
Australien 8
Wir
haben uns eigentlich schon darauf eingerichtet, ungefähr sechs Wochen in Darwin
Station zu machen. Das Wetter ist erstklassig und daran wird sich auch in
absehbarer Zeit nichts ändern. Das riesige, mehr oder
weniger unbesiedelte
Gebiet um Darwin bietet mit Kakadu- und Lychfield- zwei Nationalparks, die es zu
erkunden lohnt (Eukalyptuswälder, bizarre Felsformationen, Wasserfälle,
Krokodile). Darüber hinaus erzählt uns Sebastian, dass die Möglichkeit
besteht, als Decks-Hand wochenweise bei einem der ansässigen Fischer hinaus in
die Timorsee zu fahren (in der Regel zwölf Meter lange Kutter mit zwei- bis
dreiköpfiger Besatzung) und ein paar Dollar zu verdienen.
Nichts zum reich werden, man ist prozentual am Fang beteiligt und so üppig ist
die Ausbeute im Moment nicht, aber schliesslich ist es ja auch eine interessante
Erfahrung. Sebastian selbst hat bei seinem ersten Besuch in Darwin mehrere
Wochen auf so einem Fischkutter verbracht und wird auch in den kommenden Wochen
wieder mit seinem ehemaligen Skipper Tony auf Fang fahren. Genau in diesem
Moment trifft uns die australische Bürokratie mit einem Keulenschlag ins
Gesicht. Wie schon einige Male erwähnt reisen wir mit einem sogenannten
„Carnet de passage en Douane“, einem Dokument, das uns ermöglicht, Maggie für
einen Zeitraum von bis zu sechs oder zwölf Monaten (länderabhängig) zollfrei
mit uns in die jeweiligen Reiseländer einzuführen. Vorraussetzung: Wir müssen
Maggie vor Ablauf dieses Zeitraumes wieder ausser Landes bringen. Sollte man
diese Zeit überschreiten oder anderweitig gegen die Carnet-Reglementierungen
verstossen (unerlaubte Gebrauchsüberlassung, Vermietung etc.), ist der Zoll des
Aufenthaltslandes berechtigt, die Sicherheitsleistung einzufordern, die der
Carnet-Inhaber im Heimatland (abhängig vom Fahrzeugwert) in Form einer
Bankbürgschaft
beim dortigen Automobilclub (in Deutschland der ADAC) hinterlegt hat. Das
Carnet-Dokument selber ist zwölf Monate gültig. Übliche
Verfahrensweise vor Ablauf: Man lässt sich aus Deutschland vom ADAC postlagernd
ein Folge-Carnet schicken, die Zollbehörde des Aufenthaltslandes überträgt
das Fahrzeug aus dem auslaufenden ins Folge-Carnet, das alte wird zusammen mit
einer Kopie der Eintragung in das neue zurück nach Deutschland zum ADAC
geschickt. Genau so wird der Vorgang auch in der „Bibel“ für Traveller, dem
Buch „Fernreisen mit dem eigenen Fahrzeug“ von Bernd Büttner aus dem
Reise-Know-how-Verlag beschrieben. Da unser Carnet am 16. Juni ausläuft, bitten
wir den ADAC um Zusendung des Folge-Carnet. Der teilt uns nun mit, dass er im
Fall Australien dafür ein Permit der australischen Zollbehörde benötigt. Wir
besuchen also das Zollamt in Darwin und schildern unseren Fall. Der zuständige
Zollbeamte verspricht, Informationen einzuholen und bestellt uns erneut für den
folgenden Tag. Am nächsten Morgen hat er eine böse Überraschung für uns
parat. Er hat sich bei der obersten Instanz für Carnet-Angelegenheiten in
Canberra erkundigt und teilt uns nun mit, dass Australien die Istanbuler
Carnet-Konventionen von 1954 nicht in ihrem vollen Umfang akzeptiert hat. Der
wichtige „Anhang C“ ist für Australien nicht relevant. Bedeutet im
Klartext: Ausländer dürfen ihr Fahrzeug zwar mit einem Carnet für bis zu zwölf
Monate ins Land einführen, jedoch nicht länger als die Restlaufzeit des bei
Einfuhr gültigen Carnet. Folge-Carnets werden NICHT
akzeptiert, Verlängerungen
über das Auslaufdatum hinaus nur dann gewährt, wenn die Verzögerung der
Ausfuhr aus einem Unfall oder force majeure resultiert. Ich
spreche telefonisch selber mit Helen Jeffs in Canberra, die mir die Sachlage
noch einmal freundlich aber bestimmt erklärt. Fazit: Wir müssen Maggie bis zum
16. Juni außer Landes geschafft haben. Da Australien eine Insel ist, geht dies
natürlich nur per Verschiffung und die ist in weniger als zwei Wochen nicht zu
realisieren, zumal wir uns 4500 km entfernt von Sydney befinden, dem Hafen, von
dem aus wir Maggie in ein paar Monaten nach Neuseeland verschiffen wollten.
Helen Jeffs hat scheinbar wöchentlich ähnliche Probleme mit anderen Travellern
aus aller Welt und schimpft auf den ADAC und die Automobilclubs der anderen Länder,
die bei der Carnet-Erteilung vergessen zu erwähnen, dass es gewisse
schwerwiegende Einschränkungen in einigen Ländern gibt. Sie ist jedoch kein
Unmensch und bittet uns, eine möglichst kurzfristige Verschiffung zu
organisieren, für die Zeitspanne, die wir ausserhalb der Carnet-Validität
liegen werden, will sie die Sicherheitskräfte, die sonst erbarmungslos
zugreifen würden, im Zaum halten. Für uns heisst das, der Traum von weiteren
sechs Monaten Aufenthalt in Australien und dem Erkunden der bisher noch nicht
bereisten Landesteile ist ausgeträumt. Telefonisch
versuchen wir eine Verschiffung aus Sydney zu organisieren. Einen Agenten, wie wir
ihn in Indien hatten (ihr erinnert euch sicher noch an
die unseligen Geschichten über den hektischen Mr. Irani in Bombay), werden wir
uns hier sparen. Hier benötigen wir niemanden, der weiss, wo und zu welchem
Zeitpunkt Schmiergelder in welcher Höhe an wen auszugeben sind, damit alles
halbwegs reibungslos klappt. Wir befinden uns schliesslich in einem „Erste
Welt Land“, in dem alles seinen ordentlichen Gang geht. Also kontaktieren wir
direkt die Shipping-Lines. Den Zuschlag erhält die ANZDL (Australia New Zealand
Direct Line). Sie offeriert uns für den Komplettpreis von 4200 AU$ + Tax eine
RoRo-Verschiffung von Sydney nach Auckland, Abfahrt 5. Juli, Übergabe des
Fahrzeuges in Sydney am 1. Juli. Helen Jeffs in Canberra ist mit den drei Wochen
Überziehung der Carnet-Validität einverstanden, wir müssen nur bis zum
Freitag, dem 27. Juni beim Zoll in Sydney die Buchungsbestätigung vorlegen, um
mit ein wenig Papierkram die Geschichte legal zu machen. So schön
es auch ist, dass die Sache mit der Schiffsbuchung so gut geklappt hat, es
bedeutet auf der anderen Seite natürlich, dass wir Darwin schon am 11. Juni
verlassen müssen, um die 4500 Kilometer bis nach Sydney nicht im Renntempo,
sondern in akzeptablen 300 Kilometer langen Tagesetappen hinter uns bringen können
und noch ein zweitägiges Sicherheitspolster haben. Das ist besonders bitter, da
wir mit Sebastian, René, Rodger und ihren Jungs einige der nettesten
Bekanntschaften auf unserer gesamten Reise gemacht haben und gerne mehr Zeit
gemeinsam mit ihnen in Darwin verbracht
hätten. Aber so ist halt das
Travellerleben. So zufällig, wie sich Wege kreuzen, so schnell gehen sie oft
auch wieder auseinander. Immerhin ist die Chance gross, dass wir uns wiedersehen.
René und Rodger planen für das kommende Jahr eine neunmonatige Tour durch
Neuseeland, und das ist bekanntlich nicht so gross. Am Morgen
des 11. Juni verlassen wir Darwin schweren Herzens. Die ersten 900 Kilometer südwärts
auf dem Stuart Highway kennen wir schon von der Hinfahrt. An der Trostlosigkeit
der Landschaft hat sich nichts geändert und doch sollte man, wenn nachmittags
ein Plätzchen für die Nacht entlang des Highways gefunden worden ist, die
Umgebung bei einem Walk erkunden. Überall stösst man auf interessante Dinge.
Papageien, Kakadus, Autowracks, Echsen jeder Art und Grösse und natürlich
Schlangenspuren. Also, besser nicht ins tiefere Buschgras eindringen ohne es
vorher gründlich beäugt zu haben. Und wenn man in einem ansonsten trockenen
Bachbett doch mal ein Wasserloch entdeckt, dauert es nicht lange, bis das ein
oder andere Wallaby oder Kangaroo zum
Wasserfassen vorbeischaut. Am Threeways-Roadhouse, 540 km nördlich Alice Springs, biegen wir nach Osten auf
den Barkly Highway ab, der uns in Richtung der noch etwa 1600 km entfernten Ostküste
bringt. Ab hier gibt es für uns also wieder etwas Neues zu sehen. Dachten wir.
Stimmt nicht wirklich für die ersten 400 km der Strecke, die auch in allen
bekannten Reiseführern mit kaum einer Silbe erwähnt werden. Wir fahren durch
die Barkly-Tablelands. Der Name ist Programm, tischplattenebene spärlich
bewachsene Gegend. Du steigst aus dem Auto, machst eine langsame 360°- Drehung,
und das mit niedrigem Gebüsch bewachsene Gelände ohne nennenswerte Erhebung
bis zum Horizont wird nur zweimal unterbrochen. Einmal vom Highway, der
schnurgerade auf dich zukommt und 180° später wieder schnurgerade Richtung
Horizont entschwindet. Auf Grund dieser eher monotonen
Strassenführung kommt es hier vermehrt zu Unfällen,
verursacht von aus
Langeweile eingeschlafenen Fahrern. Daher sieht man überall am Strassenrand
Hinweisschilder mit markigen Sprüchen wie „drowsy drivers die“ oder „break
your drive, stay alive!“. Nach 440
Kilometern Fahrt auf dem Barkly Highway überqueren wir die Staatsgrenze nach
Queensland, müssen unsere Uhren um eine halbe Stunde zurückstellen und dürfen
auf dem Highway jetzt nur noch 100 km/h schnell fahren. Im Northern Territory
darf man ausserorts Gas machen, was das Zeug hält. Zweihundert Kilometer später
erreichen wir die erste ernstzunehmende menschliche Ansiedlung im Outback von
Queensland, Mt. Isa mit immerhin 22.000 Einwohnern. Schon von weitem sieht man
das Wahrzeichen der Stadt, den 270 Meter hohen Schornstein des
Bleischmelzwerkes. Metalle sind der Grund, warum es hier in der Ödnis eine
Stadt dieser Grösse gibt. Mt Isa sitzt auf einem Riesenberg wertvoller Stoffe,
gehört zu den drei grössten Silberproduzenten der Welt und rangiert, was Blei,
Kupfer und Zink angeht, unter den grössten zehn der Erde. Das war’s dann aber
auch schon, was Mt. Isa zu bieten hat, ausser vielleicht dem ersten grossen
Supermarkt seit über eintausend Kilometern und der Möglichkeit, mal wieder
billig zu tanken. Queensland ist nämlich der australische Bundesstaat mit der
niedrigsten Treibstoffbesteuerung, was bedeutet, dass wir hier den Liter Diesel,
für den wir in Darwin noch 0,92 AU$ bezahlt haben, für erfreuliche 0,78 AU$
bekommen, was bedeutet, dass wir bei einer Tankfüllung von 500 Litern immerhin
70 AU$
sparen.(BILD 8.7) Man lernt, sich auch über Kleinigkeiten zu
freuen. Zum Beispiel 200 Kilometer weiter östlich in Mc Kinlay über den
Anblick des Walkabout Creek Hotel, einer der Locations aus dem australischen
Movie- Blockbuster „Crocodile Dundee“ (ich weiss, ich weiss, ist inzwischen
ein Oldie und wird nur noch von finanzschwachen Privatsendern gezeigt). Die Nacht
auf den 15. Juni verbringen wir noch einhundert Kilometer weiter ostwärts in
Kynuna, einer kleinen Siedlung, die ausser einer Tankstelle, dem sehenswerten
„Blu Heeler Hotel“ (alle Wände, aussen und innen, sind bekritzelt mit
Mitteilungen und Grüssen von Reisenden, jedes Jahr im August findet ein grosses
Surf-Rettungsschwimmer-Fest statt, obwohl der nächste Strand immerhin 1000 km
entfernt ist) und „Magoffins Matilda Expo“, einem kuriosen Museum, das die
heimliche australische Nationalhymne „Waltzing Matilda“, geschrieben 1895
vom australischen Dichter Banjo Paterson, zum Thema hat. Natürlich hat
Australien eine richtige Nationalhymne, die schmissig im englischen Stil
daherkommt. Die meisten
australischen Buschbewohner jedoch würden (Gott weiss
warum) „Waltzing Matilda“ vorziehen. Banjo Paterson soll das Lied nach dem
Besuch eines zwölf Kilometer östlich liegenden Wasserloches geschrieben haben.
Das (angebliche) Originalmanuskript befindet sich im Museum, sagt
jedenfalls Besitzer Richard Magoffin, der inzwischen selbst eine kleine Berühmtheit
geworden ist und in einer allabendlichen zweistündigen „Liveshow“ natürlich
auch diese ur-australische Hymne zum Besten gibt. Das Museum selber ist bunt,
schrill, es kostet keinen Ein- sondern einen variablen Austritt, die Bandbreite
an Souvenirplunder (Thermometer, Sammellöffel, Küchenhandtücher mit Liedtext,
...)
ist unüberschaubar und bar jeden Sinnzusammenhanges. Aber genau das macht
„Magoffins Matilda Expo“ so entzückend. Schon
viele Leute haben über „Waltzing Matilda“ im allgemeinen, den Sinngehalt
des Textes im speziellen und den geistigen Zustand Banjo Patersons zum Zeitpunkt
des Verfassens philosophiert, darunter einige mit weit profunderen Kenntnissen
die australische Dichtkunst betreffend als der meinigen. Ich
halte mich daher höflich zurück (will ich es uns doch nicht auf Teufel komm
raus mit den Australiern verderben, weil ich an einer ihrer Ikonen rüttele) und
stelle euch nur den Originaltext der ersten Strophe und eine sinngemässe Übersetzung
aus dem Buschjargon zur gefälligen Selbstbeurteilung anheim:
“Oh, there once was a swagman camped in the billabong
– Under the shade of a coolibah tree – And he sang as he looked at his old
billy boiling – Who´ll come a-waltzing Matilda with me”.
Auf gut
Deutsch:
„Ah, da
war einmal ein Vagabund, der in (!) einem Wasserloch im Schatten eines
Eukalyptusbaumes campierte. Und während er beobachtete wie das Wasser in seinem
alten Kessel kochte, sang er: Wer wird vorbeikommen und mir beim Tanzen mit
meiner eingerollten Decke (!!) Gesellschaft leisten? (!!!)“
Südöstlich
führt uns nun der Landsborough Highway. Das uns umgebende Land wird hügeliger,
die karge Vegetation wird von grösseren Eukalyptuswäldern unterbrochen. 450
Kilometer sind wir seit Kynuna gefahren als wir in Longreach eintreffen, einem
munteren, reizenden Örtchen mit 4500 Einwohnern. Über den Dächern der
flachen, eingeschossigen Wohnhäuser sehen wir am östlichen Ortsrand einer Fata
Morgana ähnlich das buckelförmige Cockpit und das gewaltige Leitwerk einer
Boeing 747 im
grellen Sonnenlicht blitzen.
Ein Jumbo Jet
mitten im Outback? Mit gutem Grund. Auf dem Leitwerk sehen wir ein weisses
Kangaroo auf rotem Grund, Markenzeichen der QUANTAS, Australiens bekanntester
Fluggesellschaft, die hier in Longreach 1922 mit einem regulären Air-Service
zwischen Cloncurry und dem 900 Kilometer entfernten Charleville ihren Dienst
aufnahm. Der hier, direkt neben dem Originalhangar der Fluggesellschaft von
1922, als eine Art Denkmal für immer geparkte Jumbo Jet war einer der ersten,
die die schnell expandierende QUANTAS (Queensland & Northern Territory
Aerial Service) 1971 erwarb, um die stark ansteigende Zahl von Fluggästen auf
den transkontinentalen Linien befördern zu können. Wir haben hier das erste
Mal die Gelegenheit, zwischen den mächtigen Fahrwerksbeinen direkt unter dem
gigantischen Bauch dieses auch heute noch (zumindest bis der neue Super-Airbus
in Dienst gestellt wird) grössten Passagierflugzeuges der Welt zu stehen. Weiter
geht es auf dem Landsborough Highway Richtung Südosten. Alle ca. einhundert
Kilometer durchfahren wir einen der kleinen Orte entlang der Strecke, Barcaldine,
Blackall, Tambo, Augathella, um schliesslich in Morven auf den nach Osten direkt
auf Brisbane zuführenden Warrego Highway einzubiegen. Noch trennen uns fast 7oo
Kilometer von der Küste. Eigentlich halten wir uns fern von
Caravan-Parks, die mit Toiletten, Duschen und Elektrizität nichts bieten, was
wir nicht sowieso haben und dafür auch noch um die 12 AU$ pro Nacht verlangen.
Eine Ausnahme machen wir im kleinen Örtchen Mitchell. Der am Ortsausgang direkt
am Ufer des Maranoa River liegende Camping- und Caravan-Park bietet Stellplätze
mit Stromversorgung für zwei Tage kostenlos an. Keine Tricks, keine Haken, kein
Koppelgeschäft. Duschen und Toiletten sind nagelneu, es gibt Feuer- und
Grillstellen. Keine Ahnung, womit die Betreiber ihr Geld verdienen. Roma und
Chinchilla sind die klangvollen Namen zweier der Städte, die wir auf dem nächsten
Teilabschnitt der Strecke durchfahren. Die Einsamkeit des Outbacks ist Stück für
Stück riesigen Viehfarmen gewichen. Hier werden grosse Teile des preiswerten
australischen Rindfleisches grossgezogen, per Cross-Bike zusammengetrieben (die
Zeiten der berittenen Viehtreiber sind auch hier leider schon Geschichte) und
dann per der direkt an den Farmen haltenden Eisenbahn auf kürzestem Weg in die
Schlachthäuser an der Küste transportiert. Es ist immer damit zu rechnen, dass
eine Horde marodierender Rinder von einer der
riesigen Weiden ausbüxt und die
Highways unsicher macht. Australische Rinder zeichnen sich
dadurch aus, dass sie im Zick-Zack über die Strasse trotten, ohne sich von
notbremsenden, entgeistert hupenden Fahrzeugführern am Rande des
Herzstillstandes aus der Ruhe bringen zu lassen. Das Gras am gegenüberliegenden
Strassenrand sieht halt immer viel leckerer aus als das, was man im Moment
wiederkäut. Die
Aussentemperaturen haben in den letzten Tagen übrigens auch merklich
nachgelassen. Tagsüber ist man zwar mit kurzer Hose und T-Shirt immer noch gut
bedient, abends jedoch greift man ganz gern wieder zum Fleece-Pullover und
nachts ist eine zweite Decke angeraten. Wir
durchqueren noch einmal die Great Dividing Range, den Gebirgszug (bei Höhen bis
1000 Metern von Gebirge zu sprechen, ist für Europäer zwar verwirrend, für
den Australier sind diese 1000 Meter jedoch schon mächtig hoch), der sich
entlang der Ostküste erstreckt. Nur noch
etwa 100 Kilometer bis Brisbane, dass wir jedoch südlich auf dem M4 –
Motorway umfahren. Es lohnt sich sicher, die 1,6 Millionen Einwohner zählende
Hauptstadt Queenslands zu besuchen (laut jüngsten Statistiken der
begehrenswerteste Wohnort der Australier), dafür sollte man allerdings fünf
bis sieben Tage ansetzen, um der kulturellen Vielfalt dieser Stadt Rechnung zu
tragen, und die haben wir leider nicht. Südlich von Brisbane treffen wir auf
den Pacific-Highway, der entlang der Küste bis ins 1000 Kilometer entfernte
Sydney führt. Etwa eine Fahrstunde weiter beginnt die „Gold Coast“, ein 50
Kilometer langer Strandstreifen bis zur Staatsgrenze zwischen Queensland und New
South Wales. In den 50er Jahren war die Gold Coast noch ein Paradies mit hübschen
Strandpromenaden und einer nicht zu grossen Anzahl von Feriengästen. Seit den
70ern hat sie sich in eine (zumindest für uns) grauenvolle Mischung aus Miami
Beach und Antalya verwandelt. Direkt am schönen, feinsandigen
Pazifikstrand erheben sich unzählige Hotel- und Appartementtürme übelster
Architektur. Der Platz dazwischen ist gefüllt mit Restaurants und
Einkaufszentren. Viele Australienreisende lassen sich vielleicht von nach
Individualtourismus klingenden Ortsnamen wie „Surfers Paradies“ täuschen.
Dieser verheissungsvolle Name entspringt jedoch einer Werbemassnahme. Bis 1933
hiess diese damals verschlafene Küstennest Elston. Den Stadtvätern war dies zu
bieder, der Name ihres einzigen Hotels „Surfers Paradies“ klang
vollmundiger, wurde neuer Stadtname und seitdem ging es bergauf. Unaufhaltsam.
Viel zu weit. Aber, wer´s mag ... . Wir jedoch ergreifen, völlig verschreckt,
die Flucht nach vorn, das heisst, nach Süden, denn wir wissen, dass wir nur 80
Kilometer entfernt sind von einem
wirklich schönen Fleckchen an der Pazifikküste.
Byron Bay, gelegen am Cape Byron, dass einige Kilometer weit in den Ozean
hinausragt. Seit den späten 60ern Mekka der Surfer und
Backpacker. Keine Hoteltürme, phantastische Strände. Nicht, dass es hier in
der Saison ruhig und idyllisch wäre, es ist schon ein ziemlich beliebter
Urlaubsort. Aber, wie gesagt, nicht für den Pauschaltouristen, sondern hauptsächlich
für Backpacker und die Alternativszene. Soll heissen, die Atmosphäre ist
weitaus angenehmer, als an der Gold Coast. Nicht weit von hier, im ländlich
gelegenen Mullumbimby, soll einst das beste Marihuana Australiens namens „Mullumbimby
Madness“ gewachsen sein. Aber das ist heute Geschichte. Auf dem
Weg von Byron Bay nach Sydney gibt es viele Plätze, an denen man strandnah mit
seinem Fahrzeug ein paar Nächte verbringen kann. Diverse von den jeweiligen
Councils aufgestellte Schilder, die androhen, dass campen bzw. übernachten im
Fahrzeug mit hohen Geldstrafen geahndet werde, kommentiert jeder Australier mit:
„No worries, mate!“
Keine Sorge, Kumpel! Da wird schon nichts passieren. Die Ranger sind alle nette, umgängliche Jungs, immer zu einem Schwätzchen
bereit und tun nur ihre Pflicht, wenn sie nach der ersten Nacht auftauchen und
freundlich darauf hinweisen, dass campen eigentlich verboten ist. Was bedeutet,
man soll zu einer anderen Stelle fahren und dort die nächste Nacht ungestraft
verbringen. Einer dieser wunderschönen Plätze ist der Viewpoint von Woolgoolga,
zwanzig Kilometer nördlich des grossen, touristischen Coffs Harbour. Eine
phantastische Aussicht auf die endlosen Strände entlang der Küste nach Süden
und Norden. Woolgoolga, der Name des Ortes ist nur einer in einer endlos langen
Liste fast unaussprechlicher australischer Städtenamen wie Coonabarabran,
Wangaratta, Manangatang, Wagga Wagga, Murrwillumba oder meinem persönlichen
Favoriten Tumbarumba. Man könnte Dutzende von Seiten mit Namen dieses Schlages
füllen. Obwohl sie recht unsinnig klingen, haben sie dennoch eine Bedeutung und
sind aus einem der Aboriginal-Dialekte übernommen. Nicht-Australiern bereiten
sie bei einer mündlichen Wegbeschreibung allerdings ernste Probleme und führen
zu wiederholtem Nachfragen. Ein
weiterer erwähnenswerter Platz abseits aller Hektik ist die (allerdings nur für
Allradfahrzeuge geeignete) Strandzufahrt etwa auf halber Strecke zwischen Bonny
Hills und Laurieton. Bis auf eine Handvoll Spaziergänger hat man zehn Kilometer
Südpazifikküste mit breitem, feinsandigen Strand und donnernd anrollenden
gigantischen Wellen ganz für sich allein. Die vorletzte
Etappe auf unserer Fahrt nach Sydney endet in Anna Bay an der Südküste der
Tamaree Peninsula, welche die Nelson Bay, vierzig Kilometer nördlich von
Newcastle im Südosten umschliesst. Am westlichen Ortsrand beginnt ein
gewaltiger, tiefer Sanddünenstreifen, der die Küste vom Hinterland trennt und
bis nach Newcastle reicht. Das Befahren dieses Tiefsandareales ist allen
Allradfahrzeugen erlaubt, sofern der Fahrer vorher für ein paar Dollar eine
Genehmigung erwirbt. Da wir erst am Nachmittag eintreffen und schon am frühen
Morgen des folgenden Tages weiterfahren wollen, lohnt es sich nicht mehr, die
Erlaubnis einzuholen, obwohl wir gerne in diesem grossen Abenteuersandkasten
rumgetobt wären. Aber schon das Druckablassen aus den Reifen, um bei 1,5 bar
eine genügend grosse Auflagefläche für Fahrten in Weichsand zu bekommen, wäre
zu zeitaufwendig. Die Dunkelheit bricht auf der Südhalbkugel im Juni einfach zu
früh herein. Glaubt übrigens keinem Reifenhändler (wie in unserem Fall Darren
aus Ballarat), der behauptet, man könne schlauchlose Reifen, die im
Normaleinsatz mit 7 bar Druck gefahren werden, nicht auf 1,5 bar ablassen,
sondern bestenfalls auf 3 bar, da sich sonst die Dichtstelle zwischen
Felgenrand
und Reifen öffnen würde. Das dies ohne Probleme
funktioniert, lassen wir uns von Profis bestätigen, die gewerblich
Touristengruppen in umgebauten LKWs und verlängerten Toyota Landcruisern (3
Achsen!) durch die Dünen schaukeln, 365 Tage im Jahr, immer mit unter 1,5 bar
Reifendruck, ohne Probleme. Die Jungs sind so nett, uns kostenlos auf ihrer Tour
mitzunehmen, zuerst im dreiachsigen Landcruiser, zusammen mit einer siebenköpfigen
Gruppe kreischender Koreanerinnen, die offensichtlich zum ersten Mal in höchst
zügigem Tempo durch den Sand preschen und erleben, welche Schräglagen so ein
Fahrzeug durchaus meistern kann, ohne umzukippen. Auf dem Kamm einer mit 60°
Neigung abfallenden hohen Düne machen wir halt. Kurze, snowboard-ähnliche
Holzbretter werden ausgepackt, gewachst, und schon stürzen wir uns zwar
sitzend, aber nicht minder todesmutig, ein ums andere Mal in die Tiefe. Ein
Mordsspass (wieder untermalt von koreanischem Gekreische)! Dann steigen Marcus
und ich um in einen Hino 12-Tonner, dem wir unterwegs begegnen. An Bord: Eine
gemischte Gruppe Asiaten unterschiedlichen Alters. Wir dürfen es uns im Führerhaus
bei Fahrer Craig gemütlich machen, der die Gruppe zu einer kurzen Pause am
Strand und schliesslich zurück zum Parkplatz bringt. In einer Fahrweise, die
keinen Zweifel
darüber aufkommen lässt, dass er dieses Dünengelände und sein
Fahrzeug hundertprozentig beherrscht (asiatisches Gekreische von hinten). Der schwergewichtige Hino, der übrigens die gleiche Reifendimension
wie Maggie fährt (sollen sich laut Fahrer Craig bestens im Offroad-Einsatz bewährt
haben), ebenfalls aufgezogen auf speziell handgefertigten Felgen, spurt durch
den Sand wie auf Schienen. Am Mittag
des 21. Juni erreichen wir die 4-Millionen Metropole Sydney, und somit schliesst
sich der Kreis unserer Australien-„Rundfahrt“, die mit 12000 Kilometern
erheblich kürzer ausgefallen ist als geplant (die Pest über die australische
Zoll-Bürokratie!). In Sydney empfiehlt es sich, auch mit einem komplett
ausgestatteten, also unabhängigem Fahrzeug, einen kommerziellen Campground
anzusteuern, falls man sich länger als einen Tag in der Stadt aufhalten will.
Das ist definitiv sicherer, da, obwohl Sydney im grossen und ganzen eine
friedliche Stadt ist, örtliche Langfinger doch ganz gerne ein Fahrzeug in
Abwesenheit des Besitzers auf geldwerte Vorteile untersuchen. Der Grossteil der
Campgrounds liegt allerdings mehr als zwanzig Kilometer vom Zentrum entfernt und
ist somit, wenn man, wie wir,
einiges in der City zu erledigen hat, eher nicht
zu empfehlen. Wir entscheiden uns für den Lane Cove River
Caravan Park nördlich von Sydney Harbour, vierzehn Kilometer vom Zentrum
entfernt (für hiesige Verhältnisse also fast schon im Herzen der Stadt) mitten
im mehrere Quadratkilometer grossen Lane Cove National Park, einem der vielen grünen
Oasen im Innenstadtbereich von Sydney. Direkte Busverbindung vom Campground zum
Bahnhof des westlich gelegenen geschäftigen Stadtteiles Chatswood und von dort
aus über das eindrucksvolle City-Rail Schienennetz bis in jeden Winkel der
Stadt. Kleiner Tip: Der sieben Tage gültige Travel-Pass für 38 AU$ erlaubt
unbegrenzte Fahrten mit Bussen, Bahnen und Fähren der Stadt. Man muss kein
Rechengenie sein, um bei einem City-Rail Einzelfahrpreis von 3 AU$ zu wissen,
dass sich diese Investition lohnt. Wir haben
eine Menge organisatorisches Zeug in Sydney zu erledigen. Zuallererst brauchen
wir ein Einreisevisum für Neuseeland. Ein möglichst langes, am besten gleich
die maximalen neun Monate, die ausländischen Touristen gewährt werden können.
Bekommen wir die neun Monate gleich auf einen Schlag, müssen wir nicht zweimal
gegen Gebühr im Land der Kiwis und Schafe eine jeweils dreimonatige Verlängerung
beantragen. Neuseelands Konsulate reagieren auf ein solches
Ansinnen eher mit einer gewissen Distanziertheit, vermuten sie doch, dass man
wie viele andere Ausländer in vergangenen Jahren mit langem Visum, aber ohne
ausreichenden Geldmittel nach kurzer Zeit ohne einen Pfennig dasteht und
versucht, eine Arbeit aufzunehmen, was den Inhabern von Touristenvisa ohne wenn
und aber bei Androhung der sofortigen Ausweisung untersagt ist. Um dies zu
verhindern, muss man für ein Langzeitvisum einiges vor- und nachweisen, so zum
Beispiel eine vorgeschriebene Geldmenge pro Monat der gewünschten
Aufenthaltsdauer im Land (Bargeld funktioniert nicht, das könnte man sich
geliehen haben, erwünscht sind Travellerschecks oder ein Bank-Statement) um
sicherzustellen, dass man seinen Aufenthalt aus eigener Kraft finanzieren kann.
Dazu muss jeder Antragsteller nachweisen, wie und wann er das Land wieder zu
verlassen gedenkt, mit anderen Worten, er muss im Besitz eines Rück- oder
Weiterflugtickets in ein Land sein, in das er zu dem Zeitpunkt auch einreisen
darf. Und das, bevor er weiss, ob ihm überhaupt ein Visum erteilt wird. Bevor wir
unsere Anträge einreichen, besuchen wir also zuerst eines der „Flight-Center“,
die es überall in Sydney (und auch ganz Australien) gibt, eine Kette von
Discount-Fluganbietern, die dafür bekannt
sind (und auch lautstark damit
werben), dass sie jedes ernstzunehmende Angebot (ob von einem anderen Reisebüro
oder aus dem Internet) unterbieten können. Team Leader
Carolyn hat mit uns eine harte Nuss zu knacken, da unser Anliegen nicht ganz
einfach ist. Natürlich können wir einen Hin- und Rückflug für unter 400 AU$
pro Nase bekommen (LAN Chile ist im Moment der Preisrekordhalter), aber das würde
uns wenig nutzen. Was wir brauchen, ist ein Hinflug mit einem auf den 27.
Oktober datierten Rückflug (der letzte Tag, an dem wir mit unserem derzeit gültigen
australischen multiple entry Visum wieder für bis zu sechs Monate ins Land der
giftigen Tiere einreisen können), der aber jederzeit ohne Kosten umdatiert
werden kann, und zwar über einen Zeitraum von einem Jahr. Einerseits wird so
ein Ticket zeigen, dass wir unsere Weiterreise in ein Land, in das wir dann auch
wirklich hineindürfen, geplant und bezahlt haben, andererseits macht unser neun
Monate Visum-Antrag dann Sinn, weil wir nachweisen können, dass wir unseren Rückflug
je nach Gusto verschieben können. Sollte man uns trotz allem nur drei Monate
gewähren, könnten wir den Rückflug aber auch vordatieren und müssen so den
Flug nicht verfallen lassen. Carolyn ist also aufs äusserste gefordert, landet
aber schon nach zwanzig Minuten
Abfragearbeit an ihrem Terminal einen
Volltreffer. Air Thailand ist mit unseren Vorgaben
einverstanden, zum relativ moderaten Preis von 800 AU$ pro Kopf. Mit dem
ausgedruckten Travel-Itenary als Anlage zu unserem Antrag geht’s ein zweites
Mal zum neuseeländischen Konsulat. Wir weisen die geforderten Geldmittel nach
und man verspricht uns, innerhalb von fünf Tagen zu entscheiden, wie lange wir
bleiben dürfen. Unser nächster
Ausflug führt zum Büro der ANZDL, der Shipping-Line, die Maggie mit einem
ihrer Schiffe sicher durch die roaring-fourties über den Pazifik nach
Neuseeland bringen soll. Wir kennen uns bisher nur über Telefon und E-Mail,
wissen also eigentlich nicht, ob es eine grosse, moderne Line oder nur eine
Vereinigung rostiger Seelenverkäufer ist. Das mit viel Glas und Stahl umgebaute
alte Hafengebäude, Sitz der ANZDL direkt am Darling Harbour, ist ein höchst
beruhigender Anblick. Grossraumbüros, Unmengen von
Mitarbeitern. Hier werden
eher grosse Gütermengen transportiert, und da stehen wir nun und wollen unsere
kleine Maggie über den Ozean schicken. Aber, da wir ja inzwischen „alte
Verschiffungs-Füchse“ sind, gibt es kein Problem mit dem ganzen Papierkram,
der dazugehört. Für kurze Aufregung sorgen wir indes mit
unserem Vorhaben, in bar zu bezahlen. Das ist bei der ANZDL offensichtlich schon
lange nicht mehr passiert, darum müssen wir, nachdem man sich dann doch
bereiterklärt hat, unser Geld anzunehmen (genau abgezählt, eine
Wechselgeldkasse gibt es hier natürlich nicht), den Mitarbeitern erklären, wie
eine Barzahlungs-Quittung auszusehen hat. Abspeisen will man uns mit einem
Zettel, auf dem der Zahlbetrag und eine Registriernummer steht, aber keine
Firmenanschrift, kein Datum, keine Unterschrift, kein Stempel. Seid gewarnt, die
Zeiten der guten alten, bunten, knisternden Banknote sind bald endgültig gezählt.
Am 3.Juli sollen wir Maggie im Hafen übergeben, das Schiff, die „Roturi“,
weilt im Moment noch in der Südsee, wird aber pünktlich am 5. Juli einlaufen,
beladen werden, und, so Poseidon will, am 13. Juli in Auckland ankommen. Mit den
Verschiffungspapieren und der (nun rechtlich haltbaren) Quittung fahren wir zum
Flughafen, um im dortigen Zoll-Hauptgebäude dem obersten
Carnet de
passage-Siegelbewahrer des australischen Zolls, Mr. Ross Wilkins, in persona
gegenüberzutreten und ihm anhand der Unterlagen zu zeigen, dass die inzwischen
unerwünschte Maggie (das Carnet ist vor einigen Tagen abgelaufen) am 6. Juli
die australischen Hoheitsgewässer verlassen wird. Nochmals
bringen wir unseren Unmut darüber zum Ausdruck, dass auf der Homepage des
australischen Zolls in der Rubrik „Einfuhr von Touristenfahrzeugen“ auf die
ungewöhnliche Handhabung des Carnet in diesem Land mit keiner Silbe hingewiesen
wird, Reisende (wie wir) also ungewollt und unbewusst in Schwierigkeiten geraten
können. Ross murmelt etwas wie „könne er ja mal dem Informationsdienst
mitteilen“ in seinen Bart, macht Maggies Aufenthalt mit Stempel und
Unterschrift fürs erste wieder legal und sucht das Weite. Wir machen ein
Stockwerk höher gleich noch einen Termin mit zwei Zollbeamten für den 3. Juli
im Hafen aus, die dort die vorschriftsmässige Ausfuhr von Maggie überprüfen
und bestätigen werden (soll ja alles seinen geregelten Gang gehen). Zwischen
diesem langweiligen, bürokratischem Kram nehmen wir uns natürlich immer wieder
die Zeit, alte Bekannte in Sydney zu begrüssen: Opera House, Harbour Bridge,
Circular Quay, den Royal Botanical Garden und und und ... . Von einer der schnellen Fähren lassen wir uns zum
Olympiapark bringen, dem Gelände,
auf dem im Jahr 2000 die wohl fröhlichsten und am besten organisierten
Olympischen Spiele der Neuzeit stattfanden (und Australien endlich einmal die
Gelegenheit gaben, für kurze Zeit ins Zentrum der Weltinteresse zu rücken; Ihr
zweiter Versuch in dieser Richtung, der Einsatz von Truppen im „Öl für die
USA“-Krieg gegen den Irak, hinterliess bei vielen Menschen leider eher einen
bitteren Nachgeschmack). Wo sich auf weiten Flächen zwischen den einzelnen
Sportstätten vor drei Jahren noch Hunderttausende von Menschen verlustierten,
verlieren sich heute nur ein paar Handvoll Besucher. Aber schliesslich ist ja
auch Winter in Sydney, die Zahl der Touristen also eher klein. Im Sommer, oder
wenn in einem der Stadien ein nationales Grossereigniss (genau, Cricket oder
Rugby) ansteht, tummeln sich hier mehr Menschen. Dass man allerdings für die
einstündige Führung durch das gewaltige Leichtathletikstadion 25 AU$ bezahlen
soll, ist ein internationaler Eklat. Wir sind zutiefst empört! Im Lane
Cove River Tourist-Park werden wir permanent von dort beheimateten
gefiederten
Freunden belagert. Kaum, dass man einen Krumen Brot aus
Fenster oder Tür geworfen hat, fällt auch schon eine kreischende Horde
Papageien ein, die versuchen, den Leckerbissen in Sicherheit zu bringen, bevor
ihn sich eine eilig herbeiwatschelnde Enten-Gang unter den Nagel reissen kann.
Ständige Gäste sind auch Vertreter der wohl niedlichsten australischen
Vogelart, die Kookaburra. Noch nie im Leben sind uns derartig fluffige Vögel
unter die Augen gekommen. Sie sehen aus wie ein Angorawollknäuel mit Schnabel.
Ihr ansteckendes, rollendes Lachen (fängt ein Kookaburra an, stimmen die übrigen
ein, und dann kann es dauern, bis es wieder ruhig wird) ist fast überall im
australischen Busch und eben auch hier, mitten in Sydney, zu hören. Das
neuseeländische Konsulat meint es gut mit uns und genehmigt uns sofort
ein
neunmonatiges Visum. Es sind nur noch wenige Tage bis zum
Abflug. Wir bringen Maggie von innen und aussen auf Hochglanz, denn auch in
Neuseeland gibt es, wie hier in Australien, eine Quarantäneuntersuchung, bei
der Beamte jedes eingeführte Fahrzeug mit Argusaugen auf mitgebrachten,
anhaftenden Schmutz und eingeschleustes Ungeziefer untersuchen. Am Morgen des 3.
Juli fahren wir dann zum Anleger 5 in Patrick Darling Harbour, einem der Häfen
Sydneys direkt westlich der City-Skyline, wo schon der Zollbeamte wartet, der
Maggie als „ausgeführt“ im Carnet eintragen soll. Wir erzählen ihm die
Geschichte unseres kleinen Carnet-Problems. Der gute Mann ist ehrlich bestürzt
darüber, dass man uns einen solchen Knüppel in den Weg geworfen hat. Natürlich
beantworten wir ihm auch seine Frage, wer uns denn so stur bürokratisch
abgefertigt hat und lauschen hocherfreut seiner abschliessenden Bemerkung:
“Ross Wilkins, the old bastard!“ Der gute Ross,
der Maggie nicht länger in
seinem Land wissen wollte, scheint nicht unbedingt der Mann zu sein, den jeder
gern zu seiner Grillparty einlädt. Geschieht ihm recht. Per E-mail
warnen wir unsere schweizer Traveller-Freunde Tanja und Yves, denen wir in
Vagator/Goa begegnet waren, vor der australischen Carnet-Politik, da wir wissen,
dass sie ihren Toyota Landcruiser in den nächsten Wochen nach Perth verschiffen
wollen. Sie schaffen es noch rechtzeitig, sich von ihrem Automobilclub ein
frisches Folge-Carnet schicken zu lassen und werden so ein volles Jahr
„Aufenthaltsgenehmigung“ für ihr Fahrzeug ausschöpfen können. Der
Schweizer Automobilclub nimmt ausserdem Kontakt mit dem AAA auf und erfährt über
diese Kanäle, dass im Moment Bestrebungen im Gange sind, die für
Langzeittraveller unangenehme (und auch logisch nicht nachzuvollziehende)
Situation zu ändern. Doch die Mühlen der Bürokratie mahlen bekanntlich
weltweit im indiskutabel langsamen Einheitstempo. Zumindest ist aber das Problem
erkannt. Wir sind
nun also für ein paar Tage obdachlos, der Gemütlichkeit unseres
allradgetriebenen Heimes beraubt, suchen uns ein Übergangsheim im Stadtteil
Kings Cross und werden fündig im Backpacker-Hostel „Travellers Rest“. Es
gibt unzählige dieser Backpacker-Unterkünfte in Sydney, die meisten davon
hier, im „Rotlicht-Bezirk“ der Stadt, knappe drei Kilometer östlich des
Zentrums. So nennen ihn zumindest die gängigen Reiseführer und fügen hinzu,
dass es nicht ungefährlich sei, in den späten Nachtstunden dort herumzulaufen.
Blödsinn. Zum Einen gibt es hier nicht „spät in der Nacht“, weil rund um
die Uhr reger Betrieb herrscht, was wiederum zur Folge hat, dass man sowieso nie
allein durch die
Strassen läuft. Ausserdem befinden wir uns hier nicht in
Santiago de Chile oder Johannisburg, sondern in Sydney. Ich
will jetzt niemanden dazu ermutigen, seine kompletten Bargeldreserven offen in
der Hand um vier Uhr morgens durch Kings Cross zu tragen. Aber diese ständige
Angstmacherei ist schlicht eine Verzerrung der Situation. Und, um auf den
Begriff „Rotlicht-Bezirk“ zurückzukommen: Die zwei Dutzend Hookers, die
hier (im Moment etwas fröstelnd in ihren Miniröcken und Nabelfreien Tops) auf
den Bürgersteigen werbewirksam grosse Mengen von Silikon zur Schau stellen, gehören
mit zum alltäglichen Bild und baggern dich auch nicht aggressiv an. Ganz im
Gegenteil, begegnest du ihnen häufiger, grüssen sie dich sogar fröhlich.
Kings Cross ist NICHT die Reeperbahn, sonder das Viertel der Stadt, in dem man
die höchste Dichte an Travellern, Backpackern und Internet-Cafes findet, dazu
viele kleine, gemütliche Cafés und Restaurants. Das „Travellers Rest“
haben wir schlicht aus Preisgründen ausgesucht. Hier gibt es einen Twin-Room
(Etagenbetten, Kühlschrank, Wasserkocher, Heizung(!), TV) für 36 AU$ pro Nacht
(bei 5-Tage Miete und Barzahlung). Damit rangiert es ziemlich weit unten auf der
Preisskala. Dazu gibt es Gemeinschaftsküche, -Toiletten, -Duschen und die
obligatorische fette Kakerlake pro Zimmer. Wer nur einen Schlafplatz in einem
der 6-Bett Zimmer bucht, fährt mit 15 AU$ pro Nase/Nacht noch etwas günstiger,
muss aber den Dunst aus bis zu fünf fremden Paaren durchgeschwitzter Socken in
Kauf
nehmen.
Die
letzten Tage in Sydney werden uns mit einem Bombenwetter versüsst. Strahlend
blauer Himmel, 21°C (hey, nicht lachen, hier ist immer noch Winter). Zwei Tage vor unserem Abflug kommen wir noch in den Genuss des ersten
Events der diesjährigen „Darling Harbour winter concerts“ – Serie. Eine
grosse, schwimmende Bühne geht unweit des Sydney-Aquarium dreissig Meter
entfernt vom Ufer im Hafenbecken vor Anker und wird mit gross dimensionierter
Ton- und Lichttechnik bestückt. Für die nächsten Wochen gibt es an jedem
Samstag abend ab 19 Uhr ein Live-Concert, umsonst und unter freiem Himmel. An
diesem Samstag ist eine Sängerin aus Melbourne zu Gast (offensichtlich eine
nationale Grösse), die alte Hits der weissen Soul-Legende Dusty Springfield zum
besten gibt, unterstützt von einer sechsköpfigen Band, drei Background-Sängerinnen
und zwei wohlproportionierten Go-Go-Girls. Die Uferpromenade ist gefüllt mit
Tausenden von begeisterten Zuschauern. Der letzte Song wird untermalt von einem
Feuerwerk, das von um die Bühne schwimmenden Pontons
aufsteigt. Ein würdiger
Abschluss unseres Aufenthaltes, der uns noch einmal die einzigartige Atmosphäre
der australischen Metropole spüren lässt. Dienstag,
8. Juli, 7.00 am. Am International Terminal des Sydney Airport besteigen wir die
betagte Boeing 747 der Thai Airlines (offenbar eine Baureihe aus den frühen
siebzigern) und beobachten bestürzt, wie ein Mechaniker auf einer Leiter einen
Liter Motoröl aus einer Blechbüchse in einen verborgenen Stutzen eines der
vier gewaltigen Rolls Royce Triebwerke der Maschine einfüllt. Stimmt uns etwas
nachdenklich. Ach, was soll´s? Was die mörderische Fauna Australiens nicht
geschafft hat, wird wohl auch die thailändische Airlines nicht hinbekommen. Um
7.45 am hebt das Flugzeug ab und wir verlassen das beeindruckende Land der
endlosen Horizonte und fröhlich umherhüpfenden Beutler. Sicher nicht für
immer. Irgendwann werden wir zurückkommen und den Westteil des Kontinentes
erkunden. Irgendwann ...