
Australien 3
Es ist
Mittwoch, der 2. April. Wir haben unsere Sachen
gepackt und Kerstin fährt uns
zum nordöstlich ausserhalb der Stadt liegenden Flughafen. Gute anderthalb
Stunden Fahrt, auf denen mich Schäferhund Wassermann, der auf der Rückbank
neben mir sitzt, keines Blickes würdigt. Das wir unsere Taschen gepackt haben,
hatte er schon misstrauisch beobachtet. Den Weg zum Flughafen kennt er auch.
Sonnenklar, wir wollen ihn verlassen! Und da Hunde Rudeltiere sind, passt ihm
das überhaupt nicht. Nichts zu machen, um 19.45 Uhr geht unsere Maschine nach
Sydney. Wir verabschieden uns von Kerstin, bedanken uns für
ihre Gastfreundschaft und dafür, dass sie uns und unsere Macken fünf Wochen
ertragen hat. Auch Wassermann, der unsere Abreise inzwischen zu akzeptieren
scheint, wird noch einmal kräftig geknuddelt. Pünktlich
hebt die Maschine der Virgin Air von der Startbahn ab (wieder ein Nachtflug, bei
dem man nichts vom unter uns vorbeiziehenden Land sehen kann) und schon knappe
75 Minuten später setzen wir 1000 Km weiter nordöstlich auf der Landebahn des
Sydney International Airport auf. Die City-Rail (Bahnhof im Untergeschoss des
Flughafens) bringt uns zur Central Station, eine andere Linie von dort aus in
den Suburb Ashfield, 9 Km westlich des Zentrums. Der an der Bahnstation aushängende
Stadtplan zeigt uns, dass die Wohnung von Beth (wir können während unseres
Aufenthaltes in Sydney bei unserer Reisebekanntschaft aus Goa wohnen) nur zehn
bis fünfzehn Minuten zu Fuß entfernt ist. Der Weg wird mühsam. Mag das an den
einhundertzwanzig Pfund Gepäck liegen, die wir mit uns durch die Nacht
schleppen? Beth freut sich riesig, die beiden „tall German Boys“
wiederzusehen. Ob wir denn schon wieder ein Stück gewachsen seien? In einem
Raum ihrer Eigentumswohnung hat sie schon zwei
Betten für uns vorbereitet und
den ganzen Tag durch Abfackeln von Räucherstäbchen für indische Atmosphäre
gesorgt (wir versuchen, mittels öffnen der Fenster Abhilfe zu schaffen). Die Grafik-Designerin scheint offensichtlich zur Gruppe der
Sammlerinnen zu gehören. Ausser an den unzähligen Boyfriends aus aller Welt,
die sie auf ihren vielen Reisen kennen gelernt hat, hängt ihr Herz noch an Büchern,
Reiseandenken, Töpfchen, Tiegeln und Fläschchen mit Körperpflegemitteln und
einer Menge übrigem Krimskrams, die überall in der Wohnung gestapelt sind. „Maybe i´m a messie, but thats
okay"! Wir
verbringen unsere erste Nacht in Sydney in patschjuli- und sandelholzgeschwängerter
Luft und sind am nächsten Morgen voller Tatendrang. Beth muss erst
am späten Vormittag in ihrer Agentur auftauchen und fährt uns zu einem
der kleinen Cafés in der Crescent Street. Zwei grosse Jungs wie wir brauchen
ihrer Meinung nach ein ordentliches Frühstück! Und so schaufeln
wir das
„massive breakfast“ (Rühreier, Bacon, gebackene Tomaten und Ciabatta,
zwanzig Zentimeter hoch auf einen grossen Teller gehäuft) in uns hinein. Das schreit geradezu nach einem Verdauungsspaziergang. Beth, die von
hier aus zur Arbeit fährt, zeigt uns, wo wir den Bus finden, der uns ins
Zentrum bringen wird. Aber wer braucht schon einen Bus, schliesslich haben wir
gesunde Füsse. Auf geht´s zum Stadtrundgang. Erstes Ziel ist Paddys Market im
gewaltigen Untergeschoss eine Skyscrapers südlich des Entertainment-Center. Von
der Multifunktionshose bis zum Handy-Zubehör gibt’s hier alles, was sich in Südostasien
billig herstellen lässt zu absoluten Discountpreisen. Weiter durch Chinatown.
Ernüchternd! Es ist eine ca. dreihundert Meter lange Einkaufsstrasse wie jede
andere, mit dem Unterschied, das die
Ladeninhaber Chinesen sind. Esstäbchen und
Reis muss man nicht unbedingt hier kaufen, die gibt es auch woanders. Der Himmel ist übrigens grau, es sind nur 22° C und ab und zu fallen
uns gar ein paar Regentropfen auf den Kopf. Aber wir haben uns inzwischen damit
abgefunden, dass es in Australien Landesteile gibt (wie z.B. die Küstenbereiche
von Victoria und New South Wales), die über die Herbst- und Wintermonate (April
bis September) nicht ständig sonnenverwöhnt sind. Wir laufen
kreuz und quer durch Darling Harbour. Auf diesem grossen Areal, das die Cockle
bay umfasst, finden sich mit dem Powerhouse Museum, dem Exhibition Center,
Chinese Gardens, Entertainment Center, Maritim Museum und Sydney Aquarium gleich
ein halbes Dutzend der Hauptsehenswürdigkeiten der Stadt. Auf unserem ersten
schnellen Stadtrundlauf betreten wir jedoch nur das südlich des IMAX-Cinema
gelegen Information-Center. In jeder grösseren Stadt Australiens findet man
diese touristischen Info-Stellen und zu einem Besuch kann nur geraten werden. Es
gibt eigentlich nichts, was man hier nicht erfahren kann. Wir sammeln einen
mehrere Kilogramm schweren Stapel
Informationsmaterial und befüllen damit
unseren Rucksack. Es handelt sich dabei jedoch nur um eine grobe Auswahl. Möchte man ein Exemplar jeder der ausliegenden Broschüren, Karten
und Regionsführern mitnehmen, empfiehlt sich das mitführen mehrerer
Reisetaschen. Es gibt
mehrere Möglichkeiten, um von Darling Harbour zum Circular Quay, einer der
Hauptattraktionen der Stadt mit Blick auf Harbour Bridge und Opera House, zu
gelangen. Mit einem der schnellen Fährboote, dem Bus oder zu Fuss. Wir
entscheiden uns für den Spaziergang (zum einen sind es nur ein paar Kilometer,
zum anderen bekommen wir so am meisten zu sehen) und tauchen ein ins Zentrum von
Sydney. An den Enden der langen
Hochhausschluchten werden wir zum ersten Mal
einiger Ausschnitte der imposanten Harbour Bridge gewahr, einem der beiden
Wahrzeichen der Stadt. Wie schon in Melbourne beobachtet, gibt
es auch in Sydney eine unglaubliche Anzahl immigrierter Asiaten. Auch hier
wieder das scheinbar Australien-typische Bild. Fast alle Menschen haben ein Lächeln
auf den Lippen, niemand scheint es besonders eilig zu haben. Am Royal Botanic
Garden, gelegen zwischen Circular Quay und Woolloomooloo Bay (das erste Wort mit
acht „o“´s, das mir unter die Augen gekommen ist, aber Australien glänzt
mit solchen Namen) spuckt uns das Zentrum mit seinen vielen Skyscrapern wieder
aus. Wir durchqueren den prächtig angelegten Park, umrunden das in ihm gelegene
historische Goverments House und dann schiebt sich langsam das betörend
schöne
(meine rein subjektive Meinung, die Ansichten sind eher gespalten) zweite
Wahrzeichen Sydneys in unser Blickfeld, Opera House! Die
Entstehungsgeschichte dieser architektonischen Meisterleistung begann 1956.
Melbourne war Austragungsort der olympischen Sommerspiele uns Sydney sah sich
dadurch etwas ins Hintertreffen geraten. Etwas Besonderes musste passieren. Da
kam der Ruf nach einer eigenen Konzerthalle gerade recht. Die Stadt schrieb
einen Architekten-Wettbewerb aus, den nach vielem hin und her der 37-jährige Däne
Jörn Utzorn mit einem futuristischen Entwurf gewann. Die Stadtväter rieben
sich die Hände. Das würde die Welt in Staunen versetzen! Nicht nur die Welt,
sondern auch die Bauingenieure, die den Entwurf umsetzen sollten.
Noch nie war
ein Bauwerk mit derartiger Kopflastigkeit errichtet worden und schon gar nicht
so gross. Allein fünf Jahre verschlang die Erstellung der Bauprinzipien. Statt
der geplanten sechs Jahre Gesamtbauzeit vergingen fünfzehn, die veranschlagten
Kosten von 7,5 Mio. AU$ vervierzehnfachten sich auf 105 Mio. AU$. Ganz egal, die Stadt hatte nun etwas, das Besuchern den Atem raubte.
Wir
umrunden Circular Quay, Anlegestelle der Sydneyer Fährboote und diverser
Kreuzfahrtschiffe, durchqueren den kleinen Stadtteil The Rocks, gelegen am Hang
unterhalb der Auffahrt zur Harbour Bridge und stehen plötzlich unter der
gewaltigen, 30.000 Tonnen schweren Stahlbogenkonstruktion (gleiche
Gewichtsklasse wie die Schlachtschiffe des 2. Weltkrieges), die seit 1932, nach
einer Bauzeit von 10 Jahren, zusammengehalten von sechs Millionen Nieten mit Köpfen
so gross wie
halbe Tennisbälle, mit einer Spannweite von 503 Metern den südlichen
und den nördlichen Teil Sydneys verbindet. Drunterstehen ist
eine Sache, rüberlaufen die, die wir wollen. Also suchen wir nach einer Möglichkeit,
hinaufzugelangen und werden ein paar hundert Stufen später fündig. Eine kräftige,
nicht gerade warme Brise erwartet uns in der Mitte der, aber die Aussicht auf
Opera House und die Sydneyer Skyline sind kolossal. Für besonders Wagemutige
besteht übrigens die Möglichkeit, Harbour Bridge in einer Art Seilschaft
direkt auf dem Stahlbogen zu überqueren. Dort oben wird es dann noch windiger
und kälter sein, weshalb zu einem dicken Pullover geraten sei. Zurück
zum Cirqular Quay, es wird langsam dunkel und mit fünfzehn Kilometern
Fussmarsch haben wir uns für heute genug trainiert. Wir
besteigen die City-Rail Richtung Ashfield, nachdem wir uns ein Wochenticket Zone
Red besorgt haben. Definitiv
empfehlenswert! Für sieben Tage kann man mit diesem nur 30 AU$ (16€) teuren
Ticket City-Rail, Fähren und Busse in einem Umkreis von ca. zehn Kilometern um
das Zentrum nutzen. Das rechnet sich schnell bei einem durchschnittlichen Preis
von 3 AU$ pro Einzelfahrt.
Ab dem nächsten
Morgen zeigt sich der Himmel über Sydney von seiner besten Seite. Blau mit
einigen Schäfchenwölkchen, die Temperaturen klettern auf 25-30°C. Wir sind
auf dem Weg zum Airport. Nicht um abzufliegen, sondern um die Zentrale der
Sydneyer Zollbehörde zu besuchen. Im kleinen Aussenbüro am International
Terminal schickt man uns auf den rechten Weg. Am nördlichen Ende des Airports
steht das siebengeschossige „Blue Building“ (richtig geraten, es ist blau),
der Hauptsitz des Customs. Bei einem freundlichen Beamten im zweiten Stockwerk
machen wir einen Termin für Montag morgen 9.45 Uhr aus, bei dem zwei Zollbeamte
Maggie in Augenschein nehmen sollen. Das ist kostenlos. Nicht umsonst ist die
AQIS-Order der australischen Quarantänebehörde, die wir im Erdgeschoss
erhalten. 120 AU$ zahlen wir im
voraus dafür, dass zwei Quarantine-Officers
Maggie Montag Morgen untersuchen und hoffentlich freigeben. Von hier aus geht’s schnurstracks zum Büro der K-Line Shipping Agency in
einem der Skyscraper am Circular Quay. Mitarbeiter Shayne händigt uns die
Delivery-Order aus, mit der wir Maggie nach Abschluss aller Untersuchungen aus
dem Hafengelände von Glebe-Island, in dem die japanische RoRo-Fähre „Arcadia
Highway“ angelegt und ihre Fracht entladen hat, herausfahren dürfen. Shayne
versucht telefonisch, den Termin der Quarantine-Examination mit der
Zolluntersuchung abzugleichen. Man bittet ihn, uns mit allen Unterlagen zur
Hauptstelle des Australien Quarantine and Inspection Service in einem der südwestlichen
Suburbs zu schicken. Kein Problem, Orientierung und Nahverkehrsnutzung in Sydney
sind für uns inzwischen ein Kinderspiel. Bei AQIS erklärt man uns, dass es
nicht möglich sei, feste Termine für Untersuchungen auszumachen, gibt uns
allerdings die Telefonnummer des für
Glebe-Island zuständigen
Quarantine-Officers um ihn Montag morgen über unsere Anwesenheit im Hafen zu
informieren. Auch hier, im AQIS-Office, nur freundliche, hilfsbereite Beamte. Extrem auffallend, wie sehr sich australische Staatsdiener von ihren
deutschen Kollegen unterscheiden! Ihre Devise: Immer gut gelaunt sein, am Ball
bleiben, bis alle Wünsche des vorstelligen Bürgers erfüllt sind, egal, wie
kurios sein Begehren auch sein mag. Ein himmelweiter Unterschied zu dem, was wir
aus der alten Heimat gewohnt sind. Hier gibt’s keine muffeligen oder überheblich
grosskotzigen Staatsdiener, die irgendwo zwischen zwei unbegründeten Beförderungen
vergessen haben, was ihr Daseinszweck ist: Dem Bürger behilflich sein! Das
phantastische Wetter an diesem Wochenende verleitet uns zu diversen
Erkundungstouren durch Sydney. Obwohl das Nahverkehrsnetz hervorragend ist,
legen wir Dutzende von Kilometern zu Fuss zurück, um möglichst viel zu sehen.
Einige Kilometer östlich des Zentrums liegt der Stadtteil Kings Cross, erster
Anlaufpunkt fast aller Backpacker, die in Sydney halt machen.
Hier gibt es die preisgünstigsten Unterkünfte, man trifft Individualreisende
aus aller Welt, tauscht Informationen aus und plant in Ruhe seine weiteren
Reiseaktivitäten. Kings Cross hat aber auch seine Kehrseite (zu entscheiden, ob
gut oder schlecht, hängt sicher von den Präferenzen jedes einzelnen ab). Es
ist der Rotlicht-Bezirk der Stadt (ist ja nicht nur negativ zu sehen) und
Zentrum des Drogenmilieus (schon etwas abstossender). Zumindest wird es hier
nicht langweilig. Besser mit
der Fähre als zu Fuss erreicht man Watsons Bay. In kürzester Zeit befördern
einen die von Cirqular Quay abgehenden Rocket-Ferries, die äusserlich an
italienische Sportwagen erinnern, mit einer Geschwindigkeit von bis zu 70 Km/h
zu jener Halbinsel, die den südlichen Abschluss der Einfahrt vom Südpazifik in
die gewaltige, verzweigte Bucht bildet, die sich über 25 Kilometer ins
Landesinnere erstreckt und um deren Ufer herum die Metropole Sydney gewachsen
ist. Die
komplette Bucht eignet sich übrigens nur bedingt für Schwimmversuche.
Nicht, dass sie verschmutzt ist, nein, sie ist eigentlich relativ sauber. Aber
auch haiverseucht. Hochgradig. Daneben tummeln sich hier auch
noch andere unfreundliche Meeresbewohner (über die todbringenden Gefahren
australischer Küstengewässer, wie schon bemerkt, später mehr). Es gibt
vereinzelte kleine Strandabschnitte, die durch Netze geschützt sind. Hier ist
das Baden ungefährlich. Aber auch nur hier! Die Halbinsel hat zum Pazifik hin
eine atemberaubende Steilküste, an die ohne Unterlass die gewaltigen Brecher
des Ozeans rollen. Nach Westen der Blick über die ruhige Bucht bis zur zehn
Kilometer entfernten Skyline des Zentrums und der Harbour Bridge, die aus fast
allen Blickwinkeln entlang der Bucht zu sehen ist.
Montag, 7.
April, der Tag, an dem wir Maggie nach langer Trennung wiedersehen werden. Gegen
9.30 Uhr erreichen wir die Einfahrt des Hafengeländes. Glebe
Island ist
kombiniertes Container-Terminal und Fahrzeug-Verladestation. Vom
Security-Personal, das Ein- und Ausfahrt bewacht, erhalten wir schmucke,
leuchtend gelbe Leibchen, die wir uns für die Dauer des Aufenthaltes überstülpen
müssen. Zur Sicherheit, damit wir nicht überfahren werden;
Personen zu Fuss sind hier eher die Seltenheit. Ein junger, freundlicher
Mitarbeiter erledigt für uns das Telefonat mit den Quarantaine-Officers, die
sich sofort auf den Weg machen und noch vor den Zollbeamten eintreffen. Laute
Rockmusik dröhnt aus ihrem Fahrzeug, sie sind uns von Anfang an sympathisch.
Gemeinsam fahren wir zu Maggie, die einsam am Ende des Kais steht,
offensichtlich unbeschädigt und vollständig, wie wir aufatmend feststellen. Während
einer der Officers Maggie von aussen untersucht, begutachtet der andere ihr
Innenleben. Was den Quarantänebeamten ein besonderer Dorn im Auge ist, sind
Reste von Erde, die mit dem Fahrzeug nach Australien kommen. So zum Beispiel
Dreckklumpen unter den Sohlen einiger unserer Schuhe. Die müssen nachgereinigt
werden, da diese Erdreste möglicherweise Ungeziefer und Erreger enthalten, die
bis jetzt in Australien noch nicht heimisch sind und es auch nicht werden
sollen. Ein Holzkästchen zum abbrennen von Räucherstäbchen, das wir in Indien
erstanden haben, wird ebenfalls bemängelt, da Bohrlöcher von Würmern
festzustellen sind. Wir sind bereit, uns von dem Kästchen zu trennen, aber der
Officer winkt ab, packt das Corpus delicti in eine Plastiktüte, gibt eine
ordentliche Prise Insektenkiller aus einer mitgeführten Spraydose hinzu,
verknotet das Ganze und bittet uns, es nicht vor Ablauf einer Stunde wieder zu
öffnen. Da auch in Maggies Radkästen
Dreckklumpen gefunden werden, kommen wir
um eine Nachreinigung mittels Hochdruckstrahler nicht herum. Sie soll im Auftrag der Quarantaine Officer bei der nahegelegenen Spedition
Hobbs Bros. LTD, einer Firma mit eigenem Quarantänebereich, durchgeführt
werden, sobald die beiden Zollbeamten, die inzwischen eingetroffen sind, Maggie
freigegeben haben. Die Zoll-Untersuchung verläuft anders als erwartet. Motor-
und Chassisnummer werden mit den Einträgen im Carnet de Passage verglichen und
nur rein interessehalber schauen sich die beiden Beamten Maggies Innenleben an.
Das auffinden von Schmuggelware ist offensichtlich nicht ihre Aufgabe. Sie
wundern sich, dass kein zweites Team für eine solche Untersuchung angefordert
wurde, schauen sich belustigt unsere gewaltigen Vorräte an Medikamenten und
Einwegspritzen an, die ihrer Meinung nach normalerweise zu einer Menge
Schreibkram geführt hätten, geben uns allerdings klar zu verstehen, dass es
sie nicht im mindesten interessiert. „Welcome
to Australia! Have a
nice trip!“ verabschieden sie sich von uns, Maggie, weiteren fünf Kilogramm
geschmuggelten Silberschmuck in unserem Safe und zwanzig Litern goanischem
Brandy in einem unserer Reservekanister. Offensichtlich ist uns das
Glück auf
unserer Reise weiterhin hold. Nun könnten wir eigentlich mit
Maggie das Hafengelände verlassen und zur Nachreinigung zu Hobbs Bros. fahren.
Dummerweise bemerkt einer der Hafenbeamten einen fehlenden Stempel auf der
Delivery Order der K-Line. Das bedeutet für uns einen zwölf Kilometer langen
Fussmarsch von Gebe Island über die gewaltige Anzac-Bridge, durch Darling
Harbour und das Zentrum bis zum K-Line Büro (zwei Minuten Aufenthalt, Stempel,
Abmarsch) und zurück (Eine Stunde 45 Minuten in der Mittagssonne, gute Zeit,
oder?). Jetzt dürfen wir Glebe Island wirklich mit Maggie verlassen. Gutes Gefühl,
wieder im Fahrzeug zu sitzen und das vibrieren der 8,5 Liter Maschine zu spüren.
Wir fahren zur Hobbs Bros. Spedition in deren Quarantäne-Bereich die Radkästen
nachgereinigt werden (zehn Minuten Arbeit, räuberische 200 AU$ Gebühr) und wir
verbliebenen indischen Dreck aus den Sohlen unserer eingeführten Schuhe
kratzen. Kurz darauf erscheint ein weiterer Quarantaine-Officer, begutachtet das
Reinigungsergebnis, scheint hocherfreut, kassiert 80 AU$ für die zweite
Untersuchung und erteilt uns den begehrten
Freigabestempel.
Diese
ganze Aktion am heutigen Tag hat nicht länger als sieben Stunden gedauert. Ich
erwähne das deshalb, weil wir auf Grund von im Internet veröffentlichten
Reiseerfahrungen anderer Traveller und Erzählungen von Reisenden, die wir
unterwegs getroffen haben, mit viel viel grösseren Problemen gerechnet haben
(besonders in Hinsicht auf die Quarantäne-Untersuchung). Teilweise soll es
mehrere Wochen gedauert haben, bis Fahrzeuge nur unter grössten Schwierigkeiten
mit vielen Nachreinigungen und Unsummen an anfallenden Kosten von Custom und
AQIS freigegeben wurden. Nach unseren Erfahrungen mit den australischen Behörden
sind dies AMMENMÄRCHEN ! Oder aber, die Fahrzeugbesitzer haben ihr Schmuckstück
vor der Verschiffung vorsätzlich mit ausländischem Schlamm beschmiert und
Insektenkolonien im inneren ausgesetzt. Also, dies als Hinweis für Traveller,
die ihr Fahrzeug nach Australien bringen wollen: Lasst euch von solchen
Berichten
nicht verrückt machen. Nichts wird so heiss gegessen, wie es gekocht
wird.
Jetzt gibt
es nur noch ein Hindernis zu beseitigen, bevor wir Maggie offiziell auf
Australiens Strassen bewegen dürfen. Laut der Website der AAA (Australien
Automobile Association), die jede Menge hilfreicher Tipps für die vorrübergehende
Einfuhr von ausländischen Fahrzeugen bereithält, ist es notwendig, das
entsprechende Fahrzeug einer Strassentauglichkeitsprüfung (ähnlich dem
deutschen TÜV) zu unterziehen, eine UVP (unregistrated vehicle permission) zu
beantragen (465 AU$) und eine Haftpflichtversicherung abzuschliessen. Also
fahren wir zum Registration Office in North-Sydney (klar, über die Harbour
Bridge mit Blick auf Opera House) um alles in die Wege zu leiten. Der Beamte,
den wir mit unserem Problem konfrontieren, ist im ersten Moment zwar etwas
ratlos, hängt sich aber sofort ans Telefon, um sich bei übergeordneter Stelle
Klarheit zu verschaffen. Das Ergebnis seiner Untersuchung ist erstaunlich.
Australien-Traveller mit eigenem Fahrzeug, aufgepasst: Basierend auf den
Gesetzen des Staates New South Wales besteht weder eine Verpflichtung auf
Strassentauglichkeitsuntersuchung, Beantagung einer UVP noch zum Abschluss einer
Haftpflichtversicherung! Wechselt man von einem Bundesstaat Australiens in den nächsten,
ist ein Besuch des nahegelegensten Registration-Office jedoch unumgänglich, da
hier scheinbar jeder sein eigenes Süppchen kocht. Und die Rezepte dieser
Süppchen
hat der Registration-Officer aus Sydney leider nicht. Natürlich kann man, wenn
man möchte, eine UVP beantragen. Sie kostet, je nach Wagengrösse,
zwischen 30 und 80 AU$ pro Monat, ist nur gültig für den Aufenthalt in New
South Wales und beinhaltet eine Versicherung für Personenschäden, die man mit
seinem Fahrzeug verursacht. Eine (sicher sinnvolle) Versicherung für Sachschäden
muss zusätzlich bei einem der vielen freien Versicherungsunternehmen
abgeschlossen werden. Da wir vorhaben, New South Wales innerhalb der nächsten
vierzehn Tage zu verlassen, halten wir uns mit dem Geldausgeben erst mal
bedeckt, beschliessen, zwei Wochen lang keinen Unfall zu verursachen und warten
auf die Prozedur im nächsten Bundesstaat.
Mittwoch,
9. April. Wir haben alles erledigt, was wir in Sydney erledigen wollten und die
wichtigsten Teile der Stadt auf Fussmärschen von insgesamt etwa siebzig
Kilometern erkundet. Zeit aufzubrechen. Obwohl, da gibt es doch noch eine Sache.
Nachdem wir alles verpackt haben fahren wir zuerst in den südlichen Teil der
Stadt, um genauer zu sein, in den Suburb Kogarah in die Rocky Point Road. Dort
gibt es nahe der Abzweigung Fitzgerald Road einen Motorhome-Ausrüster mit
gewaltigem Sortiment. Es gilt, einen gewissen Gegenstand zu erwerben, den wir in
Indien zurücklassen mussten, da er nicht „australiengerecht“ zu reinigen
war. Unser Chemie-Klo. Es wanderte ungeleert im Zentrum von Bombay in einen Müllcontainer
und wurde nur knappe fünfzehn Sekunden später (wir haben es mit eigenen Augen
gesehen) von einem fröhlich
dreinblickenden Inder entführt. Wir können
unserem treuen Porta-Potti nur wünschen, dass es ein neues zuhause gefunden
hat. Nichtsdestotrotz brauchen wir nun ein neues stilles Örtchen.
Die Auswahl ist gewaltig, aber da wir keine Verwendung für einen elektrisch
betriebenen Luxusthron für 1100 AU$ haben, entscheiden wir uns für den
„Bi-Pot 1520“ der italienischen Firma Flamma (für die ganz Neugierigen:
1520 = 15 Liter Frischwassertank / 20 Liter ... ). So, nun
sind wir endlich komplett. Wir haben uns vorgenommen, Sydney Richtung Westen auf
dem Great Western Highway zu verlassen und die Blue Mountains zu erkunden, Teil
der Great Dividing Range, die den fruchtbaren Streifen der australischen Ostküste
vom Inland trennt. Die Blue Mountains waren trotz ihrer eher geringen Höhe von
bis zu 1100 Metern Ende des 18. Jahrhunderts die natürliche Barriere, die über
25 Jahre standhaft verhinderte, dass die ersten europäischen Siedler sich ins
Inland ausbreiten konnten. Es soll einige Unbedarfte gegeben haben, die sicher
waren, auf der anderen Seite der Blue Mountains auf China zu stossen. Heute sind
die Berge ein gewaltiger Nationalpark und Ziel vieler Sydneyer Bürger, die in
den Sommermonaten (Januar bis März) der Hitze der Stadt entfliehen wollen. Wir
lassen die letzten Suburbs der Stadt hinter uns. Da plötzlich, am Strassenrand
ein ALDI-Markt! Wir wollen unseren Augen kaum trauen. Keine Fata Morgana!
Vollbremsung und schlingernd auf den grossen Parkplatz. Da wir vor der Verschiffung aus Indien alle Lebensmittel, angefangen
bei unterschiedlichen Konserven bis hin zu diversen Gewürzen, verschenkt oder
entsorgt haben, um Schwierigkeiten mit der Quarantäne-Behörde zu vermeiden,
bedarf es nun eines grösseren Grundeinkaufes. Da kommt uns der ALDI gerade
recht, da weiss man, was man hat. Und schont den Geldbeutel. Westlich von
Penrith, dem Austragungsort aller Ruderwettbewerbe der olympischen Sommerspiele
2000, erreichen wir die ersten Ausläufer der Blue Mountains. Links und rechts
des Great Western Highways erstrecken sich ausgedehnte Waldgebiete. Als es
dunkel wird, fahren wir auf einen nahe dem Highway gelegenen Campground, knappe
fünfzehn Kilometer vor Wentworth Falls. Ich beginne gerade, mir Gedanken über
das Abendessen zu machen, als Marcus beschliesst, dass nun die beste Zeit für
einen Motorölwechsel sei. Klar, es ist gerade richtig dunkel geworden, also
genau die richtige Zeit für ein solches Vorhaben. Neuer Ölfilter, das gute
Castrol RX, 22er Schlüssel, zwei leere Eimer, jede Menge alter Lappen,
Taschenlampe
und schon kann’s losgehen!
Warum auch tagsüber?
Das kann ja jeder.
Der Great
Western Highway führt weiter durch den Blue Mountains National Park nach
Westen. Wir fahren durch Lawson, Bulluburra und Wentworth Falls nach Kattoomba,
dem touristischen Zentrum der Blue Mountains. Wir hatten uns vorgenommen, einen
Bushwalk durch den weiter nördlich gelegenen Grand Canyon zu machen, erfahren
jedoch im ausgezeichneten Information Centre, dass alle Trails im Grand Canyon
wegen hoher Landslide-Gefahr nach den diesjährigen grossen Busch- und Waldbränden,
die dieses gebiet stark in Mitleidenschaft gezogen haben, gesperrt sind. Pech
gehabt. Was uns bleibt, sind Fahrten zu verschiedenen der Viewpoints und
Lookouts, von denen aus sich ein
atemberaubender Blick in die grandiose
Landschaft der Blue Mountains bietet. Riesige Eukalyptuswälder,
steil aufsteigende Klippen und bizarre Felsformationen sind er Lohn für einige
steile Klettertouren. Unser
Tipp: Perrys Lookdown und Anvil Rock. Beide zu erreichen aus Blackheath, zehn Kilometer nördlich
Kattoomba, hinter der Bahnstation rechts in die Hat Hill Road, zwei Kilometer
auf Asphalt und dann den Hinweisschildern entlang der etwas rauhen, aber bei
trockener Witterung sicher zu befahrenen Piste folgen. Die Ausblicke sind
sensationell!
Weiter nach
Westen. Wir lassen Mount Victoria, Oberon und die waldbedeckten Blue Mountains
hinter uns. Eine offene, grasbewachsene Hügellandschaft breitet sich vor uns
aus. Schafe, Rinder, Farmen, vereinzelte kleine Ortschaften. Erste
Hinweisschilder über kreuzende Kangoroos, Überreste von Opfern auf der
Strasse. Es scheint ein beliebter, wenn auch absolut unerklärlicher Sport der
Beuteltiere zu sein, besonders in den frühen Abendstunden genau dann auf die
Strasse zu springen, wenn ein Fahrzeug naht. Aus gutem Grund
verfügen nicht nur LKW, sondern auch viele PKW über massive Bullbars (Kuhfänger),
die einer Dampflok zu Ehre gereichen würden. Ein Kangoroo auf der Motorhaube
bedeutet grösseren Blechschaden, eines in der Windschutzscheibe hat hier schon
viele Fahrzeuginsassen das Leben gekostet. Hinweisschilder sind also äusserst
ernst zu nehmen, besonders in der Nacht und in den Dämmerungsstunden. Sollte es
zu einem Zusammenprall kommen: Das hoffentlich tote Tier (es ist sicher nicht
jedermanns Sache, mit Messer, Beil oder ähnlichem
Werkzeug für ein schnelles
Ende der qualvollen Leiden zu sorgen, aber im Regelfall das Einzige, was man für
das verletzte Tier tun kann) von der Strasse ziehen, damit Dingos, Raubvögel
und andere Fleischfresser sich ungestört am Kadaver gütlich tun Können.
Klingt grausam, ist aber der Kreislauf der Natur. Auf keinen Fall vergessen, den
Beutel des Kangoroos zu durchsuchen! In seinem Schutz kann ein Jungtier den
Aufprall überlebt haben. Der Tierarzt der nächsten Ortschaft wird sich um den
kleinen Waisen kümmern.