
Australien 1
Der
Airbus A 330 landet planmässig um 23 Uhr Ortszeit in Dubai, Vereinigte
arabische Emirate. Knappe sechs Stunden Aufenthalt bis zu unserem Weiterflug über
Singapur nach Melbourne, eine lange Zeit, aber wir befinden uns im sicher prächtigsten
und geschmackvollsten Airport der Welt. Beim Bau dieser Anlage kam es sicher auf
100 Millionen mehr oder weniger nicht an, Geld spielte hier
offensichtlich keine
Rolle. Das spiegelt sich auch in den Preisen der
Flughafengastronomie wieder. Die „Starbucks“-Filiale kassiert für einen
Kaffee American style (ihre preiswerteste Sorte) freche 4,50€. Da wir uns während
der letzten Monate in Ländern aufhielten, in denen der Kaffee im Schnitt 30
Cent kostete, gleicht so was einem bewaffneten Raubüberfall. Für zwei
Pappbecher voll Kaffee haben wir gerade mehr Geld hingelegt, als wir in Goa an
einem ganzen Tag ausgegeben haben, ohne uns einschränken zu
müssen.
Wir checken ein zum Weiterflug nach Singapur und besteigen eine
nagelneue Boeing 777. Um einen kleinen Einblick in die Versorgungslage an Bord
eines Emirates Airlines Fluges zu geben: im Flugzeug sind jederzeit und in jeder
Menge alle Getränke (alkoholisch oder nicht) frei, mit Ausnahme des Champagners
(können wir aber verschmerzen). Wir erhalten zwischen Bombay und Melbourne
sieben Mahlzeiten. Kleines Beispiel: Dinner – eine Auswahl geräucherter
Meeresfrüchte, Salat mit Mango Dressing, pochierter Lachs in Lauchrahmsauce an
Mandel Broccoli, Paprika und Kartoffelmus, Kaffee-Sahne Rolle, Brötchen, Käse,
Bisquits, Schokolade. Und so geht das während des Fluges in
einem fort. Als Folge bedarf es einiger technischer Veränderungen an unseren Gürteln.
Nach sieben Stunden Flug Zwischenlandung in Singapur. Eine Stunde Zeit, sich die
Beine zu vertreten (ist inzwischen auch dringend nötig).Die Maschine wird
aufgetankt und eine neue Crew geht an Bord, offensichtlich australisches
Personal. Das merken wir relativ schnell, als wir wieder an Bord gehen. Statt
mit „Good afternoon, sir!“ werden wir von der Cabin crew fröhlich mit
„Hey guys!“ begrüsst. Gleich fühlen wir uns geborgen. Gleich zweimal im
Abstand von einigen Stunden gehen Stewardessen durch die Gänge und besprühen
uns aus Spraydosen mit wohlriechendem Insektenkiller. Wie schon erwähnt sind
die australischen
Quarantänevorschriften sehr streng! Wir füllen Formulare für
den Zoll aus, auf denen wir bestätigen, dass wir nicht gesucht werden, nicht an
Lungentuberkulose leiden, im Gepäck keine Lebensmittel (welcher Art auch immer)
mitführen etc. etc. . Noch ein Mal sieben Stunden Flug und Völlerei,
bis wir am 27.02.2003 um 1a.m. Ortszeit auf der Landebahn des Melbourne
International Airport aufsetzen. Nach dem Verlassen der Maschine geht’s zuerst
zu Schaltern die mit Immigration Officers besetzt sind, die die Visa überprüfen
und ihre Stempel in die Pässe drücken. Nachdem wir unser Gepäck vom Band
gefischt haben (beschnüffelt von einer Mischung aus Cockerspaniel und Bassett,
offensichtlich auf der Suche nach Drogen und Gemüse) werden wir zu den
Zollinspektoren weitergeleitet. Wir sind etwas unruhig, befindet sich in unserem
Gepäck doch die Hälfte des in Indien erstandenen Silberschmuckes. Wir sind
zwar im Besitz von „Rechnungen“, die „beweisen“, dass der Einkaufswert
des Silbers unterhalb des Grenzwertes für freie Einfuhrmengen liegt, aber die
australischen
Zollbeamten sind nicht blöd und wir dürfen nicht unbedingt auf
ihre Leichtgläubigkeit zählen. Unsere Gepäckstücke laufen durch die grossen
Durchleuchtungseinheiten, keiner der Beamten runzelt die Stirn, man sagt uns „welcome
to australia!“ und das wars! In der Wartehalle vor der
Abfertigung werden wir schon von Kerstin erwartet, die es sich trotz der späten
Stunde nicht hat nehmen lassen, uns vom Airport abzuholen, der auf der gegenüberliegenden
Seite der City liegt, wie ihr Haus (Eine Taxifahrt hätte 70 AU$ gekostet, ca.
40 €). Draussen, vor der Tür der Abfertigungshalle, wartet geduldig ihr
schwarzer Schäferhund „Wassermann“, den wir vom ersten Moment an ins herz
schliessen. Was noch auf uns wartet, ist eine Art Kälteschock! Es ist mit 15°C
noch um einiges kälter, als in den klimatisierten Flugzeugen und Flughafengebäuden.
Ausserdem hat es offensichtlich kurz vorher geregnet. Dabei waren wir sicher,
dass Australien das Land ist, in dem es entweder warm, heiss oder entsetzlich
heiss und Regen ein seltenes Naturphänomen ist! Kerstin belehrt uns eines
Besseren: Wir befinden uns in der 3,5 Millionen Metropole Melbourne an der äussersten
südlichen Spitze Australiens, also weit weg vom Äquator und somit in einer
klimatischen Zone, in der im Winter (Jahreszeiten sind auf der südlichen
Hemisphäre um jeweils sechs Monate verschoben) zwar kein Schnee fällt, die
Temperaturen aber auf Werte von
zwischen 10° und 5°C zurückgehen. Momentan beginnt der Herbst und Tageshöchsttemperaturen von nur 20°C
sind keine Seltenheit, dies kann sich aber innerhalb von 48 Stunden auf 30°C
oder mehr nach oben verschieben. Das mit dem Regen ist allerdings eher ein
Zufall. Um genau zu sein hatte Australien in diesem Sommer unter einer
anhaltenden Trockenheit zu leiden, so dass es vermehrt zu Buschbränden kam und
spezielle Verordnungen zur Wassereinsparung in Kraft traten. Auf diesen ersten
Regen hatte man hier also schon lange gewartet und für die nächsten Tage sind
erfreulicherweise noch weitere Schauer angekündigt. Wir werden uns damit
abfinden müssen, dass Melbourne nicht Miami ist.
Wir steigen in Kerstins Ford Falcon (4,2l Sechszylinder; ich liebe dieses Land) und
dann geht’s auf dem achtspurigen Citylink Richtung Innenstadt. Wir passieren
das Zentrum mit seiner nachts blau schimmernden Skyline und Melbournes höchstem
Gebäude, dem 51-stöckigen Rialto. Dann auf der St. Kilda Road vorbei am Albert
Park, in dem am 9.3. der erste Lauf zur diesjährigen Formel Eins
Weltmeisterschaft ausgetragen wird. Wir halten an einem
Liquor-Shop (3 Uhr nachts hin
oder her, unsere Ankunft muss mit ein paar
Flaschen australischem Bier gefeiert werden) und erleben den zweiten Schock am
heutigen Tag (und der ist gerade mal drei Stunden alt). Spirituosen sind teuer,
und dass nicht nur im Vergleich zum Alkoholikerparadies Goa und seinen
1€-Flaschen Brandy. Im Schnitt liegen die Preise für Bier und Hochprozentiges
hier um 60% höher als in der alten Heimat. Also, das Rauchen haben wir schon
auf Grund der hohen Tabakpreise in Australien eingestellt. Jetzt auch noch das
Trinken? Und überhaupt, wo soll das alles enden? Wir legen den Entschluss auf
Eis und erstehen mit zusammengebissenen Zähnen ein Sixpack. Es geht noch einmal
10 Km weiter bis in den Stadtteil Carnegie. Dort, in der Rosstown-Road, haben
Kerstin und John seit einem Jahr ein geräumiges, einstöckiges Haus im typisch
australischen Stil gemietet. Wir dürfen uns in einem eigenen Zimmer
ausbreiten,
unsere Betten sind schon gemacht. Bei dem herzlichen Empfang, den wir hier
bekommen, fühlen wir uns gleich zuhause. Nach dem Verkosten des
australischen Bieres und des mitgebrachten Goa-Brandy fallen wir in seligen
Schlaf, dem ersten auf der südlichen Seite des Äquators. Wir sind auf der
Terra Australis, dem fünften Kontinent.
also jeder, wer´s war.
Das benötigte
Antiserum ist in jeder noch so kleinen medizinischen Einrichtung vorrätig. Die
Zeitspanne zwischen dem Biss des grossen behaarten Killers und dem qualvollen
Tod ist im Regelfall lang genug, sich eine ordentliche Dosis hiervon verpassen
zu lassen. Wir erfahren von John, dass die Funel Web Spider hauptsächlich in
Sydney (!) und einigen ländlichen Gebieten vertreten ist. Für unsere
Zeit in Melbourne also erst mal Entwarnung. Trotzdem trägt man hier bei der
Gartenarbeit Handschuhe, läuft nicht baren Fusses durch die Gegend und dreht
nicht ungefragt Steine um. Der Grund hierfür ist schwarzglänzend mit rotem
Streifen auf dem Rücken, eigentlich nicht beunruhigend gross und heisst Red
Back Spider. Ein Biss dieses putzigen Krabblers wird einen gesunden Erwachsenen
zwar nicht auf die Fähre über den Orcus bringen, ihm aber
sehr wohl den Rest
des Tages (wahrscheinlich auch noch den kompletten nächsten) gründlich
verderben. Dann gibt es da noch einen verbreiteten Vertreter dieser Spezies:
Gross wie eine Hand, haarig, hört auf den Namen Huntsman. Besondere Fähigkeit: Springt seine Beute an. Laut John gibt es keinen Grund,
beim Anblick dieses Monsters in Panik zu verfallen, da es für Menschen ungefährlich
sei. Ich werde versuchen, dies bei einem eventuellen Aufeinandertreffen zu
beherzigen. Kerstin berichtet, einmal einen verdutzten Huntsman unbewusst mit
der Post aus dem Briefkasten auf den Esszimmertisch befördert zu haben (wie
kann man so etwas übersehen?). Dort angekommen besann sich das Spinnentier auf
seine Fähigkeiten und sorgte in den folgenden Minuten für allerlei Kurzweil.
Ausgerüstet mit diesem Grundwissen über die todbringende urbane Fauna können
wir nun die nähere Umgebung in Augenschein nehmen. Melbourne ist im Verlauf der
letzten 50 Jahre mit rasender Geschwindigkeit gewachsen. Der Suburb Carnegie ist
eines der vielen
Wohnviertel, die sich um das Stadtzentrum gruppieren.
Grosszügige Strassen, baumbestandene Grünstreifen und eingeschossige
Einfamilienhäuser (zum Grossteil in typisch australischer Leichtbauweise aus
Holz und Gips) sorgen dafür, dass man nicht das Gefühl hat, sich in einer 3,5
Millionen-Stadt zu befinden. Der Strassenplan ist schachbrettartig und leicht
durchschaubar (grosses Lob an die Stadtplaner, eine bessere und effektivere
Ausschilderung habe ich nirgendwo vorher gesehen!). Jedes Suburb verfügt über
diverse Supermärkte und hat seinen Haupt-Einkaufsbereich, in dem sich Shops
aller Art, Cafés und Restaurants aneinander reihen. Carnegie befindet sich am
Rand des Kernbereiches von Melbourne, ist also noch an das weitläufige
erstklassige Strassenbahnnetz angeschlossen. Bei unserem ersten Besuch in einem
der Supermärkte (natürlich sieben Tage die Woche rund um die Uhr geöffnet)
stellen wir zu unserer Erleichterung fest, dass hier nicht alles so teuer ist
wie Zigaretten
und Alkohol. Ein gutes Beispiel ist Fleisch.
Mal
abgesehen davon, dass ein ordentliches Steak hier sowohl vor als auch nach dem
braten ungefähr so gross wie der Teller ist, von dem man es mit gierigen Augen
verspeist, bekommt man es in bester Qualität schon zu einem Kilopreis von unter
5€. Die Versorgung mit grossen Mengen tierischen Eiweisses ist also kein
Problem.
eingedeutscht, Kangaroo.
Und zwar
nicht eingesperrt in einem Tierpark, sondern in freier Wildbahn.
Da sollte man natürlich meinen, dass man sich einige hundert Kilometer
von Melbourne aus durch die dichter besiedelten Gebiete das Bundesstaates
Victoria ins Outback begeben muss, bis einem diese Beuteltiere über den Weg
laufen. Mitnichten! Wir fahren mit Kerstin und John ostwärts aus der Stadt
heraus, verlassen die letzten Suburbs und erreichen nach knapp vierzig
Kilometern das Cardinia Reservoir, einen der Speicherseen, die Melbourne mit
Trinkwasser versorgen. An dessen Westufer sind ca. 150 Eastern-Grey Kangoroos
beheimatet, die zweitgrösste Art nach den Big Reds. Die beste Zeit, sie zu
beobachten, ist der frühe Abend, wenn die Beutler ihre Schlaf- und Ruheplätze
im Unterholz der umliegenden Waldstücke verlassen (tagsüber, wenn es heiss
ist,
ruht das vernünftige Kangaroo und wird erst in der Kühle der Nacht aktiv)
und zu grasen beginnen. Übrigens in sogenannten Mobs von etwa
einem Dutzend Tiere, darunter ein grosses Männchen (gross bedeutet in diesem
Fall aufgerichtet etwa 1,70 m), das für die Sicherheit des Mobs sorgt und für
den Fall, dass sich ein Feind nähert, mit lauten Hustgeräuschen und Trampeln
auf dem Boden seine kleine Herde zur hüpfenden Flucht bewegt. Die
Kangaroos
hier am Cardinia Reservoir sind zum einen Menschen gewohnt und zum anderen äusserst
neugierig. Das führt dazu, dass man sich ihnen, wenn man vorsichtig ist und
nicht schnell und direkt auf sie zueilt, bis auf eine Entfernung von drei Metern
nähern kann. Besonders, wenn man eine Kamera in der Hand hält. Das finden sie
spannend. Ist schon toll, wenn man zum ersten Mal live beobachten kann, mit
welch gewaltigen Sätzen sie durch die Gegend hüpfen. Erst jetzt, als wir die
putzigen Tiere beobachten, realisieren wir so richtig, dass wir in Australien
sind.