Goa 3

Wir durchfahren Panaji, die Hauptstadt des kleinen indischen Bundesstaates Goa, überqueren dort die beiden ins Landesinnere vordringenden Meeresarme und passieren den internationalen Airport Dabolim, Zielflughafen u.a. der Condor-Airlines, die in regelmässigen Abständen deutsche Touristen via Dubai nach Goa transportiert. Es geht weiter nach Süden, die Strasse ist gesäumt von Reisfeldern. Der National-Highway 17 ist schmal, aber gut befahrbar, die Verkehrsdichte erfreulich niedrig. Ab Margao, der mit knapp 90.000 Einwohnern bevölkerungsreichsten Stadt in Süd-Goa, wird es bergiger, schwer durchdringbarer Dschungel breitet sich links und rechts von uns aus. Zwei Kilometer vor Chaudi verlassen wir die NH 17 nach Westen, Richtung Agonda. Ab der im Ortszentrum gelegenen weissgetünchten katholischen Kirche geht es noch ein paar hundert Meter über asphaltierte Wege, dann zweigt eine Sandpiste ab, die Richtung Strand führt und in einem lockeren Palmenhain am Rand eines dschungelbewachsenen Berghanges endet, keine fünfzig Meter entfernt von der sanft anrollenden Dünung der arabischen Meeres. Ein zauberhaftes, einsam gelegenes Stück Paradies. Zu unserer grossen Freude werden wir nicht nur von Flavia und Marcel empfangen, die sich in den vergangenen zwei Tagen schon häuslich eingerichtet haben, sondern auch von Doris und Wolfgang, unseren Oberpfälzer Freunden, die wir in Nepal kennengelernt hatten. Die Beiden sind schon vor einer Woche hier angekommen, auf der Flucht vor Spätmonsunregenfällen, die sie an der indischen Ostküste fast weggeschwemmt hätten. Wir wollen uns mit Maggie direkt an den Strand stellen, fahren mit Geländeuntersetzung und eingelegter Längssperre eine kleine Böschung herunter und stecken prompt im tiefen, weichen Sand fest. Kein Problem, Reifendruck ablassen auf 1,5 bar, schon haben wir wieder Grip und können Maggie an der vorgesehenen Stelle platzieren. Schon an diesem ersten Abend merken wir, dass wir beim Einsteigen jedes Mal Unmengen von Sand mit in unser ‚Wohnzimmer’ tragen. Da Agonda-Beach unser ‚Überwinterungsplatz’ für mehr als zwei Monate sein wird, verlegen wir am nächsten Morgen unseren Stellplatz auf eine der mit kurzem Gras bewachsenen Freiflächen im Palmenhain und stehen nun knapp 100 m vom einladenden, 25°C warmen Ozean entfernt. Gleich am ersten Abend besuchen uns drei uniformierte Wachleute. Wir wussten von anderen Travellern, dass wir uns hier auf einem Privatgelände befinden, einem Areal, das zu einem grossen Hotel gehört, dessen Bau nach vierjähriger Arbeit 1991 aus Geldmangel eingestellt wurde. Die teils vom Dschungel überwucherte Bauruine ist heute einen Kilometer entfernt im Hinterland zu erkennen. Bau und Grundstück gehören inzwischen der Bank of India und diese hat seit nunmehr zwölf Jahren eine Sicherheitstruppe engagiert, die den immer mehr verfallenden Rohbau mit seinen schon eingebauten Klimageräten und gelagerten Baustoffen vor Plünderungen schützt. Diese Wachleute verdienen sich ein Zubrot damit, dass sie von den Travellern, die über den Jahreswechsel auf dem bis zum Meer reichenden Areal stehen, eine tägliche Gebühr von 30 Rupies (0,70 €) pro Fahrzeug kassieren und dafür im Gegenzug in regelmässigen Abständen rund um die Uhr Patroulliengänge machen. 30 Rupies erscheint uns zuviel, da wir wissen, dass das Geld komplett in ihre eigene Tasche geht. Als sie nun bei uns zum ersten Mal zum Kassieren erscheinen, sagen wir also schlicht nein und lassen die verdutzten Wachleute stehen. Die klagen ihr Leid gleich bei Doris und Wolfgang und erklären, dass, wenn wir nicht zahlen, kein Fahrzeug mehr auf dem Gelände geduldet würde. Lachhaft, keiner schlachtet die Kuh, die er melken kann, ausserdem sollen sie ja für ihre Dienstleistung nicht unentlohnt bleiben. Nur wollen wir selbst entscheiden, was es uns wert ist. Am nächsten Morgen wedeln wir also mit 1000 Rupies vor ihren Nasen und sagen, dass dies die Pauschalsumme ist, die wir bis Ende Januar  zu zahlen bereit sind. Bargeld lacht immer, sie nehmen mit glänzenden Augen an, wir versprechen, es niemandem weiterzuerzählen und liegen somit bei moderaten 14 Rupies pro Tag. Wir lassen uns von den Wachleuten durch die Bauruine führen. Nach Fertigstellung wäre es eine grosse, noble 5-Sterne Herberge mit allem Komfort geworden und hätte die reizvolle Umgebung aufs Übelste verschandelt. Gut, dass den Bauherren das Geld ausgegangen ist! Ausser von den Wachleuten wird der Rohbau heute nur noch von mehreren Tausend Fledermäusen bewohnt, die am Tag faul von der Decke hängen, nachts auf Raubzug gehen und dabei immer mal wieder im Sturzflug unter unserem Vordach durchrasen. Ganz wie in Vagator hat sich uns auch hier in Agonda-Beach sehr schnell ein vierbeiniger Gefährte angeschlossen. Daisy hat ein rabenschwarzes Fell mit einem schmalen weissen Streifen auf der Stirn und einer weissen Brust. Sie wird von uns nicht zum nächtlichen Wachdienst verdonnert, dafür haben wir schliesslich unsere Guardsmen. Dazu wäre sie auch viel zu träge, ihr Tagesablauf besteht darin, von einem schattigen Plätzchen zum nächsten zu wackeln. Ausser von Hunden sind wir hier von einem breiten Spektrum anderer Tiere umgeben. Da sind die Kühe, die allmorgendlich aus dem Hinterland kommen, um sich für einige Stunden am Strand in die Sonne zu legen, eine Kolonie von Affen, die jeden Nachmittag zum Herumtollen auf ihrem ‚Spielplatz’ keine hundert Meter entfernt von uns auftauchen, ein halbes Dutzend gefrässiger, wilder Schweine, die tagsüber auf Nahrungssuche durch den Palmenhain wieselt und eine unzählige Vielfalt von Insekten, angefangen bei den Pingpongball-grossen glänzend  schwarzen Brummern, so schwer, dass sie kaum fliegen können und dabei den Geräuschpegel eines alten Rasierapparates erreichen, die sich in den grossen Blüten des Strandrhododendron satt trinken, bis zu der anthrazitfarbenen Grashüpferart, deren bevorzugter Sport es ist, uns beim Abendessen erst ins Gesicht und dann auf den Teller oder in die Drinks zu hüpfen. Noch nicht gesehen haben wir die Leoparden, die im wenige hundert Meter entfernt beginnenden Dschungel beheimatet sind und, wenn Mangel an Beutetieren besteht, auch schon Mal ein Kind oder eine gebrechliche ältere Person anfallen und töten. Da sich im Dschungel auch diverse Arten teils hochgiftiger Schlangen bis hin zur Königs-Kobra         tummeln, ist es empfehlenswert, nur mit äusserster Vorsicht und festem Schuhwerk in ihn einzudringen. Die Wachleute berichten sogar über zwei oder drei bengalische Tiger, die hier seit einiger Zeit ihr Unwesen treiben, Aber erzählt wird sowieso immer viel. Es ist Zeit für einige Reparaturen und Wartungsarbeiten. An Maggies grossem Sechszylinder müssen turnusgemäss die Ein- und Auslassventile eingestellt werden und auch unser teurer Diesel-Stromerzeuger bedarf nach nur 18 Betriebsstunden einiger Bastelarbeiten. Er verliert Kraftstoff und nachdem Marcus sich tief in seine Eingeweide vorgearbeitet hat (der grosse Nachteil eines modernen, leistungsstarken, kompakten gekapselten Generators ist, dass er so verbaut ist, dass man ihn halb demontieren muss, um Problemzonen zu erreichen), findet er eine Dieselleitung, die durch ständiges Scheuern am heissen Zylinderkopf undicht geworden ist. Unglückliche Lösung der ansonsten als qualifiziert bekannten Firma HATZ. Marcus ersetzt das defekte Teil durch eine neue Leitung aus temperaturbeständigerem Material. Auch bei den anderen Travellern ist Marcus inzwischen als Fachmann für Kfz-Fragen bekannt. So darf er sich bei Schweissarbeiten an der Vorderachse von Wolfgangs Mercedes G, Reparaturen an der Bremsanlage des Fahrzeuges von Walter und Lotte (Indienerprobtes deutsches Ehepaar aus Augsburg, aus den Northern-Areas von Pakistan frisch in Agonda eingetroffen) und Vergaserproblemen an der Triumph Tiger von Marcel und Flavia Hände, Arme und Gesicht vollölen. Macht er aber gerne. Grössere Umbauarbeiten gibt es auch in Maggies Innenraum. Der zweiflammige ELECTROLUX-Spirtuskocher, der uns bis jetzt auf der Reise treue Dienste geleistet hat, fliegt raus. Grund dafür ist nicht das Gerät selbst (funktionierte immer tadellos), sondern der abgrundtief schlechte indische Spiritus, der uns schon seit einigen Wochen jedes Kochvergnügen raubt. Der Alkoholanteil ist niedrig, der Wasseranteil hoch (in Indien wird alles gestreckt, um höheren Profit zu machen), der Brennwert somit indiskutabel. Das hat zur Folge, dass zum Beispiel gekochte Eier dann hart sind, wenn sich das Wasser nach 25 Minuten endlich dazu bequemt, zu brodeln. Die Lösung: Umrüstung auf Propangas! Der teuerste erhältliche 2-Flammen Gaskocher, eine 16 Kg Gas Flasche mit Erstbefüllung, Schlauchmaterial und Druckminderer kosten zusammen nicht einmal 100 €. Es bedarf einiger Stichsägearbeiten in der Arbeitsplatte, schon ist das Prachtstück eingesetzt und Kochen macht wieder Spass! Auch deshalb, weil die Grundnahrungsmittel in Indien sehr preiswert sind. Gemüse und Salate kosten nur kleine Cent-Beträge, Fleisch, Geflügel und frisch aus dem Meer gezogener Fisch nur Bruchteile dessen, was wir aus Deutschland gewohnt sind. Kleiner Haken an der Sache: Fisch gibt’s nur komplett (mit allen Gedärmen und Gekröse), Huhn nur mit Kopf und ebenfalls noch voller Innereien. Die Zubereitung eines Abendessens beginnt also damit, dass man sich ein grosses Messer greift, mit Huhn oder Fisch zu den Felsen am Strand wandert, dort mehr oder weniger fachmännisch die Ausschlachtungsarbeiten in Angriff nimmt und mit den in den Bäuchen gefundenen Leckereien den Schwarm von Krähen füttert, der einem in Erwartung einer leckeren Mahlzeit auf dem Weg gefolgt ist. Man gewöhnt sich recht schnell daran, die Hand tief in die Gedärme eines Huhnes oder Fisches zu stecken, um möglichst alles mit einem kräftigen Ruck herauszuziehen. Was wir uns auch häufig genehmigen, sind Kokosnüsse, seien es die ganz frischen mit einer Menge Kokosmilch oder die gereiften, die im Inneren die harte braune Nussschale (so, ohne ihren faserigen Kopra-Aussenmantel kennen wir sie zuhause vom Obststand) und darinnen eine dicke Schicht Kokosfleisch haben. Unser Wachleute oder die einheimischen Palmenkletterer sind oft so nett, uns einige aus den Palmenkronen zu schneiden. Auch eine Sache, die uns gleich aufgefallen war: Die Palmenstämme haben in regelmässigen Abständen Einkerbungen. Des Rätsels Lösung: Es sind Steighilfen für ein paar Goaner, die frühmorgens und kurz vor dem Sonnenuntergang mit Krügen die Stämme hochklettern (ohne Sicherungsseil oder ähnliches, weshalb es in Goa jede Woche mindestens einen Todesfall durch Sturz von einer Palme zu beklagen gibt) und in der Krone den Saft sammeln, der im Stamm nach oben gedrückt wird. Aus dieser Grundsubstanz wird hernach der sogenannte ‚Coconut-Fenni’ gebrannt, eine hochprozentige Spezialität, die im Geschmack an einen lieblichen Grappa erinnert. Unsere kleine Traveller-Gemeinde hat wieder Zuwachs bekommen. Frederike und Werner, österreichisches Ehepaar aus dem Dreiländereck am Bodensee, kommen mit ihrem 25 Jahre alten Mercedes 307 direkt aus Pakistan. Werner, Alpenurgestein, ist mit seinen 63 Jahren immer noch begeisterter Skifahrer, Bergsteiger (geht Wände bis Kategorie 5!), Mountainbike-Fahrer (Spezialität steile Bergauffahrten, danach schneller Downhill-ride nur mit einem Piratentuch um den Kopf: „Ist zu heiss unter einem Helm, bin auch noch nie bös gestürzt!“) und ein Pfundstyp. Die Beiden sind eine echte Bereicherung für uns. Leider, und das tut uns in der Seele weh, müssen Flavia und Marcel Agonda wieder verlassen. Ihr Visum läuft in zwei Wochen aus und sie müssen in dieser verbleibenden, knappen Zeit versuchen, Ihre ‚Triumph Tiger’ aus der 600 Km südlich gelegenen Hafenstadt Kochin Richtung Malaysia zu verschiffen. Wir werden die beiden wirklich vermissen, doch wird es kein Abschied für immer sein, wir werden uns im kommenden Frühjahr oder Sommer ‚irgendwo’ auf dem australischen Kontinent wiedertreffen, um ein weiteres Stück der Reise gemeinsam zu bestreiten. Australien ist zwar nicht gerade klein, aber E-Mails und GPS werden uns zu gegebener Zeit wieder zusammenführen (entgegen der Meinung vieler Pessimisten und Unkenrufer hat die moderne Technik viele nicht zu unterschätzende Vorteile). Eher unkonventionell trifft ein neuer Gast in Agonda Beach ein. Peter aus Berlin landet mit einem Faltkanu am Strand an. Mit seinem zerlegten Boot, Zelt, Gitarre und grossem Rucksack ist er nach Bombay geflogen und will die indische Südküste in den kommenden fünf Monaten von der Seeseite aus erkunden. Peter ist eine echte Wasserratte, hat den Atlantik in einer 25-Fuss Segelyacht allein überquert, durchstreifte die Karibik, schmuggelte Zigarren von Kuba nach Florida und war in den letzten fünf Jahren als Animateur auf dem Kreuzfahrtschiff ‚Astor’ in der ganzen Welt unterwegs. Ausserdem ist er begnadeter Gitarrenvirtuose und Sänger und versetzt uns bei Sonnenuntergang mit einfühlsam vorgetragenen brasilianischen Liedern auf eine karibische Insel. Er verläst uns leider schon nach vier Tagen wieder um sich den nördlichen Teil Goas zu ‚erpaddeln’ (besonders schade, da unsere erbitterten Schachpartien auf hohem Niveau eine echte geistige Herausforderung sind und der Zähler im Moment auf Unentschieden steht). Die Tage fliessen dahin. Entspannt geniessen wir die Ruhe, die Sonne, das flirrende Geräusch der vom Wind bewegten Palmenkronen und das beruhigende Rauschen der auf den Strand rollenden Brandung des Ozeans. Wir vergessen die Zeit, in unserem kleinen Paradies ist sie im Moment nicht von Bedeutung. Wollen wir Datum oder Wochentag wissen, müssen wir die Uhr zu Rate ziehen. Am Abend des ersten Advents sitzen wir mit einem Glas Brandy draussen am Tisch, auf dem wir ein Teelicht entzündet haben, schauen uns, wie fast jeden Tag, den in diesen Breiten immer wieder faszinierenden Sundown an und hören Weihnachtslieder aus aller Welt. Unter unseren siebenhundert CDs befindet sich zwar keine mit entsprechendem Musikmaterial, doch ist auf unserem Laptop die ‚Christmas Edition’ eines Spieles installiert, dessen Hintergrundmusik, die aus einem knapp einstündigen Programm modern interpretierter, populärer Christmas-Songs besteht, nun in dezenter Lautstärke aus den Lautsprechern unserer Anlage klingt. „Ganz schön konservativ!“ wird so mancher sagen, aber eben ‚schön’ konservativ.

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