Australien 3

Es ist Mittwoch, der 2. April. Wir haben unsere Sachen gepackt und Kerstin fährt uns zum nordöstlich ausserhalb der Stadt liegenden Flughafen. Gute anderthalb Stunden Fahrt, auf denen mich Schäferhund Wassermann, der auf der Rückbank neben mir sitzt, keines Blickes würdigt. Das wir unsere Taschen gepackt haben, hatte er schon misstrauisch beobachtet. Den Weg zum Flughafen kennt er auch. Sonnenklar, wir wollen ihn verlassen! Und da Hunde Rudeltiere sind, passt ihm das überhaupt nicht. Nichts zu machen, um 19.45 Uhr geht unsere Maschine nach Sydney. Wir verabschieden uns von Kerstin, bedanken uns für ihre Gastfreundschaft und dafür, dass sie uns und unsere Macken fünf Wochen ertragen hat. Auch Wassermann, der unsere Abreise inzwischen zu akzeptieren scheint, wird noch einmal kräftig geknuddelt. Pünktlich hebt die Maschine der Virgin Air von der Startbahn ab (wieder ein Nachtflug, bei dem man nichts vom unter uns vorbeiziehenden Land sehen kann) und schon knappe 75 Minuten später setzen wir 1000 Km weiter nordöstlich auf der Landebahn des Sydney International Airport auf. Die City-Rail (Bahnhof im Untergeschoss des Flughafens) bringt uns zur Central Station, eine andere Linie von dort aus in den Suburb Ashfield, 9 Km westlich des Zentrums. Der an der Bahnstation aushängende Stadtplan zeigt uns, dass die Wohnung von Beth (wir können während unseres Aufenthaltes in Sydney bei unserer Reisebekanntschaft aus Goa wohnen) nur zehn bis fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt ist. Der Weg wird mühsam. Mag das an den einhundertzwanzig Pfund Gepäck liegen, die wir mit uns durch die Nacht schleppen? Beth freut sich riesig, die beiden „tall German Boys“ wiederzusehen. Ob wir denn schon wieder ein Stück gewachsen seien? In einem Raum ihrer Eigentumswohnung hat sie schon zwei Betten für uns vorbereitet und den ganzen Tag durch Abfackeln von Räucherstäbchen für indische Atmosphäre gesorgt (wir versuchen, mittels öffnen der Fenster Abhilfe zu schaffen). Die Grafik-Designerin scheint offensichtlich zur Gruppe der Sammlerinnen zu gehören. Ausser an den unzähligen Boyfriends aus aller Welt, die sie auf ihren vielen Reisen kennen gelernt hat, hängt ihr Herz noch an Büchern, Reiseandenken, Töpfchen, Tiegeln und Fläschchen mit Körperpflegemitteln und einer Menge übrigem Krimskrams, die überall in der Wohnung gestapelt sind. „Maybe i´m a messie, but thats okay"! Wir verbringen unsere erste Nacht in Sydney in patschjuli- und sandelholzgeschwängerter Luft und sind am nächsten Morgen voller Tatendrang. Beth muss erst  am späten Vormittag in ihrer Agentur auftauchen und fährt uns zu einem der kleinen Cafés in der Crescent Street. Zwei grosse Jungs wie wir brauchen ihrer Meinung nach ein ordentliches Frühstück! Und so schaufeln wir das „massive breakfast“ (Rühreier, Bacon, gebackene Tomaten und Ciabatta, zwanzig Zentimeter hoch auf einen grossen Teller gehäuft) in uns hinein. Das schreit geradezu nach einem Verdauungsspaziergang. Beth, die von hier aus zur Arbeit fährt, zeigt uns, wo wir den Bus finden, der uns ins Zentrum bringen wird. Aber wer braucht schon einen Bus, schliesslich haben wir gesunde Füsse. Auf geht´s zum Stadtrundgang. Erstes Ziel ist Paddys Market im gewaltigen Untergeschoss eine Skyscrapers südlich des Entertainment-Center. Von der Multifunktionshose bis zum Handy-Zubehör gibt’s hier alles, was sich in Südostasien billig herstellen lässt zu absoluten Discountpreisen. Weiter durch Chinatown. Ernüchternd! Es ist eine ca. dreihundert Meter lange Einkaufsstrasse wie jede andere, mit dem Unterschied, das die Ladeninhaber Chinesen sind. Esstäbchen und Reis muss man nicht unbedingt hier kaufen, die gibt es auch woanders. Der Himmel ist übrigens grau, es sind nur 22° C und ab und zu fallen uns gar ein paar Regentropfen auf den Kopf. Aber wir haben uns inzwischen damit abgefunden, dass es in Australien Landesteile gibt (wie z.B. die Küstenbereiche von Victoria und New South Wales), die über die Herbst- und Wintermonate (April bis September) nicht ständig sonnenverwöhnt sind. Wir laufen kreuz und quer durch Darling Harbour. Auf diesem grossen Areal, das die Cockle bay umfasst, finden sich mit dem Powerhouse Museum, dem Exhibition Center, Chinese Gardens, Entertainment Center, Maritim Museum und Sydney Aquarium gleich ein halbes Dutzend der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Auf unserem ersten schnellen Stadtrundlauf betreten wir jedoch nur das südlich des IMAX-Cinema gelegen Information-Center. In jeder grösseren Stadt Australiens findet man diese touristischen Info-Stellen und zu einem Besuch kann nur geraten werden. Es gibt eigentlich nichts, was man hier nicht erfahren kann. Wir sammeln einen mehrere Kilogramm schweren Stapel Informationsmaterial und befüllen damit unseren Rucksack. Es handelt sich dabei jedoch nur um eine grobe Auswahl. Möchte man ein Exemplar jeder der ausliegenden Broschüren, Karten und Regionsführern mitnehmen, empfiehlt sich das mitführen mehrerer Reisetaschen. Es gibt mehrere Möglichkeiten, um von Darling Harbour zum Circular Quay, einer der Hauptattraktionen der Stadt mit Blick auf Harbour Bridge und Opera House, zu gelangen. Mit einem der schnellen Fährboote, dem Bus oder zu Fuss. Wir entscheiden uns für den Spaziergang (zum einen sind es nur ein paar Kilometer, zum anderen bekommen wir so am meisten zu sehen) und tauchen ein ins Zentrum von Sydney. An den Enden der langen Hochhausschluchten werden wir zum ersten Mal einiger Ausschnitte der imposanten Harbour Bridge gewahr, einem der beiden Wahrzeichen der Stadt. Wie schon in Melbourne beobachtet, gibt es auch in Sydney eine unglaubliche Anzahl immigrierter Asiaten. Auch hier wieder das scheinbar Australien-typische Bild. Fast alle Menschen haben ein Lächeln auf den Lippen, niemand scheint es besonders eilig zu haben. Am Royal Botanic Garden, gelegen zwischen Circular Quay und Woolloomooloo Bay (das erste Wort mit acht „o“´s, das mir unter die Augen gekommen ist, aber Australien glänzt mit solchen Namen) spuckt uns das Zentrum mit seinen vielen Skyscrapern wieder aus. Wir durchqueren den prächtig angelegten Park, umrunden das in ihm gelegene historische Goverments House und dann schiebt sich langsam das betörend schöne (meine rein subjektive Meinung, die Ansichten sind eher gespalten) zweite Wahrzeichen Sydneys in unser Blickfeld, Opera House! Die Entstehungsgeschichte dieser architektonischen Meisterleistung begann 1956. Melbourne war Austragungsort der olympischen Sommerspiele uns Sydney sah sich dadurch etwas ins Hintertreffen geraten. Etwas Besonderes musste passieren. Da kam der Ruf nach einer eigenen Konzerthalle gerade recht. Die Stadt schrieb einen Architekten-Wettbewerb aus, den nach vielem hin und her der 37-jährige Däne Jörn Utzorn mit einem futuristischen Entwurf gewann. Die Stadtväter rieben sich die Hände. Das würde die Welt in Staunen versetzen! Nicht nur die Welt, sondern auch die Bauingenieure, die den Entwurf umsetzen sollten. Noch nie war ein Bauwerk mit derartiger Kopflastigkeit errichtet worden und schon gar nicht so gross. Allein fünf Jahre verschlang die Erstellung der Bauprinzipien. Statt der geplanten sechs Jahre Gesamtbauzeit vergingen fünfzehn, die veranschlagten Kosten von 7,5 Mio. AU$ vervierzehnfachten sich auf 105 Mio. AU$. Ganz egal, die Stadt hatte nun etwas, das Besuchern den Atem raubte. Wir umrunden Circular Quay, Anlegestelle der Sydneyer Fährboote und diverser Kreuzfahrtschiffe, durchqueren den kleinen Stadtteil The Rocks, gelegen am Hang unterhalb der Auffahrt zur Harbour Bridge und stehen plötzlich unter der gewaltigen, 30.000 Tonnen schweren Stahlbogenkonstruktion (gleiche Gewichtsklasse wie die Schlachtschiffe des 2. Weltkrieges), die seit 1932, nach einer Bauzeit von 10 Jahren, zusammengehalten von sechs Millionen Nieten mit Köpfen so gross wie halbe Tennisbälle, mit einer Spannweite von 503 Metern den südlichen und den nördlichen Teil Sydneys verbindet. Drunterstehen ist eine Sache, rüberlaufen die, die wir wollen. Also suchen wir nach einer Möglichkeit, hinaufzugelangen und werden ein paar hundert Stufen später fündig. Eine kräftige, nicht gerade warme Brise erwartet uns in der Mitte der, aber die Aussicht auf Opera House und die Sydneyer Skyline sind kolossal. Für besonders Wagemutige besteht übrigens die Möglichkeit, Harbour Bridge in einer Art Seilschaft direkt auf dem Stahlbogen zu überqueren. Dort oben wird es dann noch windiger und kälter sein, weshalb zu einem dicken Pullover geraten sei. Zurück zum Cirqular Quay, es wird langsam dunkel und mit fünfzehn Kilometern Fussmarsch haben wir uns für heute genug trainiert. Wir besteigen die City-Rail Richtung Ashfield, nachdem wir uns ein Wochenticket Zone Red  besorgt haben. Definitiv empfehlenswert! Für sieben Tage kann man mit diesem nur 30 AU$ (16€) teuren Ticket City-Rail, Fähren und Busse in einem Umkreis von ca. zehn Kilometern um das Zentrum nutzen. Das rechnet sich schnell bei einem durchschnittlichen Preis von 3 AU$ pro Einzelfahrt.
Ab dem nächsten Morgen zeigt sich der Himmel über Sydney von seiner besten Seite. Blau mit einigen Schäfchenwölkchen, die Temperaturen klettern auf 25-30°C. Wir sind auf dem Weg zum Airport. Nicht um abzufliegen, sondern um die Zentrale der Sydneyer Zollbehörde zu besuchen. Im kleinen Aussenbüro am International Terminal schickt man uns auf den rechten Weg. Am nördlichen Ende des Airports steht das siebengeschossige „Blue Building“ (richtig geraten, es ist blau), der Hauptsitz des Customs. Bei einem freundlichen Beamten im zweiten Stockwerk machen wir einen Termin für Montag morgen 9.45 Uhr aus, bei dem zwei Zollbeamte Maggie in Augenschein nehmen sollen. Das ist kostenlos. Nicht umsonst ist die AQIS-Order der australischen Quarantänebehörde, die wir im Erdgeschoss erhalten. 120 AU$ zahlen wir im voraus dafür, dass zwei Quarantine-Officers Maggie Montag Morgen untersuchen und hoffentlich freigeben.  Von hier aus geht’s schnurstracks zum Büro der K-Line Shipping Agency in einem der Skyscraper am Circular Quay. Mitarbeiter Shayne händigt uns die Delivery-Order aus, mit der wir Maggie nach Abschluss aller Untersuchungen aus dem Hafengelände von Glebe-Island, in dem die japanische RoRo-Fähre „Arcadia Highway“ angelegt und ihre Fracht entladen hat, herausfahren dürfen. Shayne versucht telefonisch, den Termin der Quarantine-Examination mit der Zolluntersuchung abzugleichen. Man bittet ihn, uns mit allen Unterlagen zur Hauptstelle des Australien Quarantine and Inspection Service in einem der südwestlichen Suburbs zu schicken. Kein Problem, Orientierung und Nahverkehrsnutzung in Sydney sind für uns inzwischen ein Kinderspiel. Bei AQIS erklärt man uns, dass es nicht möglich sei, feste Termine für Untersuchungen auszumachen, gibt uns allerdings die Telefonnummer des für Glebe-Island zuständigen Quarantine-Officers um ihn Montag morgen über unsere Anwesenheit im Hafen zu informieren. Auch hier, im AQIS-Office, nur freundliche, hilfsbereite Beamte. Extrem auffallend, wie sehr sich australische Staatsdiener von ihren deutschen Kollegen unterscheiden! Ihre Devise: Immer gut gelaunt sein, am Ball bleiben, bis alle Wünsche des vorstelligen Bürgers erfüllt sind, egal, wie kurios sein Begehren auch sein mag. Ein himmelweiter Unterschied zu dem, was wir aus der alten Heimat gewohnt sind. Hier gibt’s keine muffeligen oder überheblich grosskotzigen Staatsdiener, die irgendwo zwischen zwei unbegründeten Beförderungen vergessen haben, was ihr Daseinszweck ist: Dem Bürger behilflich sein! Das phantastische Wetter an diesem Wochenende verleitet uns zu diversen Erkundungstouren durch Sydney. Obwohl das Nahverkehrsnetz hervorragend ist, legen wir Dutzende von Kilometern zu Fuss zurück, um möglichst viel zu sehen. Einige Kilometer östlich des Zentrums liegt der Stadtteil Kings Cross, erster Anlaufpunkt fast aller Backpacker, die in Sydney halt machen. Hier gibt es die preisgünstigsten Unterkünfte, man trifft Individualreisende aus aller Welt, tauscht Informationen aus und plant in Ruhe seine weiteren Reiseaktivitäten. Kings Cross hat aber auch seine Kehrseite (zu entscheiden, ob gut oder schlecht, hängt sicher von den Präferenzen jedes einzelnen ab). Es ist der Rotlicht-Bezirk der Stadt (ist ja nicht nur negativ zu sehen) und Zentrum des Drogenmilieus (schon etwas abstossender). Zumindest wird es hier nicht langweilig. Besser mit der Fähre als zu Fuss erreicht man Watsons Bay. In kürzester Zeit befördern einen die von Cirqular Quay abgehenden Rocket-Ferries, die äusserlich an italienische Sportwagen erinnern, mit einer Geschwindigkeit von bis zu 70 Km/h zu jener Halbinsel, die den südlichen Abschluss der Einfahrt vom Südpazifik in die gewaltige, verzweigte Bucht bildet, die sich über 25 Kilometer ins Landesinnere erstreckt und um deren Ufer herum die Metropole Sydney gewachsen ist. Die komplette Bucht eignet sich übrigens nur bedingt für Schwimmversuche. Nicht, dass sie verschmutzt ist, nein, sie ist eigentlich relativ sauber. Aber auch haiverseucht. Hochgradig. Daneben tummeln sich hier auch noch andere unfreundliche Meeresbewohner (über die todbringenden Gefahren australischer Küstengewässer, wie schon bemerkt, später mehr). Es gibt vereinzelte kleine Strandabschnitte, die durch Netze geschützt sind. Hier ist das Baden ungefährlich. Aber auch nur hier! Die Halbinsel hat zum Pazifik hin eine atemberaubende Steilküste, an die ohne Unterlass die gewaltigen Brecher des Ozeans rollen. Nach Westen der Blick über die ruhige Bucht bis zur zehn Kilometer entfernten Skyline des Zentrums und der Harbour Bridge, die aus fast allen Blickwinkeln entlang der Bucht zu sehen ist.
Montag, 7. April, der Tag, an dem wir Maggie nach langer Trennung wiedersehen werden. Gegen 9.30 Uhr erreichen wir die Einfahrt des Hafengeländes. Glebe Island ist kombiniertes Container-Terminal und Fahrzeug-Verladestation. Vom Security-Personal, das Ein- und Ausfahrt bewacht, erhalten wir schmucke, leuchtend gelbe Leibchen, die wir uns für die Dauer des Aufenthaltes überstülpen müssen. Zur Sicherheit, damit wir nicht überfahren werden; Personen zu Fuss sind hier eher die Seltenheit. Ein junger, freundlicher Mitarbeiter erledigt für uns das Telefonat mit den Quarantaine-Officers, die sich sofort auf den Weg machen und noch vor den Zollbeamten eintreffen. Laute Rockmusik dröhnt aus ihrem Fahrzeug, sie sind uns von Anfang an sympathisch. Gemeinsam fahren wir zu Maggie, die einsam am Ende des Kais steht, offensichtlich unbeschädigt und vollständig, wie wir aufatmend feststellen. Während einer der Officers Maggie von aussen untersucht, begutachtet der andere ihr Innenleben. Was den Quarantänebeamten ein besonderer Dorn im Auge ist, sind Reste von Erde, die mit dem Fahrzeug nach Australien kommen. So zum Beispiel Dreckklumpen unter den Sohlen einiger unserer Schuhe. Die müssen nachgereinigt werden, da diese Erdreste möglicherweise Ungeziefer und Erreger enthalten, die bis jetzt in Australien noch nicht heimisch sind und es auch nicht werden sollen. Ein Holzkästchen zum abbrennen von Räucherstäbchen, das wir in Indien erstanden haben, wird ebenfalls bemängelt, da Bohrlöcher von Würmern festzustellen sind. Wir sind bereit, uns von dem Kästchen zu trennen, aber der Officer winkt ab, packt das Corpus delicti in eine Plastiktüte, gibt eine ordentliche Prise Insektenkiller aus einer mitgeführten Spraydose hinzu, verknotet das Ganze und bittet uns, es nicht vor Ablauf einer Stunde wieder zu öffnen. Da auch in Maggies Radkästen Dreckklumpen gefunden werden, kommen wir um eine Nachreinigung mittels Hochdruckstrahler nicht herum. Sie soll im Auftrag der Quarantaine Officer bei der nahegelegenen Spedition Hobbs Bros. LTD, einer Firma mit eigenem Quarantänebereich, durchgeführt werden, sobald die beiden Zollbeamten, die inzwischen eingetroffen sind, Maggie freigegeben haben. Die Zoll-Untersuchung verläuft anders als erwartet. Motor- und Chassisnummer werden mit den Einträgen im Carnet de Passage verglichen und nur rein interessehalber schauen sich die beiden Beamten Maggies Innenleben an. Das auffinden von Schmuggelware ist offensichtlich nicht ihre Aufgabe. Sie wundern sich, dass kein zweites Team für eine solche Untersuchung angefordert wurde, schauen sich belustigt unsere gewaltigen Vorräte an Medikamenten und Einwegspritzen an, die ihrer Meinung nach normalerweise zu einer Menge Schreibkram geführt hätten, geben uns allerdings klar zu verstehen, dass es sie nicht im mindesten interessiert.
„Welcome to Australia! Have a nice trip!“ verabschieden sie sich von uns, Maggie, weiteren fünf Kilogramm geschmuggelten Silberschmuck in unserem Safe und zwanzig Litern goanischem Brandy in einem unserer Reservekanister. Offensichtlich ist uns das Glück auf unserer Reise weiterhin hold. Nun könnten wir eigentlich mit Maggie das Hafengelände verlassen und zur Nachreinigung zu Hobbs Bros. fahren. Dummerweise bemerkt einer der Hafenbeamten einen fehlenden Stempel auf der Delivery Order der K-Line. Das bedeutet für uns einen zwölf Kilometer langen Fussmarsch von Gebe Island über die gewaltige Anzac-Bridge, durch Darling Harbour und das Zentrum bis zum K-Line Büro (zwei Minuten Aufenthalt, Stempel, Abmarsch) und zurück (Eine Stunde 45 Minuten in der Mittagssonne, gute Zeit, oder?). Jetzt dürfen wir Glebe Island wirklich mit Maggie verlassen. Gutes Gefühl, wieder im Fahrzeug zu sitzen und das vibrieren der 8,5 Liter Maschine zu spüren. Wir fahren zur Hobbs Bros. Spedition in deren Quarantäne-Bereich die Radkästen nachgereinigt werden (zehn Minuten Arbeit, räuberische 200 AU$ Gebühr) und wir verbliebenen indischen Dreck aus den Sohlen unserer eingeführten Schuhe kratzen. Kurz darauf erscheint ein weiterer Quarantaine-Officer, begutachtet das Reinigungsergebnis, scheint hocherfreut, kassiert 80 AU$ für die zweite Untersuchung und erteilt uns den begehrten Freigabestempel. Diese ganze Aktion am heutigen Tag hat nicht länger als sieben Stunden gedauert. Ich erwähne das deshalb, weil wir auf Grund von im Internet veröffentlichten Reiseerfahrungen anderer Traveller und Erzählungen von Reisenden, die wir unterwegs getroffen haben, mit viel viel grösseren Problemen gerechnet haben (besonders in Hinsicht auf die Quarantäne-Untersuchung). Teilweise soll es mehrere Wochen gedauert haben, bis Fahrzeuge nur unter grössten Schwierigkeiten mit vielen Nachreinigungen und Unsummen an anfallenden Kosten von Custom und AQIS freigegeben wurden. Nach unseren Erfahrungen mit den australischen Behörden sind dies AMMENMÄRCHEN ! Oder aber, die Fahrzeugbesitzer haben ihr Schmuckstück vor der Verschiffung vorsätzlich mit ausländischem Schlamm beschmiert und Insektenkolonien im inneren ausgesetzt. Also, dies als Hinweis für Traveller, die ihr Fahrzeug nach Australien bringen wollen: Lasst euch von solchen Berichten nicht verrückt machen. Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht wird.
Jetzt gibt es nur noch ein Hindernis zu beseitigen, bevor wir Maggie offiziell auf Australiens Strassen bewegen dürfen. Laut der Website der AAA (Australien Automobile Association), die jede Menge hilfreicher Tipps für die vorrübergehende Einfuhr von ausländischen Fahrzeugen bereithält, ist es notwendig, das entsprechende Fahrzeug einer Strassentauglichkeitsprüfung (ähnlich dem deutschen TÜV) zu unterziehen, eine UVP (unregistrated vehicle permission) zu beantragen (465 AU$) und eine Haftpflichtversicherung abzuschliessen. Also fahren wir zum Registration Office in North-Sydney (klar, über die Harbour Bridge mit Blick auf Opera House) um alles in die Wege zu leiten. Der Beamte, den wir mit unserem Problem konfrontieren, ist im ersten Moment zwar etwas ratlos, hängt sich aber sofort ans Telefon, um sich bei übergeordneter Stelle Klarheit zu verschaffen. Das Ergebnis seiner Untersuchung ist erstaunlich. Australien-Traveller mit eigenem Fahrzeug, aufgepasst: Basierend auf den Gesetzen des Staates New South Wales besteht weder eine Verpflichtung auf Strassentauglichkeitsuntersuchung, Beantagung einer UVP noch zum Abschluss einer Haftpflichtversicherung! Wechselt man von einem Bundesstaat Australiens in den nächsten, ist ein Besuch des nahegelegensten Registration-Office jedoch unumgänglich, da hier scheinbar jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und die Rezepte dieser Süppchen hat der Registration-Officer aus Sydney leider nicht. Natürlich kann man, wenn man möchte, eine UVP beantragen. Sie kostet, je nach Wagengrösse, zwischen 30 und 80 AU$ pro Monat, ist nur gültig für den Aufenthalt in New South Wales und beinhaltet eine Versicherung für Personenschäden, die man mit seinem Fahrzeug verursacht. Eine (sicher sinnvolle) Versicherung für Sachschäden muss zusätzlich bei einem der vielen freien Versicherungsunternehmen abgeschlossen werden. Da wir vorhaben, New South Wales innerhalb der nächsten vierzehn Tage zu verlassen, halten wir uns mit dem Geldausgeben erst mal bedeckt, beschliessen, zwei Wochen lang keinen Unfall zu verursachen und warten auf die Prozedur im nächsten Bundesstaat.
Mittwoch, 9. April. Wir haben alles erledigt, was wir in Sydney erledigen wollten und die wichtigsten Teile der Stadt auf Fussmärschen von insgesamt etwa siebzig Kilometern erkundet. Zeit aufzubrechen. Obwohl, da gibt es doch noch eine Sache. Nachdem wir alles verpackt haben fahren wir zuerst in den südlichen Teil der Stadt, um genauer zu sein, in den Suburb Kogarah in die Rocky Point Road. Dort gibt es nahe der Abzweigung Fitzgerald Road einen Motorhome-Ausrüster mit gewaltigem Sortiment. Es gilt, einen gewissen Gegenstand zu erwerben, den wir in Indien zurücklassen mussten, da er nicht „australiengerecht“ zu reinigen war. Unser Chemie-Klo. Es wanderte ungeleert im Zentrum von Bombay in einen Müllcontainer und wurde nur knappe fünfzehn Sekunden später (wir haben es mit eigenen Augen gesehen) von einem fröhlich dreinblickenden Inder entführt. Wir können unserem treuen Porta-Potti nur wünschen, dass es ein neues zuhause gefunden hat. Nichtsdestotrotz brauchen wir nun ein neues stilles Örtchen. Die Auswahl ist gewaltig, aber da wir keine Verwendung für einen elektrisch betriebenen Luxusthron für 1100 AU$ haben, entscheiden wir uns für den „Bi-Pot 1520“ der italienischen Firma Flamma (für die ganz Neugierigen: 1520 = 15 Liter Frischwassertank / 20 Liter ... ). So, nun sind wir endlich komplett. Wir haben uns vorgenommen, Sydney Richtung Westen auf dem Great Western Highway zu verlassen und die Blue Mountains zu erkunden, Teil der Great Dividing Range, die den fruchtbaren Streifen der australischen Ostküste vom Inland trennt. Die Blue Mountains waren trotz ihrer eher geringen Höhe von bis zu 1100 Metern Ende des 18. Jahrhunderts die natürliche Barriere, die über 25 Jahre standhaft verhinderte, dass die ersten europäischen Siedler sich ins Inland ausbreiten konnten. Es soll einige Unbedarfte gegeben haben, die sicher waren, auf der anderen Seite der Blue Mountains auf China zu stossen. Heute sind die Berge ein gewaltiger Nationalpark und Ziel vieler Sydneyer Bürger, die in den Sommermonaten (Januar bis März) der Hitze der Stadt entfliehen wollen. Wir lassen die letzten Suburbs der Stadt hinter uns. Da plötzlich, am Strassenrand ein ALDI-Markt! Wir wollen unseren Augen kaum trauen.
Keine Fata Morgana! Vollbremsung und schlingernd auf den grossen Parkplatz. Da wir vor der Verschiffung aus Indien alle Lebensmittel, angefangen bei unterschiedlichen Konserven bis hin zu diversen Gewürzen, verschenkt oder entsorgt haben, um Schwierigkeiten mit der Quarantäne-Behörde zu vermeiden, bedarf es nun eines grösseren Grundeinkaufes. Da kommt uns der ALDI gerade recht, da weiss man, was man hat. Und schont den Geldbeutel. Westlich von Penrith, dem Austragungsort aller Ruderwettbewerbe der olympischen Sommerspiele 2000, erreichen wir die ersten Ausläufer der Blue Mountains. Links und rechts des Great Western Highways erstrecken sich ausgedehnte Waldgebiete. Als es dunkel wird, fahren wir auf einen nahe dem Highway gelegenen Campground, knappe fünfzehn Kilometer vor Wentworth Falls. Ich beginne gerade, mir Gedanken über das Abendessen zu machen, als Marcus beschliesst, dass nun die beste Zeit für einen Motorölwechsel sei. Klar, es ist gerade richtig dunkel geworden, also genau die richtige Zeit für ein solches Vorhaben. Neuer Ölfilter, das gute Castrol RX, 22er Schlüssel, zwei leere Eimer, jede Menge alter Lappen, Taschenlampe und schon kann’s losgehen! Warum auch tagsüber? Das kann ja jeder.
Der Great Western Highway führt weiter durch den Blue Mountains National Park nach Westen. Wir fahren durch Lawson, Bulluburra und Wentworth Falls nach Kattoomba, dem touristischen Zentrum der Blue Mountains. Wir hatten uns vorgenommen, einen Bushwalk durch den weiter nördlich gelegenen Grand Canyon zu machen, erfahren jedoch im ausgezeichneten Information Centre, dass alle Trails im Grand Canyon wegen hoher Landslide-Gefahr nach den diesjährigen grossen Busch- und Waldbränden, die dieses gebiet stark in Mitleidenschaft gezogen haben, gesperrt sind. Pech gehabt. Was uns bleibt, sind Fahrten zu verschiedenen der Viewpoints und Lookouts, von denen aus sich ein atemberaubender Blick in die grandiose Landschaft der Blue Mountains bietet. Riesige Eukalyptuswälder, steil aufsteigende Klippen und bizarre Felsformationen sind er Lohn für einige steile Klettertouren. Unser Tipp: Perrys Lookdown und Anvil Rock. Beide zu erreichen aus Blackheath, zehn Kilometer nördlich Kattoomba, hinter der Bahnstation rechts in die Hat Hill Road, zwei Kilometer auf Asphalt und dann den Hinweisschildern entlang der etwas rauhen, aber bei trockener Witterung sicher zu befahrenen Piste folgen. Die Ausblicke sind sensationell!
Weiter nach Westen. Wir lassen Mount Victoria, Oberon und die waldbedeckten Blue Mountains hinter uns. Eine offene, grasbewachsene Hügellandschaft breitet sich vor uns aus. Schafe, Rinder, Farmen, vereinzelte kleine Ortschaften. Erste Hinweisschilder über kreuzende Kangoroos, Überreste von Opfern auf der Strasse. Es scheint ein beliebter, wenn auch absolut unerklärlicher Sport der Beuteltiere zu sein, besonders in den frühen Abendstunden genau dann auf die Strasse zu springen, wenn ein Fahrzeug naht. Aus gutem Grund verfügen nicht nur LKW, sondern auch viele PKW über massive Bullbars (Kuhfänger), die einer Dampflok zu Ehre gereichen würden. Ein Kangoroo auf der Motorhaube bedeutet grösseren Blechschaden, eines in der Windschutzscheibe hat hier schon viele Fahrzeuginsassen das Leben gekostet. Hinweisschilder sind also äusserst ernst zu nehmen, besonders in der Nacht und in den Dämmerungsstunden. Sollte es zu einem Zusammenprall kommen: Das hoffentlich tote Tier (es ist sicher nicht jedermanns Sache, mit Messer, Beil oder ähnlichem Werkzeug für ein schnelles Ende der qualvollen Leiden zu sorgen, aber im Regelfall das Einzige, was man für das verletzte Tier tun kann) von der Strasse ziehen, damit Dingos, Raubvögel und andere Fleischfresser sich ungestört am Kadaver gütlich tun Können. Klingt grausam, ist aber der Kreislauf der Natur. Auf keinen Fall vergessen, den Beutel des Kangoroos zu durchsuchen! In seinem Schutz kann ein Jungtier den Aufprall überlebt haben. Der Tierarzt der nächsten Ortschaft wird sich um den kleinen Waisen kümmern.

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