Nach 13-stündiger Fahrt erreichen wir Igoumenitsa im Morgengrauen. Der erste Weg führt uns zu einer Tankstelle, der Liter Diesel ist in Griechenland 20 Cent billiger als in Italien, weshalb wir unsere Kraftstoffreserven bis Bari relativ klein bemessen hatten. Wir füllen alle Tanks auf, sogar unsere Reservekanister werden anstandslos vom Tankwart befüllt, obwohl dies in Griechenland generell verboten ist, aber manche Gesetze nimmt man hier nicht allzu ernst! Der Service ist klasse: Ein Schlauch liegt bereit, um Wassertanks von Reisemobilen kostenlos zu befüllen.

Die Insel Lefkas im ionischen Meer ist unser erstes Ziel, der Küste entlang geht es nach Süden. Nachdem wir im morgendlichen Trubel der Innenstadt von Preveza Gemüse. Käse und Fleisch fürs Abendbrot besorgt haben, müssen wir die an die Stadt angrenzende Einfahrt zum Golf von Amvrakileos mit einer kleinen Fähre überqueren. Auf die Insel Lefkas gelangt man dann bequem über einen befahrbaren Damm. Auf der Suche nach einer schönen Bucht einmal falsch abgebogen, befinden wir uns auf einer schmalen Serpentinenstrecke in die steil aufragenden Berge. Steigungen von mehr als 20%, die Strasse so eng, das wir teilweise im Kriechtempo fahren müssen um unseren Aufbau nicht zu beschädigen. Entgegenkommende Fahrzeuge zwingen uns zu komplizierten Passiermanövern. Auf dem Berg angekommen, sehen wir ein Strassenschild: Kalamitsi Beach 2km. Nur 2km bei der Höhe, auf der wir uns befinden? Da muss es ja fast senkrecht bergab gehen. Tut es auch!Bewährungsprobe für die Standhaftigkeit unserer Bremsen, der Lohn eine wunderschöne Badebucht mit zwei Tavernen. Einige Standard-Wohnmobile stehen nahe dem Strand, eines hat sich mit seiner Vorderachse tief in den Sand eingegraben. Sein Fahrer bittet uns um Hilfe. Einsatz der Seilwinde! Gurt um die Hinterachse des Campers, Stahlseil eingehängt, Winde in Gang gesetzt, schon ist er aus seiner misslichen Lage befreit. Als Dank gibt es eine Flasche guten italienischen Rotweins. Am nächsten Tag erwischt es einen Fiat Panda. Sein griechischer Fahrer versucht offensichtlich, seine weibliche Begleitung mit einer halsbrecherischen Sandfahrt zu beeindrucken. Dies geht gründlich in die Hose, mit seiner Vorderachse bleibt er im Wasser stecken. Auch diesem Trottel kann geholfen werden, über unsere Sandbleche schieben wir ihn bis zur Böschung der befahrbaren Promenade und ziehen ihn mit der Winde herauf. Interessiert zuschauende Touristen raten uns, Geld für diese Rettungsaktionen zu verlangen aber wir winken ab, wo man helfen kann, da hilft man auch für ein schlichtes Danke. 

Wir lernen zwei Pärchen aus Süddeutschland kennen, die mit aufwendig umgebauten Magirus-Langhaubern unterwegs sind. Thomas, der Fahrer des einen Lkw, ist Afrika- und Asienerfahren, baut diese Expeditionsfahrzeuge gewerblich für Kunden auf und hat somit viele praktische Tipps für uns parat. Wir freuen uns natürlich darüber, Ratschläge von einem Fachmann zu bekommen! Wir umrunden Lefkas auf einer achterbahnartigen Bergstrasse mit atemberaubender Aussicht. Zurück auf dem Festland geht es weiter südwärts zum Golf von Korinth. Unser Frühstück besteht aus einem Kilo großer, saftiger Erdbeeren, die alle paar hundert Meter am Straßenrand angeboten werden. Über die mit blühenden Rhododendrenbüschen gesäumte Strasse erreichen wir Agios Nikolaiki, Abfahrtshafen der Fähre, die uns über den Golf auf den Pelopones bringt.

Weiter Richtung Süden; Auf der neu ausgebauten Küstenstrasse kommen wir gut voran. In der großen Hafenstadt Pyrgos biegen wir ab ins Landesinnere, es wird Zeit für ein bisschen Kultur! 20Km östlich der Küste befinden sich die 25ha großen Ausgrabungen des Areals, auf dem 778 v.Chr. die ersten Olympischen Spiele der Antike stattfanden und wo auch heute noch die Fackel entzündet wird, die dann im Stafettenlauf zum Austragungsort der nächsten Olympiade getragen wird. 2004 wird es Athen sein, die Spiele finden somit wieder auf historischem statt, war doch Athen 1896 auch Austragungsort der 1. Olympischen Spiele der Neuzeit.

 Im kleinen, aber lebendigen Örtchen Olympia finden wir zu unserem Erstaunen auch ein Internet-Cafe und haben somit die Möglichkeit, Berichte und Bilder auf unsere Homepage zu schicken. Gar nicht so einfach: Man muss sich vorstellen, eine Desktopoberfläche vor sich zu haben, die nicht nur in griechischer Sprache, sondern auch in den griechischen Buchstaben dargestellt ist (auch alle Eingaben über die normale, lateinisch beschriftete Tastatur erscheint auf dem Bildschirm in griechischen Buchstaben)!

Abends am Strand lernen wir Judith und Hans aus Bayreuth kennen, die mit ihrem Camper auf dem Weg zurück nach Hause sind. Wir verbringen einen feuchtfröhlichen Abend bei griechischem Wein und diversen Sorten Obstler vom Bodensee, was Hans am nächsten morgen ziemlich alt aussehen lässt. Trotzdem findet er noch die Kraft, uns einen Tipp für den nächsten Stopp auf unserer Route zu geben, die Voidokiliabucht auf der Messenischen Halbinsel, dem westlichen Finger des Pelepones. Auch unser Dumont-Reiseführer preist diese Bucht als „die wahrscheinlich schönste Griechenlands“ an. Nun sind solche Aussagen in Reiseführern immer sehr relativ, doch in diesem Fall entsprechen sie sicher der Wahrheit!  Als wir nach mehreren Kilometern Fahrt über schlechte Feldwege einen halbwegs befestigten Parkplatz erreichen, auf dem sich schon einige Wohnmobile versammelt haben, erblicken wir nach wenigen Metern Fußweg um eine Düne herum ein phantastisches Panorama! Die kreisförmige Voidokiliabucht mit ihren ringsherum sanft ansteigenden Dünen erinnert an ein Amphitheater. Der schmale Ausgang zum Meer wird flankiert von zwei hohen, aufeinander zustrebenden Felsen, an denen die anrollende Brandung meterhoch empor springt.

Zwischen den Wohnmobilen auf dem Parkplatz gefällt es uns nicht allzu sehr, daher mindern wir den Druck unserer Reifen auf 1,5bar, fahren direkt auf den Strand und finden einen wundervollen Standplatz direkt unterhalb des nördlichen Felsens. Wer einen unvergesslichen Blick auf die Küste Südwest-Messiniens erleben möchte, sollte den Berg an der Südseite der Bucht bis auf das Plateau vor der Nestorhöhle besteigen, deren über 10m hoher Eingang auch vom Strand aus zu sehen ist.

Der schmale steinige Pfad zur Höhle ist zwar steil, lässt sich jedoch mit vernünftigem Schuhwerk begehen (meine kurze Hose bewährte sich aufgrund der Dornenbüsche und Disteln jedoch nicht). Oben angekommen, wird die Mühe mit einem unvergleichlichen Panorama belohnt, besonders in den Abendstunden, wenn die Sonne langsam über dem Mittelmeer niedersinkt.

Für den Weg aus der Voidokilia-Bucht wählen wir eine Abkürzung. Suuper Idee! Denn, wie das mit Abkürzungen in Griechenland so ist: Sie sind lang, steinig, schmal und haben tiefe Schlaglöcher. Unser Rat an alle Reisenden: Nehmt den Weg, auf dem ihr gekommen seid!

Wir durchqueren den Pelopones in nordöstlicher Richtung über Kalamata, Tripoli und Argos. Knappe 10km vor Erreichen der Westküste gelangen wir zu den Ausgrabungen von Epidauros. Das dort zu besichtigende Amphitheater ist das besterhaltene in ganz Griechenland, seine Ränge mit 55 Sitzreihen, die ihm ein Fassungsvermögen von 13.000(!) Zuschauern verleihen, lehnen an einem Berghang und öffnen sich hin zu sanften Berghängen mit Zypressen und Olivenbäumen. Noch heute werden hier an lauen Sommerabenden griechische Tragödien dargeboten. Die Akustik ist unglaublich; Leise gesprochene Sätze aus der Mitte der kreisrunden Spielfläche sind auch auf den obersten Rängen so gut zu verstehen, als stände man direkt neben dem Vortragenden!

Weiter nach Norden. Wir überqueren den 8km langen und teilweise über 80m tief in den Felsen gegrabenen Kanal von Korinth, der den Isthmus zwischen Saronischem Golf und dem Golf von Korinth durchschneidet, überqueren geradlinig die Halbinsel Attika, meiden somit den Großraum des Molochs Athen, dessen Verkehrsgedränge wir Maggie nicht antun wollen. 

Die Akropolis haben wir sowieso schon auf 1001 Bildern gesehen und auf diesen Aufnahmen sehen die Tempelanlagen sicher besser aus, als im Smog der Athener Innenstadt.

Am späteren Nachmittag in Arkitsa, auf Höhe des Nordteils der Insel Euboa, erwischen wir auf der Suche nach einem stillen Fleckchen am Strand mal wieder eine Sackgasse! Der holperige Schotterweg, nicht breiter als unsere Maggie, der auf einer kleinen Böschung an der Nahtstelle zwischen Strand und ansteigendem Hang verläuft, erweist sich nach ca. 1km als nicht weiter befahrbar. Dumm gelaufen! Im Schritttempo geht es rückwärts, die Böschung aus Kies ist locker und auf ein Gewicht von 10 Tonnen nicht vorbereitet. Natürlich gibt sie an einer Stelle nach und unser rechtes Hinterrad sackt ab! Mit viel Gefühl und der Geländeuntersetzung bringen wir Maggie wieder auf den Weg. Nach einem waghalsigen Wendemanöver am ansteigenden Hang (der Wagen hat solche eine Schräglage, dass ich mich beim Einweisen schleunigst aus der Fallzone entferne) finden wir auf der anderen Seite des Ortes doch noch eine akzeptable Stelle zum campieren und werden für unsere Anstrengung mit einem phantastischen Sonnenuntergang über dem Golf von Euboa belohnt.

Der nächste Tag ist ein Sonntag, die wahrscheinlich günstigste Gelegenheit die Grosstadt Thessaloniki auf unserem Weg zur Halbinsel Chalkidiki zu durchqueren. Also fahren wir eine lange Etappe entlang des Golfes von Thermaikos passieren dabei Griechenlands höchsten Berg, den Olymp, der direkt in Küstennähe auf eine Höhe von knapp 3000m ansteigt (dabei mit seinem schneebedeckten Gipfel und unserer Sicht aus Meereshöhe derartig imposant wirkt, dass uns seine mythologische Bedeutung als Sitz der Götter nicht verwundert) und erreichen am frühen Nachmittag Thessaloniki. Die Uferpromenade mit ihren unzähligen Cafes und Tavernen ist überfüllt mit fröhlichen ausgelassenen Griechen, die diesen mit 35° ersten richtig heißen Tag des Jahres auskosten.

Unser Ziel auf Chalkidiki ist Sithonia, dem mittleren der drei in die Ägäis ausgestreckten , jeweils ca. 50km langen Finger. Der westliche, Kassandra, ist über eine vierspurige Schnellstrasse zu erreichen  und touristisch voll erschlossen. An der Ostküste Sithonias jedoch findet man eine Traumstrandbucht nach der anderen, von denen jede die Vorderseite eines Griechenland-Reiseführers zieren könnte. Leider sind die meisten trotz ihrer Abgeschiedenheit zu idyllischen, aber auch entgeldpflichtigen Camping-Areals avanciert.

Doch wir haben Glück! Südlich des Ortskernes von Sarti finden wir eine von Klippen flankierte Bucht mit langem Sandstrand, die scheinbar uns alleine gehört. Aber auch nur scheinbar; wir sind gerade ausgestiegen, um ´das Terrain zu erkunden´, da bricht aus den Sarti zugewandten Klippen eine Gruppe ausgelassener deutscher Urlauber hervor, die , wie es sich herausstellt, Gäste eines kleinen Aktivurlaub-Hotels mit den Möglichkeiten zum Katamaransegeln, Mountainbiking, Beachvolleyball und vielem mehr sind. Unsere Freude ist groß, besteht doch die Mehrzahl unserer Kontakte aus zwar durch die Bank weg netten und offenen, jedoch uns altersmäßig weit überlegenen Wohnmobil-Urlaubern. Es werden drei wunderbare Tage, an denen wir uns häufig mit ihnen treffen. Den ersten Abend verbringen wir am Strandlagerfeuer ihres Hotels, der zweite endet feucht-fröhlich in „Georges Pub“ (Muss man mal gewesen sein! Witziger Laden mit Tanzfläche; Wände, Theken und Mobiliar fast komplett aus Holzstämmen. Inhaber George, ein kahlköpfiger, bärtiger Grieche, der, so munkelt man, irgendwo zwischen 60 und 70 Jahre alt ist und scheinbar ständig unter dem Einfluss von fröhlichmachenden Rauchwaren steht, zapft, unterhält die Gäste, legt an seinem kleinen DJ-Platz eine krude Mischung aus Disco, Reggae, Pop und Rock der  70er/80erauf, wobei eine Schallplatte verkratzter ist als die andere, und zeigt mehr oder weniger grosses Talent beim Trompete spielen, wenn er versucht, gerade laufende Titel mitzuspielen).

Am dritten und letzten Abend gibt’s dann noch ein Grillgelage bei uns am Strand. Die Gruppe der anderen Camper (in unserer einsamen Bucht stehen inzwischen wie magnetisch angezogen ein knappes Dutzend anderer Wohnmobile) ist sichtlich beeindruckt vom Geknatter unserer Motorsäge, mit der Marcus einen Baumstamm in handliche Feuerholzstücke verwandelt, von lauter Musik und ausgelassener Stimmung, die bis in den frühen Morgen andauert.

Uns fällt es ungewöhnlich schwer, Abschied zu nehmen und am darauffolgenden Tag weiterzufahren, kennen wir doch Christiane, Ulrike, Lutz, Monika, Anke, Markus, Christiane, Andrea und Matthias erst seit kurzer Zeit. Die Begegnung mit ihnen wird einer der schönsten Momente unserer Reise sein und sie werden immer einen besonderen Platz in unserem Herzen haben. Wir hoffen, dass sich das Sprichwort bewahrheitet, nach dem man sich immer zweimal im Leben begegnet!

Wir verlassen Chalkidiki Richtung Osten auf der E90, fast immer in Sichtweite der neuen Autobahn Richtung Türkei, die noch nicht in allen Teilen fertiggestellt ist. Es geht durch Kavala, die Stadt der Tabakhändler, vorbei an Xanthi und Komotini. Auffallend viel bunte Kleidung ist zu sehen, Pumphosen, Kopftücher und Turbane. Hier in diesem Teil des Landes leben mehrere zehntausend Türken und deren Nachfahren, da das Gebiet West-Thrakien 1923 vom umfassenden Bevölkerungsaustausch zwischen Türken und griechen verschont blieb.

20km vor Alexandroupoli finden wir eine kleine Tankstelle, die uns den Liter Diesel für 58 Cent verkauft. Bei den Standardpreisen in der Umgebung, die zwischen 65 und 69 Cent liegen, macht das bei der von uns benötigten Menge von 270 Litern schon einen gewaltigen Unterschied! Die 150 Liter Frischwasser, die wir nebenbei auffüllen, gibt’s natürlich wieder umsonst. An einem kleinen Strand bei Makri, der fast ausschlieslich von Einwohnern der naheliegenden Grosstadt Alexandroupoli besucht wird, übernachten wir ein letztesmal auf griechischem Boden. Der Küstenverlauf ist auf diesem Teil der route eher unspektakulär, das Meer ruhig und trist. Inzwischen werden Berge von Sonnenschirmen und Liegen an die Strände geschafft; es ist Ende Mai und ab der ersten Juniwoche wird die Touristenwelle auch Thrakien erreichen. Nach dem Durchfahren der Küstenstadt Alexandroupolis am nächsten Morgen geht es noch weitere 30km durch Grenzgebiet, bevor wir am Übergang Kipoi, dem südlichsten der drei Grenzübergänge zwischen Griechenland und der Türkei, zur Ausreise unsere Pässe vorlegen, den Grenzfluss Evros Richtung türkischer Grenzkontrolle überqueren und somit am Samstag 25.05.02 um 12.00 Uhr OEZ das EU-Gebiet verlassen.

 

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