
Australien 7
Wir sind
auf dem weg vom Uluru nach Alice Springs. Mit dabei für die nächsten Tage
unser neuer Reisegefährte Sebastian, seit fast einem Jahr unterwegs in
Australien, auch auf dem Weg nach Darwin und vom langen Ritt auf dem harten
Sattel seiner Honda 250 XR so strapaziert, dass wir ihm mitfühlend eine
komfortablere Mitfahrgelegenheit angeboten haben. Die normale Fahrtroute wäre
jetzt: 240 Kilometer ostwärts auf dem
Lassiter
Highway, dann auf dem Stuart Highway 200 Kilometer nordwärts nach Alice
Springs. Dabei würde man allerdings den Kings Canyon verpassen. Also nach 130
Kilometern Lassiter Highway links abbiegen auf die Lunitja Roasd und ab nach
Norden. Nach 150 Kilometern erreichen wir den Watarrka Nationalpark. Es gibt ein
Resort mit Campground im Park, ist aber zu teuer und touristisch. Wir stellen
uns für die Nacht ein kurzes Stück vor dem Canyon auf eine Picknik Area.
Theoretisch ist campen hier nicht genehmigt, aber was wir machen, ist ja
eigentlich auch nur „parken“. Auf den meisten dieser Picknik Areas in
Australien findet man (ausser vorbildlich sauberen Toiletten und Trinkwasser)
die Möglichkeit des „free BBQ“, soll heissen, es gibt auf dem Platz mehrere
elektrische oder mit Gas betriebene Grillstätten, die man kostenlos nutzen
darf. Vorraussetzung: Nachher sauber schrubben. In diesem Fall ist es eine
gasbetriebene Grillplatte nebst zwei Brennern, mit denen man auch keinen grösseren
Unfug oder schlimme Unvorsichtigkeiten begehen kann, da ein Timer die Gaszufuhr
nach einer gewissen Zeit unterbricht, falls man ihn nicht erneut einstellt. Glück
für uns, denn heute gibt es Fisch in Stäbchenform, das sorgt in unserem
kombinierten Koch-, Wohn- und
Schlafraum sonst immer für Hafenatmosphäre. Früh morgens, die Sonne scheint
noch nicht so heiss herab, gehen wir los zum Canyon. Zuerst gilt es, die mehr
als einhundert Meter hohen Felsen zu besteigen, die den Canyon umgeben.
Ungleichmässige, rohe Stufen führen steil hinauf. Ab 35°C Aussentemperatur
wird dieser Aufstieg gesperrt, da sonst alle Flying Doctors der Umgebung im ständigen
Herzinfarkteinsatz wären. Die Mühe des Kletterns lohnt sich allemal. Die
Aussicht vom Rand des Canyons, auf dem man entlang wandert, ist gigantisch.
Steil und tief geht es herunter, durch den Ausgang des Canyons reicht der weite
Blick über die karge Ebene bis zum endlos entfernt scheinenden Horizont. Nicht
vergessen, einen Blick in die palmenbestandene Schlucht etwas abseits des
Canyons zu werfen. Hier sammelt sich immer etwas Wasser, so dass die im Outback
eher seltenen Pflanzen prächtig gedeihen. Der Name, den die Schlucht trägt,
ist eventuell etwas übertrieben: Garden of Eden. Der Normalurlauber mit
Mietwagen fährt von hier aus zurück zum Lassiter Highway und dann den
Standardweg
nach
Alice Springs. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Vom Nordende des
Parks führt eine unbefestigte Piste erst ein Stück nach Norden und dann 220 Km
westwärts bis Hermannsburg und von da aus befestigt bis nach Alice Springs. Die
Piste ist breit, aber knüppelhart. Die Offroader unter euch werden wissen, was
Wellblechpisten sind. Sie sehen so aus, wie sie heissen und drüberfahren fühlt
sich so an, wie man es sich vorstellt. Man kann das Übel so klein wie möglich
halten, wenn man nur schnell genug fährt. Hört sich paradox an, stimmt aber.
Man muss eine Geschwindigkeit erreichen, die einen über das Wellblech fliegen lässt.
Dieser Speed liegt für Maggie bei 65-70 Km/h. Auf dieser speziellen Piste
gibt’s jedoch keine Chance. Das Wellblech gleicht einer Meeresdünung,
unterbrochen durch Schlaglöcher und Längsrinnen. Langsam fahren ist nicht
drin, da schaukelt Maggie sich auf, schnell fahren bringt aber auch nicht die
erhoffte Besserung. Was folgt, ist ein 220 Kilometer langer Materialtest. Alles,
was nachher noch dort sitzt, wo es vorher war, jede Schraube, die sich nicht
gelockert hat, alle Elektronikbauteile, die diesen Ritt durchgehalten haben, all
diese Dinge wird auch zukünftig nichts erschüttern können. Und Maggie schlägt
sich prächtig. Sie macht das Ganze ohne zu mucken mit, während wir
nachher unsere rausgefallenen Plomben einsammeln müssen. Alice Springs,
oder kurz Alice, hat knapp 26.000 Bewohner. Das klingt erst mal nicht besonders,
bedeutet jedoch, dass jeder siebte Einwohner des 1,35 Millionen Quadratkilometer
grossen Northern Territory in dessen zweitgrösster Stadt lebt. Und die
liegt mitten im Outback, in den Wüstengebieten des australischen Zentrums. Die
Entstehungsgeschichte ist schnell erzählt. Das erste, was hier gebaut wurde,
war im Jahr 1871 eine Relais-Station der Überland-Telegrafenlinie zwischen
Adelaide und Darwin. Man wählte diese Stelle, da sie nur zweihundert Meter
entfernt von einem ständig gefüllten Wasserloch im sonst meist trockenen Bett
des Todd-River war. Der Fluss wurde
benannt nach Talegrafenamt-Superintendant Charles Todd, das Wasserloch nach
seiner Frau Alice. Um 1886 entstand unweit der Telegrafenstation eine kleine
Siedlung, die den Namen Stuart erhielt. Sie wuchs langsam (kein Wunder in dieser
lebensfeindlichen Umgebung) und wurde schliesslich 1933 umbenannt in Alice
Springs, den Namen, den die Bewohner sowieso schon seit jeher verwendeten. Bis
1933 war die Bevölkerungszahl erst auf zweihundert angestiegen, den letzten
grossen Schub erhielt Alice erst in den Achtzigern, als der Stuart Highway
Richtung Adelaide durch einen neuen,
kürzeren
ersetzt wurde. Heute ist Alice ein gemütliches, kleines Städtchen, zwar mit
vielen Touristen, die sich auf dem Weg zum oder vom Uluru befinden, aber das ist
eigentlich ziemlich egal, da es nach langem Outbackaufenthalt nun zum erstemal
wieder etwas urbaner zugeht. Nicht, dass wir es bräuchten, aber Abwechselung
tut gut. Sebastian, der vor einer Weile schon einmal in Alice war, schleppt uns
am Abend ins Bojangle´s, einen sehenswerten Saloon mit Holztheke, Holztischen,
Holzbänken, Holzfussboden und Accessoires wie Wagenrädern, Dutzenden
unterschiedlichster Trommelrevolver und diversen Tiergehörnen. Dazu ein grosses
Fass voller Erdnüsse, an denen man sich bis zum Abwinken gütlich tun kann, die
Schalen liegen am Ende des Abends knöcheltief auf dem Boden. Jeden Abend
gibt’s Livemusik, ihr merkt schon, ein höchst
sympathischer Schuppen, der zum Spass haben und Trinken anregt. Genau das tun
wir. Leute kennen lernen und trinken. Viel trinken. Und nachher mächtig
angeschlagen weiterwanken in die Late Night Bar / Disco des grossen Melanka
Backpacker Hostels. Eigentlich nur für Gäste, aber Sebastian scheint hier die
richtigen Leute zu kennen. Vieles vom Rest des Abends wollen wir am anderen
Morgen vielleicht gar nicht mehr wissen. Der Kopf ist schwer, die Denkfähigkeit
verlangsamt, bis zum ersten verständlichen artikulieren wird noch etwas Zeit
vergehen. Heisser Kaffee muss her. Immer noch sichtlich angeschlagen fallen wir
in eine Auto-Waschanlage ein. Maggie trägt noch etwa zweihundert Kilo
getrockneten und inzwischen festgebackenen roten Schlamm aus dem Flinders
National Park mit sich herum, abklopfen funktioniert nicht, das Zeug ist hart
wie Beton. Ein Hochdruckreiniger muss her. Den gibt’s hier in der Waschanlage.
Wohlgemerkt eine PKW-Waschanlage, aber Maggie passt gerade so in die Box. Noch
bevor einer der Mitarbeiter haareraufend herbeieilen kann, liegen schon die
ersten
fussballgrossen Brocken am Boden. Nun gibt’s kein zurück mehr. Dreissig
Minuten später sind der Waschplatz und Marcus völlig zugesaut. Fluchtartig
verlassen wir den Ort des Geschehens. Die alte Telegrafenstation von Alice gibt
es heute noch, aufbereitet als kleines Freilichtmuseum. Das Wasserloch namens
Alice ist auch noch da, aber fast immer trocken. Auf dem Besucherparkplatz (grosse
Parkflächen ringförmig um einen Haufen Felsbrocken, der von Gras und niedrigem
Gebüsch umgeben ist) warnt uns ein Einheimischer vor den vielen Schlangen im
Grasstreifen zwischen Maggie und den Felsbrocken. Sebastian, der just in diesem
Moment auf besagten Felsbrocken steht, meint, es sei gerade jetzt ein äusserst
unglücklicher Zeitpunkt, ihm diese Mitteilung zu machen. Das Glück ist mit
ihm, scheinbar haben alle Schlangen ihn als unbedarften Touristen erkannt. Was
es in Alice leider auch noch zu sehen gibt, sind eine unglaublich grosse Anzahl
Aboriginee, die offensichtlich obdach- und arbeitslos, dazu häufig betrunken,
scheinbar ziellos durch die Stadt wandern oder auf Grünstreifen herumsitzen.
Reiseführer warnen gar davor, nachts alleine durch die dunkleren Gassen von
Alice zu gehen. Die Anzahl der anwesenden Aboriginee ist eigentlich nicht
sonderbar, da zu den
190.000 Einwohnern des Northern Territory auch 52.000 Nachfahren der Ureinwohner
gehören. Verwunderlich ist ihr Zustand und die Tatsache, dass sie teilweise wie
lebende Tote durch die Stadt schleichen. Da der Standardtourist gerade hier in
Alice dieses Problems ansichtig wird, bekommt er bedauerlicherweise ein völlig
falsches Bild. Mag nach aussen hin auch verbreitet werden, dass alles getan
wird, die Aboriginee zu integrieren und als gleichwertig zu behandeln, so zeigt
doch ein längerfristiger Aufenthalt in Australien eindeutig, dass hier noch
vieles im Argen liegt. So ist zum Beispiel die durchschnittliche Lebenserwartung
eines Aboriginee heute noch um zwanzig Jahre geringer als die seiner „weissen“
Landsleute. Die eingeführten Landrechtsregelungen sind Augenwischerei, fast die
Hälfte des Territory gehört heute zwar wieder den Aboriginee, aber es sind natürlich
die 50%, mit denen sowieso nichts anzufangen ist. Viele Aboriginee sind auf
Grund ihrer hoffnungslosen Situation in den vergangenen Jahren dem Alkohol
verfallen, was dazu führte, dass sich viele Aboriginee-Communitys entschlossen
„dry“ zu werden und somit Verkauf und Verzehr von Alkohol zu einer Straftat
zu machen. Die Aboriginee, die dem Alkohol nicht entsagen wollten oder konnten,
wanderten ab in die grösseren Städte wie Darwin und Alice Springs und prägen
dort heute das falsche Bild, das der Tourist von den Ureinwohnern hat. Dazu
kommt
noch,
dass im Northern Territory eine gewisse US-Südstaatenmentalität herrscht. Es
gibt einen gängigen Spruch, der erklärt, was ein Australier zu tun hat, um als
echter Territory-Bewohner zu gelten: „Catch a barra (Barra=Barramundi / geschätzter
Speisefisch), fuck a croc (selbsterklärend) and shoot a blackfella (der
Ku-Klux-Klan lässt grüssen)“ Unsere Bitte an alle Touristen: Urteilt nicht
vorschnell. Der betrunkene Aboriginee, der euch in Alice aggressiv um Geld
anbettelt, ist nicht eines der Aushängeschilder der Ureinwohner. Die leben zum
Grossteil in ihren Communitys und wollen eigentlich nur in Ruhe gelassen werden.
Was wir jetzt noch in Alice zu erledigen haben, ist der Besuch beim AANT, dem
Automobilclub des Northern Territory. Wir brauchen noch eine akzeptable Karte,
die das Territory abdeckt. Das Information-Center gibt uns die Adresse und zehn
Minuten später stehen wir ungläubig vor dem grossen Tor eines
Autoschrottplatzes. Ein kleines Schild weist auf das ebenfalls dort
untergebrachte
Büro des AANT hin. Vertrauenswürdige Umgebung. Weit gefehlt, das Büro ist
klein, aber fein und informativ. Natürlich bekommen wir eine erstklassige
Karte, wenn auch diesmal nicht umsonst, sondern nur mit 50% Rabatt. Der
Automobilclub des Territory ist mangels Anzahl von Fahrzeugen halt nicht so
betucht. Der Stuart Highway bringt uns weiter nach Norden, durch zwar einerseits
karge und trockene, aber nicht durchgehend langweilige Buschgebiete. Wir
scheuchen Wildpferde auf und vertreiben
mächtige
Adler von ihrer bevorzugten Mahlzeit, den von Fahrzeugen getöteten Kangaroos.
400 Kilometer nördlich von Alice gibt’s dann endlich wieder was wirklich
interessantes zu sehen. Links und rechts des Highway liegen teils gigantische,
kugelförmige Granitblöcke in der Gegend herum oder aufeinandergetürmt wie
Saurierspielzeug. Man sieht Kugeln mit dem Gewicht von mehreren hundert Tonnen
auf einer Auflagefläche von der Grösse einer Fussmatte. Sie scheinen jeden
Moment losrollen zu wollen. Die Australier nennen sie „Devils Marbles“, ein
passender Name. Entstanden sind sie in Jahrmillionen durch Erosion aus einem
einzigen grossen Granitblock. In Ritzen eingedrungenes Wasser sprengte ihn in
Frostzeiten und der sandhaltige Wind rundete die Kanten. Man könnte auch sagen,
alles kleine Ulurus. Die trocknen Buschgebiete sehen, je weiter man nach Norden
kommt, allmählich grüner aus, Temperatur und Luftfeuchtigkeit steigen merklich
an. Die Bachbetten, die wir bisher passiert haben, waren durchgehend trocken,
nun finden sich erst vereinzelte Tümpel und schliesslich sogar fliessendes
Wasser. Wir werden immer mehr daran erinnert, dass wir uns theoretisch
(betrachtet man den Breitengrad, auf dem wir uns befinden) in den Tropen
befinden und tatsächlich verlassen wir langsam aber sicher die ariden
Buschgebiete des australischen Zentrums. Wir sind etwa 700 Kilometer südlich
von Darwin, biegen nach Westen vom
Highway ab und erreichen Daly Waters. Es gibt zwei Gründe, die uns hier für
eine Nacht verweilen lassen. Auf der Jagd nach den 2000 britischen Pfund
Sterling, die auf die erste erfolgreiche Süd-Nord Durchquerung des Kontinentes
ausgesetzt waren, startete John McDouall Stuart 1860 seine erste Expedition und
erreichte zumindest das Zentrum. Die zweite brachte ihn ein Jahr später ein
paar hundert Kilometer weiter nach Norden, die dritte (einen Mangel an Hartnäckigkeit
konnte man Stuart sicher nicht unterstellen) war schliesslich erfolgreich. Man
kann diese Leistung gar nicht hoch genug bewerten, die Jungs waren zu Pferd und
Fuss unterwegs und am Wegesrand gab es keine klimatisierten Raststätten,
sondern nur Staub, Hitze, Schlangen und Spinifex, das australische Buschgras mit
miesen harten Spitzen, die in die Haut eindringen, abbrechen und für eklige
Entzündungen sorgen. Woran es definitiv mangelte, war Wasser. Diese Umstände
zwangen Stuart zweimal, wieder umzukehren. Bei seiner dritten Expedition stiess
er nun in der Nähe des heutigen Daly Waters auf den ersten wasserführenden
Creek. Aus Erleichterung und Freude ritze er seine Initiale „S“ in den Stamm
eines jungen Eukalyptusbaumes. Dieses Zeichen von historischer Wichtigkeit
wollen wir
natürlich
sehen und folgen den Hinweisschildern zum „Stuart Tree“. Die Ernüchterung
folgt auf dem Fusse. Auf einer 2 x 2 Meter grossen, mit kniehohem Zaun
eingefassten Fläche mit gravierter Gedenkplatte erheben sich die etwa drei
Meter hohen Reste eines toten Baumes. Keine Krone, keine Äste. Nur Stamm. Und
kein „S“. Trotz eingehender Untersuchung der gesamten Oberfläche ist nichts
zu finden. Irgendein Tourist, der Nachfolgenden den Frust des umsonst gemachten
Weges ersparen wollte, hat zwar zum Schnitzmesser gegriffen, aber aus einem völlig
unverständlichen Grund statt eines „S“ ein „B“ in den Baum geritzt.
Wundersames Land. Na gut, es gibt ja schliesslich immer noch den Daly Waters Pub,
in allen Reiseführern beschrieben als ältesten Pub des Northern Territory, eröffnet
1893, und der Urtyp des Outback-Pubs. Eines vorweg, sein Öffnungsjahr datiert
eigentlich auf 1938, auch wenn der Pub den Anschein erweckt, schon 200 Jahre alt
zu sein. Okay, er wirkt schon urig, gebaut aus viel Holz und Wellblech. Alle,
die ihn besuchen, lassen scheinbar irgendetwas zurück, das dann mit viel Liebe
an
Wänden
und Decke befestigt wird, wie Kfz-Kennzeichen, Aufkleber, Münzen und Unterwäsche.
Aber er ist halt nicht mehr der urwüchsige Pub, in dem sich jeden Abend die
trinkfesten Farmarbeiter mit sonnengegerbter Haut, Shorts und Buschhut aus der
„näheren“ Umgebung einfinden. Der Daly Waters Pub ist eine
Touristenattraktion geworden, jeden Abend gibt es das „famous barra and beef
BBQ“, Voranmeldung erforderlich, vier Sitzungen im Halbstunden-Takt ab 18 Uhr.
Danach gibt ein älterer Buschbewohner mit verschwitztem Trägershirt, der aus
unerfindlichen Gründen den ganzen Tag über das Model eines Holzhauses als Hut
auf seinem Kopf trägt und ein in schrillen Leuchtfarben sprühlackiertes, stets
schlechtgelauntes Huhn sein Eigen nennt, immer wieder die gleichen Lieder zur
Gitarre
zum
Besten. Die sind derartig unbekannt, dass selbst anwesende australische
Touristen seine Darbietung nur mit kaum hörbarem Höflichkeitsapplaus bedenken.
Das mag allerdings auch an seinem kaum vorhandenen Talent liegen, ich meine das
nicht böse, aber der Mann sollte es dabei belassen, weiter Hühner zu
lackieren. Entlang dem
Highway sehen wir die ersten Termitenbauten. Das Northern Territory ist sehr
bekannt für seine Termiten. Im Prinzip sind sie es, die die Didgeridoos bauen,
das wohlklingende Musikinstrument der Aborigines und beliebte Urlaubsmitbringsel
vieler Touristen (im Wohnzimmer über der Sitzecke aufgehängt, macht es mächtigen
Eindruck auf Gäste). Die Termiten höhlen die Äste von Eukalyptusbäumen aus,
die der kundige Aborigine findet, auf passende Länge schneidet (je nach gewünschter
Tonlage) und in seiner ihm eigenen Tupftechnik bemalt. Dann noch Bienenwachs auf
das Mundstück, fertig. Wer denn unbedingt ein Didgeridoo kaufen möchte (macht
für mich eigentlich nur Sinn, wenn man auch darauf spielen möchte; Lektionen
gibt der gute Verkäufer gleich im Geschäft), der sollte es im Territory tun.
Hier zahlt man weniger als die Hälfte für gleich gute Qualität, als im übrigen
Australien. Kleiner Tip: Mit dem Finger im Didgeridoo fühlen, ob die Innenwand
rau oder glatt ist. Sollte sie glatt sein, war ein schnöder Bohrer am Werk und
nicht Bruder Termite. Für ein „echtes“ Didge bekommt man darüber hinaus
in der Regel ein Authentizitätszertifikat. Zurück zu den Termitenbauten. Wir
wussten, dass wir welche sehen würden, aber nicht, dass es so viele sein würden.
Zehntausende, Hunderttausende nur entlang des Highways, die viel grössere
Anzahl derer, die man nicht zu Gesicht bekommt, ist kaum zu schätzen. Manchmal
sind nicht einmal zwei Meter Abstand zwischen einem Bau und seiner
Nachbarschaft. Es gibt die kleinen, nur 50 cm hohen, für die kleine
Termitensippschaft und bis zu 3 Meter hohe, die den Eindruck einer
mittelalterlichen Trutzburg machen. Samstag, 1.Juni 2003. Wir erreichen die
Stadtgrenze von Darwin, 90.000 Einwohner, Hauptstadt des Northern Territory.
Knappe 4000 km haben wir seit dem Verlassen von Adelaide an der Südküste
hinter uns gebracht und nun Australiens Nordküste erreicht. Es ist heiss,
richtig heiss und die Luftfeuchtigkeit fast schon unangenehm. Wir haben schon
lange nicht mehr geschwitzt, aber nun ist es wieder so
weit.
Dabei ist im Moment Spätherbst, also die kühle Saison. Die richtig unangenehme
Zeit (hier auch „suicide season“ genannt, da die Selbstmordrate drastisch
ansteigt) ist von Oktober bis März, wenn die Luftfeuchtigkeit auf bis zu 99%
steigt. Dann ergiessen sich Monsunschauer über die Küstenregion, der Regen
verdampft auf dem heissen Boden und es entsteht eine Art finnische Open-Air
Sauna. Wir haben also Glück, es ist zwar heiss, aber die 60% Luftfeuchtigkeit
sind mit Anstand zu ertragen. Ausserdem kann man sich ja im Meer abkühlen.
Sebastian, der vor 9 Monaten schon einmal in Darwin war, lotst uns zum Parkplatz
der nicht weit vom Zentrum entfernten Mindil-Beach. Ruckzuck sind die
Bade-Shorts angezogen, es geht im Laufschritt über eine flache Düne und ab ins
Wasser. Spiegelglatt, keine Wellen, 30°C Wassertemperatur. Nicht das, was wir
uns gewünscht hätten, ein paar ordentliche Wellen wären schon Klasse gewesen.
Ein paar Grad kühler als draussen ist es im Wasser schon, keine richtige
Erfrischung, aber es reicht, um den Schweiss abzuspülen. Ein Blick in die Runde
zeigt überraschenderweise, dass am kompletten Strand ausser uns dreien nur noch
eine andere Person im Wasser ist. Okay, der Strand ist nicht gerade dicht bevölkert,
aber irgendwie ist die Situation merkwürdig. Falsch, ist sie nicht. Der Lockruf
des vermeintlich kühlen Ozeans hat in unseren Köpfen nur eine ganze Anzahl
wichtiger Informationen verdrängt. In Darwin schwimmen zu gehen, ist immer ein
Vabanquespiel. Da hätten wir zum Beispiel diverse Sorten gefrässiger Haie, die
hier in Küstennähe rumkurven. Dann die „Salties“ (wie sie der
gefahrengewohnte Australier liebevoll nennt), Salzwasserkrokodile, die bis zu
sieben Meter lang und eine Tonne schwer werden können. Treiben sich an der Küste
herum und schwimmen die Läufe der ins Meer einmündenden Flüsse hinauf bis
weit ins Inland. Spezialität: Menschen sammeln. Genau, so ein Saltie verspeisst
dich nicht sofort, sondern schleppt dich in seine Höhle und wartet, bis es
richtig Appetit hat. Ferner gibt es hier Stein-, Koffer- und Skorpionsfische,
ziemlich giftige Gesellen. Dazu Conus Geographus, eine hochgradig giftige
Kegelschnecke. Und als ob dies alles nicht schon reichen würde, sind die nördlichen
Küstengewässer Australiens auch noch Lebensraum des todbringendsten Geschöpfes
der Erde, des einzigen Gifttieres, dass einen Menschen in weniger als 120
Sekunden töten kann. Darf ich vorstellen: Box Jellyfish, Chironex fleckeri, die
Würfelqualle (alias Sea Wasp, alias Stinger). Dreissig Zentimeter langer,
kastenförmiger Körper mit abgerundeten Kanten, zwei Meter lange Nesselfäden,
durchsichtig, leicht purpurn schimmernd. Ernährt sich von mikroskopisch kleinen
Krabben. Aus irgendeinem völlig unverständlichen Grund trägt so ein Box
Jellyfish genug Gift mit sich herum, um einen Saal voller Menschen zu töten.
Wohlgemerkt ohne es zu wollen. Es gibt unübersehbare
Warnschilder
an den Stränden der Nordküste. Das Baden zwischen Oktober und April ist strikt
verboten, es sei denn, man trägt einen Stinger-suit, eine spezielle Ganzkörper-Schutzbekleidung.
In dieser Zeit kommen die kleinen Killer in riesigen Schwärmen an die Küsten,
sind aber auch in den übrigen Monaten vereinzelt anzutreffen. Den
Strandbesuchern mit Badeabsicht wird hochoffiziell empfohlen, ausser
Badehandtuch und Sonnenöl, Essig mitzubringen. Damit kann bei einem Opfer das
Gift neutralisiert werden, das noch nicht in den Körper eingedrungen ist. Der
Kontakt mit den Nesselfäden einer Würfelqualle führt sofort zu den
qualvollsten vorstellbaren Schmerzen. Der Schmerz ist derartig schlimm, dass der
Körpermechanismus „Ohnmacht“ nicht funktioniert, Opfer schreien auch nach
sofortiger Sedierung mit starken Morphinen wie am Spiess. Bei grossflächigem
Kontakt mit den Nesselfäden bricht innerhalb von zwei Minuten der Kreislauf
zusammen, Atmung und Herztätigkeit setzen aus, das Opfer stirbt. Jeder
Australier weiss, was zu tun ist: Essig auf die Kontaktstellen, die wie
Peitschenhiebe aussehen, nicht versuchen, haftende Nesseln zu entfernen (dadurch
bringt man nur sich selbst in Gefahr),
Wiederbelebungsmassnahmen bis zum Eintreffen im nächstgelegenen Hospital. Dann
besteht die Möglichkeit des Überlebens. Klingt wie das Szenario aus einem
Horrorfilm, ist aber Realität. Selbst die coolen Territory-Bewohner, die dafür
bekannt sind, alle tödlichen Gefahren in ihrem Land mit einem Witz abzutun,
sind in bezug auf die Box Jellyfishes nicht zu Scherzen aufgelegt. Das planschen
im Meer wird in den nächsten Tagen jedenfalls nicht unsere bevorzugte Aktivität.
Der schattige, palmengesäumte
Parkplatz am Mindil Beach ist ein angenehmer Platz, um uns für ein paar Tage häuslich
einzurichten. Nur zwanzig Meter bis zum Strand, zwei grosse Dusch- und
Toilettenhäuschen. Diese in der Dunkelheit aufzusuchen erfordert nicht geringe
Willensstärke. Sie scheinen in der Nacht Asyl aller Echsen und Insekten der
Umgebung zu sein, vom Gecko über Spinnen aller Art und Grösse bis hin zur
Heuschreckenart, die uns in dieser Dimension (20 cm lang!) bisher unbekannt war.
Die Hüpfer meinen es sicher nicht böse, sind aber recht hektisch, springen
ziellos hin und her und landen, was einem geruhsamen Toilettenaufenthalt
ziemlich abträglich ist, ab und an klatschend auf deinem Bauch, Rücken oder
Gesicht. Hier am Mindil
Beach machen wir die Bekanntschaft von René, Rodger und ihren quirligen Söhnen
Zyan (4 Jahre) und
Khanu
(3 Jahre). René, gebürtige Holländerin und Rodger, geboren in England, sind
vor neun Jahren nach Australien eingewandert. Seit 14 Monaten touren sie in
einem umgebauten, mittelgrossen Bus durch Australien. Mit im Bus: Eine kleine
Ton- und Lichtanlage und eine grosse Anzahl unterschiedlichster Instrumente,
denn René und Rodger sind in Australien besser bekannt unter ihrem Bandnamen
„JABARU“, spielen phantastisch arrangierten Ethno-Pop (mit keltischen,
indianischen und aboriginal-Einflüssen), haben gerade ihre dritte CD
produziert, ziehen von Festival zu Festival und machen in der Wintersaison für
zwei Monate Halt in Darwin um hier jede Woche zweimal auf dem jeweils Donnerstag
und Sonntag stattfindenden „Mindil Beach Night Market“ (eine der
touristischen Hauptattraktionen Darwins) aufzutreten. Man muss es mit eignen
Augen gesehen haben, um zu glauben, wie viele (teils seltene) Instrumente die
beiden beherrschen und bei einem Auftritt auch noch gleichzeitig spielen: Hammer
Dulcimar, Bush Saxophone,
Didgeridoo, Congas, diverse Flöten, Djembe Darabuka, Drums, Tamborine, Cymbals
und und und ... . Dazu noch Renés betörende Stimme. Das Publikum rast vor
Begeisterung bei ihren Auftritten. Schon
nach zwei Übernachtungen werden wir von den zwar freundlichen aber auch
unbarmherzigen Rangern verscheucht. Man darf zwar, solange man will, auf den öffentlichen
Parkplätzen und an den Strassen der Stadt parken, nur im Fahrzeug schlafen
(sprich campen) darf man nicht. Ausgenommen sind natürlich die kommerziellen
Campgrounds, aber die sind hier in Darwin nicht gerade billig. Sollte man uns
noch einmal erwischen, werden wir mit jeweils 50 AU$ für den ersten und 200 AU$
für jeden Folgeverstoss zur Kasse gebeten. Es gibt aber eine Möglichkeit,
Campground-Gebühren und hohen Bussgeldern zu entgehen. Zwei Kilometer nördlich
von Mindil Beach befindet sich direkt am Strand die grosszügige Anlage des
„Darwin Waterski Club“. Palmengarten, eigener Strand, Pool, Duschen
Toiletten, Garten-Bar. Und ein privater Parkplatz. Für einen Jahresbeitrag von
moderaten 20 AU$ wird man Clubmitglied und darf von nun an all diese
Einrichtungen nutzen. Und solange man auf einem Privatgrundstück campt, können
einem die Ranger nicht an die Wäsche. Da Rodger und René bereits seit einem
Jahr Club-Mitglieder sind, sparen wir sogar die 20 AU$ Jahresbeitrag und werden
als ihre Gäste für einen Monat beitragsbefreite
Ehrenmitglieder,
stehen tagsüber zusammen am Mindil Beach und nachts auf dem Clubgelände. Nicht
verpassen sollte man übrigens den Besuch im „Museum of the Northern
Territory“, direkt angrenzend an den „Darwin Waterski Club“. Der Eintritt
ist (überraschenderweise) kostenlos, geboten wird eine zwar wilde, aber
interessante Mischung aus australischer Geschichte, Aboriginal Art und
heimischer Fauna. Hier kann man nun (glücklicherweise dahingeschiedene)
Exemplare all der netten Tierarten sehen, denen man in freier Natur eher nicht
begegnen möchte, von der Würfelqualle bis zur Trichterspinne. Dazu noch einige
unangenehme Zeitgenossen, von denen wir bis dato noch nichts wussten, die aber
auch in den Gewässern der Nordküste vertreten sind, wie zum Beispiel eine
hochgiftige Seeschlangenart und der Blauringoktopus, so klein wie eine Mandarine
mit Tentakeln, aber in der Lage, mit seinem Gift alle Muskeln eines Menschen
innerhalb von 15 Minuten zu lähmen und ihn somit zu meucheln. Der Tod lauert
hier wirklich überall. Es gibt aber noch zwei andere Gründe, die den Besuch
des „Museum of the Northern Territory
lohnenswert machen. Der eine trägt den Namen „Sweetheart“, ist 5,70
Meter lang, 780 kg schwer, weiblich, ausgestopft, gehörte zur Familie der
Salzwasserkrokodile und lebte einst im Finnis-River, südlich von Darwin. Wenn
Sweetheart etwas auf den Tod hasste, waren es Aussenbordmotoren. Nachdem sie im
Laufe der Jahre eine grössere Anzahl von Fischer- und Touristenbooten
attackiert und teilweise versenkt hatte (übrigens ohne dabei jemals einen der
über Bord gegangenen Insassen zu fressen), beschloss man 1979, sie einzufangen
und für den Rest ihrer Tage in einer Krokodilfarm unterzubringen um diesem
ruchlosen und touristenverschreckenden Treiben ein Ende zu setzen. Der erste
Teil des Unternehmens gelang vortrefflich, Sweetheart wurde betäubt, gefesselt,
dann jedoch riss beim Verladen des 780 kg schweren Ungetüms ein Seil,
Sweetheart fiel ins Wasser und ... ertrank. Schmähliches Ende für ein
Krokodil. Dafür hat sie seitdem einen Ehrenplatz im Museum und beeindruckt die
Besucher mit ihrer gewaltigen Grösse, wobei ich noch einmal betonen möchte,
dass im Bereich der australischen Nordküste Exemplare ihrer Gattung leben, die
noch 1,30 Meter länger und 250 kg schwerer sind. Allein der Gedanke verursacht
eine Gänsehaut. Auch
der zweite wichtige Grund für einen Besuch des Museums trägt einen weiblichen
Namen: Der Wirbelsturm Tracy. An Heiligabend des Jahres 1974 raste die Spitze
des Zyklons über Darwin, allerdings mit für Darwiner
Verhältnisse
moderaten Windgeschwindigkeiten um 150 km/h. Die Bewohner dieser Gegend von
Australien sind, was Zyklone angeht, einiges gewohnt, die Schäden, die Tracys
Spitze verursachte, waren kaum erwähnenswert, also liess man sich nicht aus der
Ruhe bringen und ging zu Bett. Dies jedoch sollte sich als katastrophaler Fehler
erweisen, denn gegen drei Uhr morgens erreichte der rückwärtige Teil des
Sturmsystems die Stadt und verursachte die grösste Naturkatastrophe der
australischen Geschichte. Die Windgeschwindigkeitsmesser des Airports zerbarsten
bei 230 km/h. Und es wurde schlimmer. Mit schier unglaublichen 300 km/h tobte
Tracy über der Stadt wie ein apokalyptischer Reiter, zerstörte 60% der 11.200
Gebäude restlos und liess nur 400 von ihnen relativ intakt zurück. Autos,
Boote, Flugzeuge, ja ganze Häuser flogen wie leere Pappschachteln durch die
Luft. Mehr als achtzig Bewohner
Darwins starben in dieser Nacht, mehr als 45.000 mussten in den folgenden Tagen
evakuiert werden. In einem Teil des Museums werden Bilder und Filme gezeigt, die
am „day after“ aufgenommen wurden. Mit Worten ist nicht zu beschreiben, was
Tracy der Stadt angetan hat. Am verstörendsten sind die authentischen
Tonaufnahmen aus dem Keller eines Wohnhauses, die gemacht wurden, als der Zyklon
über der Stadt tobte. Sie werden in Originallautstärke in einem dunklen,
kleinen Raum vorgeführt, der nur von einer schwachen, flackernden
Glühbirne
beleuchtet wird. Was man hört, ist kein Sturm. Es ist ein brüllendes, rasendes
Untier. Wirbelsturm
Tracy ist also auch der Grund dafür, dass das Stadtbild Darwins so belanglos
modern wirkt, ist doch kaum ein Gebäude älter als 29 Jahre. Die Zeit der
Wirbelstürme, die fast jedes Jahr über Darwin ziehen (wenn auch zum Glück nie
wieder so schlimm wie Tracy, aber eigentlich sollte man nie nie sagen), liegt
zwischen November und Januar, wir haben jetzt, Anfang Juni, also nichts zu befürchten.
Kaum eine Wolke trübt den Himmel und jeden Abend können wir uns sattsehen an
den unbeschreiblichen, nie gleichen Sonnenuntergängen über der Timor-See.