
Australien 4
Früh am Morgen des 11.
April gelangen wir nach Cowra, einem idyllischen kleinen Provinzörtchen.
Traurige Berühmtheit erlangte dieses Nest 1944 durch einen Massenausbruch der
im nahegelegenen Kriegsgefangenenlager
internierten Japaner, der vier
Australiern und 231 Japanern das Leben kostete. Aber allein
deswegen sind wir nicht hierher gekommen. Wir wollen das Information Centre des
Ortes besuchen. Neben einigen Ausstellungsstücken aus der Zeit des zweiten
Weltkrieges gibt es in einer Ecke des Centres die Nachbildung einer der
Wellblechhütten des Gefangenenlagers. Betritt man die Hütte, wird automatisch
etwas Wunderbares namens „Spectravision Theatre Presentation“ ausgelöst.
Das Licht wird heruntergedimmt und in einer drei Meter breiten Vitrine, in der
sich Patronenhülsen, Orden, Fotos und andere kleine Andenken aus den
Kriegszeiten befinden, erscheint eine zwanzig Zentimeter grosse, hübsche junge
Frau, ausstaffiert in der Mode der 40er Jahre und erzählt, akustisch untermalt
von Musik und Gewehrfeuer, die Geschichte des obengenannten Ausbruches. Dabei
wandert sie (wir mögen unseren Augen kaum trauen) durch die Vitrine, vor oder
hinter den Ausstellungsstücken herum, lehnt sich ab und zu mal an eine der
Patronenhülsen und Wundersamerweise
erscheinen über ihrem Kopf Leuchtraketen,
während auf einer imaginären Leinwand kleine Filmsequenzen ablaufen. Die beeindruckende Vorführung dauert etwa zehn Minuten. Wir sind
total entzückt und können nur betonen, dass allein diese Vorführung den
Besuch von Cowra rechtfertigt. Auf diesen informativen Kleinod sind wir jedoch
nicht von allein gestossen. Den Hinweis gab uns Bill Bryson´s Buch „Frühstück
mit Kängurus“ (englischer Originaltitel „Down under“), einer der
Meilensteine der Reiseliteratur und jedem Australien-Traveller dringlichst ans
Herz zu legen! Eine unglaubliche Fülle an Informationen über Land und
Geschichte, verpackt in einen Schreibstil, der einen ständig dazu zwingt, das
Lesen zu unterbrechen, um sich vor Lachen am Boden zu kugeln. Von Cowra aus
fahren wir auf dem Barton Highway nach Süden, Richtung Canberra. Frage
einhundert Europäer nach dem Namen der Hauptstadt Australiens und du wirst
mindestens neunzigmal „Sydney!“ als Antwort bekommen. Vielleicht einige Male
„Melbourne!“, aber sicher nur ganz selten „Canberra?“. Am 1. Januar 1901
schlossen sich die australischen Kolonien zusammen und bildeten den Staat
Commonwealth of Australia. Weder Sydney noch Melbourne sollten die Hauptstadt
sein (das hätte nur zu Gezanke geführt), nein, man erkor den kleinen Ort
Canberra. Auf dem Reißbrett wurde die Erweiterung zur würdigen Hauptstadt
geplant, man
begann den Plan in die Tat umzusetzen und schon 1927 (alles braucht
seine Zeit) trat das Parlament erstmals in Canberra zusammen, nachdem 26 Jahre
lang Melbourne als Interimshauptstadt gedient hatte. Heute hat
Canberra etwas mehr als 300.000 Einwohner, von denen man jedoch so gut wie
nichts sieht. Ebenso wenig die Häuser, in denen sie leben, sowie die restlichen
Gebäude der Stadt. Was man sieht, wenn man durch die Strassen des 2366
Quadratkilometer grossen Canberra fährt, sind insgesamt 12 Millionen gepflanzte
Bäume auf mehr als 10.000 Hektar Parkfläche. Irgendwo dazwischen verstecken
sich die Menschen. Canberra ist hübsch. Canberra ist beschaulich. Canberra ist
langweilig. Bezeichnend ist, dass, obwohl Canberra direkt auf einer gedachten
Geraden zwischen Sydney und Melbourne liegt, der Hume Highway, der die beiden
Grosstädte miteinander verbindet, die Stadt in einem grossen Bogen 50 Kilometer
nordwestlich umläuft und somit links liegen lässt. Noch bezeichnender
vielleicht, das ausgerechnet der derzeitige Premierminister John Howard (der
bekanntermassen kein Ausbund an Ausgelassenheit oder Geselligkeit ist) sich nach
seiner Wahl 1998 strikt weigerte, seinen Wohnsitz von Sydney nach Canberra zu
verlegen. Es gibt
auch für uns nur einen einzigen Grund, Canberra zu besuchen
(abgesehen davon, dass wir sowieso gerade in der Nähe sind): Das neue Parliament House, eröffnet 1988 nach neun Jahren Bauzeit. Baukosten:
Sensationelle 1,1 Milliarden AU$ ! Zum Grossteil hineingebaut in einen ein
Kilometer durchmessenden Hügel, um die natürliche Landschaft soweit wie möglich
zu belassen. Weniger „natürlich“ ist der gigantische Kreisverkehr (der grösste
seiner Art, der mir je unter die Augen gekommen ist), der Parliament House
umringt. Das Dach ziert eine hohe Aluminiumkonstruktion, welche die Landesfahne
trägt. Was uns äusserst positiv auffällt ist, dass wir uns mit Maggie dem
Parliament House bis auf wenige Meter nähern können, ohne auf Sicherheitskräfte
oder Barrieren zu stossen. Vereinzelte Polizeibeamte winken uns fröhlich zu und
wünschen einen schönen Tag. Einen ähnlichen Versuch am deutschen Bundestag zu
starten, hiesse, sein Leben zu riskieren. Da wird erst geschossen und dann fröhlich
gewunken. Wir durchstreifen
(wohlgemerkt alleine, hier darf sich jeder
anschauen, was er will) das riesige Gebäude, besichtigen die Sitzungssäle des
Repräsentantenhauses und des Senates. Schnell werden wir als
deutsche Touristen entlarvt, nachdem wir uns erschüttert darüber zeigen, dass
nur ein Repräsentant und zwei Senatoren der grünen Partei angehören. Ein paar
mehr würden dem Land schon gut tun, ist es doch, obwohl zwar riesig, aber nicht
übergebührlich waldreich, grösster Holzspäneproduzent und -exporteur der
Welt. Diesem Treiben fällt jährlich eine Anzahl Bäume zum Opfer, die mir der
Anstand zu verraten verbietet. Wir verlassen Canberra Richtung Osten und
befinden uns sofort in jenem Gebiet, dass während der Busch- und Waldbrände im
Januar diesen Jahres fast vollständig vernichtet wurden. Die Brände konnten
erst knapp vor der Stadtgrenze gestoppt werden. Es fallen jährlich grössere Flächen
dem Feuer zum Opfer, als bei den gewaltigen Waldbränden in den USA.
Erstaunlicherweise wird in Europa über Katastrophen dieser Art fast nie aus
Australien sondern meist aus dem Land des Kriegstreibers B. berichtet. Links und rechts der Strasse verbrannte Erde, riesige
Wälder von
schwarzverkohlten Stämmen ohne Äste oder Blätter, zerstörte Brücken,
Strassenschilder, deren Beschriftung in der gnadenlosen Hitze geschmolzen ist.
Ringsherum bis zum Horizont ein Bild der Verwüstung. Zwanzig Kilometer weit
fahren wir durch diese scheinbar tote Welt, die aber schon wieder dabei ist,
sich zu erholen. Erste grüne Grasbüschel spriessen aus dem mit Asche übersäten
Boden. Verschont von den verheerenden Bränden wurde zum Glück unser nächstes
Ziel, der Deep Space Communication Complex. Es ist eine von drei ähnlich ausgerüsteten
Stellen auf der Erde, an der gigantische Radioteleskope, die im Dienste der NASA
stehen, vernetzt mit der Zentrale der Jet Propulsion Laboratories in Pasadena /
Kalifornien, das
Deep Space Network bilden.
Ihre Hauptaufgabe
ist es, die Flugbahnen von terrestrischen Raumflugkörpern (u.a. Voyager, Mars
Odyssey, Galileo, Space Shuttle) zu verfolgen, deren Datenfunksendungen
aufzufangen und an die entsprechenden Stationen weiterzuleiten. Daneben suchen
die Radioteleskope aber auch nach extraterrestrischen Funksendungen aus den
Tiefen des Alls. The
truth is out there! Dann
gibt es noch etwas ganz Besonderes im Deep Space Complex zu bestaunen: „Lunar
Sample 10072.80“, ein 142 Gramm schweres Stück Mondgestein, dass am 20. Juli
1969 von Astronaut „Buzz“ Aldrin während der Apollo 11 Mission von der
Mondoberfläche aufgesammelt wurde. Mindestens genauso eindrucksvoll ist das grösste
der Radioteleskope des Complex (übrigens das gewaltigste schwenkbare der südlichen
Hemisspähre). DSS 43 hat eine Parabolantenne von siebzig Meter Durchmesser und
3000 Tonnen Gewicht, die auf einem Hochdruckölfilm gleitend in die gewünschte
Position gebracht werden
kann. Der Monaro Highway bringt uns
weiter nach Süden. Wir befinden uns immer noch in der Great Dividing Range und
können, als wir das kleine Städtchen Cooma erreichen, im Westen die
„Gipfel“ der Snowy Mountains sehen. Diese Berge sind das australische
Skigebiet. Man mag es kaum glauben, aber auch Wintersport kann auf dem 5.
Kontinent betrieben werden, die Saison ist von Juli bis Oktober. Dann soll auf
Peak Kosciuszko (mit 2228 Metern Australiens höchste Erhebung) und den
umliegenden Gipfeln Schnee liegen. Im Moment sind die Snowy Mountains eher die
grünen Berge und nur ein paar Tankstellen, die unter den heissen Strahlen der
Mittagssonne auf grossen Werbetafeln Leih-Skiausrüstungen anbieten, zeugen
davon, dass es hier für kurze Zeit im Jahr so richtig kalt werden
kann.
Die 300 Kilometer lange „Scenic route“ durch die Snowy Mountains
reizt uns natürlich nicht, sind wir doch gerade vor sechs Monaten im Himalaya
gewesen und haben dort „richtige“ Berge gesehen. Wir folgen weiter dem
Monaro Highway. Um uns herum endlose eingezäunte Weidegebiete, grasende Rinder
und Schafe, wie wahllos in der Gegend verteilte Scheunen und Farmhäuser der Züchter.
Stunde um Stunde werden die uns umgebenden Hügel niedriger und schliesslich
stossen wir im kleinen Nest Cann River auf den Princess Highway, der Sydney
entlang der Pazifikküste mit Melbourne verbindet. Dummerweise ist der Ozean
nicht zu sehen, da just an dieser Stelle zwischen Highway und Küste der
Croajingolong Nationalpark liegt, einer der unzähligen Nationalparks
Australiens, die man am Besten mit vollem
Treibstofftank, genügend Wasser und
GPS erkundet. Allradantrieb ist oft Grundvoraussetzung, da
Asphalt in Nationalparks (zum Glück) weitgehend verpönt ist. Wir machen in der
Dämmerung noch einen kurzen Bushwalk schrecken dabei einige grasende Kangoroos
im Unterholz auf und versuchen, in Cann River ein paar Dosen kalten Bieres
aufzutreiben. Gar nicht so einfach. Es ist nach 17 Uhr, die Läden sind
geschlossen und Cann River ähnelt einer Geisterstadt. Doch da, Licht in einem
Bottle-Shop! Für einen Preis, auf den ich hier nicht näher eingehen möchte,
erstehen wir zwei Dosen Carlton Draught und verbringen den Rest des Abends
damit, uns einheimische Mücken vom Leib zu halten. Einhundert Kilometer östlich
von Cann River erreichen wir Lakes Entrance, mit nur 5000 Einwohnern der
wichtigste Fischereihafen des Bundesstaates Victoria und touristischer
Anziehungspunkt, denn Lake Entrance markiert das östliche Ende der Ninety Mile
Beach, die sich von hier aus bis nach Seaspray im Westen erstreckt. Zwar nicht
neunzig Meilen, sondern nur neunzig Kilometer weit, aber auch das ist schon
enorm für einen fast geradlinig verlaufenden feinsandigen Strand. Beliebt bei Surfern, Wanderern und Badelustigen.
Schwimmen sollte man
übrigens nur in den kleinen von Fähnchen durch Rettungsschwimmer markierten
Bereichen. Bis zum Örtchen Golden Beach macht der Princess Highway nun einen
grossen Schlenker durchs Inland, da sich ab der Küste ausgedehnte
Sumpflandschaften bis zu zehn Kilometer weit nach Norden erstrecken. Ab Golden
Beach kann man dann 26 Kilometer weit bis zum Ende der Ninety Mile Beach in
Seaspray auf einer schmalen Strasse dem Strandverlauf folgen, getrennt vom Ozean
nur durch eine buschbewachsene Dünenkette, in der in unregelmässigen Abständen
Camping Areas und befestigte Stellflächen direkt am Strand ausgewiesen sind. Zu
dieser Zeit, im
australischen Herbst, weht hier eine steife Brise, es ist nicht
übermässig warm und wir sind, soweit man nach links und rechts sehen kann,
allein am Strand. Am Mittag des folgenden Tages sind wir nur
noch sechzig Kilometer vom Stadtzentrum Melbournes entfernt, biegen aber bei
Pakenham nach Süden ab um einen Abstecher auf die Mornington Peninsula zu
machen, die Halbinsel, die in einem grossen Bogen die Ostseite der gewaltigen
Port Phillip Bay umspannt, um deren Nordufer herum sich Melbourne ausgebreitet
hat. Wir wollen so weit wie möglich auf den äussersten Zipfel fahren, doch in
Portsea ist erst mal Schluss. Dort beginnt der Mornington Peninsula National
Park, befahren verboten. Die letzten fünf Kilometer bis zur Spitze der
Halbinsel kann man mit einer Traktorgezogenen Shuttlebahn fahren oder zu Fuss
laufen. Shuttlebahn
kostet extra, also machen wir uns nach dem Lösen der
Eintrittstickets zu Fuss auf den Weg. Nach einer
Dreiviertel-Stunde strammen bergauf, bergab marschierens erreichen wir Point
Nepean, eine alte Geschützfeuerstellung mit begehbaren unterirdischen
Bunkeranlagen, von der aus wir The Rip, den knapp drei Kilometer schmalen
Einlass in die Port Phillip Bay übersehen können. Lohn des Fussmarsches ist
eine grandiose Aussicht über die Bay, den Ozean und die jenseits von The Rip
liegende Bellarine Peninsula, welche die Bucht von Westen her umschliesst.
Gewaltige Frachtschiffe fahren in die Bucht hinein oder heraus, mit blossem Auge
ist die ebenfalls „The Rip“ genannte enorme Gezeitenströmung zu erkennen,
die je nach Tide in die Bucht oder herausdrückt und selbst an den Stränden in
grösserer Entfernung noch gefährlich zu spüren ist. Auf dem Weg zurück zum
Parkplatz klettern wir noch auf den zum Ozean hin gelegenen Cheviot Hill und gönnen
uns den Blick fünfzig Meter tief hinunter auf Cheviot Beach. Dieser Strand ist
in zweifacher Hinsicht historisch bemerkenswert. Zum einen lief hier am 19.
Oktober 1887 der Dampfer Cheviot in einer stürmischen Nacht auf ein
Riff. Dieser unglückliche Vorfall kostete 35 Menschen das Leben und gab
dem Strand seinen Namen. Das zweite bemerkenswerte Ereignis fand am 17. Dezember
1967 statt. An diesem Tag verschwand hier der Australier Harold Holt. Oder, um
genauer zu sein, bei einem Strandspaziergang mit Freunden entledigte sich der
schwimmbegeisterte Harold seiner Kleidung, marschierte ins Meer, schwamm ein
paar Dutzend Meter hinaus und ward nicht mehr gesehen. Auch eine sofort
eingeleitete, grosse Suchaktion konnte ihn nicht wieder zum Vorschein bringen.
Nicht einmal sein toter Körper wurde in den folgenden Tagen an den Strand gespült.
Mysteriös? Nicht unbedingt, werdet ihr sagen, da haben wir die gefährliche Strömung
„The Rip“ und in australischen Gewässern wird man sowieso schnell Teil der
Nahrungskette. Hier kommt nun Harold Holts Beruf ins Spiel. Er war
Premierminister. Australien verlor also am 17.12.1967 seinen amtierenden
Premierminister bei einem Bad in der Bass Strait zwischen Australien und
Tasmanien. Das muss zur damaligen Zeit ein ziemlicher journalistischer Knüller
und wie ein Lauffeuer um die Welt
gegangen sein.
Mitnichten.
Abgesehen davon, dass kaum ein Nicht-Australier jemals von einem Premierminister
namens Harold Holt gehört hatte, hielt sich die internationale Presse auch mit
Berichten über das jähe Verschwinden desselben äusserst bedeckt. Wenn
dasselbe tragische Unglück einem amerikanischen Präsidenten zustiesse, würde
sofort die ganze Welt (abgesehen vielleicht von der arabischen Halbinsel) in
tiefe Bestürzung und Trauer verfallen. Alle McDonalds Filialen würden ihre
Burger mit schwarzen Gedenkschleifchen schmücken. Nicht jedoch für Harold
Holt, dem politischen Oberhaupt des fünften Kontinentes, der sogar noch ein
wenig grösser ist als die Vereinigten Staaten von Amerika. Ich muss allerdings
zugestehen, dass auch kaum ein Australier im Alter von weniger als dreissig
Jahren den Namen Harold Holt kennt. In mancher Hinsicht ist man hier nicht
besonders geschichtsbewusst. Damit der Name des verschwundenen Premierministers
nicht vollends in Vergessenheit gerät, benannte die Stadt Melbourne nach ihm
ehrenhalber ... ein Schwimmbad! Bizarr. Die Nacht verbringen wir etwas
ausserhalb des National Park auf den Klippen über dem anbrandenden Ozean. Die
Himmel ist klar und der volle Mond beleuchtet wie magisch die an den Strand
rollenden Wellen. Die Fahrt am nächsten Morgen
bringt uns
wieder in das von hier aus ca. neunzig Kilometer entfernte Zentrum von
Melbourne, zum Haus unserer Freunde Kerstin und John. Maggie wird durch das
nicht allzu breite Tor rückwärts in die lange Einfahrt rangiert. Zeitraubende
Millimeterarbeit, aber sie übersteht das Ganze ohne Schrammen. Wir wollen in
den folgenden Tagen noch einige Schönheitsreparaturen erledigen, bevor unsere
gewaltige Rundreise so richtig beginnen wird. Wir schleifen und lackieren Kotflügel,
Stossstange und Kühlergrill (haben durch Steinschlag arg gelitten), die danach
wieder Persilweiss strahlen. Unsere Nasszelle bedarf einer Überarbeitung, da
sich der Lack, den wir beim Bau benutzt hatten, als nicht
100-prozentig
wasserdicht erwies und das Holz darunter inzwischen graue Stellen aufweist. Wir schleifen den kompletten alten Lack herunter (der feine Staub,
der dabei entsteht, ist ein echter Albtraum, wandert durch jede Ritze und legt
sich als dünne Schicht auf alles, was er erreichen kann) und ersetzen ihn durch
einen zwei Komponenten Epoxydharzlack, den wir bei einem Melbourner
Bootsausstatter besorgen. Ein ähnliches Lackproblem wie die Nasszelle hat
unsere Küchenarbeitsplatte. Auch hier hat eingedrungenes Wasser über die
Monate hinweg Teile der Oberfläche zerstört. Um der oft hohen Beanspruchung
gerecht zu werden, bauen wir Spüle, Herd und Kühlschrank aus und bekleben die
Platte mit dem Rest unseres Fussbodenbelages (Industrieboden, hoch belastbar,
säurefest),
den wir glücklicherweise mitgenommen haben. Als nächstes gilt es einen unserer
Reifen zu flicken. Ich glaube, ich hatte gar nicht erwähnt,
dass wir auf der Fahrt von Sydney nach Melbourne nach langer Pause mal wieder
einen Platten hatten und ein Rad wechseln mussten. Konnte uns nicht erschüttern,
war reine Routinearbeit. Jetzt müssen wir also den Reifen von der
Sprengringfelge ziehen und den eingelegten Schlauch flicken. Kann eigentlich
kein grösseres Problem sein, schliesslich haben wir in Pakistan ein gutes
Dutzend mal gesehen, wie Fachleute das mit unseren Reifen bewerkstelligt haben.
Der Sprengring ist profimässig nach zwei Minuten mittels geschicktem Einsatz
der Reifeneisen entfernt. Der Reifen selber will natürlich nicht von sich aus
von der Felge rutschen, und da wir nicht im Besitz eines Treibeisens sind, muss
auch hier die pakistanische Methode herhalten: Felge flach auf ein paar übereinandergestapelte
Steine legen und dann den Reifen solange mit Fäustel und Vorschlaghammer
bearbeiten, bis er nach unten von der Felge rutscht. Man sollte nur nicht ausser
Acht lassen, dass Gummi federt. Bei einem von Marcus vielleicht etwas unglücklich
ausgeführten Schlag, prallt der 2,5 Kilogramm Fäustel zu stark vom Reifen ab,
streift sein Knie und landet in meinem Gesicht, knapp unter dem linken Auge.
Zwei Sekunden Blackout, Dutzende lustig kreisende Sterne und eine
Platzwunde
sind das stolze Ergebnis. Wunden am Kopf bluten bekanntlich
enorm und so beginne ich, meine Umgebung rot zu kolorieren. Kerstin bringt mich
mit dem Wagen zum nächsten Arzt. „A hammer? While you were changing
a tyre? Of course!”
Meine Geschichte scheint nicht so recht glaubwürdig zu sein, Zugegebenermassen
sehe ich auch eher wie der Beteiligte einer Pub-Prügelei aus. Egal, er nimmt
sich der Sache an. Das Fleisch ist durch bis auf den Knochen, aber er meint, es
müsse nicht unbedingt genäht werden. Die Wundränder mit ein paar Stripes
zusammenheften, schützendes grosses Pflaster drüber und nach fünf Tagen soll
der Riss wieder zusammengewachsen sein. Danach wird nur noch eine Narbe von
Marcus Hammer-Jonglage zeugen. Wieder zurück bei Maggie starten wir den zweiten
Versuch. Diesmal klappts besser, nach dreissig
Minuten und einer Menge Schweiss
ist der Reifen von der Felge. Das heute nicht unbedingt
Marcus glücklichster Tag ist, bewahrheitet sich am Nachmittag, als wir mit John´s
Ford Falcon von Brighton Beach über die sechsspurige North Road zurück
Richtung Carnegie fahren. An einer Einmündung ohne Ampel will er über die
Gegenfahrbahn in die Seitenstrasse einbiegen. Ein freundlicher PKW-Fahrer auf
der ersten Spur hält, ein Klein-Laster Fahrer auf der zweiten ebenfalls. Marcus
fährt los. Aber da war ja noch die dritte Spur. Der Motorradfahrer auf ihr
bremst nicht und so knallt uns die schwere Honda V-max in die Tür. Zum Glück
nur Blechschaden, der Fahrer hat keine Schramme abbekommen. Doch sogar dieser
Unfall hat seine witzige Seite. Nikos, der Fahrer der Honda, ist in Griechenland
aufgewachsen und besucht auch heute noch jedes Jahr seinen Geburtsort Sarti.
Genau, Sarti, der kleine Ort auf der mittleren der drei Chalkidiki Halbinseln,
an dessen Strand wir im Frühsommer vergangenen Jahres für eine Woche halt
gemacht hatten. Und den Trompete spielenden, glatzköpfigen Pub-Besitzer George
kennt er auch von Kindheit an. Das
zertrümmerte Auto, das heute vor Georges Pub
steht, hat Nikos im Alter von 17 Jahren mit eigenen Händen demoliert. Na, ist
die Welt klein? Zurück zu dem
Reifen, den wir mit soviel Geschick von der Felge gezogen haben. Mit einem
Flicken auf dem Schlauch ist es offensichtlich nicht getan, da die Flanke des
Reifens einen enormen Riss aufweist. Wir fahren zur nahegelegenen
BEAUREPAIRS-Reifenwerkstatt, Teil einer landesweiten Kette, deren
Niederlassungen in fast jeder Stadt Australiens mit mehr als 30.000 Einwohnern
zu finden sind. Manager Matt zerstört mit einem bedauernden Lächeln gleich
mehrere unserer Hoffnungen. Zum einen ist der Reifen nicht mehr zu reparieren,
da seine Struktur zu stark zerstört ist, Teile des Gummis um den Riss herum
sind geschmolzen. Zum anderen fahren wir eine Reifengrösse, die in Australien
absolut unüblich ist. Es gibt zwar einen zwielichtigen Importeur, der
Michelin-Reifen der Grösse 14,5x20 ins Land bringt, aber die werden neu mit
Gold aufgewogen und sind gebraucht nicht aufzutreiben, da die Glücklichen, die
welche besitzen, natürlich im Traum nicht daran denken, diese wieder abzugeben.
Die einzige in Australien gängige Reifengrösse, die auf unsere Felgen und
halbwegs zu den übrigen Reifen passt ist ein 365/80x20. Da diese Reifen nur für
fahrbare Kräne (!) verwendet werden, verfügen sie natürlich nicht über
irgendein für uns sinnvolles
Profil. Matts Vorschlag: Einen
gebrauchten auftreiben und bei einem „Retreader“ mit akzeptablem
Offroad-Profil neu bekleben zu lassen. Scheint hier für LKW-Reifen eine gängige
und, so versichert uns Matt, bis 110 Km/h Geschwindigkeit auch sichere Methode
zu sein, abgefahrene Profile zu erneuern. Die ganze Prozedur kann so zehn bis
vierzehn Tage dauern, meint Matt. Solange wollen wir natürlich nicht mehr in
Melbourne bleiben, aber auch das scheint für Matt kein unüberbrückbares
Problem zu sein. Da wir inzwischen den Plan gefasst haben, entlang der
australischen Südküste Richtung Westen bis Adelaide zu fahren, um dann nach
Norden abzubiegen, um ins Zentrum des Kontinentes vorzustossen, will Matt
versuchen es hinzubiegen, dass uns ein neu profilierter Reifen in einer der
BEAUREPAIR-Niederlassungen in Adelaide erwartet. Klingt nach gutem Plan, wir
sollen ihn in ein paar Tagen von unterwegs aus anrufen, um zu erfahren, ob seine
Bemühungen erfolgreich waren. Da wir nun schon einmal in seiner Werkstatt sind,
wollen wir aber noch ein Problem beheben lassen, das uns seit der Abfahrt aus
Sydney am Herzen liegt. Unsere in Pakistan handgefertigten Felgen (vielleicht
erinnert ihr euch noch an die scheinbar unendliche Geschichte um Mr. Butt, den
Reifen- und Felgenhändler aus Rawalpindi) haben sich zwar in puncto
Belastbarkeit bewährt, sind aber in
manch anderer Hinsicht sicher nicht das
Gelbe vom Ei. Sie scheinen nicht exakt zentriert und, auf
Grund eher amateurhaften Schweissens, etwas verzogen zu sein. Das macht sich bei
Geschwindigkeiten von mehr als 60 Km/h dadurch bemerkbar, dass sich auch ein
glatter Strassenbelag wie Rüttelpiste anfühlt und unser Sitzfleisch grossflächig
verschwielt. Das war in Pakistan, Nepal und Indien natürlich nicht tragisch, da
man Dank der dort vorherrschenden Strassen- und Verkehrsverhältnisse sowieso
nie in Geschwindigkeitsbereiche jenseits der 60 Km/h vorzustossen gedachte. Hier
in Australien müssen wir uns auf den Highways aber schneller fortbewegen können,
um nicht als das grosse, gelbe, deutsche Verkehrshindernis in die Geschichte
einzugehen. Matt sieht eine kleine Chance im Versuch des Auswuchtens. Eine
krumme, eiernde Felge bleibt zwar eine krumme, eiernde Felge, aber vielleicht
kann man die Folgen etwas dämpfen. Gesagt, getan, einer von Matts Mitarbeitern
nimmt sich die Reifen nacheinander vor und verzweifelt fast an der Menge von
Auswuchtgewichten, die er an die Felgenränder schlagen muss. Bis zu 1200 Gramm
kleben am Ende an den einzelnen Reifen. Das Problem ist dadurch
zwar nicht zur Gänze
bereinigt, aber es lassen sich wieder Geschwindigkeiten bis zu 8o Km/h ohne grössere
Komforteinbussen erreichen. Das Letzte,
was es nun noch zu erledigen gibt, ist ein Besuch in einem der VICROAD-Büros (VICROAD=
Strassenverkehrsbehörde des Bundesstaates Victoria), um die Frage zu klären,
ob wir Maggie (im Gegensatz zu New South Wales) registrieren lassen müssen. Müssen
wir. Der pfiffige Sachbearbeiter Kelvin findet aber nach eingehender Suche einen
Gesetzespassus, der es ihm erlaubt, uns eine Registrierung bis zum Ablauf
unseres Visa auszustellen, die verbindlich gültig auch für die übrigen
Bundesstaaten ist, die wir durchqueren werden. Eingeschlossen ist die in
Australien für jedes Fahrzeug vorgeschriebene Versicherung gegen Personenschäden,
die aus einem Unfall herrühren. Das Ganze für revolutionär günstige 125 AU$.
Kelvin steht natürlich bis an sein hoffentlich natürliches Lebensende tief in
unserer Schuld. Da kaum ein Polizeibeamter Australiens mit dieser Gesetzeslage
vertraut sein dürfte, druckt er uns vorsichtshalber die betreffenden
Verordnungen aus, damit wir im Zweifelsfall die Staatsgewalt von der Legalität
unserer Strassenbenutzung überzeugen können (und wahrscheinlich als
grosskotzige Besserwisser dastehen werden). So, das war´s, alles erledigt! Es
kann losgehen Richtung Westen. Wir bedanken uns bei Kerstin, John und
Wassermann, dass sie uns so lange ertragen haben (wir dürfen jederzeit
wiederkommen, wird uns versichert, also müssen wir uns halbwegs benommen
haben), verabschieden uns mit einem langen Stoss aus der
Druckluftfanfare (die
Nachbarschaft wird uns sicher auch nicht vergessen) und durchqueren ein letztes
Mal die Innenstadt von Melbourne. Von der gewaltigen
Westgate-Bridge bietet sich noch einmal ein Blick auf die Skyline der
sympathischen 3,5 Millionen-Stadt, die uns in den Wochen unseres Aufenthaltes
sehr ans Herz gewachsen ist. Auf dem M-79 Calder Freeway verlassen wir Melbourne
Richtung Nordwesten. Es ist an der Zeit, ein paar Abenteuer zu erleben.