Rechtsgrundlage, die es der Polizei von Agonda bzw. der privaten Hotel-Wachtruppe ermöglichen würde, unseren Aufenthalt auf diesem Gelände zu erlauben. Im Laufe des morgigen Tages sollen wir gefälligst von hier verschwinden. Dass seit circa zehn Jahren jedes Mal über Weihnachten bis zu 25 ausländische Fahrzeuge hier stehen, interessiert ihn nicht. Letztendlich hat es sich die ganzen Jahre über wohl nur um eine stillschweigend geduldete Unrechtmäßigkeit gehandelt, die ab jetzt strikt verboten wird, da man fürchtet, dass es zu ‚trouble’ kommen könne (der komplette Polizeiapparat besteht hier offensichtlich aus  koruppten Feiglingen). Man will das Ganze noch ein Mal mit dem vorgesetzten Inspektor erörtern, uns am nächsten Morgen die Entscheidung mitteilen, aber es gäbe für uns sicher keine Aussicht auf Erfolg. Am Morgen des 20.12. sehen wir sie natürlich nicht noch ein Mal, es tauchen lediglich unsere ‚tapferen’ Wachleute und die Agonda-Polizei auf, um uns zu erklären, dass wir das Gelände zu verlassen hätten. Man sei darüber hinaus nicht in der Lage, uns vor den Übergriffen der aufgebrachten Dorfbewohner zu schützen. Ich gebe ihnen deutlich zu verstehen, dass wir sie für eine Bande rückgratloser Feiglinge halten, was sie wortlos akzeptieren. Marcus, Ulla und ich beschliessen, zurück nach Vagator zu fahren. Auch einige der anderen Traveller verlassen Agonda, Roswitha und Holger, Doris und Wolfgang, Werner und Ulrike wollen an einen einige hundert Meter entfernten Strandabschnitt umziehen und hoffen, dass es zu keinen weiteren Problemen  kommen wird, wenn wir als ‚Hauptübeltäter’ das Dorf verlassen haben. Sie sind stinkig auf uns. Besonders auf mich. Ich muss mir anhören, dass ich nicht im Gemeinschaftssinne gehandelt habe. Da die Inder unberechenbar seien, hätte auch ich im Wagen sitzen bleiben und den Krach mit gesenktem Haupt über mich ergehen lassen sollen (so wie sie es mir vorgemacht haben). Schliesslich wäre die Party wohl irgendwann zu Ende gegangen sein. Nur keinen Ärger! Wenn gerade Marcus und ich nicht über Gemeinschaftssinn verfügen, weiss ich es auch nicht! Ich könnte auf Anhieb keines der Fahrzeuge benennen, an dem Marcus noch nicht in der heissen Mittagssonne herumgeschraubt hat. Und als ich versucht habe, für Ruhe zu sorgen, dann bestimmt nicht, um nur mir einen angenehmen Schlaf zu ermöglichen. Sei’s drum! Wenn ich morgen in en Spiegel schaue, sehe ich wenigstens einen Menschen mit geradem Rückgrat und erhobenem Haupt, der nicht durch ständiges Ducken unterwürfig gebeugt ist!
Aber auch dieser unangenehmer Vormittag hat eine schöne Überraschung. Kurz bevor wir den Palmenhain verlassen wollen, landet Peter, der sympathische Berliner ‚Küstenpaddler’ mit seinem Faltkanu ein zweites Mal am Strand von Agenda an. Nach einer zweiwöchigen Erkundung des Mittelgoanischen Küstenabschnittes will er uns wieder besuchen, lässt sich kurz die Situation erklären und beschliesst, gemeinsam mit uns nach Vagator zu fahren. Ruckzuck ist das Faltkanu zerlegt, sein Gepäck eingeladen, und so erreichen wir schon am späten Nachmittag die Klippen über Little-Vagator Beach und können uns an der gleichen schönen Stelle platzieren, wie bei unserem ersten Besuch.

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