
Goa 2
Einer der vielen herrenlosen Strandhunde von Vagator hat sich
uns angeschlossen, eine mittelgroße Promenadenmischung mit kurzem, hellbraunen
Fell und grau-grünen Augen. Wir taufen ihn „Macke“ und wer ihn sieht, weiss
auch warum. Macke ist ziemlich vermackt, dass heißt, in einem bedauernswerten
Zustand. Der Schwanz und eine Zehe des Hinterlaufes fehlen, das linke Ohr hat
einen langen Riss, er hat überall kleine Narben und auf dem Rücken eine grosse,
tiefe Wunde, die danach aussieht, als sei er von einem Fahrzeug angefahren
worden. Zum Glück ist die Wunde ohne Entzündung zugeheilt, die hiesigen Hund
sind extrem widerstandsfähig. Wir treffen ein Abkommen mit Macke: Er darf sich
unserem „Rudel“ anschliessen und wird morgens mit Dosenfleisch gefüttert,
dafür soll er nachts, während wir schlafen, oder tagsüber, wenn wir mit dem
Motorrad unterwegs sind,
auf Maggie aufpassen. Macke ist einverstanden und nimmt seine Aufgabe tierisch
ernst. Manchmal zu ernst! Regelmäßig werden wir nachts von seinem Gekläffe
geweckt. Sobald ein Lebewesen den Radius von 100 m um Maggie herum betritt, schlägt
er Alarm. Das ist auf Dauer nervtötend. Wir stellen Macke, der uns eigentlich
nur beweisen will, dass er ein guter Wachhund ist, vor die Wahl: Entweder er hält
sich von nun an nachts bedeckt oder er muss sich ein neues Zuhause suchen! Das
will er natürlich nicht, und so können wir von nun an die Nächte
weitestgehend durchschlafen. Braver Hund! Wir bekommen eine E-Mail von der australischen Botschaft in
Mumbai. Unsere Visa-Anträge sind befürwortet
worden und wir können unsere Pässe nun abholen. Das würde also bedeuten, das
einer von uns beiden mit dem Zug oder Bus eine 12-stündige Fahrt nach Mumbai
machen, dort die Pässe in Empfang nehmen und anschliessend wieder 12 Stunden
zurück nach Vagator fahren müsste. Angesichts der ständigen Überfülltheit
der indischen Verkehrsmittel eine wenig reizvolle Vorstellung, doch ein Zufall
kommt uns zu Hilfe. Wir haben uns seit unserer Ankunft mit dem 19-jährigen
Inder John angefreundet, einem der wenigen männlichen Strandverkäufer. John
ist ein witziger, flippiger Typ, der, im Gegensatz zu seinen Kollegen/innen, die
Schule immer einmal wieder besucht (je nach seiner momentanen finanziellen Lage)
und in absehbarer Zeit einen für sein weiteres Leben wichtigen Abschluss machen
wird. Er schaut jeden Tag mindestens einmal bei Maggie vorbei, um ein bisschen
mit uns zu chatten und unten am Strand treffen wir sowieso häufig auf ihn. John
erzählt uns, dass er für eine medizinische Untersuchung nach Mumbai fahren
muss. Die Gelegenheit für uns. Wir machen ihm den Vorschlag, seine Fahrtkosten
zu bezahlen, wenn er im Gegenzug bei der australischen Botschaft vorbeifährt,
um unsere Pässe einzusammeln (kein
Problem,
da wir bei Abgabe der Pässe zwei Quittungs-Token bekamen, wer diese Token
vorweist, bekommt auch die Pässe). Da er dadurch eine für seine Verhältnisse große
Menge Geldes sparen kann, willigt John natürlich ein und so halten wir zwei
Tage später unsere mit frischen australischen Visa versehenen Pässe in der
Hand. Positiver Nebeneffekt für Jon: Sein Ansehen am Strand ist mächtig
gestiegen, nachdem bekannt wurde, dass die beiden deutschen Weltenbummler soviel
Vertrauen zu ihm hatten, ihn in die Große Stadt zu schicken, um ihre
wichtigsten Reisedokumente für sie abzuholen! Marcus bekommt Zahnschmerzen!
Beim Zubeißen spürt er einen unangenehmen Druck in einem seiner Backenzähne.
Nun sind wir beide, was Zähne angeht, ziemliche Memmen und nicht gerade große
Freunde von
Zahnarztbesuchen. Aber, wat mutt, dat mutt! Wir erkundigen uns nach einem guten
Dentisten und man empfiehlt uns Dr. Sandra Ann Mendonca, die ihre kleine Praxis
im 18 Km entfernten Mapusa hat. Also, rauf aufs Motorrad und los! Ich kann
Marcus in einer solch heiklen Situation natürlich nicht allein lassen und fahre
als moralische Unterstützung mit nach Mapusa (außerdem muss ja jemand Fotos
vom leidgeprüften Patienten in einem indische Zahnarztstuhl aus der Zeit um die
Jahrhundertwende machen). Alle Befürchtungen erweisen sich als unbegründet.
Die Praxis von Dr. Mendonca ist mit Gerätschaften ausgestattet, die denen
unserer heimischen Zahnärzte in Nichts nachstehen. Zuerst wird der schmerzende
Backenzahn geröntgt und es offenbart sich, dass ein deutscher Kollege vor einem
dreiviertel Jahr bei der Behandlung dieses Zahnes ein wenig geschlampt hat. Die
grosse eingelegte Füllung drückt auf den Nerv und verursacht den immer
ungenehmer
werdenden Schmerz beim Zubeißen. Die einzige Lösung: Füllung raus, Nerv
ziehen und wieder zumachen! Unheil verkündend schweben diese verhängnisvollen
Worte im Raum. Aber Marcus ist tapfer! Nach Einsetzen der Wirkung einiger betäubender
Spritzen beginnen die Tiefbohrungsarbeiten, nur wenige Minuten später verlässt
der Nerv mit einem schnalzenden Geräusch den malträtierten Zahn. Überstanden,
zumindest für heute, denn es wird zuerst eine entzündungshemmende Füllung
eingelegt, die dann am kommenden Montag gegen die endgültige Füllung
ausgetauscht werden soll. Wir bekommen Besuch! Durch eine E-Mail erfahren wir, dass
unsere Schweizer Bekannten Flavia und Marcel (wir hatten die eidgenössischen
Motorrad-Traveller, die schon seit 17 Monaten unterwegs sind und auf dieser
Fahrt inzwischen 20 Länder bereist haben, in Pokhara, Nepal, kennen gelernt) in
Mumbai sind, um einige Reparaturen an ihrer bulligen Triumph-Tiger durchführen
zu lassen und danach weiter nach Goa fahren wollen. Wir schicken ihnen eine
Wegbeschreibung zu unserem Standort, und so trudeln die Beiden am Freitag, dem
8. November, bei uns auf den Klippen
ein. Grosse Wiedersehensfreude, die neuesten Reiseabenteuer werden ausgetauscht.
Die beiden sympathischen Schweizer bauen ihr Leichtzelt neben Maggie auf und
wollen uns hier eine Woche Gesellschaft leisten. Aber sie sind nicht die einzige schweizerische Gesellschaft,
die wir im Moment haben! In einer Strandbar lernen wir die beiden liebenswerten,
witzigen jungen Schweizerinnen Karin und Daniela kennen, die sich auf einem
achtwöchigen Urlaub in Indien befinden, eigentlich einiges vom Land sehen
wollten, aber ’unerklärlicherweise’ seit mehreren Wochen hier in Vagator
festhängen und eigentlich gar keine rechte Lust haben, diesen traumhaften Ort
zu verlassen. Wir verbringen eine witzige Zeit zusammen, fahren auf die Partys
im ‚Paraiso-Club’ (leicht angetrunken, teils zu dritt auf einem der kleinen,
somit völlig
überlasteten
Motorräder; ich weiß, leichtsinnig, unverantwortlich, aber das hier ist Goa
und außerdem macht’s einen Mordsspaß), liegen danach am Strand , um auf den
Sonnenaufgang über den Klippen zu warten, sitzen dann in Maggies Schatten,
umgeben von den vielen Hunden, die uns vom Strand her gefolgt sind, bis uns die
Müdigkeit übermannt. Auch mit Flavia und Marcel verstehen die beiden sich prächtig
(halt Eidgenossen unter sich). Ein paar Mal wird bei uns gekocht, wir sitzen bei
Rösti, Portwein und Brandy zusammen. Marcus und ich sind
gezwungen, eine neue Fremdsprache zu lernen (wenn sich die Vier in schwyzerisch
unterhalten, macht sich in unseren Gesichtern nur Verständnislosigkeit breit).
Es gibt zur Abwechselung mal wieder bei mir ein körperliches Problem. Die
nach den unzähligen Reifenwechseln in Pakistan arg strapazierten Lendenwirbel
haben sich auch bis jetzt, drei Monate später, nicht 100-prozentig wieder
erholt. Und so passiert, was passieren musste: Wir fahren mit unserem kleinen
Motorrad über unwegsames Gelände, Marcus versucht eine Trial-Einlage, die überlastete
Maschine schlägt hinten durch, ebenso meine Wirbelsäule. Es knackt
vernehmlich, in meinem Rücken explodiert eine Supernova und fortan bin ich so
beweglich wie ein Telefonmast. Mehrere Tage leide ich, hoffe auf Selbstheilung
(unsinniger Gedanke), dann bugsiert mich Marcus am Donnerstag, dem 14.11.
vorsichtig nach Mapusa und wir landen in der Privatklinik von Dr. Bobby Pereira.
Der in Mombassa geborene Portugiese hat auf mehreren Hochschulen in Europa
studiert, praktiziert seit fünf Jahren in Goa und ist Spezialist für Orthopädie,
Sportverletzungen, Brüche, um es kurz zu machen, einer der
beliebtesten
Knochen-Doktoren der finanziell betuchten Goaner. Dr. Pereira macht einen überaus
kompetenten Eindruck. Anhand der Röntgenaufnahmen, die in Islamabad gemacht
wurden, zeigt er mir die Ursache meines derzeitigen Problems: eine Bandscheibe
in der Lendenwirbelregion. Seine Behandlung beginnt mit dem eher unangenehmen
Teil. Bäuchlings muss ich mich auf einer Liege ausstrecken, dann übt er auf
mehrere Stellen der Wirbelsäule mit beiden Händen einen heftigen, schnellen
Druck aus, es knackt einige Male vernehmlich. Marcus, der der Prozedur beiwohnt,
meint nachher, er habe jedes Mal den Schmerz förmlich mitgespürt. Damit ist
die Sache aber nicht ausgestanden. Wie Stromstösse zeigen, die nachher durch
meine Nervenbahnen geschickt werden, hat die in den Rückenmarkkanal
vorquellende Bandscheibe einen Nerv gequetscht, aber zum Glück nicht beschädigt.
Dr. Pereira rät dringend zu einer mehrtägigen Streckung der Wirbelsäule
(normalerweise dauert solch eine Behandlung eine Woche, er hofft aber, die Sache
mit zwei Tagen und Postmedikation in den Griff zu bekommen). So bekomme ich also
ein Einzelzimmer mit natürlich viel zu kurzem Bett (1,80 m) und mittels eines
elektrischen
Traktionsgerätes wird meine Wirbelsäule mit einer Kraft von 100 Pfund für
jeweils vier Stunden Dauer auseinandergezogen. Zwischendurch gibt’s
Injektionen von einer der Tag- oder Nachtschichtschwestern (Dr. Pereiras
Einstellungsvoraussetzungen sind nicht zu übersehen: jünger als zwanzig Jahre,
kleiner als 1,55 m und niedlich. Ich liebe Privatkliniken!) Immer, wenn ich so
eine Spritze in den Hintern bekomme, sind merkwürdigerweise alle Schwestern in
meinem Zimmer versammelt, die gerade nichts zu tun haben. Den Mädchen der
Nachtschicht gebe ich am späten Abend ein Eis aus. Gerührt über einen so
netten Patienten lesen sie mir von nun an jeden Wunsch von den Lippen ab. Na ja,
fast jeden Wunsch. Samstag morgen werde ich entlassen, bekomme einen Stretch-Stützgurt,
den ich die nächsten zwei Wochen beim Sitzen und Gehen tragen soll. Sobald alle
Schmerzen verklungen sind, soll ich mit Übungen zur Stärkung der Rückenmuskulatur
beginnen. Hilfreich, so Dr. Pereira (und dabei senkt er seine Stimme, da die Bürotür
offen steht), seie
guter
alter, konventioneller Sex, genau der richtige Bewegungsablauf. Interessantes
Ansinnen in einem Land, in dem eine derartige Betätigung eine Heirat
voraussetzt. Mit einem Taxi fahre ich zurück
nach Vagator-Beach. Marcus, Flavia und Marcel haben beschlossen, die Zelte hier
abzubrechen und am kommenden morgen nach Agonda Beach, ca. 100 Km südlich zu
fahren. Hier in Vagator setzt so langsam die Hauptsaison ein und es ist an der
Zeit, sich zu verkrümeln. Auch Agonda ist ein Tip unserer in Nepal
neugewonnener Freunde Roswitha, Holger, Doris und Wolfgang, es soll einer der
ruhigsten und idyllischsten Plätze an der Küste Goas sein und wir hatten
verabredet, uns Ende des Jahres dort zu treffen, um bis Ende Januar zu ‚überwintern’.
Am Sonntag, dem 17.11., ist morgens alles zusammengepackt und wir sind bereit
zum Abmarsch, als sich die Schmerzen in meinem Rücken vehement zurückmelden.
Ich muss eine falsche Bewegung und damit den ganzen Behandlungserfolg der
letzten beiden Tage zunichte gemacht haben. Da wir auf unserem Weg Richtung Agon
da
Mapusa durchqueren müssen, fahren wir noch einmal zu Dr. Pereiras Klinik. Der
steckt mich, angesichts meines leidenden Ausdruckes, gleich wieder ins Bett und
verordnet mir zwei weitere Tage Ruhe, Spritzen und Wirbelsäulenstreckung. Na
gut, nicht zu ändern. Flavia und Marcel fahren schon mal weiter nach Agonda,
Marcus wieder zurück nach Vagator, da 100 Km Fahrt über die schmalen Strasse
Goas in einem Linkslenker-LKW ohne Beifahrer, der auf die Abstände rechts
achtet, ein wenig riskant sind. Also muss Marcus sich zwei Tage allein
langweilen (oder auch nicht, schließlich hat er 48 Stunden sturmfreie Bude).
So liege ich also wieder auf dem Rücken, werde gestreckt,
bekomme insgesamt achtzehn Injektionen zur Beruhigung des gequetschten Nervs in
den Hintern und
werde
königlich von meinen kleinen indischen Krankenschwestern umsorgt, die sichtlich
angetan davon sind, mich wieder bei sich zu haben. Dienstag Mittag kommt
Marcus, um mich abzuholen und nach vielen guten Ratschlägen von Dr. Pereira und
meinem Versprechen, mich in den nächsten zwei Tagen eher gar nicht und dann
zwei Wochen nur wenig zu bewegen, machen wir uns endlich auf den Weg nach Agonda.