Australien 7

 

Wir sind auf dem weg vom Uluru nach Alice Springs. Mit dabei für die nächsten Tage unser neuer Reisegefährte Sebastian, seit fast einem Jahr unterwegs in Australien, auch auf dem Weg nach Darwin und vom langen Ritt auf dem harten Sattel seiner Honda 250 XR so strapaziert, dass wir ihm mitfühlend eine komfortablere Mitfahrgelegenheit angeboten haben. Die normale Fahrtroute wäre jetzt: 240 Kilometer ostwärts auf dem Lassiter Highway, dann auf dem Stuart Highway 200 Kilometer nordwärts nach Alice Springs. Dabei würde man allerdings den Kings Canyon verpassen. Also nach 130 Kilometern Lassiter Highway links abbiegen auf die Lunitja Roasd und ab nach Norden. Nach 150 Kilometern erreichen wir den Watarrka Nationalpark. Es gibt ein Resort mit Campground im Park, ist aber zu teuer und touristisch. Wir stellen uns für die Nacht ein kurzes Stück vor dem Canyon auf eine Picknik Area. Theoretisch ist campen hier nicht genehmigt, aber was wir machen, ist ja eigentlich auch nur „parken“. Auf den meisten dieser Picknik Areas in Australien findet man (ausser vorbildlich sauberen Toiletten und Trinkwasser) die Möglichkeit des „free BBQ“, soll heissen, es gibt auf dem Platz mehrere elektrische oder mit Gas betriebene Grillstätten, die man kostenlos nutzen darf. Vorraussetzung: Nachher sauber schrubben. In diesem Fall ist es eine gasbetriebene Grillplatte nebst zwei Brennern, mit denen man auch keinen grösseren Unfug oder schlimme Unvorsichtigkeiten begehen kann, da ein Timer die Gaszufuhr nach einer gewissen Zeit unterbricht, falls man ihn nicht erneut einstellt. Glück für uns, denn heute gibt es Fisch in Stäbchenform, das sorgt in unserem kombinierten Koch-, Wohn- und Schlafraum sonst immer für Hafenatmosphäre. Früh morgens, die Sonne scheint noch nicht so heiss herab, gehen wir los zum Canyon. Zuerst gilt es, die mehr als einhundert Meter hohen Felsen zu besteigen, die den Canyon umgeben. Ungleichmässige, rohe Stufen führen steil hinauf. Ab 35°C Aussentemperatur wird dieser Aufstieg gesperrt, da sonst alle Flying Doctors der Umgebung im ständigen Herzinfarkteinsatz wären. Die Mühe des Kletterns lohnt sich allemal. Die Aussicht vom Rand des Canyons, auf dem man entlang wandert, ist gigantisch. Steil und tief geht es herunter, durch den Ausgang des Canyons reicht der weite Blick über die karge Ebene bis zum endlos entfernt scheinenden Horizont. Nicht vergessen, einen Blick in die palmenbestandene Schlucht etwas abseits des Canyons zu werfen. Hier sammelt sich immer etwas Wasser, so dass die im Outback eher seltenen Pflanzen prächtig gedeihen. Der Name, den die Schlucht trägt, ist eventuell etwas übertrieben: Garden of Eden. Der Normalurlauber mit Mietwagen fährt von hier aus zurück zum Lassiter Highway und dann den Standardweg nach Alice Springs. Aber es gibt noch eine andere Möglichkeit. Vom Nordende des Parks führt eine unbefestigte Piste erst ein Stück nach Norden und dann 220 Km westwärts bis Hermannsburg und von da aus befestigt bis nach Alice Springs. Die Piste ist breit, aber knüppelhart. Die Offroader unter euch werden wissen, was Wellblechpisten sind. Sie sehen so aus, wie sie heissen und drüberfahren fühlt sich so an, wie man es sich vorstellt. Man kann das Übel so klein wie möglich halten, wenn man nur schnell genug fährt. Hört sich paradox an, stimmt aber. Man muss eine Geschwindigkeit erreichen, die einen über das Wellblech fliegen lässt. Dieser Speed liegt für Maggie bei 65-70 Km/h. Auf dieser speziellen Piste gibt’s jedoch keine Chance. Das Wellblech gleicht einer Meeresdünung, unterbrochen durch Schlaglöcher und Längsrinnen. Langsam fahren ist nicht drin, da schaukelt Maggie sich auf, schnell fahren bringt aber auch nicht die erhoffte Besserung. Was folgt, ist ein 220 Kilometer langer Materialtest. Alles, was nachher noch dort sitzt, wo es vorher war, jede Schraube, die sich nicht gelockert hat, alle Elektronikbauteile, die diesen Ritt durchgehalten haben, all diese Dinge wird auch zukünftig nichts erschüttern können. Und Maggie schlägt sich prächtig. Sie macht das Ganze ohne zu mucken mit, während wir nachher unsere rausgefallenen Plomben einsammeln müssen. Alice Springs, oder kurz Alice, hat knapp 26.000 Bewohner. Das klingt erst mal nicht besonders, bedeutet jedoch, dass jeder siebte Einwohner des 1,35 Millionen Quadratkilometer  grossen Northern Territory in dessen zweitgrösster Stadt lebt. Und die liegt mitten im Outback, in den Wüstengebieten des australischen Zentrums. Die Entstehungsgeschichte ist schnell erzählt. Das erste, was hier gebaut wurde, war im Jahr 1871 eine Relais-Station der Überland-Telegrafenlinie zwischen Adelaide und Darwin. Man wählte diese Stelle, da sie nur zweihundert Meter entfernt von einem ständig gefüllten Wasserloch im sonst meist trockenen Bett des  Todd-River war. Der Fluss wurde benannt nach Talegrafenamt-Superintendant Charles Todd, das Wasserloch nach seiner Frau Alice. Um 1886 entstand unweit der Telegrafenstation eine kleine Siedlung, die den Namen Stuart erhielt. Sie wuchs langsam (kein Wunder in dieser lebensfeindlichen Umgebung) und wurde schliesslich 1933 umbenannt in Alice Springs, den Namen, den die Bewohner sowieso schon seit jeher verwendeten. Bis 1933 war die Bevölkerungszahl erst auf zweihundert angestiegen, den letzten grossen Schub erhielt Alice erst in den Achtzigern, als der Stuart Highway Richtung Adelaide durch einen neuen, kürzeren ersetzt wurde. Heute ist Alice ein gemütliches, kleines Städtchen, zwar mit vielen Touristen, die sich auf dem Weg zum oder vom Uluru befinden, aber das ist eigentlich ziemlich egal, da es nach langem Outbackaufenthalt nun zum erstemal wieder etwas urbaner zugeht. Nicht, dass wir es bräuchten, aber Abwechselung tut gut. Sebastian, der vor einer Weile schon einmal in Alice war, schleppt uns am Abend ins Bojangle´s, einen sehenswerten Saloon mit Holztheke, Holztischen, Holzbänken, Holzfussboden und Accessoires wie Wagenrädern, Dutzenden unterschiedlichster Trommelrevolver und diversen Tiergehörnen. Dazu ein grosses Fass voller Erdnüsse, an denen man sich bis zum Abwinken gütlich tun kann, die Schalen liegen am Ende des Abends knöcheltief auf dem Boden. Jeden Abend gibt’s Livemusik, ihr merkt schon, ein höchst sympathischer Schuppen, der zum Spass haben und Trinken anregt. Genau das tun wir. Leute kennen lernen und trinken. Viel trinken. Und nachher mächtig angeschlagen weiterwanken in die Late Night Bar / Disco des grossen Melanka Backpacker Hostels. Eigentlich nur für Gäste, aber Sebastian scheint hier die richtigen Leute zu kennen. Vieles vom Rest des Abends wollen wir am anderen Morgen vielleicht gar nicht mehr wissen. Der Kopf ist schwer, die Denkfähigkeit verlangsamt, bis zum ersten verständlichen artikulieren wird noch etwas Zeit vergehen. Heisser Kaffee muss her. Immer noch sichtlich angeschlagen fallen wir in eine Auto-Waschanlage ein. Maggie trägt noch etwa zweihundert Kilo getrockneten und inzwischen festgebackenen roten Schlamm aus dem Flinders National Park mit sich herum, abklopfen funktioniert nicht, das Zeug ist hart wie Beton. Ein Hochdruckreiniger muss her. Den gibt’s hier in der Waschanlage. Wohlgemerkt eine PKW-Waschanlage, aber Maggie passt gerade so in die Box. Noch bevor einer der Mitarbeiter haareraufend herbeieilen kann, liegen schon die ersten fussballgrossen Brocken am Boden. Nun gibt’s kein zurück mehr. Dreissig Minuten später sind der Waschplatz und Marcus völlig zugesaut. Fluchtartig verlassen wir den Ort des Geschehens. Die alte Telegrafenstation von Alice gibt es heute noch, aufbereitet als kleines Freilichtmuseum. Das Wasserloch namens Alice ist auch noch da, aber fast immer trocken. Auf dem Besucherparkplatz (grosse Parkflächen ringförmig um einen Haufen Felsbrocken, der von Gras und niedrigem Gebüsch umgeben ist) warnt uns ein Einheimischer vor den vielen Schlangen im Grasstreifen zwischen Maggie und den Felsbrocken. Sebastian, der just in diesem Moment auf besagten Felsbrocken steht, meint, es sei gerade jetzt ein äusserst unglücklicher Zeitpunkt, ihm diese Mitteilung zu machen. Das Glück ist mit ihm, scheinbar haben alle Schlangen ihn als unbedarften Touristen erkannt. Was es in Alice leider auch noch zu sehen gibt, sind eine unglaublich grosse Anzahl Aboriginee, die offensichtlich obdach- und arbeitslos, dazu häufig betrunken, scheinbar ziellos durch die Stadt wandern oder auf Grünstreifen herumsitzen. Reiseführer warnen gar davor, nachts alleine durch die dunkleren Gassen von Alice zu gehen. Die Anzahl der anwesenden Aboriginee ist eigentlich nicht sonderbar, da zu den 190.000 Einwohnern des Northern Territory auch 52.000 Nachfahren der Ureinwohner gehören. Verwunderlich ist ihr Zustand und die Tatsache, dass sie teilweise wie lebende Tote durch die Stadt schleichen. Da der Standardtourist gerade hier in Alice dieses Problems ansichtig wird, bekommt er bedauerlicherweise ein völlig falsches Bild. Mag nach aussen hin auch verbreitet werden, dass alles getan wird, die Aboriginee zu integrieren und als gleichwertig zu behandeln, so zeigt doch ein längerfristiger Aufenthalt in Australien eindeutig, dass hier noch vieles im Argen liegt. So ist zum Beispiel die durchschnittliche Lebenserwartung eines Aboriginee heute noch um zwanzig Jahre geringer als die seiner „weissen“ Landsleute. Die eingeführten Landrechtsregelungen sind Augenwischerei, fast die Hälfte des Territory gehört heute zwar wieder den Aboriginee, aber es sind natürlich die 50%, mit denen sowieso nichts anzufangen ist. Viele Aboriginee sind auf Grund ihrer hoffnungslosen Situation in den vergangenen Jahren dem Alkohol verfallen, was dazu führte, dass sich viele Aboriginee-Communitys entschlossen „dry“ zu werden und somit Verkauf und Verzehr von Alkohol zu einer Straftat zu machen. Die Aboriginee, die dem Alkohol nicht entsagen wollten oder konnten, wanderten ab in die grösseren Städte wie Darwin und Alice Springs und prägen dort heute das falsche Bild, das der Tourist von den Ureinwohnern hat. Dazu kommt noch, dass im Northern Territory eine gewisse US-Südstaatenmentalität herrscht. Es gibt einen gängigen Spruch, der erklärt, was ein Australier zu tun hat, um als echter Territory-Bewohner zu gelten: „Catch a barra (Barra=Barramundi / geschätzter Speisefisch), fuck a croc (selbsterklärend) and shoot a blackfella (der Ku-Klux-Klan lässt grüssen)“ Unsere Bitte an alle Touristen: Urteilt nicht vorschnell. Der betrunkene Aboriginee, der euch in Alice aggressiv um Geld anbettelt, ist nicht eines der Aushängeschilder der Ureinwohner. Die leben zum Grossteil in ihren Communitys und wollen eigentlich nur in Ruhe gelassen werden. Was wir jetzt noch in Alice zu erledigen haben, ist der Besuch beim AANT, dem Automobilclub des Northern Territory. Wir brauchen noch eine akzeptable Karte, die das Territory abdeckt. Das Information-Center gibt uns die Adresse und zehn Minuten später stehen wir ungläubig vor dem grossen Tor eines Autoschrottplatzes. Ein kleines Schild weist auf das ebenfalls dort untergebrachte Büro des AANT hin. Vertrauenswürdige Umgebung. Weit gefehlt, das Büro ist klein, aber fein und informativ. Natürlich bekommen wir eine erstklassige Karte, wenn auch diesmal nicht umsonst, sondern nur mit 50% Rabatt. Der Automobilclub des Territory ist mangels Anzahl von Fahrzeugen halt nicht so betucht. Der Stuart Highway bringt uns weiter nach Norden, durch zwar einerseits karge und trockene, aber nicht durchgehend langweilige Buschgebiete. Wir scheuchen Wildpferde auf und vertreiben mächtige Adler von ihrer bevorzugten Mahlzeit, den von Fahrzeugen getöteten Kangaroos. 400 Kilometer nördlich von Alice gibt’s dann endlich wieder was wirklich interessantes zu sehen. Links und rechts des Highway liegen teils gigantische, kugelförmige Granitblöcke in der Gegend herum oder aufeinandergetürmt wie Saurierspielzeug. Man sieht Kugeln mit dem Gewicht von mehreren hundert Tonnen auf einer Auflagefläche von der Grösse einer Fussmatte. Sie scheinen jeden Moment losrollen zu wollen. Die Australier nennen sie „Devils Marbles“, ein passender Name. Entstanden sind sie in Jahrmillionen durch Erosion aus einem einzigen grossen Granitblock. In Ritzen eingedrungenes Wasser sprengte ihn in Frostzeiten und der sandhaltige Wind rundete die Kanten. Man könnte auch sagen, alles kleine Ulurus. Die trocknen Buschgebiete sehen, je weiter man nach Norden kommt, allmählich grüner aus, Temperatur und Luftfeuchtigkeit steigen merklich an. Die Bachbetten, die wir bisher passiert haben, waren durchgehend trocken, nun finden sich erst vereinzelte Tümpel und schliesslich sogar fliessendes Wasser. Wir werden immer mehr daran erinnert, dass wir uns theoretisch (betrachtet man den Breitengrad, auf dem wir uns befinden) in den Tropen befinden und tatsächlich verlassen wir langsam aber sicher die ariden Buschgebiete des australischen Zentrums. Wir sind etwa 700 Kilometer südlich von Darwin, biegen nach Westen vom Highway ab und erreichen Daly Waters. Es gibt zwei Gründe, die uns hier für eine Nacht verweilen lassen. Auf der Jagd nach den 2000 britischen Pfund Sterling, die auf die erste erfolgreiche Süd-Nord Durchquerung des Kontinentes ausgesetzt waren, startete John McDouall Stuart 1860 seine erste Expedition und erreichte zumindest das Zentrum. Die zweite brachte ihn ein Jahr später ein paar hundert Kilometer weiter nach Norden, die dritte (einen Mangel an Hartnäckigkeit konnte man Stuart sicher nicht unterstellen) war schliesslich erfolgreich. Man kann diese Leistung gar nicht hoch genug bewerten, die Jungs waren zu Pferd und Fuss unterwegs und am Wegesrand gab es keine klimatisierten Raststätten, sondern nur Staub, Hitze, Schlangen und Spinifex, das australische Buschgras mit miesen harten Spitzen, die in die Haut eindringen, abbrechen und für eklige Entzündungen sorgen. Woran es definitiv mangelte, war Wasser. Diese Umstände zwangen Stuart zweimal, wieder umzukehren. Bei seiner dritten Expedition stiess er nun in der Nähe des heutigen Daly Waters auf den ersten wasserführenden Creek. Aus Erleichterung und Freude ritze er seine Initiale „S“ in den Stamm eines jungen Eukalyptusbaumes. Dieses Zeichen von historischer Wichtigkeit wollen wir natürlich sehen und folgen den Hinweisschildern zum „Stuart Tree“. Die Ernüchterung folgt auf dem Fusse. Auf einer 2 x 2 Meter grossen, mit kniehohem Zaun eingefassten Fläche mit gravierter Gedenkplatte erheben sich die etwa drei Meter hohen Reste eines toten Baumes. Keine Krone, keine Äste. Nur Stamm. Und kein „S“. Trotz eingehender Untersuchung der gesamten Oberfläche ist nichts zu finden. Irgendein Tourist, der Nachfolgenden den Frust des umsonst gemachten Weges ersparen wollte, hat zwar zum Schnitzmesser gegriffen, aber aus einem völlig unverständlichen Grund statt eines „S“ ein „B“ in den Baum geritzt. Wundersames Land. Na gut, es gibt ja schliesslich immer noch den Daly Waters Pub, in allen Reiseführern beschrieben als ältesten Pub des Northern Territory, eröffnet 1893, und der Urtyp des Outback-Pubs. Eines vorweg, sein Öffnungsjahr datiert eigentlich auf 1938, auch wenn der Pub den Anschein erweckt, schon 200 Jahre alt zu sein. Okay, er wirkt schon urig, gebaut aus viel Holz und Wellblech. Alle, die ihn besuchen, lassen scheinbar irgendetwas zurück, das dann mit viel Liebe an Wänden und Decke befestigt wird, wie Kfz-Kennzeichen, Aufkleber, Münzen und Unterwäsche. Aber er ist halt nicht mehr der urwüchsige Pub, in dem sich jeden Abend die trinkfesten Farmarbeiter mit sonnengegerbter Haut, Shorts und Buschhut aus der „näheren“ Umgebung einfinden. Der Daly Waters Pub ist eine Touristenattraktion geworden, jeden Abend gibt es das „famous barra and beef BBQ“, Voranmeldung erforderlich, vier Sitzungen im Halbstunden-Takt ab 18 Uhr. Danach gibt ein älterer Buschbewohner mit verschwitztem Trägershirt, der aus unerfindlichen Gründen den ganzen Tag über das Model eines Holzhauses als Hut auf seinem Kopf trägt und ein in schrillen Leuchtfarben sprühlackiertes, stets schlechtgelauntes Huhn sein Eigen nennt, immer wieder die gleichen Lieder zur Gitarre zum Besten. Die sind derartig unbekannt, dass selbst anwesende australische Touristen seine Darbietung nur mit kaum hörbarem Höflichkeitsapplaus bedenken. Das mag allerdings auch an seinem kaum vorhandenen Talent liegen, ich meine das nicht böse, aber der Mann sollte es dabei belassen, weiter Hühner zu lackieren. Entlang dem Highway sehen wir die ersten Termitenbauten. Das Northern Territory ist sehr bekannt für seine Termiten. Im Prinzip sind sie es, die die Didgeridoos bauen, das wohlklingende Musikinstrument der Aborigines und beliebte Urlaubsmitbringsel vieler Touristen (im Wohnzimmer über der Sitzecke aufgehängt, macht es mächtigen Eindruck auf Gäste). Die Termiten höhlen die Äste von Eukalyptusbäumen aus, die der kundige Aborigine findet, auf passende Länge schneidet (je nach gewünschter Tonlage) und in seiner ihm eigenen Tupftechnik bemalt. Dann noch Bienenwachs auf das Mundstück, fertig. Wer denn unbedingt ein Didgeridoo kaufen möchte (macht für mich eigentlich nur Sinn, wenn man auch darauf spielen möchte; Lektionen gibt der gute Verkäufer gleich im Geschäft), der sollte es im Territory tun. Hier zahlt man weniger als die Hälfte für gleich gute Qualität, als im übrigen Australien. Kleiner Tip: Mit dem Finger im Didgeridoo fühlen, ob die Innenwand rau oder glatt ist. Sollte sie glatt sein, war ein schnöder Bohrer am Werk und nicht Bruder Termite. Für ein „echtes“ Didge bekommt man darüber hinaus in der Regel ein Authentizitätszertifikat. Zurück zu den Termitenbauten. Wir wussten, dass wir welche sehen würden, aber nicht, dass es so viele sein würden. Zehntausende, Hunderttausende nur entlang des Highways, die viel grössere Anzahl derer, die man nicht zu Gesicht bekommt, ist kaum zu schätzen. Manchmal sind nicht einmal zwei Meter Abstand zwischen einem Bau und seiner Nachbarschaft. Es gibt die kleinen, nur 50 cm hohen, für die kleine Termitensippschaft und bis zu 3 Meter hohe, die den Eindruck einer mittelalterlichen Trutzburg machen. Samstag, 1.Juni 2003. Wir erreichen die Stadtgrenze von Darwin, 90.000 Einwohner, Hauptstadt des Northern Territory. Knappe 4000 km haben wir seit dem Verlassen von Adelaide an der Südküste hinter uns gebracht und nun Australiens Nordküste erreicht. Es ist heiss, richtig heiss und die Luftfeuchtigkeit fast schon unangenehm. Wir haben schon lange nicht mehr geschwitzt, aber nun ist es wieder so weit. Dabei ist im Moment Spätherbst, also die kühle Saison. Die richtig unangenehme Zeit (hier auch „suicide season“ genannt, da die Selbstmordrate drastisch ansteigt) ist von Oktober bis März, wenn die Luftfeuchtigkeit auf bis zu 99% steigt. Dann ergiessen sich Monsunschauer über die Küstenregion, der Regen verdampft auf dem heissen Boden und es entsteht eine Art finnische Open-Air Sauna. Wir haben also Glück, es ist zwar heiss, aber die 60% Luftfeuchtigkeit sind mit Anstand zu ertragen. Ausserdem kann man sich ja im Meer abkühlen. Sebastian, der vor 9 Monaten schon einmal in Darwin war, lotst uns zum Parkplatz der nicht weit vom Zentrum entfernten Mindil-Beach. Ruckzuck sind die Bade-Shorts angezogen, es geht im Laufschritt über eine flache Düne und ab ins Wasser. Spiegelglatt, keine Wellen, 30°C Wassertemperatur. Nicht das, was wir uns gewünscht hätten, ein paar ordentliche Wellen wären schon Klasse gewesen.  Ein paar Grad kühler als draussen ist es im Wasser schon, keine richtige Erfrischung, aber es reicht, um den Schweiss abzuspülen. Ein Blick in die Runde zeigt überraschenderweise, dass am kompletten Strand ausser uns dreien nur noch eine andere Person im Wasser ist. Okay, der Strand ist nicht gerade dicht bevölkert, aber irgendwie ist die Situation merkwürdig. Falsch, ist sie nicht. Der Lockruf des vermeintlich kühlen Ozeans hat in unseren Köpfen nur eine ganze Anzahl wichtiger Informationen verdrängt. In Darwin schwimmen zu gehen, ist immer ein Vabanquespiel. Da hätten wir zum Beispiel diverse Sorten gefrässiger Haie, die hier in Küstennähe rumkurven. Dann die „Salties“ (wie sie der gefahrengewohnte Australier liebevoll nennt), Salzwasserkrokodile, die bis zu sieben Meter lang und eine Tonne schwer werden können. Treiben sich an der Küste herum und schwimmen die Läufe der ins Meer einmündenden Flüsse hinauf bis weit ins Inland. Spezialität: Menschen sammeln. Genau, so ein Saltie verspeisst dich nicht sofort, sondern schleppt dich in seine Höhle und wartet, bis es richtig Appetit hat. Ferner gibt es hier Stein-, Koffer- und Skorpionsfische, ziemlich giftige Gesellen. Dazu Conus Geographus, eine hochgradig giftige Kegelschnecke. Und als ob dies alles nicht schon reichen würde, sind die nördlichen Küstengewässer Australiens auch noch Lebensraum des todbringendsten Geschöpfes der Erde, des einzigen Gifttieres, dass einen Menschen in weniger als 120 Sekunden töten kann. Darf ich vorstellen: Box Jellyfish, Chironex fleckeri, die Würfelqualle (alias Sea Wasp, alias Stinger). Dreissig Zentimeter langer, kastenförmiger Körper mit abgerundeten Kanten, zwei Meter lange Nesselfäden, durchsichtig, leicht purpurn schimmernd. Ernährt sich von mikroskopisch kleinen Krabben. Aus irgendeinem völlig unverständlichen Grund trägt so ein Box Jellyfish genug Gift mit sich herum, um einen Saal voller Menschen zu töten. Wohlgemerkt ohne es zu wollen. Es gibt unübersehbare Warnschilder an den Stränden der Nordküste. Das Baden zwischen Oktober und April ist strikt verboten, es sei denn, man trägt einen Stinger-suit, eine spezielle Ganzkörper-Schutzbekleidung. In dieser Zeit kommen die kleinen Killer in riesigen Schwärmen an die Küsten, sind aber auch in den übrigen Monaten vereinzelt anzutreffen. Den Strandbesuchern mit Badeabsicht wird hochoffiziell empfohlen, ausser Badehandtuch und Sonnenöl, Essig mitzubringen. Damit kann bei einem Opfer das Gift neutralisiert werden, das noch nicht in den Körper eingedrungen ist. Der Kontakt mit den Nesselfäden einer Würfelqualle führt sofort zu den qualvollsten vorstellbaren Schmerzen. Der Schmerz ist derartig schlimm, dass der Körpermechanismus „Ohnmacht“ nicht funktioniert, Opfer schreien auch nach sofortiger Sedierung mit starken Morphinen wie am Spiess. Bei grossflächigem Kontakt mit den Nesselfäden bricht innerhalb von zwei Minuten der Kreislauf zusammen, Atmung und Herztätigkeit setzen aus, das Opfer stirbt. Jeder Australier weiss, was zu tun ist: Essig auf die Kontaktstellen, die wie Peitschenhiebe aussehen, nicht versuchen, haftende Nesseln zu entfernen (dadurch bringt man nur sich selbst in Gefahr), Wiederbelebungsmassnahmen bis zum Eintreffen im nächstgelegenen Hospital. Dann besteht die Möglichkeit des Überlebens. Klingt wie das Szenario aus einem Horrorfilm, ist aber Realität. Selbst die coolen Territory-Bewohner, die dafür bekannt sind, alle tödlichen Gefahren in ihrem Land mit einem Witz abzutun, sind in bezug auf die Box Jellyfishes nicht zu Scherzen aufgelegt. Das planschen im Meer wird in den nächsten Tagen jedenfalls nicht unsere bevorzugte Aktivität. Der schattige, palmengesäumte Parkplatz am Mindil Beach ist ein angenehmer Platz, um uns für ein paar Tage häuslich einzurichten. Nur zwanzig Meter bis zum Strand, zwei grosse Dusch- und Toilettenhäuschen. Diese in der Dunkelheit aufzusuchen erfordert nicht geringe Willensstärke. Sie scheinen in der Nacht Asyl aller Echsen und Insekten der Umgebung zu sein, vom Gecko über Spinnen aller Art und Grösse bis hin zur Heuschreckenart, die uns in dieser Dimension (20 cm lang!) bisher unbekannt war. Die Hüpfer meinen es sicher nicht böse, sind aber recht hektisch, springen ziellos hin und her und landen, was einem geruhsamen Toilettenaufenthalt ziemlich abträglich ist, ab und an klatschend auf deinem Bauch, Rücken oder Gesicht. Hier am Mindil Beach machen wir die Bekanntschaft von René, Rodger und ihren quirligen Söhnen Zyan (4 Jahre) und Khanu (3 Jahre). René, gebürtige Holländerin und Rodger, geboren in England, sind vor neun Jahren nach Australien eingewandert. Seit 14 Monaten touren sie in einem umgebauten, mittelgrossen Bus durch Australien. Mit im Bus: Eine kleine Ton- und Lichtanlage und eine grosse Anzahl unterschiedlichster Instrumente, denn René und Rodger sind in Australien besser bekannt unter ihrem Bandnamen „JABARU“, spielen phantastisch arrangierten Ethno-Pop (mit keltischen, indianischen und aboriginal-Einflüssen), haben gerade ihre dritte CD produziert, ziehen von Festival zu Festival und machen in der Wintersaison für zwei Monate Halt in Darwin um hier jede Woche zweimal auf dem jeweils Donnerstag und Sonntag stattfindenden „Mindil Beach Night Market“ (eine der touristischen Hauptattraktionen Darwins) aufzutreten. Man muss es mit eignen Augen gesehen haben, um zu glauben, wie viele (teils seltene) Instrumente die beiden beherrschen und bei einem Auftritt auch noch gleichzeitig spielen: Hammer Dulcimar, Bush Saxophone, Didgeridoo, Congas, diverse Flöten, Djembe Darabuka, Drums, Tamborine, Cymbals und und und ... . Dazu noch Renés betörende Stimme. Das Publikum rast vor Begeisterung bei ihren Auftritten. Schon nach zwei Übernachtungen werden wir von den zwar freundlichen aber auch unbarmherzigen Rangern verscheucht. Man darf zwar, solange man will, auf den öffentlichen Parkplätzen und an den Strassen der Stadt parken, nur im Fahrzeug schlafen (sprich campen) darf man nicht. Ausgenommen sind natürlich die kommerziellen Campgrounds, aber die sind hier in Darwin nicht gerade billig. Sollte man uns noch einmal erwischen, werden wir mit jeweils 50 AU$ für den ersten und 200 AU$ für jeden Folgeverstoss zur Kasse gebeten. Es gibt aber eine Möglichkeit, Campground-Gebühren und hohen Bussgeldern zu entgehen. Zwei Kilometer nördlich von Mindil Beach befindet sich direkt am Strand die grosszügige Anlage des „Darwin Waterski Club“. Palmengarten, eigener Strand, Pool, Duschen Toiletten, Garten-Bar. Und ein privater Parkplatz. Für einen Jahresbeitrag von moderaten 20 AU$ wird man Clubmitglied und darf von nun an all diese Einrichtungen nutzen. Und solange man auf einem Privatgrundstück campt, können einem die Ranger nicht an die Wäsche. Da Rodger und René bereits seit einem Jahr Club-Mitglieder sind, sparen wir sogar die 20 AU$ Jahresbeitrag und werden als ihre Gäste für einen Monat beitragsbefreite Ehrenmitglieder, stehen tagsüber zusammen am Mindil Beach und nachts auf dem Clubgelände. Nicht verpassen sollte man übrigens den Besuch im „Museum of the Northern Territory“, direkt angrenzend an den „Darwin Waterski Club“. Der Eintritt ist (überraschenderweise) kostenlos, geboten wird eine zwar wilde, aber interessante Mischung aus australischer Geschichte, Aboriginal Art und heimischer Fauna. Hier kann man nun (glücklicherweise dahingeschiedene) Exemplare all der netten Tierarten sehen, denen man in freier Natur eher nicht begegnen möchte, von der Würfelqualle bis zur Trichterspinne. Dazu noch einige unangenehme Zeitgenossen, von denen wir bis dato noch nichts wussten, die aber auch in den Gewässern der Nordküste vertreten sind, wie zum Beispiel eine hochgiftige Seeschlangenart und der Blauringoktopus, so klein wie eine Mandarine mit Tentakeln, aber in der Lage, mit seinem Gift alle Muskeln eines Menschen innerhalb von 15 Minuten zu lähmen und ihn somit zu meucheln. Der Tod lauert hier wirklich überall. Es gibt aber noch zwei andere Gründe, die den Besuch des „Museum of the Northern Territory lohnenswert machen. Der eine trägt den Namen „Sweetheart“, ist 5,70 Meter lang, 780 kg schwer, weiblich, ausgestopft, gehörte zur Familie der Salzwasserkrokodile und lebte einst im Finnis-River, südlich von Darwin. Wenn Sweetheart etwas auf den Tod hasste, waren es Aussenbordmotoren. Nachdem sie im Laufe der Jahre eine grössere Anzahl von Fischer- und Touristenbooten attackiert und teilweise versenkt hatte (übrigens ohne dabei jemals einen der über Bord gegangenen Insassen zu fressen), beschloss man 1979, sie einzufangen und für den Rest ihrer Tage in einer Krokodilfarm unterzubringen um diesem ruchlosen und touristenverschreckenden Treiben ein Ende zu setzen. Der erste Teil des Unternehmens gelang vortrefflich, Sweetheart wurde betäubt, gefesselt, dann jedoch riss beim Verladen des 780 kg schweren Ungetüms ein Seil, Sweetheart fiel ins Wasser und ... ertrank. Schmähliches Ende für ein Krokodil. Dafür hat sie seitdem einen Ehrenplatz im Museum und beeindruckt die Besucher mit ihrer gewaltigen Grösse, wobei ich noch einmal betonen möchte, dass im Bereich der australischen Nordküste Exemplare ihrer Gattung leben, die noch 1,30 Meter länger und 250 kg schwerer sind. Allein der Gedanke verursacht eine Gänsehaut. Auch der zweite wichtige Grund für einen Besuch des Museums trägt einen weiblichen Namen: Der Wirbelsturm Tracy. An Heiligabend des Jahres 1974 raste die Spitze des Zyklons über Darwin, allerdings mit für Darwiner Verhältnisse moderaten Windgeschwindigkeiten um 150 km/h. Die Bewohner dieser Gegend von Australien sind, was Zyklone angeht, einiges gewohnt, die Schäden, die Tracys Spitze verursachte, waren kaum erwähnenswert, also liess man sich nicht aus der Ruhe bringen und ging zu Bett. Dies jedoch sollte sich als katastrophaler Fehler erweisen, denn gegen drei Uhr morgens erreichte der rückwärtige Teil des Sturmsystems die Stadt und verursachte die grösste Naturkatastrophe der australischen Geschichte. Die Windgeschwindigkeitsmesser des Airports zerbarsten bei 230 km/h. Und es wurde schlimmer. Mit schier unglaublichen 300 km/h tobte Tracy über der Stadt wie ein apokalyptischer Reiter, zerstörte 60% der 11.200 Gebäude restlos und liess nur 400 von ihnen relativ intakt zurück. Autos, Boote, Flugzeuge, ja ganze Häuser flogen wie leere Pappschachteln durch die Luft. Mehr als achtzig Bewohner Darwins starben in dieser Nacht, mehr als 45.000 mussten in den folgenden Tagen evakuiert werden. In einem Teil des Museums werden Bilder und Filme gezeigt, die am „day after“ aufgenommen wurden. Mit Worten ist nicht zu beschreiben, was Tracy der Stadt angetan hat. Am verstörendsten sind die authentischen Tonaufnahmen aus dem Keller eines Wohnhauses, die gemacht wurden, als der Zyklon über der Stadt tobte. Sie werden in Originallautstärke in einem dunklen, kleinen Raum vorgeführt, der nur von einer schwachen, flackernden Glühbirne beleuchtet wird. Was man hört, ist kein Sturm. Es ist ein brüllendes, rasendes Untier. Wirbelsturm Tracy ist also auch der Grund dafür, dass das Stadtbild Darwins so belanglos modern wirkt, ist doch kaum ein Gebäude älter als 29 Jahre. Die Zeit der Wirbelstürme, die fast jedes Jahr über Darwin ziehen (wenn auch zum Glück nie wieder so schlimm wie Tracy, aber eigentlich sollte man nie nie sagen), liegt zwischen November und Januar, wir haben jetzt, Anfang Juni, also nichts zu befürchten. Kaum eine Wolke trübt den Himmel und jeden Abend können wir uns sattsehen an den unbeschreiblichen, nie gleichen Sonnenuntergängen über der Timor-See.