Australien 5

 

Wir haben Melbourne gerade mal achtzig Kilometer hinter uns gelassen, befinden uns auf dem Calder-Freeway kurz vor Gisborne, als es an Maggies linkem hinteren Ende einen fürchterlichen Knall gibt. Das Holpern beim Abbremsen macht uns klar, dass uns schon wieder ein Reifen verlassen hat. Die Seitenwand des Pneus ist förmlich explodiert, es ist nicht zu erkennen, was diesen enormen Schaden verursacht hat. Der Reifen ist zwar nach zwanzig Minuten gewechselt, aber trotzdem bleibt unsere Lage prekär. Wir verfügen nun über KEINEN Ersatzreifen mehr, da wir Melbourne mit nur einem verlassen hatten und einen neuen zweiten erst in Adelaide, circa eintausend Kilometer entfernt, abholen können. Schien uns kein grosses Risiko zu sein, erweist sich jedoch jetzt als grosse Dummheit. Wir sind noch etwa achtzig Kilometer entfernt vom 60.000 Einwohner-Städtchen Ballarat, Zentrum des 1851 ausbrechenden australischen Goldrausches, unserem heutigen Tagesziel. Betend, dass uns nicht noch eine (und damit nicht auf der Stelle behebbare) Reifenpanne ereilt, erreichen wir Ballarat am Nachmittag. Zum Glück befindet sich auch hier eine Reifenwerkstatt der BEAUREPAIR-Kette. Wir stellen Maggie auf dem Hof ab und klagen Manager Darren unser Leid. Auf gar keinen Fall können wir riskieren, ohne Ersatzreifen bis nach Adelaide zu fahren, um dort einen neuen zu bekommen, zumal einer nun auch nicht mehr reichen würde. Ein Anruf bei Matt von der BEAUREPAIR-Niederlassung in Melbourne, der dafür sorgen wollte, dass uns ein runderneuerter Reifen in Adelaide erwartet, bringt schlechte Neuigkeiten. Er kann weder einen und schon gar nicht zwei Reifen runderneuern und nach Ballarat schicken lassen (was bedeutet hätte, hier ungefähr vierzehn Tage festzusitzen, aber Ballarat und Umgebung haben einiges zu bieten, so dass wir uns die Zeit schon vertrieben hätten), da er im Moment nicht an gebrauchte Reifen der von uns benötigten Grösse herankommt. Wie es scheint, sind alle Kranwagen-Fahrer (die für uns passende Grösse wird in Australien offensichtlich nur für fahrbare Kräne verwendet) mit ihren Reifen zufrieden. Nur Gott weiss, wann durch einen Wechsel zwei Gebrauchte zur Verfügung stehen. Vielleicht zwei Wochen, vielleicht zwei Monate. Das ist höchst unerfreulich und wir schimpfen wie die Rohrspatzen. Nutzt nichts! Eine Lösung muss gefunden werden. Tatsache ist, dass es in Australien für unsere Felgengrösse 11x20 keine Reifen gibt. Ein gängiger australischer Reifen, der den unseren in Breite und Höhe etwa entspricht, ist ein 385/65x22,5, der hier von grossen Sattelzugmaschinen gefahren wird. Ein Anruf bei der Firma, welche die Runderneuerungen für BEAUREPAIR erledigen, bestätigt, dass sie vier gebrauchte am Lager haben und für circa 400 AU$ das Stück mit einem aggressiven Profil, dass auch Offroad-geeignet ist, anfertigen können. Neu kaufen würde mehr als das Doppelte kosten und zu allem Übel gibt es die Gummiwalzen natürlich auch nur mit einem Strassenprofil. Ein Teil des Problems ist also scheinbar gelöst. Der Rest erweist sich als äusserst harte Nuss. Für diese Reifen brauchen wir andere Felgen, die Grösse 9x22,5 würde ausreichen. Passen aber nicht auf Maggies Achsen. Es ist zum verrückt werden! Australische Lkws unserer Grösse haben zehn Radbolzen und nicht acht, wie wir. Und als ob das noch nicht genug wäre, haben die Felgenräder australischer Felgen auch noch eine viel höhere Einpresstiefe und stehen aus dem Felgenbett heraus, während unsere Felgenräder das Bett etwa 1/5 zu 4/5 teilen. Kreuzdonnerwetter! Lässt sich so was nicht endlich weltweit vereinheitlichen? Scheinbar handelt es sich um ein Komplott! Eine dieser hinten und vorne nicht passenden Felgen kostet 190 AU$. Vielleicht ist der Hersteller bereit, uns gegen einen geringen Obolus vier Felgen  auf unser Mass und acht Löcher umzuarbeiten. Umarbeiten ja, geringer Obolus nein. 710 AU$ pro Felge wollen diese Nachfahren einer seit Generationen Inzucht betreibenden Schafzüchter-Sippe von uns haben! Wir zügeln unseren Zorn, der arme Darren, der die Informationen telefonisch für uns herausbekommt, kann schliesslich nichts dafür, dass man uns ausnehmen will. Langsam gehen uns die Optionen aus. Wir bitten Darren, uns eine Nacht Bedenkzeit zu geben und verabreden uns für den kommenden Morgen. Vielleicht hat jemand von uns ja einen grandiosen Einfall, der zumindest einen Teil der bis jetzt hochgerechneten Kosten von 4500 AU$ einspart. Nicht weit vom Stadtzentrum Ballarats entfernt liegt Lake Wendouree, zwei Kilometer im Durchmesser und Austragungsort  aller Ruderwettkämpfe der olympischen Sommerspiele von 1956 in Melbourne. Wir umfahren den See, dessen sechs Kilometer langer Uferweg von zahlreichen Joggern genutzt wird, und suchen uns den schönsten Platz für die Übernachtung. Genau auf der gegenüberliegenden Seite des Sees, der übrigens Heimat einer grossen Anzahl schwarzer Schwäne ist, hatten wir auf unserer Umrundungsfahrt einen Safeways-Supermarkt gesehen. Als wir nun bemerken, dass uns das Brot ausgegangen und es obendrein schon 17.30 Uhr ist (was bedeutet, dass die Bäckereien, wie die meisten kleinen Einzelhandelsgeschäfte in Australien, seit einer halben Stunde geschlossen haben), marschieren wir los, um dort ein wenig einzukaufen. Es sieht nun vielleicht so aus, als wollten wir aus Gründen der Körperertüchtigung einen frühabendlichen, sechs Kilometer langen Spaziergang durch den dummerweise gerade jetzt auch noch einsetzenden leichten Sprühregen machen. Das ist so nicht ganz richtig. Zu unserer Schande muss ich gestehen, dass uns beiden erst nach zwei Kilometern der beeindruckende Geistesblitz kommt, dass wir die Strecke natürlich auch hätten fahren können. Ich weiss nicht, ob es an den fiesen Tiefschlägen dieses Tages liegt, aber wir haben schlicht vergessen, dass unser kleines Zuhause Räder und einen Motor hat. Gegen 19 Uhr sind wir etwas durchgefeuchtet, aber mit frischem Brot zurück bei Maggie, betrinken uns mit goanischem Brandy, der unsere Laune rapide verbessert, beschliessen, die Entscheidung der 4500 AU$-Frage auf den kommenden Morgen zu verschieben und fallen in komatösen Schlaf.
Der nächste Tag beginnt mit Mineralwasser und Aspirin, aber dicker Kopf arbeitet bekanntlich gut, und so haben wir schnell eine neue Idee. Um halb Zehn sind wir wieder in der BEAUREPAIR-Werkstatt, leihen uns von Darren eine der nicht passenden Felgen aus und fahren zu der von ihm empfohlenen Schlosserei MILLER Bros. . Die Mitarbeiter sind sehr von Maggie angetan und bekommen (wie die meisten Männer aller Altersgruppen, die wir auf unserer Reise treffen) glänzende Augen: „She´s a beauty! What a setup!“ Wir erklären ihnen unsere Idee: Auf einer Drehbank das Felgenrad aus dem Bett schneiden, soweit verschieben und wieder einschweissen, dass die Einpresstiefe mit der unserer alten Felgen übereinstimmt, dann die zehn Bohrungen für die Radbolzen mit Material füllen, zuschweissen und danach acht passende neue Löcher bohren. Eigentlich eine ziemlich verrückte Idee, aber der bärtige, wettergegerbte Schweisser Wayne runzelt nur einige Momente die Stirn, betrachtet die Felge von allen Seiten, misst hier und da mit einem Massband und verkündet: „It´s possible.
We´ll do it.“ Und das zu einem anständigen Preis, circa 150 AU$ pro Felge, was bedeutet, dass wir nun eine passende Felge für 340 AU$ pro Stück bekommen und nicht 710 AU$ dafür bezahlen müssen. Spart uns also satte 1480 AU$ ! Sollte uns jemals der Chef des Felgenherstellungsbetriebes über den Weg laufen, werden wir ihn über seinen ungebührlichen Preisvorschlag aktiv und eindringlich befragen. Darren bestellt die Felgen, die in vier Tagen, am 5. Mai, eintreffen sollen. MILLER Bros. braucht dann drei bis vier Tage für die Umarbeitung, so dass sie spätestens am kommenden Freitag wieder Bei BEAUREPAIR sind, was genau mit dem Eintreffen der runderneuerten Reifen zusammenfällt. Wenn alles klappt, können wir Ballarat am 10. Mai wieder verlassen.
Acht Tage haben wir also Zeit, Ballarat und Umgebung zu erkunden. Es ist Freitag und wir beschliessen, dass Wochenende im fünfzig Kilometer entfernten Daylesford zu verbringen, dem 6000 Seelen Örtchen, dass zusammen mit seiner zwei Kilometer weiter nördlich liegenden Twin-town Hepburn von sich behauptet, das Mineralwasserherz Victorias zu sein. Der eigentliche Grund unseres Besuche ist aber ein kleines, farbiges, dreissigseitiges Programmheft eines italienisch-schweizerischen Festes in Daylesford, das wir in die Finger bekommen haben. Über zwei Tage jagt dort eine Veranstaltung die nächste: Fahrradrennen, Pastasaucen-Wettbewerb, Maskenball, Olivenöl-Workshops, Führungen durch die älteste australische Makaroni-Fabrik und und und ... . Klingt spannend! Daylesford erweist sich als ruhiges, sympathisches grosses Dorf mit einem kleinen See in der Mitte, eingebettet in sanfte, bewaldete Hügel. Die Zeit scheint hier vor Jahren stehen geblieben zu sein, es gibt viele kleine Antiquitätengeschäfte, vor Dutzenden der gemütlich und einladend aussehenden Wohnhäusern stehen Werbeschilder, auf denen Massagen, Akupunkturen und Handlinienlesen angeboten werden. Viele der Baumarten in Daylesford stammen aus Europa und sind deshalb gerade dabei, im australischen Herbst ihre rot- und braungewordenen Blätter abzuwerfen.  Unwirklich erscheinender Kontrast dazu sind die Schwärme grosser Kakadus, die mit einem Riesenlärm über das Dorf ziehen und in die immergrünen australischen Bäume einfallen um sich an deren Früchten satt zu essen. Die meisten Geschäfte der Mainstreet tragen italienische Namen. Aha, daher also die Geschichte mit dem italienisch-schweizerischen Fest. Der Ort wurde 1870 von Einwanderern dieser beiden europäischen Staaten gegründet. Das Informations- und Besucherzentrum wartet mit einer Überraschung auf. Die reizende ältere Mitarbeiterin Elaine nimmt uns, kaum das wir eingetreten sind, an die Hand und bugsiert uns auf eine schmale Bank mit Lautsprechern in der Rückenlehne. Kaum sitzen wir, beginnt auf einer Video-Leinwand vor uns ein Kurzfilm über die Entstehung von Mineralwasser und die Stellen, an denen man es in Daylesford und Umgebung mittels eigenhändigem Pumpbetrieb in Flaschen und Kanister abfüllen kann. Wir sind voll des Lobes über diese informative Einführung und Elaine kann sich kaum von uns losreissen, bis ihr eine Kollegin zu verstehen gibt, dass noch anderes zu tun sei, als sich mit jungen, grossen deutschen Touristen zu unterhalten. Beladen mit zwei Kilogramm neuer Broschüren und Prospekte verlassen wir das Informationszentrum, fahren zum Parkplatz des zentral gelegenen Sees und folgen den Hinweisschildern entlang eines Pfades zu den einzelnen Quellen. An  mehreren Stellen kann man mittels Pumpenschwengeln das gesunde, heilende Wasser an die Oberfläche holen und bei Bedarf in mitgebrachte Behälter abfüllen. Das leicht kohlensäurehaltige Wasser schmeckt ein stark nach Kupfer und Eisen, hat aber auch den leicht fauligen Geruch von Schwefel. Wird sicher nicht unser Lieblingströpfchen. Am frühen Samstagmorgen fahren wir ins zwei Kilometer entfernte Hepburn, um uns die Eröffnungsparade des Festes anzusehen. Ein langer Strom verkleideter, buntbemalter, singender und tanzender Menschen aller Altersgruppen (plus zwei geschmückte Ziegen und ein Schaf, dem wir die Daumen drücken, das es nicht Bestandteil des abendlichen Banketts sein wird) ziehen an uns vorbei, dazwischen Einradfahrer, Akrobaten Clowns und am Schluss die örtliche Blaskapelle. Da scheinbar alle Einwohner auch Teil des Festzuges sind, ist die Anzahl der am Strassenrand stehenden Zuschauer geringer als die der Paradierenden. Das Ganze erweist sich als sehr provinziell, aber witzig. Nach dem Umzug gibt es natürlich die üblichen Begrüssungs- und Eröffnungsreden. Mit dabei: Repräsentanten der Pederetti-Familie, eigens mit drei zehn Meter langen chromglänzenden Stretchlimousinen aus Melbourne angereist. Schliesslich ist es ein italienisches Fest, da darf die australische Mafia nicht fehlen. Das bunte Programmheft verspricht dann doch mehr, als geboten wird. Zwar gibt es Highlights wie der Auftritt des Orchesters der Melbourner Oper in der Stadthalle und einen grossen Maskenball, aber die meisten Veranstaltungen, wie das „grosse mittelalterliche italienische Strassenfest“ am Abend sind zwar bemüht, aber weder gross noch mittelalterlich.Trotzdem herrscht allseits gute Laune.
Am Montag, es ist der 5. Mai, fahren wir zurück nach Ballarat. Bei BEAUREPAIR sind unsere Felgen angekommen und Manager Darren muss uns gleich ein kleines „Problem“ beichten. Das Flanschnabenloch in der Mitte der Felge ist mit 26 cm Durchmesser 4 cm zu gross. Das liegt an den grossen Naben der Sattelzugmaschinen, die diese Felgen fahren, unsere Musterfelge, die wir zum Schlosser gebracht hatten, war nur 8,25 Zoll breit und wird auf leichteren LKW mit kleinen Naben gefahren, ist für uns aber nicht breit genug. Egal, wir laden die Felgen ein und fahren zu MILLER Bros. , Schweisser Wayne wird’s schon richten. Der beäugt alles gründlich, misst wieder hier und da und entscheidet, den inneren Teil der Radscheibe mit zu grossem Nabenloch und zehn falschen Radbolzenbohrungen herauszuschneiden, durch Vollmaterial zu ersetzen, um dann die richtigen Bohrungen und das passende Nabenloch zu schneiden. Wird nur, da mehr Arbeitsaufwand, wahrscheinlich etwas teurer. Gegen Hiobsbotschaften, die unsere Reifen und Felgen betreffen, sind wir inzwischen so abgehärtet, dass wir lächelnd einwilligen. Was bleibt uns auch sonst.
Für die Nacht stellen wir uns auf einen höhergelegenen Viewpoint am Rand von Sovereign-Hill, der alten Goldgräberstadt und heutigem Museum, das wir morgen besuchen wollen. Einige Menschen sind hier und starren über das Tal auf die Wälder jenseits der Stadt. Eine gewaltige Qualmsäule steigt in den Himmel, Teile des Waldes nahe der Stadtgrenze brennen. Wieder müssen wir uns vor Augen halten, dass die Bundesstaaten New South Wales und Victoria trotz der leichten Regenfälle, die wir in den vergangenen Wochen mitbekommen haben, eine schlimme Dürreperiode hinter sich haben. Das Grün der Wiesen und Wälder täuscht, der Boden ist knochentrocken, das wenige Regenwasser verschwindet in Minutenschnelle. Die Wald- und Buschbrandgefahr wird immer noch als hoch eingestuft und auch hier und heute ist es wieder einmal passiert. Irgendein Unvorsichtiger hat einen Flächenfeuer ausgelöst, das sich auf die Häuser des Stadtrandes zubewegt. Innerhalb der nächsten Stunden können wir und besorgte Bürger, die auf den Viewpoint kommen, jedoch aufatmend feststellen, dass men es geschafft hat, den Brand einzudämmen. Hilfreich ist sicher auch die relative Windstille am heutigen Tag. Starke Winde können dafür sorgen, dass sich ein solches Feuer mit unglaublichen 60 Km/h vorwärts bewegt. Ballarat hat heute Glück gehabt. Als im Februar 1851 in Bathurst, New South Wales, nordwestlich von Sydney, sensationelle Goldfunde gemeldet wurden, liessen im gesamten besiedelten Australien Zehntausende von Männern alles stehen und liegen (sowohl unvollendete Arbeiten als auch Frau und Kinder) und eilten dorthin, um sich ein Stück vom güldenen Kuchen abzuschneiden. So auch aus dem Bundesstaat Victoria und dessen Hauptstadt Melbourne, die gerade dabei war, sich auf das prächtigste zu entwickeln. Darob aufs äusserste erbost, setzten die pfiffigen Stadtväter eine Prämie für denjenigen aus, der als Erster in einem Umkreis von zweihundert Meilen um Melbourne ein ausbeutbares Goldvorkommen entdecken würde. Nicht einmal eine Woche später war die Prämie vergeben, denn es stellte sich heraus, dass Zentral-Victoria förmlich auf einem Berg von Gold sass. Prospektoren sichteten im September 1851 die grössten Vorkommen in der Umgebung von Ballarat und bis zum Ende des Jahres wurden unglaubliche siebentausend Kilogramm Gold, die ausgehend von den Notierungen vom 6.5.2003 heute einen Gegenwert von 60 Millionen Euro repräsentieren würden, aus der nunmehr unbezahlbaren Erde geholt. Im Jahre 1852 kamen pro Woche sage und schreibe 1800 Glückssucher aus Europa, China und von den ausgebeuteten Goldfeldern Kaliforniens per Schiff nach Melbourne, um sich für dreissig Shilling pro Monat (in der damaligen Zeit so etwa ein Wochenlohn, also ein Batzen Geld) das Recht zu sichern, auf einem Claim von knapp fünfeinhalb Quadratmetern zu schürfen. Natürlich ohne Garantie auf Erfolg. Das Freilichtmuseum Sovereign Hill, gelegen am südöstlichen Stadtrand von Ballarat, ist der exzellente Wiederaufbau eines Teiles der damals entstandenen Goldgräberstadt. Wir sind zwar im ersten Moment etwas pikiert über die 27 AU$ Eintritt pro Nase, aber dann stehen wir staunend auf der Main-Street und sehen Postkutschen an uns vorüberziehen. In den vielen Geschäften und Werkstätten verrichten Menschen in gängiger Kleidung der Mitte des 19. Jahrhunderts ihre Arbeit, als wäre hier vor 150 Jahren die Zeit stehen geblieben. Der Apotheker rollt seine Pillen noch selber, der Schmied passt den Pferden die die frischgefertigten Hufe an, der Schreiner fertigt Särge nach Mass und in der Kutschenwerkstatt wird Holz für die eisenbereiften Räder gebogen. Der Barkeeper im „United States Hotel“ hat alle Hände voll zu tun, die durstigen Männer zufrieden zu stellen, die in den Arbeitspausen auf einen Pint vorbeischauen. Die Besucher von Sovereign Hill können alles, was hier hergestellt wir (von Kerzen über Bratpfannen, Seife, Töpferwaren bis zum (!) Polstersessel) in den vielen zeitgenössische detailliert eingerichteten Geschäften entlang der Mainstreet käuflich erwerben. Wir gehen geduckt durch dunkle, enge Minenstollen und erleben unter Tage in einer dreidimensionalen „Spectravision“-Vorführung den Fund des Welcome-Nugget, mit 69 Kilogramm Gewicht der zweitgrösste jemals entdeckte Nugget der Welt. Staunend stehen wir im grossen Maschinenhaus, in dem die Original-Dampfmaschinen noch heute über Transmissionsriemen alle Arten von Pumpen, holz- und metallbearbeitende Schwermaschinen in den umliegenden Gebäuden antreiben, in denen wild aussehende Handwerker Werkzeuge und Gebrauchsgegenstände unter den Bedingungen von 1860 produzieren. Es riecht nach Ölen und Fetten, die Maschinen arbeiten präzise, überall messinggefasste glänzende Schmiermittel-Schaugläser, ... MÄNNERSPIELZEUG ! Da will man am liebsten sofort den schweren Hammer in die Hand nehmen und dem bärtigen Ian bei der Herstellung von zinnernen Goldwaschpfannen helfen. In den beiden Schulen von Sovereign Hill sitzen eifrige Jungen und Mädchen im Alter zwischen sechs und zwölf Jahren, kritzeln auf ihren Schiefertafeln und tollen in den Pausen auf dem Schulhof unter der Aufsicht ihrer züchtig gekleideten Lehrerin herum. Herzallerliebst. Irgendwann marschiert eine Gruppe Rotröcke im Gleichschritt an uns vorbei Richtung Flaggenmast in der Ortsmitte und feuert zum Appell einige Salven aus ihren Musketen ab. Wir inspizieren auf dem Goldfeld die kleinen Zelte der Chinesen, die teils zu Dritt in diesen engen Unterkünften hausten, Bettenlänge 1,40 Meter, aber ich denke, das war im 19. Jahrhundert die Durchschnittsgrösse im Land innerhalb der grossen Mauer. Als es dämmert, ist die wundervolle Zeitreise für uns beendet, jeder Cent der 27 AU$ hat sich gelohnt! Den Besuch sollte man für einen Wochentag einplanen. Das bedeutet zwar, dass einige lärmende Schulklassen in Sovereign Hill unterwegs sind, dafür ist die Anzahl der chinesischen und japanischen Reisegruppen gering, die an Wochenenden in Scharen einfallen. Bemerkenswerterweise kann man sich Walkman mit Cassette für eine geführte Tour durch Sovereign Hill ausser in Englisch nur in Mandarin, Kantonesisch und Japanisch ausleihen. Direkt gegenüber dem Eingang von Sovereign Hill findet man das Gold Museum. Das Eintrittsgeld hierfür zahlt man ungefragt beim Kauf des Tickets für die alte Goldgräberstadt gleich mit. Man könnte sich auch nicht dagegen entscheiden, da obligatorisch. Auf jeden Fall besuchen! Nicht nur rein aus Prinzip, um den schon bezahlten Eintritt auszunutzen, nein, es lohnt sich wirklich. Es gibt zwei grosse Bereiche: Zum einen alles erdenklich Wissenswerte über das nach wie vor begehrteste Edelmetall dieser Welt, seine Geschichte, Entstehung und Verwendung, zum anderen die Geschichte Ballarats in der Zeit des australischen Goldrausches. Interessant und informativ. Wer hätte schon geglaubt, dass man allein in Ballarat zwischen 1851 und 1915 Gold zum derzeitigen Marktwert von 3.000.000.000 € aus der Erde geholt hat?
Wahrscheinlich sind die endlosen Geschichten über die Probleme mit Felgen und Bereifung für euch inzwischen etwas dröge, aber, auch zu unserem eigenen Missfallen, leider essentieller Bestandteil unserer Reise. Wie gerne würde ich euch erzählen, dass wir am Freitag, dem 9. Mai, wie geplant unsere neuen Felgen und Reifen bekommen und frohen Mutes unsere Reise fortsetzen. Nein, das wäre zu einfach. Als wir Freitag morgens bei MILLER Bros. vorfahren, um unsere umgebauten Felgen abzuholen, sehen wir (und können es kaum glauben) durch das geöffnete Werkshallentor, dass die Felgen, die wir fünf Tage vorher gebracht haben, immer noch unberührt auf jenem Platz zu liegen geruhen, zu dem wir sie persönlich gerollt haben. Wir sind verständlicherweise verständnislos. Juniorchef Chris versucht uns möglichst schonend aufzuklären. Just als man beginnen wollte, die Felgen nach Plan umzuarbeiten, taucht der Mitarbeiter einer befreundeten Firma auf und erzählt, dass ein ähnlicher Umbau seinerseits mit dem Bruch der Felgen nach kurzer Belastung endete. Das will MILLER BROS. auf keinen Fall riskieren, schliesslich hat man in Ballarat einen guten Ruf zu verteidigen. Ein möglicher Alternativplan ist allerdings schon parat. Chris hat eine Firma aufgetrieben, die passende Felgenradrohlinge liefern kann, welche, mit den notwendigen Bohrungen versehen, in die entkernten Felgenbetten eingeschweisst werden sollen. Klingt vernünftig. Klingt teuer. Wir hassen es, wenn wir recht haben. Jeder Rohling kostet 130 AU$. Das Endprodukt sei dann aber sicher, meint Chris. Recht hat er, es wird uns in den sicheren Ruin treiben. Lamentieren hilft nicht, da müssen wir jetzt durch. Chris will die Rohlinge am Samstag aus dem 120 Km entfernten Bendigo abholen lassen und verspricht, das die fertigen Felgen im Laufe des Montag Nachmittag abholbereit sind. Sein Wort im Ohr aller Götter, deren Tempel wir im Laufe unserer Reise besucht haben. Also, noch drei Tage mehr in Ballarat. Inzwischen sind wir hier schon richtig heimisch geworden und werden allerorts fröhlich begrüsst, wenn wir vorbeikommen. Muss ich übrigens erwähnen, dass die runderneuerten Reifen, die Freitag mittag bei BEAUREPAIR bereitliegen sollten, noch nicht da sind und erst am Montag geliefert werden? Eigentlich nicht.
Viele nette, neue Bekanntschaften entschädigen uns jedoch für den langen, erzwungenen Aufenthalt. So spricht uns an einer Tankstelle in Ballarat der bärtige Mick an. Zusammen mit seinem Partner Allan hat er ein kleines Business als Internet-Provider aufgezogen. Als er uns und Maggie in der Nähe seines Offices auf die Tankstelle fahren sieht, eilt er sofort hinterher und bietet uns an, in seinem Büro bei Kaffe und englischem Gebäck das Net nutzen zu dürfen. In den Neunzigern hat er zusammen mit seiner Frau viele Jahre in Japan gewohnt und beide sind von dort aus 1998 zu einer grossen Reise Richtung Westen aufgebrochen. Mit Bus und Bahn durch China, Pakistan, Afghanistan (zu der Zeit waren die Grenzen eigentlich geschlossen, aber die Grenzbeamten hatten ihnen trotzdem freundlich die Einreise genehmigt), Iran und quer durch Europa bis nach Holland. Muss einen Riesenspass gemacht haben!
In Daylesford, in das wir uns wieder über das Wochenende zurückgezogen haben um die dortige Ruhe zu geniessen und uns von Rieseschwärmen Kakadus umflattern zu lassen, treffen wir Jon Faine, der für einen kurzen Besuch aus Melbourne angereist ist. Jon ist Rundfunkmoderator, wie wir später erfahren mit seiner täglichen Morning-Show des Senders ABC einer der bekanntesten Australiens. Der passionierte Autosammler ist hin und weg von Maggie und unserer Reise. Er nimmt uns das Versprechen ab, im Laufe unserer Australien-Rundtour noch einmal nach Melbourne zu kommen, um mit ihm gemeinsam eine komplette Morning-Show zu machen. Keine Frage, darauf bekommt er gerne unser Wort!
Am Montag, dem 12. Mai, sind wir wieder in Ballarat. Um die leidige Geschichte kurz zu machen: MILLER Bros. hat nur zwei Radscheiben aus Mildura bekommen, Fehler der Herstellerfirma, zwei weitere sind angeblich auf dem Weg, ab er keiner weiss, mit welchem Kurierdienst, so dass auch am späten Nachmittag nicht festzustellen ist, wo sie sich gerade befinden. Wäre auch egal, denn die neuen Reifen sind zwar morgens bei BEAUREPAIR, werden aber auf Grund irgendeiner Schlamperei nicht abgeladen und kehren wieder nach Melbourne zurück. Ein Fahrer wird hinterhergeschickt sie zu holen. Dienstag morgen sind die Radscheiben da, gegen drei Uhr nachmittags sind die Felgen umgebaut, BEAUREPAIR hat endlich die Reifen, alles wird montiert, gegen siebzehn Uhr steht Maggie auf neuen Füssen, grosse Verabschiedung und ade, Ballarat. Die Wartezeit und der Riesenbatzen Geld haben sich immerhin gelohnt, Maggie gleitet dahin wie auf Wolken. Wir fahren zwei Stunden Richtung Süden, um endlich mal ´ne andere Gegend zu sehen und übernachten fern der Hauptstrasse zwischen Schafweiden. Morgens geht es weiter nach Süden Richtung Küste, durch Enfield und Cressie, vorbei an Colac und durch die Otways, den Regenwald bestandenen Höhenzug vor der Küste, bis nach Lorne. Regenwald? Ja genau, gigantische Bäume, dichtes Unterholz, riesige Farne, endlos viele Bäche und atemberaubend schöne Wasserfälle. Ein durchs Gehölz brechender Tyrannosaurus würde uns hier nicht überraschen. In Lorne erreichen wir dann wieder den Ozean und biegen ein auf die Great Ocean Road Richtung Westen. Über mehrere hundert Kilometer führt die Great Ocean Road meist dem Küstenverlauf folgend und klammert sich an die zum Strand steil abfallenden Hänge und Klippen. Australien ist stolz auf diese Strasse. So richtig stolz. Ich habe kaum noch einen Überblick, wie viele Broschüren und Prospekte wir über sie gesammelt haben. Der Bau dauerte knapp vierzehn Jahre und war nach Ende des ersten Weltkrieges ein Arbeitsbeschaffungsprogramm für die heimkehrenden Soldaten. Ich will diese Leistung auch überhaupt nicht schmälern, ganz im Gegenteil (gut gemacht Männer, rühren!), nur finde ich es zum einen nicht besonders nett, dass ein Land seine von den Schlachtfeldern heimkehrenden Soldaten, die dort sicher eine äusserst unlustige Zeit verbracht haben, zur Belohnung an die rauhe Südküste schickt, um dort eine 300 Kilometer lange Strasse in die Klippen zu graben. Zum anderen haben wir Strassen dieser Art in Europa schon zur Genüge gesehen, wie z.B. in Korsika, Griechenland und der Türkei. Die wurden sogar schon viele Jahre früher, also mit noch unausgereifterem Arbeitsgerät in die Felsen gehauen. Natürlich ist die Great Ocean Road wunderschön zu befahren und die Ausblicke sind teilweise atemberaubend, besonders von den vielen Viewpoints und Lookouts aus, die man von der Hauptstrasse aus zwar oft nur über steil ansteigende Serpentinenwege erreicht, aber jede Mühe lohnen. Die kleinen Urlaubsorte an der Küste sind idyllisch, die Strände schön, die hohen Wellen laden zum surfen ein, aber, Mensch Leute, das hier ist doch nicht eines der Sieben Weltwunder der Neuzeit! Beweist ein bisschen mehr Understatement und lasst die Great Ocean Road einfach das sein, was sie wirklich ist: Eine der vielen, vielen Traumstrassen auf diesem Planeten. Wir freuen uns auch so, auf ihr fahren zu können und müssen uns das nicht alle paar Kilometer durch Hinweisschilder bestätigen lassen.
Wir durchfahren die kleinen Küstenorte Apollo Bay, Glenaire und Princetown, kleine Fischerorte, die in den Sommermonaten von November bis März mit ihren feinsandigen Stränden in entzückenden Buchten populäres Naherholungsgebiet der Melbourner Bevölkerung sind. Einige Kilometer westlich von Princetown beginnt dann der landschaftlich wirklich spektakuläre Teil der Küste, an der sich die Great Ocean Road entlang windet. Ein Viewpoint jagt den nächsten, die optischen Leckerbissen gehen fast nahtlos ineinander über. Da hätten wir „Gibson Steps Beach“, zu der eine in die senkrecht abfallenden Klippen hineingeschlagene Treppe führt. Von diesem Strand aus offenbart sich auch der erste Blick auf das nächste Highlight, die „Twelve Apostels“, zwölf kolossale natürliche Kalksteintürme, die direkt am Strand, wie weggeworfenes Riesenspielzeug steil aus dem Wasser ragen.Nur wenige Kilometer weiter, bei Port Campbell, „Loch Ard Gorge“ und die „Bay of Islands“, eine schier endlose Anzahl von schmalen Buchten, die sich in den Kalkstein des Inlands gefressen haben, wie Bögen und Tore geformte Felsen, die strandnah im Ozean stehen, überall Höhlen, teilweise vom Strand aus bei Ebbe begehbar mit Stalagmiten und Stalaktiten, die sich in den vergangenen Jahrzehntausenden gebildet haben. Zig Kilometer laufen wir kreuz und quer über die Klippen und an den Stränden herum, um alles gebührend bewundern zu können.
Weiter nach Warrnambol, einer ehemaligen Walfängersiedlung. In den australischen Wintermonaten, zwischen Ende Mai und September, tauchen hier jedes Jahr weibliche „Southern Right“-Wale auf, mit bis zu achtzehn Meter Länge und 95 Tonnen Gewicht zu den grössten Säugetieren dieser Welt gehörend, und bringen ihre Jungen zur Welt. Muss definitiv eine schwere Geburt sein, da die Baby-Wale beim „kalben“ schon zwischen fünf und sechs Meter lang sind. Die kleinen Racker sind mächtig gefrässig und verdoppeln in ihrer ersten Lebenswoche glatt ihr Gewicht. Wir erkundigen uns beim Information-Office, ob es in dieser Saison schon Walsichtungen gegeben hat. Leider Pech gehabt, wir sind doch etwa zwei Wochen zu früh dran. Was es aber auf jeden Fall zu sehen gibt, ist die Robbenkolonie bei Cape Bridgewater. Doch der Weg dorthin ist hart und steinig. Vom letzten Parkplatz am Ende des kleinen Örtchens muss man fast sechs Kilometer auf Schusters Rappen zurücklegen, denn auf dem Cape gibt’s keine Strassen. Nur unbefestigte Wanderwege. Bis zur Hälfte des Weges hat man einen Höhenunterschied von 130 Metern hinter sich gebracht und befindet sich, völligst aus der Puste, auf der höchsten Klippe des Bundesstaates Victoria. Schön, schön, tolle Aussicht auf die Bridgewater Bay, aber wir wollen ja eigentlich Robben sehen. Es geht wieder bergab, bis man sich auf einer nur 60 Meter hohen Klippe befindet, dann noch ein paar Stufen herunter auf eine Aussichtsplattform und schon soll man fünfzig Meter unter sich die circa 600-köpfige Robbenkolonie auf den ins Wasser ragenden Felsplatten spielen und herumtollen sehen. Unglücklicherweise  hat sich auf der zweiten Hälfte unseres Marsches plötzlich dichter Nebel breitgemacht und wir sehen nichts ausser dichter, weisser Suppe. Hören können wir sie wohl, die sechshundert Robben. Sie röhren und blöken aus purer Freude darüber, dass wieder ein paar Touristen den weiten Weg gekommen sind, um dann fünf Meter weit in eine Wand aus weisser Zuckerwatte zu gucken. Der plötzlich aufkommende Nebel ist ein Markenzeichen der herbstlichen Küste zwischen Melbourne und Portland und überdies Grund dafür, dass im 19. Jahrhundert Hunderte von Schiffen, plötzlich ihrer Sicht beraubt, auf die küstennahen Riffe aufliefen, sanken, und Tausende von Seeleuten ihr karges Leben im tosenden Wasser des Southern Ocean aushauchten. Wir bleiben etwa eine halbe Stunde auf der Aussichtsplattform und schliesslich wird unsere Geduld belohnt. Der Nebel reisst für kurze Zeit auf und wir können sie sehen, die putzigen Schnauzbärte, wie sie über die nassen Felsen schliddern. Minuten später ist aber die Sicht schon wieder gleich Null. Sechs Kilometer zurück über Victorias höchste Klippe... . Eine Fahrstunde westlich verlassen wir kurz hinter Nelson den Bundesstaat Victoria.

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