
Goa 1
Ein paar kurze Fakten zu Goa: 1,3 Millionen Einwohner auf
3700 qKm und damit einer der kleinsten indischen Bundesstaaten. Das Gebiet ist
eine ehemalige portugiesische Enklave, erste Seefahrer aus dem Südwesten der
iberischen Halbinsel erreichten Goa im Jahre 1510, begannen zu missionieren und
kontrollierten von hier aus den gewinnträchtigen Gewürzhandel aus dem Osten.
Erst 1961 wurden sie von den Indern in einer fast unblutigen Aktion vertrieben.
Der portugiesische Einfluss ist auch heute noch überall zu erkennen;
Bedeutendste Religion ist immer noch der Katholizismus, überall findet man die
typisch weissgekalkten Kirchen und viele verfallene Festungen der Besatzer. In den Sechzigern etablierte sich
Goa mit seinen Traumstränden und dichten Kokospalmenhainen zum „In“-Reiseziel
der Hippieszene. Legionen von Blumenkindern machten sich in Europa mit VW-Bullis
auf den Weg und bevölkerten für lange Zeit die Strände (was nicht heissen
soll, dass sie heute ausgestorben sind, nein, wer als Althippie etwas auf sich hält,
ist im Winter natürlich in Goa). Gekifft wird hier auch heute noch, überall
und ständig, zwar
streng verboten, aber die hiesige, äusserst korrupte Polizei
ist immer zu einem Arrangement bereit. Inzwischen hat in einigen Küstenabschnitten
auch der Pauschaltourismus Einzug gehalten. Trotzdem, und deshalb ist Goa auch
heute noch zu Recht in der Traveller-Szene beliebt, findet man überall Strände,
die man sich nur mit wenigen anderen teilen muss. Vagator ist
so eine Stelle. Nicht so quirlig, wie die südlich gelegenen Anjuna, Baga und
Calangute, ist es besonders bei Langzeittravellern beliebt. Besonders der Strand
von Little Vagator, auf dessen Klippen Maggie im Moment steht, ist ein echter
Tip (Ihr findet uns bei Position N
15°35.714’, E 073°44.088’)! Nur wenige kleine, gemütliche, aus Bambus und
Palmwedeln gebaute Beachbars sind über die Bucht verstreut, mit einigen
altersschwachen Liegen und Sonnenschirmen. Oftmals sind mehr Kühe und Hunde am
Strand als Touristen. Das die internationale Raver-Szene seit einigen Jahren in Goa
einfällt, ist kaum zu
übersehen (oder besser, zu überhören). Auch in unserer
Nähe (ca. 500 m entfernt) befindet sich einer der Party-Spots, die „9-BAR“.
600 qm Tanzfläche umgeben von steinernen Stufen, Nischen, Mauern und
Palmen. Ein grosser Dieselgenerator (das örtliche Stromnetz ist zu schwach auf
der Brust) produziert die notwendige Energie, um die Amps zu versorgen, die die
gewaltigen Speakersysteme antreiben (einziger Schwachpunkt: der produzierte
Strom reicht nicht für eine Lightshow aus, was für mein Empfinden bei
Techno-Events die halbe Miete ist, nur einige Bodenfluter und UV-Röhren sorgen
für gedämpftes Licht). In der Saison zieht die „9-BAR“ jeden Abend
Hunderte von Tanzwütigen an, es ist der richtige Ort, um sich die Ohren mit
lauten Tekkno-Beats durchpusten zu lassen und unter freiem Sternenhimmel zu
relaxen. Relaxen, dieses magische Wort umschreibt im Moment unseren
Tagesablauf am Besten. Nach dem Aufstehen runter zum Strand, rein ins Wasser und
nach dem Austoben
in den Wellen noch tropfnass zur Strandbar von Pamela für ein
kräftigendes Frühstück (Milchtee, Omelette und Käse-Tomaten-Toast). Dann bis Mittag gemütlich abhängen, wieder hoch zu Maggie, faulenzen,
ab und zu zum Cyber-Cafe oder mit den Mountainbikes zum Einkaufen, lesen,
rumliegen, kurz nach fünf wieder runter zum Strand, rein in die Fluten, vor
Pamelas Bar den Sonnenuntergang beobachten (die Küste verläuft in Nord-Süd
Richtung, das Meer liegt im Westen, also jeden Abend Sunset-Touchdown im Wasser
am
Horizont), danach frischgefangenen, leckeren Baby-Kingfish, Tuna oder
Kingprawns vom Grill essen, später ab und zu in die „9-BAR“, oder einfach
zusammensitzen mit den netten Leuten, die wir hier kennen lernen. Darunter zum Beispiel den ruhigen, sympathischen Rock aus Slowenien, der schon
das Zweitemal eine komplette Saison in Goa verbringt, oder die bunt schillernde
Hilke, junge, begnadete sixties-psychodelic Künstlerin (gebürtig aus Husum,
Friesland), die seit vier Jahren die Welt durchstreift (kaum ein Land, in dem
sie noch nicht gewesen ist), lange in San Francisco und Ashrams in Indien
lebte
und unglaublich kreativ ist! Raumgestaltung mit Mosaiken, Aquarelle, Öl,
Filzzeichnungen, unglaublich bunt und abgefahren, voller Symbolik (überzeugt
euch auf ihrer Website www.hillibillitoo.de.vu
).
Eine andere Sache, der man in Goa begegnet, ist die grosse
Anzahl junger Mädchen im Alter zwischen 9 und 17 Jahren, die an den Stränden
auf- und ablaufen und versuchen, den Touristen Strandtücher, Sarrons, T-Shirts,
Thai-Hosen, handgemachten Schmuck etc. zu verkaufen, die sie in einem grossen
Beutel mit sich herumtragen. Ihr Leben ist sicher nicht einfach, sie sind sieben
Tage die Woche von 8 Uhr morgens bis 6 Uhr abends unterwegs. Ihre Eltern geben
ihnen nicht die Chance, die Schule zu besuchen, sondern schicken sie zur
Aufbesserung der familiären Einkünfte zur Arbeit an den Strand, und das ist
bei den üblichen Tagestemperaturen sicher kein Vergnügen. Trotzdem sind die Mädchen
fast immer gutgelaunt. Und clever! Abgesehen davon, dass
selbst die jüngsten von ihnen fliessend Englisch sprechen (welches neunjährige
deutsche Kind könnte das von sich behaupten), sind sie auch unglaublich gute
und toughe Verkäuferrinnen. Jeder Tourist, der neu in Goa ist, wird grundsätzlich
erst einmal über den Tisch gezogen. So auch wir. In den ersten beiden Tagen
meinen wir, viele Sachen durch geschicktes handeln günstig eingekauft zu haben,
müssen danach aber feststellen, dass die kleinen Biester uns das zwei- bis
vierfache des üblichen Preises abgezockt haben, und
das ohne mit der Wimper zu
zucken! Aber wir lernen schnell dazu, zumindest was die Preise angeht. Was besonders ich nicht lerne, ist „nein“ zu sagen. So sind wir
nach fünf Tagen stolze Besitzer von einem guten Dutzend Strand- und Tischtücher,
fünf T-Shirts, diversen Arm- und Halsketten sowie Schmuckdöschen. Ausserdem
hat eine grosse Gruppe der Mädchen uns als ihre neuen, besten Freunde
auserkoren, was bedeutet, dass man im Prinzip nirgendwo seine Ruhe hat. Sitzen
wir bei Maggie unter unserem Vordach, dauert es nicht lange, bis wir von Nikita,
Anita, Seku, Shamila, Rubecca, Retna, Sita und all den anderen Besuch bekommen.
Sie besetzen unsere Stühle, trinken unsere Kaltgetränkevorräte, schnattern
unentwegt und haben ihren Spass (okay, ich gebe zu, dass wir sie
inzwischen auch
alle ins Herz geschlossen haben). Sitzen wir vor Pamelas
Strandbar, vergehen nur wenige Minuten, bis einige von ihnen neben uns im Sand
hocken, uns davon zu überzeugen versuchen, dass es mal wieder an der Zeit ist,
ins Geschäft zu kommen, fragen, ob wir ihnen eine Cola oder eine Packung Kekse
ausgeben (besonders ich mit meinem Samariter-Tick bin dafür sehr empfänglich,
ich kann ihnen einfach nichts abschlagen, wenn mich die kleinen, süssen Biester
mit ihren grossen Augen anschauen; Marcus hat dafür wenig Verständnis), oder
sich einfach nur unterhalten wollen.
Jeden Mittwoch ist im vier Kilometer entfernten Anjuna
Flea-Market. Wir mieten uns für wenig Geld eine klapprige Yamaha
(Indien-typischer 100 ccm Einzylinder, eigentlich nicht für das Körpergewicht
von Mitteleuropäern gebaut), fahren nach Anjuna und stürzen uns in den Trubel.
Der reinste Horrortrip! Der Flea-Market ist unglaublich gross, Inder,
Nepalesen und ansässig gewordene Althippies bieten Handcrafts von grossen,
bunten Tüchern über Schmuck, Bekleidung bis zu unzähligen Sorten von
Schillums zum Verkauf an. Die Verkaufsstrategie ist aggressiv. Geht man durch
die schmalen Gassen zwischen den einzelnen, kleinen Ständen, wird man aus allen
Himmelsrichtungen gleichzeitig angesprochen, aufgehalten, gezerrt „Very cheap!
I´ll make you a good price! You have to look my shop!”.
Dummerweise habe ich vielen unserer kleinen Freundinnen natürlich
versprochen, dass wir auf jeden Fall ihren Shop besonders in Augenschein nehmen
werden. Nachdem sie uns entdeckt haben, bildet sich also eine Traube von ihnen
um uns herum, alle wollen, dass wir zuerst bei ihnen
die Auslagen in Augenschein
nehmen. Und natürlich etwas kaufen! Weil mir die kleinen Mädels alle leid tun
und ich deshalb diversen Plunder kaufe, bekomme ich von Marcus nach Verlassen
des Flea-Market ein striktes Einkaufsverbot! Recht hat er,
mit dem Material, das sich im Moment im Wagen stapelt, können wir unseren
eigenen Shop aufmachen. Von jetzt an heisst es also, konsequent „nein“ zu
sagen, was mir sichtlich schwer fällt (ihr wisst schon, diese grossen Augen,
die einen bittend anschauen ...).
Unsere neue, gute Freundin Hilke besitzt ausser ihrem künstlerischen
Talent auch noch die Fähigkeit, Haare schneiden zu können. Meine Haare sind
trotz des grossen Vorrates an Shampoo, Conditioner und Kurpackungen, die ich aus
Deutschland mitgenommen habe, nach nunmehr sechs Monaten Reise stark
angegriffen. Spliss macht sich breit. Marcus Frisur bedarf auch einer Grundüberholung
und so nehmen wir Hilkes Angebot, die Schere anzusetzen, gerne an. Unter
strahlend blauem Himmel mit Blick auf Kokospalmen und Strand bei der Geräuschkulisse
der anbrandenden Wellen die Haare geschnitten zu bekommen, ist eine aussergewöhnliche,
neue Erfahrung. Wir revanchieren uns mit einem
selbstgekochten Abendessen und einer Flasche Portwein.
Portwein ist übrigens das Stichwort für einen der besonders
positiven Aspekte eines Goa-Aufenthaltes. In diesem Bundesstaat gilt eine
besondere Alkoholbesteuerung, die es einem ermöglicht, eine Flasche Whiskey,
Brandy oder Rum schon ab 40 Rupies (0,90 €) erstehen zu können.
Alkoholikerparadies! Da wir gegen einen hochprozentigen Tropfen ab und an nichts
einzuwenden haben, machen wir von diesem Angebot natürlich regen Gebrauch!
Im 5 Km entfernten Anjuna entdecken wir das „TATTOO
LABORATORY“ des russischen Pärchens Max und Akula ( www.tattoolab.com
). Die beiden sind seid fünf Jahren im Herbst und Winter in Goa und im Frühling
und Sommer in Deventer, Holland, tätig. Der gebürtige Kasache Max hat sich im
Alter von vierzehn Jahren das erste Mal mit Tätowierungen beschäftigt, Geräte
und Farben selber hergestellt und sich bis heute in der Szene einen bekannten
Namen gemacht.
Die gutaussehende Akula, ebenfalls aus
Kasachstan, hat 12 Jahre auf verschiedenen Kunstschulen und Akademien in
Russland absolviert, ist graduierte Designerin und schon viele Jahre im
Tattoo-Business. In dem kleinen Steinhaus, das sie in der Saison in Anjuna
gemietet haben, hängen viele Fotos ihrer bisherigen Arbeiten aus und sind überzeugender
Beweis ihrer hervorragenden Fertigkeiten. Da ich in den vergangenen Jahren oft
über eine Tätowierung nachgedacht habe, meine ich, dass dies der richtige
Platz ist, diese Vorhaben in die Tat umzusetzen. Wir schauen alle Fotos an,
durchblättern die Mappen mit den hauptsächlich von Akula gezeichneten Motiven,
aber ich kann mich für keines richtig entscheiden. Marcus zeigt mir
schliesslich die phantastische, plastische Zeichnung eines Tieres, das wie die
Mischung aus Seepferd und Drache aussieht. Genau das würde sich auf meinem
rechten Oberarm gut machen, finde ich und frage Max nach Dauer und Preis für
diese Tätowierung. Er schätzt die Dauer auf vier Stunden,
teilt mir aber zu meiner Enttäuschung mit, dass er diese von Akula angefertigte
Zeichnung schon einem Kunden tätowiert hat und sie somit kein zweites Mal
anbieten kann, da die beiden ihre selbstgezeichneten Motive immer nur einmal
umsetzen. Akula verspricht jedoch, das Motiv in leicht ab geänderter Form noch
einmal für mich zu zeichnen.
Am Freitag, dem 1.November, sind wir also gegen Mittag wieder
im „TATTOO LABORATORY“. Akula zeigt mir ihren Entwurf, er ist phantastisch
geworden (hatte ich bei ihr auch nicht anders erwartet). Also kann´s losgehen!
Sie selbst wird die Tätowierung ausführen, führt mich in das eigentliche
Studio und rasiert zuerst meinen Oberarm. Ich fühle mich sicher aufgehoben, als
ich das hohe Niveau an Sauberkeit und Sterilität des Studios bemerke. Die
Umrisslinien des Entwurfes werden mittels einer Blaupause auf meinen Arm übertragen,
Akula hat drei unterschiedliche Tätowiermaschinen und die Farbe vorbereitet,
zieht sich Ein-Mal-Handschuhe aus Latex über und sagt: „And now comes the
pain!“ Die ersten Linien die sie zieht, fühlen sich an wie
Schnitte mit einer Rasierklinge, doch der anziehende Geruch und die sanften Berührungen
der hübschen Russin lassen mich in den folgenden vier Stunden jeglichen Schmerz
vergessen. Dazu tragen auch die angenehmen Trance- und Technosounds aus der
kleinen Musikanlage und der Blick aus dem Fenster auf den Strand von Anjuna bei.
Marcus springt um uns herum und macht ein Foto nach dem anderen. Auch er scheint
Gefallen an Akula gefunden zu haben. Nach vier Stunden ist das Werk vollbracht,
nach meiner und Marcus Ansicht eine echte Meisterleistung! Die phantastisch
gemachten Schattierungen lassen das Bild unglaublich plastisch erscheinen. Zum
Schluss wird eine desinfizierende Heilsalbe aufgetragen, der Arm mit einer Folie
bandagiert, die ich erst nach drei Stunden wieder entfernen darf, und dann kommt
der einzige Wermutstropfen der ganzen Geschichte: Akula sagt mir, dass ich den
Arm eine Woche lang nicht der Sonne aussetzen und in
dieser Zeit auch nicht im
Meer baden darf. Und das in Goa! Ich bekomme eine Wundheilsalbe, die ich dreimal
am Tag nach vorsichtigem Waschen auf das frischgestochene Tattoo auftragen soll,
um jegliche Gefahr einer Entzündung zu unterbinden. Zufrieden betrachte ich am Abend im Spiegel das Kunstwerk auf meinem Arm, glücklich
darüber, es im Studio von Max und Akula ausführen lassen zu haben. Marcus
meint , es sei das einzige Motiv, das er gesehen habe, was auch für ihn in
Frage käme und sei schön blöd von ihm gewesen, es mir zu zeigen. Also bitten
wir Akula, es noch einmal in wieder leicht abgeänderter Form zu zeichnen, um es
Marcus am folgenden Montag auf den linken Arm zu tätowieren. Es wird für uns
eine immer währende Erinnerung an
diese gemeinsame lange Reise werden.
Am Montag sind wir also wieder im „TATTOO
LABORATORY“ in Anjuna. Akula zeigt Marcus ihre Zeichnung,
aber Marcus ist der Ansicht, das Gesicht der Kreatur würde zu freundlich
aussehen. Also packt Akula ihre Zeichenstifte aus und ändert die Zeichnung so
lange, bis das Gesicht böse und verbittert wirkt und Marcus zufrieden ist. Max
wird ihm das Motiv in seinen linken Oberarm tätowieren. Marcus Kommentar nach
den ersten gestochenen Umrisslinien: “Man muss schon ein bisschen
masochistisch veranlagt sein, um das vier Stunden über sich ergehen zu
lassen!“ Nach knapp dreieinhalb Stunden hat Max die Arbeit vollendet und
sowohl er als auch Marcus sind mehr als zufrieden mit dem Ergebnis. Schön wäre es, wenn wir jetzt noch einen Airbrush-Künstler finden
würden, der Maggie mit demselben Motiv verzieren könnte. Schliesslich machen
wir die Reise ja „zu dritt“ und Maggie soll nicht aussen vorstehen!